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Philosophisches und Nachdenkliches Philosophische Gedichte und solche, die zum Nachdenken anregen sollen.

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Alt 22.02.2021, 16:26   #1
männlich Ralfchen
 
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Standard Kunst kennt keine Regeln

Kunst kennt keine Regeln

So mancher wirren Muse Gunst,
ist, dass sie auf den Günstling brunzt.
Der jammert naß, voll uriniert,
er sei nun arg stigmatisiert.

Die Kunst ist wirklich ohne Regel,
und das erlaubt heut jedem Flegel,
da Beuys die Kunst am Menschen mist:
Dass jeder Mensch ein Künstler ist...*)

...ja - ihr Damen und auch Herrn:
Im Mensch steckt kreativ ein Kern.*)
Doch manchmal ist man ganz benommen,
von Kern-Vernichtern sehr beklommen…

…und trägt am Joch vom Unverstand,
denn der quält uns durchs Dichterland.
Wenn man Unkunst de savouiert,
weil Schwachsinn da und hier geschmiert…

…jammert das Infantil dem Spott
und spielt den Grundschüler als Gott.
Ja - aller Kritik klarster Ton,
ist Blödmachwerks Dekonstruktion.

Epilog


So soll man uns zu Kleinseel'n stempeln,
weil wir an Dämlichkeiten rempeln,
die täglich zwei mal uns bedrücken
und nie mit Geistreichtum beglücken.


*) Josef Beuys meinte anlässlich der 1976er Ausstellung Hamburger Bahnhof Berlin: Jeder Mensch ist ein Künstler und in jedem Menschen ist in kreativer Kern.
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Alt 22.02.2021, 19:11   #2
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
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*) Josef Beuys meinte anlässlich der 1976er Ausstellung Hamburger Bahnhof Berlin: Jeder Mensch ist ein Künstler und in jedem Menschen ist in kreativer Kern.
Den Beuys-Spruch könnte man in einem passenden Faden diskutieren, die Meinungen dazu wären sicherlich interessant.

Wenn man davon ausgeht, dass die Griechen der Antike zwischen Handwerk und Kunst nicht unterschieden haben, könnte Beuys sogar recht haben. Trotzdem war ich weder von "Blitzschlag mit Hirsch" noch von der "Fettecke" sonderlich begeistert.

Heute hält sich ein Künstler schon dann für einen Künstler, wenn sich einen breitkrempigen Haut aufsetzt oder sich durch sonstige Accessoires selbst zum Kunstwerk macht.

Ich will das hier nicht weiter ausführen, es soll ja um das Gedicht gehen. Aber diskutieren könnte man das Thema in einem gesonderten Faden durchaus.
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Alt 22.02.2021, 19:45   #3
männlich Walther
 
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Den Beuys-Spruch könnte man in einem passenden Faden diskutieren, die Meinungen dazu wären sicherlich interessant.

Wenn man davon ausgeht, dass die Griechen der Antike zwischen Handwerk und Kunst nicht unterschieden haben, könnte Beuys sogar recht haben. Trotzdem war ich weder von "Blitzschlag mit Hirsch" noch von der "Fettecke" sonderlich begeistert.

Heute hält sich ein Künstler schon dann für einen Künstler, wenn sich einen breitkrempigen Haut aufsetzt oder sich durch sonstige Accessoires selbst zum Kunstwerk macht.

