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Alt 01.03.2017, 01:53   #1
männlich thelizardking
 
Dabei seit: 09/2016
Beiträge: 32

Standard Unfähigkeit etwas zu schreiben, trotzdem der Drang dazu

Hallo poetry Forum,

mich beschäftigt in letzter Zeit folgendes Problem.

Ich verspüre beispielsweise den unbedingten Drang, eines meiner kleinen Notizbücher in die Hände zu nehmen und mit meinem feinen Gelroller einige wunderschöne Sätze und Gedanken aufs Papier zu bringen.

Diese Haptik und alleine schon der Gedanke daran, macht mir Freude.
Ich beschäftige mich momentan (nicht zuletzt aufgrund des aktuellen Kinofilmes) viel mit Peter Handke. Ich interessiere mich dabei aber mehr für seinen Arbeitsprozess (eben auch handwerklicher Natur) als für die Lektüre an sich.

Ich bin ständig auf der Suche nach Auszügen seiner Notizbücher, Aufnhamen in denen er etwas zu Papier bringt usw...

Auch sein nachdenkliches Sprechen über seine Arbeitsweisen und darüber, wie er die Welt sieht (ich finde, er beobachtet sich selbst beim beobachten seiner selbst) finde ich höchst interessant, gleichwohl ich weiß, was er für ein Schwafeler mit schelchtem Charackter er ist oder sich zumindest in der Öffentlichkeit gerne gibt.

Nun zurück zu meinem Unwohlbefinden.

Immer wenn ich mich inspiriert fühle und mich eindringlich mit haptischen Teilen der Literatur beschäftige, möchte ich natürlich auch mein Blatt Papier, meine Schreibmaschiene und einen sorgfältig ausgewählten Stift zur Hand nehmen und etwas Literatur schaffen.

Hier setzt mein Problem ein.

Immer wenn ich aus dem Beweggrund der Haptik und des "Liebens des Papieres" heraus etwas schreibe, hat es keinerlei literarische Qualität, da ich mich so über das "Schreiben an sich" freue, dass ich kaum mehr darauf achte, was ich eigentlich schreibe. Somit habe ich nach jeder Schreibperiode dieser Art gemischte Gefühle. Einerseits hat es mir große Freude im Tun ermöglicht, andererseits könnte ich beim Inhalt fast kotzen, da ich selbst merke, dass ich nur selbstverliebtes Zeug geschrieben habe.

Die Sache ist aber, aufhören zu schreiben möchte ich nicht, allein schon deshalb, weil ich sehr wohl von mir glaube, Qualität zu erzeugen in der Lage zu sein.
Dies passiert nur eben gesondert von den Momenten, in denen ich aus Gründen der Haptik schreibe.

Ich suche ständig nach einer Möglichkeit, beides unter einen Hut zu bekommen: Freude am Schreiben mit Stift ins kleine Notizbuch und dennoch Qualität zu erzeugen, also meine Emotionen usw. in bestmöglicher Qualität in eben dieses Notizbuch zu bekommen.

Vielleicht versteht ja jemand mein aktuelles "Problem" bzw. vielmehr meine kleine Sinneskrise.

Ich würde mich über die ein oder andere Antwort sehr freuen.

Gruß

thelizardking
thelizardking ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.03.2017, 02:31   #2
männlich mimimi
gesperrt
 
Dabei seit: 02/2017
Beiträge: 661

Bei mir ists so:

80% schreibe ich bewusst absoluten Stuss, ist sowas wie Aufwärmen (und manchmal sogar lustig)
10% schreibe ich stuss und mir ists nicht bewusst
5% schreibe ich stuss und mir ists bewusst
5% kein stuss (für mich)

Von den letzten fünf Prozent habe ich bisher 2 Gedichte hier im Forum veröffentlicht. Eins direkt in die Rubrik und ein Sonett im Forum versteckt.

Mein Tipp ist und ich glaube das trifft generell aufs Schreiben zu: Talent liegt im Schreiben, wenn du viel und konstant über einen langen Zeitraum schreibst.

Wenn es dich berührt, es aus dem Herzen kommt und es Dir Spaß macht, dann ist es auch wertvoll!

Wenn du es irgendwann schaffst mit deinen Zeilen Gefühle bei anderen im Fluss zu suggerieren, dann Gratulation!

Aber wenn du nicht schreibst, wird nichts, wenn du dich selbst abwertest, wird nichts.

Und das "Ich könnte kotzen bei dem Inhalt".

