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Alt 20.05.2020, 13:44   #1
männlich timon
 
Dabei seit: 05/2020
Alter: 29
Beiträge: 2

Standard Fliegen

Mit 16 Jahren fand ich dich, ich roch an dir, du warst klebrig und ich skeptisch ob ich dich mögen könnte. Einen kleinen braunen Klumpen Irgendwas… Du warst nicht größer als eine fünf Cent Münze… Zigaretten habe ich schon Schachtelweise geraucht, dieses Laster fing früher an, jedoch wusste ich überhaupt nicht was ich mit dir anstellen sollte. Das was du bist war komplett neu für mich und meine Neugier gehörte nur dir. Ich dachte zu wissen was du mit mir anstellen würdest… Ich hatte ja keine Ahnung!

12 Jahre ist das jetzt her! Ein ganzes Duzend… Eine Menge Zeit. Du nahmst mich mit auf Reisen durch die ganze Welt und durch das Universum. Nahmst mich an der Hand und ich lernte von dir wie man fliegt. Höher riefst du mir zu, höher immer höher! - Und deine Stimme hallte von Unten nach oben - Es ist wie eine Achterbahn die auf dem Kopf steht. Höher bedeutet bei dir, es geht abwärts…

Ich folgte dir aus jugendlicher Neugier heraus, wäre dir überall hin gefolgt.
Du machtest für mich das Leben erst fliegensswert und die Menschen dort oben, für mich sah es aus als würden sie alle der Uhr hinterher rennen. Wenn ich sie überhaupt mal wahrgenommen habe.
Ich begriff nicht, warum sie nicht mit uns flogen, hier unten in den höchsten Tiefen. Wir, die wir abhoben - zu den schönsten Landschaften, den aberwitzigsten Planeten oder der Milchstraße.

Ich verließ nie mein Zimmer

Du hast mich nicht durch die Welt geführt sondern du hast mich in Ketten gelegt! Du hast mir nichts Schönes gezeigt, egal wie wunderbar sich die Orte anfühlten, die ich durch dich fand.

Ich verließ nie mein Zimmer

Ich lachte, weil ich nicht mehr weinen konnte. Gefühle waren wie betäubt, irgendwie dumpf. Über zwölf Jahre empfand ich keine echte Freude mehr, wenn ich da ganz unten mit dir flog, ich war nicht einmal traurig.
Du sagtest: „dank MIR bist du glücklich.“
Doch das war eine Lüge.

Ich glaubte dir.

Das Gefühl im Erdreich zu fliegen, reichte mir nicht mehr. Du wusstest, dass es eines Tages so sein würde. Also erzähltest du mir von deinen Freunden, mit denen ich noch tiefer, noch schneller und noch länger im Erdreich fliegen könnte.
„Sie würden mich mögen…“ Hast du gesagt.
Das war die Wahrheit.

Und ich glaubte dir.

Ich flog mit deinen Freunden, wenn ich auch nie vergaß dich mitzunehmen, wie ein kleiner Junge, der sein Lieblingskuscheltier, immer unter seinem Arm festhält.
Die Ausflüge, die wir mit deinen Freunden machten, waren heftig.
Ich glühte beinahe.
In dieser Zeit habe ich an nichts gedacht, ich musste jeden Meiner Gedanken aus meinem Kopf verbannen, so heftig haben mich deine Freunde mitgerissen. Oft wusste ich nicht wer mich von ihnen gerade am stärksten in die Tiefe reißt. Wohin es uns wohl in diesem gottverdammten Erdreich als nächstes hin verschlägt? Fragte ich mich immer wieder aufs Neue.

Es war mir egal, absolut gleichgültig.

Zwei Jahre flogen wir immer tiefer in Richtung Erdkern, als ich für einen kurzen Augenblick inne hielt und über das Wort fliegen nachdenken musste.
Das war doch irgendwie anders.

In einer weit entfernten Erinnerung, die schon fast nicht mehr zu finden war, sah ich Bilder auf denen ich wirklich flog. Es waren Erinnerungen voller echtem Glück...
Ich sah meine Familie, meine alten Freunde, mich selbst wie ich lachte und weinte und fühlte.

Ein Gummiseil riss mich aus meinem betäuben Sturzflug der Gefühle heraus. Die letzten 2 Jahre waren wie im Zeitraffer an mir vorbei gezogen und ich wusste ich muss hier raus. Wieder an die Oberfläche, wenigstens ein paar Meter in die richtige Richtung… Überall dunkle Höhlen und ein Wirrwarr aus merkwürdigen Gedanken.