Ich will das hier nicht weiter ausführen, es soll ja um das Gedicht gehen. Aber diskutieren könnte man das Thema in einem gesonderten Faden durchaus.
die demokratisierung der kunst hat selbst einen haufen scheiße preiswürdig gemacht. das kann man beklagen - muss sich aber dessen bewusst sein, dass die zementierung des geschmacks in der 2. hälfte des 19. jahrhunderts erst die moderne provoziert hat.
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Alt 24.02.2021, 18:52   #4
männlich dunkler Traum
 
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Nur weil im Kopf ein Reim entsteht, nenne ich mich nicht Poet, aber die Melodeien der Worte, sind für mich wie Erdbeertorte.
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Alt 24.02.2021, 19:09   #5
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Zitat:
Zitat von dunkler Traum Beitrag anzeigen
Nur weil im Kopf ein Reim entsteht, nenne ich mich nicht Poet, aber die Melodeien der Worte, sind für mich wie Erdbeertorte.
und wenn du jetzt noch das versmaß drauf hättest, würde ich anfangen, dich ernst zu nehmen.
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Alt 25.02.2021, 14:08   #6
männlich Ralfchen
 
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Wenn man davon ausgeht, dass die Griechen der Antike zwischen Handwerk und Kunst nicht unterschieden haben, könnte Beuys sogar recht haben.
Beuys wollte den Blickwinkel oder besser noch Für die Betrachtung kunst Eine neue Dimension beschreiben. Mag sein auch in seinem eigenen Interesse davon möchte ich einmal ausgehen.
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Alt 25.02.2021, 14:40   #7
weiblich Ilka-Maria
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Ich hatte Beuys' "Blitzschlag mit Lichtschein auf Hirsch" auf der Documenta 8 (1987) gesehen. Blickwinkel ist das richtige Wort. Das Arrangement gewann seine Ästhetik durch den großen Raum, in den das Licht durch drei große Glastüren hereinflutete.

Überhaupt gab es auf der Documenta 8 ansprechende Projekte. Fasziniert hatte mich vor allem die Arbeit "Landschaft mit acht vegetabilen Gebärden" von Giuseppe Penone, eine Anordnung von Gewächskübeln, in denen er Pflanzen mit Skulpturen verband.

Der Videoclip stammt zwar aus 2013, gibt aber die Idee wieder:

https://www.youtube.com/watch?v=KyzxqL3YQJ4
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Alt 26.02.2021, 07:22   #8
weiblich Ilka-Maria
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Anlässlich Beuys' 100. Geburtstag in diesem Jahr:
Angehängte Dateien
Dateityp: pdf Beuys_100.GEb._2021-02-26_OP.pdf (235,1 KB, 4x aufgerufen)
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Alt 27.02.2021, 01:35   #9
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Kunst kommt von können..sonst heißt es Wunst.. aber Wunst als Kunst teuer zu verkaufen ist die höchste Form der Kunst...
oh wie wünschte ich mir das Beil von Nickel Pallat an Jupps Honigpumpe (Documenta 6 ) gelegt; meine Wenigkeit, damals neben der Penne von meinem alten Herrn ( seines Zeichens Altmeister der Lithographie) in die harte Lehre der perfekten Graphik genommen, habe wochenlang keine Ziehfeder mehr in die Hand genommen..die Frustration hält bis heute an..und ich lebe von meiner Kunst...euch allen das beste weekend ever
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Alt 27.02.2021, 04:26   #10
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Zitat:
Zitat von Seemann Beitrag anzeigen
Kunst kommt von können..sonst heißt es Wunst.. aber Wunst als Kunst teuer zu verkaufen ist die höchste Form der Kunst...
Lieber Seemann, –

Das ist wirklich ein absoluter Blödsinn - tut mir leid das ich das so hart hier sagen muss. Vielleicht mag es in manchen Fällen stimmen. Aber das ist eher selten. Ich verfolge zum Beispiel die Kunst von Afro-Amerikanern vor allem in den USA, die immer Vergessen wurden und deren Arbeiten man jetzt aufs Neue entdeckt und wieder entdeckt – und das sind solche gigantischen Werke und diese Menschen haben gehungert und gemalt und gezeichnet und geschaffen. Du hast keine Ahnung von dem was da sich abgewickelt hat. Ein typisches Zeichen von absolut naiver und obsoleter Meinungsabgabe von deiner Seite. Das zeigt natürlich etwas was mich nicht überrascht du hast von Kunst 0,00 Ahnung. Aber damit gehörst du zu 99,99 % der Bevölkerung auf diesem Planeten. Nur solche Bemerkungen gehen wir derartig auf die Nerven, dass ich nicht weiß was in dir vor geht.