Geht mir genauso. Ich schreibe in Euphorie und danach möcht ichs am liebsten verbrennen. In allem was ich mache, entsteht danach meist ein Massenmord.

Schreiben sollte Spaß machen und keine Arbeit sein.

Denk ich...

lg
mimimi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.03.2017, 07:03   #3
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City
Beiträge: 19.140

Lieber Lizardking,

vielleicht kann dir ein Büchlein der Duden-Redaktion beim Umgang mit Notizen (das Büchlein spricht von "Notaten") weiterhelfen: "Schreiben dicht am Leben - Notieren und Skizzieren". Es ist in Relation zu seinem Format und nur ca. 150 Seiten etwas teuer, hat aber eine schöne Aufmachung und ist m.E. den Preis wert.

Vielleicht kennst du das Buch bereits, aber für den Fall, dass sich auch andere User für das Thema interessieren, zitiere ich dennoch aus der Einführung "Die Kunst des Notierens". Dort heißt es auf S. 14 f.:

Zitat:
Verstärkt seit der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts diente dieses neu entdeckte Schreiben [das präzise, knappe Schreiben in Form von Notizen] dem Versuch, die jeweilige Umgebung von Natur oder Stadt so detailliert und genau wie möglich wahrzunehmen. Bisher hatte die Malerei solche Aufgaben übernommen, nun aber entwickelten sich auch die Fotografie und wenig später der Film. Beide beanspruchten, die Malerei an Genauigkeit und Authentizität noch zu übertreffen. Wollte die Literatur demgegenüber nicht ganz ins Hintertreffen geraten, musste sie eigene Methoden abbilden, Terrains und Umgebungen mit den Mitteln der Sprache zu beschreiben und zu erkunden.

Das genau war die Stunde des „Textlabors“. In der Form des Textlabors arbeiteten Literaten an der experimentellen Erkundung von Landschaft, Natur und Stadt, aber auch von Personen und Dingen. Dabei verfeinerten sie mit den Mitteln einer äußerst verknappten Sprache das sprachliche Vokabular so sehr, dass die Sprache nun auch auf die unscheinbarsten Nuancen der Dinge reagierte. Ein „Textlabor“ wurde dadurch zu einer Werkstatt von zurechtgeschliffenen, erprobten, wieder verworfenen und neu gebildeten Worten und Wendungen, die im Stadium des Notats oder der Skizze belassen wurden.

Gerade das Unfertige, Vorläufige und Unreine dieser Schreibformen wurde nun als etwas Positives erkannt und genutzt. Das „Schreiben im Textlabor“ tendiert damit nicht mehr zum Werk, sondern erkannte die Werkstatt selbst als das eigentliche Werk. Dem Notieren und Skizzieren kam dadurch eine neue Bedeutung zu. Befreit von der früher zentralen Aufgabe, das Planungsstadium der Werke anzuschieben und zu strukturieren, wurden Notate und Skizzen jetzt selbst so strukturiert und komponiert, dass sie einen eigenen Schreib- und Denkzusammenhang abbildeten.
Das Büchlein enthält Beispiele der Arbeitsweise verschiedener Schriftsteller sowie nach jedem Kapitel Schreibaufgaben für den Leser. Wie du wahrscheinlich schon ahnst, hat jeder Schriftsteller, der sich mit dem Thema "Notieren" befasst hat, auch seine eigene Herangehensweise entwickelt.

Viel Spaß damit!

LG
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.03.2017, 07:19   #4
männlich urluberlu
 
Benutzerbild von urluberlu
 
Dabei seit: 07/2014
Alter: 67
Beiträge: 2.318

Mach daraus einen etwas kürzeren Text. Lass Weinerlichkeiten und Anreden an andere weg.
Und schon hast du einen literarisch einwandfreien, hübschen Text über den Zauber eines kleinen Notizbuches, bzw. über Handke.
Hättest du nicht diese Rubrik gewählt, ich hätte es von Anfang an als solches gesehen, obwohl einige störende Elemente drin waren.
Url
urluberlu ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.03.2017, 20:38   #5
männlich AndereDimension
 
Benutzerbild von AndereDimension
 
Dabei seit: 06/2009
Beiträge: 2.936

wenn du schon mit dem gedanken schreiben zu wollen losziehst...dann wird das nichts. einfach das buch immer und überall hin mitnehmen. ich habs sogar beim sex in der hand - so kam ich z.b. zu meinem gedicht "das grauen"
AndereDimension ist offline   Mit Zitat antworten
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Stichworte
motivation, notizbuch, stift

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