Ich verließ nie mein Zimmer

In diesem Moment, warst du für mich da. wie ein Fels in der Brandung, ein Blatt, in mitten eines Sturms aus betäubten Gefühlen, das aussah als würde es einer leichten Brise folgen.
Du sahst wieder so harmlos aus.
Aus diesem Grund, weil du plötzlich wieder so harmlos aussahst, als könne man mit dir nur ein paar Zentimeter in Richtung Erdreich hinabgleiten, bin ich glaube ich noch so lange bei dir geblieben.
Ich habe erfolgreich jeden einzelnen deiner Freunde niedergestreckt!

Und du bist geblieben!

Du harmloses Blatt im Sturm aus betäubten Gedanken.
Doch nun werde ich die Wurzel bekämpfen!
Ich besiege dich mit jedem echten Lachen, mit jedem echten Weinen, mit jedem echten Gefühl das es gibt!
All die Jahre betäubt wie ein mentales eingeschlafenes Bein!

Ich habe meine Zeit lange genug mit dir verbracht! Wenn ich auch versuche es nicht zu bereuen. Als ich dich damals fand, hätte ich dich wegschmeißen sollen, doch meine Neugier war größer.
Ein Gefühl, das du mir genommen hast.
Zumindest bis jetzt!
Ich habe genug vom Erdreich gesehen, jetzt verschlägt es mich nach oben.
Und zwar ohne dich mein alter teuflischer Begleiter
Nun fliegst du ohne mich

Ich öffne die Tür.

Geändert von timon (20.05.2020 um 19:37 Uhr)
timon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.05.2020, 12:25   #2
weiblich Mohrel
 
Benutzerbild von Mohrel
 
Dabei seit: 11/2018
Beiträge: 205

Wow, timon, das ist sehr vereinnahmend!

Wer war der Begleiter?
Der Hochmut, der Selbstzweifel oder die Verachtung?

Sehr gerne gelesen!

Liebe Grüße
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 31.05.2020, 23:34   #3
männlich Andri
 
Benutzerbild von Andri
 
Dabei seit: 12/2019
Ort: Die Erde
Beiträge: 140

Der Kiff, Dope, Hasch, schwarzer Afghane, roter Libanese. Wer ihn kennt,
kennt ihn

LG
Andri
Andri ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 01.06.2020, 09:05   #4
männlich BladeRuner
 
Dabei seit: 09/2018
Ort: Berlin
Beiträge: 520

Standard Hallo timon

Eine gute Beschreibung eines langen Irrwegs und dem langen Kampf zurück in die Wirklichkeit. Mit schönen Bildern zeichnest du das verlogene Versprechen, das dir gegeben wurde.
Ich habe 20 Jahre in diesem Schattenreich verbracht und viele weitere, um mich davon zu befreien.
Es ist wunderschön mit klarem Kopf und echten Gefühlen zu leben.
Ich habe dies für mich in dem Text "falsches Glück" verarbeitet.
@ Mohrel, deine Frage ist wundervoll naiv, im aller besten Sinne.
Der Begleiter war Haschisch und die Freunde LSD, Kokain, Speed, Pilze und andere Gifte.
Grüße euch von Herzen Blade
BladeRuner ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.06.2020, 12:10   #5
männlich Sonnenwind
 
Benutzerbild von Sonnenwind
 
Dabei seit: 06/2012
Alter: 58
Beiträge: 1.422

Drogen sind falsche Freunde, sehr gut erkannt und auch gut beschrieben! Leider wollen es viele zunächst nicht wahrhaben, merken es erst, wenn der Schmerz unerträglich wird...

Leider gilt dies auch für Alkohol und Zigaretten! Tun so, als wären sie die besten Kumpels, lachen mit dir über die Anderen... Aber wenn es dir dann wirklich schlecht geht, und zwar wegen IHNEN, lassen sie dich gnadenlos hängen...



PS Dass es auch einen medizinischen Nutzen von Drogen gibt, wenn ich es mal so verallgemeinernd sagen darf, ist unbestreitbar. Es kommt bei allen Dingen darauf an, was man draus macht... Leider wird gerade diese Erkenntnis von so manch einem benutzt, um sich selbst zu betrügen...
Sonnenwind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.06.2020, 18:39   #6
weiblich Mohrel
 
Benutzerbild von Mohrel
 
Dabei seit: 11/2018
Beiträge: 205

Zitat:
Zitat von Andri Beitrag anzeigen
Der Kiff, Dope, Hasch, schwarzer Afghane, roter Libanese. Wer ihn kennt,
kennt ihn

LG
Andri
Ach der...
Danke
Nee, der konnte wirklich nicht bei mir landen!
Mohrel ist offline   Mit Zitat antworten
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Lesezeichen für Fliegen

Stichworte
abschiedsbrief, drogen, gefühle

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