ralfchen
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Alt 27.02.2021, 05:30   #11
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Wenn man die Plattitüde "Kunst kommt von Können" weiterspinnt, dann muss es heißen: "... und Können kommt von Üben". Das gilt für alles, was mit motorischen und kognitiven Fähigkeiten zu tun hat, und zwar bei Mensch und Tier. So gesehen ist sogar jedes Tier ein Künstler. Die Sprache des Menschen, der Gesang eines Vogels, das Gehen- und das Fliegenlernen, um nur diese Beispiele herauszugreifen, sind hochkomplexe Fertigkeiten, die zwar bei der Geburt angelegt sind, die aber dennoch erlernt werden müssen, damit sie funktionieren. Das heißt im Klartext, dass ohne Üben gar nichts läuft, nicht nur in den "schönen Künsten", sondern in allen Künsten des Lebens. Wenn im Gehirn die Verschaltungen der Synapsen nicht stattfinden, wird kein Kind gehen und kein Maler einen Pinsel schwingen können, sondern sie werden taube Nüsse bleiben.

Wer sich die Mühe macht, mal die Nase in die neueste Forschung der Neurowissenschaft zu stecken, wird vieleicht eine Ahnung davon bekommen, dass die vermeintlich alltäglichen "Routinetätigkeiten", wie z.B. der Gebrauch einer menschlichen Hand, derart komplex vom Gehirn gesteuert sind, dass sogar der Finger, der in der Nase bohrt, zum Kunstwerk deklariert werden könnte. Meinetwegen auch das blutende Knie des Babys, das nach der Krabbelphase versucht, auf beiden Beinen zu stehen, das aber erst üben muss ... von Fall zu Fall.

Gegen das, was ein Mensch im Laufe seines Lebens alles lernen und beherrschen muss, ist eine Tätigkeit wie das Autofahren eine simple Angelegenheit. Aber selbst darin besteht schon genügend Komplexität, dass es um Leben oder Tod geht.

Wer erst einmal kapiert hat, was in einem Gehirn vor sich geht und wieviel Masse an Zellen daran beteiligt ist, wird über das Kunstwort "Kunst" neu nachdenken müssen. Die Griechen der Antike lagen völlig richtig damit, nur von "Handwerk" zu sprechen. Wir sind jedoch heute so schlau, sogar zwischen "Kunst" und "Kunsthandwerk" zu unterscheiden. Welche Spitzfindigkeit! Worin besteht ihre Abgrenzung?
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Alt 27.02.2021, 14:23   #12
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Wir sind jedoch heute so schlau, sogar zwischen "Kunst" und "Kunsthandwerk" zu unterscheiden. Welche Spitzfindigkeit! Worin besteht ihre Abgrenzung?
Damit triffst du wirklich einen punkt, der der Diskussion wert ist. Weil wo in dieser Frage die Abgrenzung beginnt oder endet frage ich mich schon seit vielen vielen Jahren. Eine Antwort habe ich nicht gefunden.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.02.2021, 14:38   #13
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Zitat:
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Eine Antwort habe ich nicht gefunden.
Dabei ist die Antwort ganz einfach, Ralfchen: Alles ist Kunst oder genauer gesagt, ein Kunstwerk, das gelungen ist. Auf die Idee und ihre Umsetzung kommt es an. Wer kennt nicht Picassos "Stier", ein Wandgehänge aus Fahrradlenker und Sattel ...

Der Mann konnte halt "sehen". Noch wichtiger: Er konnte mit den Materialien umgehen, die er fand. Wie ein Kind, das in der Natur herumtollt.

Ein Kuchen der beim Umstürzen heil aus der Form kommt, ist ein Kunstwerk; der Kuchen, der dabei auseinanderbricht, ist kein Kunstwerk. Wehe den Bäckersleuten!
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.02.2021, 15:07   #14
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Technisches Manifest der futuristischen Malerei (1)

von Umberto Boccioni, Carlo Carrà, Luigi Russolo, Giacomo Balla, Gino Severini


Am 18. März 1910, im Rampenlicht des Theaters Chiarella in Turin, haben wir unser erstes Manifest einem Publikum von dreitausend Menschen - Künstlern, Literaten, Studenten und anderen - vorgestellt; es war ein heftiger und zynischer Schrei, der unseren Sinn für Rebellion, unseren tief verwurzelten Ekel, unsere hochmütige Verachtung für die Vulgarität, für die akademische und pedantische Mittelmäßigkeit, für die fanatische Anbetung alles Alten und Wurmfressenden zum Ausdruck brachte.
Wir schlossen uns damals der Bewegung der futuristischen Poesie an, die ein Jahr zuvor von F. T. Marinetti in den Spalten des Figaro initiiert worden war.

Die Schlacht von Turin ist legendär geblieben. Wir tauschten fast so viele Schläge wie Ideen aus, um das Genie der italienischen Kunst vor dem sicheren Tod zu bewahren.

Und jetzt, während einer vorübergehenden Pause in diesem gewaltigen Kampf, treten wir aus der Menge heraus, um mit technischer Präzision unser Programm für die Erneuerung der Malerei darzulegen, von dem der Futuristische Salon in Mailand eine schillernde Manifestation war.

Unser wachsendes Bedürfnis nach Wahrheit begnügt sich nicht mehr mit Form und Farbe, wie man sie bisher verstanden hat.

Die Geste, die wir auf der Leinwand wiedergeben wollen, soll nicht länger ein fixierter Moment in der universellen Dynamik sein. Sie soll einfach die dynamische Empfindung selbst sein.

In der Tat, alles bewegt sich, alles läuft, alles verändert sich schnell. Ein Profil steht niemals unbeweglich vor unseren Augen, sondern es erscheint und verschwindet ständig. Wegen der Beharrlichkeit eines Bildes auf der Netzhaut vervielfältigen sich bewegte Gegenstände ständig; ihre Form ändert sich wie rasante Schwingungen, in ihrer wahnsinnigen Karriere. So hat ein laufendes Pferd nicht vier Beine, sondern zwanzig, und ihre Bewegungen sind dreieckig.

In der Kunst ist alles konventionell. Nichts ist absolut in der Malerei. Was für die Maler von gestern Wahrheit war, ist heute nur noch eine Unwahrheit. Wir erklären zum Beispiel, dass ein Porträt nicht so sein darf wie der Dargestellte, und dass der Maler die Landschaften, die er auf seiner Leinwand fixieren will, in sich selbst trägt.

Um eine menschliche Figur zu malen, darf man sie nicht malen; man muss die gesamte sie umgebende Atmosphäre wiedergeben.

Der Raum existiert nicht mehr: Das Straßenpflaster, vom Regen unter dem Schein der elektrischen Lampen aufgeweicht, wird unermesslich tief und klafft bis zum Mittelpunkt der Erde. Tausende von Kilometern trennen uns von der Sonne; und doch passt das Haus vor uns in die Sonnenscheibe.

Wer kann noch an die Undurchsichtigkeit von Körpern glauben, da unsere geschärfte und vervielfachte Sensibilität bereits in die obskuren Erscheinungen des Mediums eingedrungen ist? Warum sollten wir in unseren Schöpfungen die verdoppelte Kraft unseres Sehvermögens vergessen, die in der Lage ist, Ergebnisse analog zu denen der Röntgenstrahlen zu liefern?
Es wird genügen, ein paar Beispiele anzuführen, ausgewählt unter Tausenden, um die Wahrheit unserer Argumente zu beweisen.

Die sechzehn Menschen um Sie herum in einem rollenden Autobus sind der Reihe nach und gleichzeitig eins, zehn, vier, drei; sie sind unbeweglich und sie wechseln die Plätze; sie kommen und gehen, springen auf die Straße, werden plötzlich vom Sonnenschein verschluckt, kommen dann zurück und sitzen vor Ihnen, wie beharrliche Symbole der universellen Schwingung.

Wie oft haben wir nicht auf der Wange des Menschen, mit dem wir sprechen, das Pferd gesehen, das am Ende der Straße vorbeizieht.

Unsere Körper durchdringen die Sofas, auf denen wir sitzen, und die Sofas durchdringen unsere Körper. Der Autobus rast in die Häuser, an denen er vorbeifährt, und die Häuser werfen sich ihrerseits auf den Autobus und werden mit ihm verschmolzen.

Die Konstruktion von Bildern war bisher töricht traditionell. Die Maler haben uns die Gegenstände und die Menschen gezeigt, die vor uns platziert wurden. Wir werden von nun an den Betrachter in die Mitte des Bildes stellen.

Wie in jedem Bereich des menschlichen Geistes die klarsichtige Einzelforschung die unveränderlichen Unklarheiten des Dogmas hinweggefegt hat, so muss der belebende Strom der Wissenschaft die Malerei bald vom Akademismus befreien.

Wir würden um jeden Preis wieder ins Leben eintreten. Die siegreiche Wissenschaft hat heute ihre Vergangenheit verleugnet, um den materiellen Bedürfnissen unserer Zeit besser dienen zu können; wir wünschten, die Kunst könnte, indem sie ihre Vergangenheit verleugnet, endlich den geistigen Bedürfnissen dienen, die in uns sind.

Unser erneuertes Bewusstsein erlaubt es uns nicht, den Menschen als Zentrum des universellen Lebens zu betrachten. Das Leiden eines Menschen ist für uns von gleichem Interesse wie das Leiden einer elektrischen Lampe, die mit krampfhaften Anläufen die herzzerreißendsten Farbausdrücke herausschreien. Die Harmonie der Linien und Falten der modernen Kleidung wirkt auf unser Empfinden mit der gleichen emotionalen und symbolischen Kraft wie der Akt auf das Empfinden der alten Meister.

Um die neuartigen Schönheiten eines futuristischen Bildes zu erfassen und zu verstehen, muss die Seele gereinigt werden; das Auge muss von seinem Schleier des Atavismus und der Kultur befreit werden, damit es endlich auf die Natur und nicht auf das Museum als den einzigen Maßstab schauen kann.

Sobald dieses Ergebnis erreicht ist, wird man bereitwillig zugeben, dass braune Töne nie unter unsere Haut gewandert sind; man wird entdecken, dass Gelb in unserem Fleisch leuchtet, dass Rot lodert, und dass Grün, Blau und Violett mit unsagbaren Reizen darauf tanzen, wollüstig und zärtlich.

Wie ist es möglich, das menschliche Gesicht immer noch rosa zu sehen, jetzt, da unser Leben, verdoppelt durch den Noctambulismus, unsere Wahrnehmungen als Koloristen vervielfacht hat? Das menschliche Gesicht ist gelb, rot, grün, blau, violett. Die Blässe einer Frau, die in das Schaufenster eines Juweliers blickt, ist intensiver schillernd als das prismatische Feuer der Juwelen, die sie wie eine Lerche faszinieren.

Die Zeit, in der unsere Empfindungen in der Malerei geflüstert werden, ist vorbei. Wir wünschen uns, dass sie in Zukunft auf unseren Leinwänden in ohrenbetäubenden und triumphalen Schwüngen singen und wiederhallen.

Ihre Augen, die an das Halbdunkel gewöhnt sind, werden sich bald für strahlendere Visionen des Lichts öffnen. Die Schatten, die wir malen werden, werden leuchtender sein als die Glanzlichter unserer Vorgänger, und unsere Bilder werden neben denen der Museen wie blendendes Tageslicht im Vergleich zur tiefsten Nacht leuchten.

Wir schließen daraus, dass die Malerei heute nicht ohne Divisionismus existieren kann. Das ist kein Verfahren, das man erlernen und nach Belieben anwenden kann. Divisionismus muss für den modernen Maler eine angeborene Komplementarität sein, die wir für wesentlich und notwendig erklären.

Man wird unserer Kunst wahrscheinlich einen gequälten und dekadenten Cerebralismus vorwerfen. Aber wir werden nur antworten, dass wir im Gegenteil die Primitiven einer neuen Sensibilität sind, hundertfach vervielfacht, und dass unsere Kunst von Spontaneität und Kraft berauscht ist.

Wir verkünden:

Dass alle Formen der Nachahmung verachtet, alle Formen der Originalität verherrlicht werden müssen.

Dass es unerlässlich ist, sich gegen die Tyrannei der Begriffe "Harmonie" und "guter Geschmack" aufzulehnen, da sie zu dehnbare Ausdrücke sind, mit deren Hilfe man leicht die Werke von Rembrandt, Goya und Rodin zerstören kann.
Dass die Kunstkritiker nutzlos oder schädlich sind.

Dass alle bisher verwendeten Sujets beiseite gefegt werden müssen, um unser wirbelndes Leben des Stahls, des Stolzes, des Fiebers und der Geschwindigkeit auszudrücken.

Dass die Bezeichnung "Verrückter", mit der man versucht, alle Neuerer zu knebeln, als Ehrentitel zu betrachten ist.

Dass die angeborene Komplementarität in der Malerei eine absolute Notwendigkeit ist, so wie das freie Metrum in der Poesie oder die Polyphonie in der Musik.

Dass die universelle Dynamik in der Malerei als dynamische Empfindung wiedergegeben werden muss.

Dass in der Art der Wiedergabe der Natur das erste Wesentliche die Aufrichtigkeit und Reinheit ist.

Dass Bewegung und Licht die Materialität der Körper zerstören.

Wir kämpfen:

gegen die bituminösen Farbtöne, mit denen man versucht, die Patina der Zeit auf modernen Bildern zu erhalten.

Gegen den oberflächlichen und elementaren Archaismus, der auf flachen Farbtönen beruht und die Malerei durch die Nachahmung der linearen Technik der Ägypter auf eine kraftlose Synthese reduziert, die sowohl kindisch als auch grotesk ist.

Gegen die falschen Behauptungen, der Zukunft anzugehören, die von den Sezessionisten und den Unabhängigen aufgestellt werden, die neue Akademien installiert haben, die nicht weniger banal und der Routine verhaftet sind als die vorhergehenden.

Gegen den Akt in der Malerei, der so ekelhaft und langweilig ist wie der Ehebruch in der Literatur.

Wir wollen diesen letzten Punkt erklären. Nichts ist in unseren Augen unmoralisch; es ist die Monotonie des Aktes, gegen die wir kämpfen. Man sagt uns, der Gegenstand sei nichts und alles liege in der Art und Weise, wie man ihn behandelt. Das ist richtig; auch wir geben das zu. Aber diese Binsenweisheit, die vor fünfzig Jahren unanfechtbar und absolut war, gilt heute nicht mehr für den Akt, denn die Künstler, die von der Lust besessen sind, die Körper ihrer Mätressen zu entblößen, haben die Salons in Anordnungen von unappetitlichem Fleisch verwandelt!

Wir fordern, für zehn Jahre, die totale Unterdrückung des Aktes in der Malerei.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.02.2021, 18:40   #15
männlich Seemann
 
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Hallo Ilka Maria!
Ein Mensch gibt ein Bild in Auftrag. Er hat bestimmte Vorstellungen wie es werden soll. Ob Portrait, Landschaft, Akt oder sein Geburtshaus. Alles Fakten die sichtbar gemacht werden sollen. Auch legen die meisten noch die Technik fest. Ob in Öl Akryl , Gouache oder Aquarell. Das alles sind Vorgaben die umzusetzen sind. Er bezahlt es! Was mache ich jetzt? Kraft meiner gelernten Fähigkeiten gebe ich mich ans Werk und reproduziere seinen Wunsch und seine Vorstellung. Wie ich nun meine Farbe auf die Leinwand bringe, ob mit Pinsel oder Spartel, ob mit Schwamm oder Feder bleibt dabei mir überlassen. Das ist keine Kunst, das ist reines Handwerk. Ich habe wenig Spielraum, ich bewege mich in einem sehr engen Rahmen..habe vielleicht Einfluss auf Licht und Schatten..hell oder dunkel...es muss dem gefallen, der es bezahlt. Im Vorfeld muss ich beurteilen ob ich es kann oder nicht.
Auch im Kunsthandwerk muss gekonnt werden, sonst bliebe ich auf dem Schinken sitzen und er geht zu einem der es besser kann.
Aber die Plattitüde steht für beide Bereiche.
Ich versuche mal einen Schritt weiter Richtung Kunst zu gehen um aus meiner Sicht etwas Licht in die Problematik zu bringen. Hanz Holbein der Jüngere malte 1533 im Auftrag eines in der Forschung noch Unbekannten ein Portrait zweier Diplomaten am Hofe Heinrich VIII von England ( die Gesandten). Auch er war ziemlich gebunden an Vorgaben die wohl jedes Portrait beinhaltet. Was machte er aber. Bei höchster Virtuosiät und Können fügte er dem Gemälde ein Attribut hinzu, das für den Betrachter nicht zu identifizieren war. Ein Geniestreich mit hohem Risiko , wenn man ihm zu Lebzeiten auf die Schliche gekommen wäre. Er malte einen Schädel derartig verzerrt ins Bild , frontal nicht als solcher erkennbar, sondern nur aus einem erhöhten Betrachterstandpunkt dicht an der Leinwand, um seiner eigenen Abneigung gegen die Personen oder deren Mission Ausdruck zu verleihen. Das wäre für mich Kunst.
Sicher können meine zwei gewählten Beispiele nicht annähernd einen solch riesigen Komplex von konträr diskutiertem Kunstverständnis beschreiben, es bleibt ein Versuch.
Ein weiterer Aspekt, um sich dieser Problematik zu nähern ist die Annahme eines "Kunstwillens" ( Kunstwollen) Heinrich Brunn/ 1856 sowie wie in Wilhelm Worringers Dissertation "Abstraktion und Einfühlung" von 1908 ausführlich erörtert.
( @Ralfchen..wobei sich auch dein zitiertes Turiner Manifest hier argumentativ bediente)
Der Schaffende macht es so, weil er es so will, völlig unabhängig von hergebrachter Methodik, Technik, Tradition oder Zeitgeist um seiner Intention Ausdruck zu verleihen. Ob er es kann oder nicht kann erschließt sich, mindestens bei den "Abstrakten oder Dadaisten" wohl erst auf den zweiten Blick. Ich erinnere mich eines Kommentares eines gelangweilten Primaners bei eine Werkschau zeitgenössischer Kunst in der Düsseldorfer Kunsthalle: was ist das denn? das pinkel ich besoffen in den Schnee...
und da liegt auch meine Kritik sowohl an den Thesen von Joseph Beuys als auch bei Worringer.und ich verteidige meine zitierte Plattitüde..sie öffnen Dilettanten Tor und Tür..unter dem Motto..wenn etwas nicht gelingt, heißt es schnell: nö das soll so sein, und schon wird Unfähigkeit legitimiert.
Aber da kommt dann die Rettung mit Thesen von Bazon Brock (gehört in 1982-1984) wie etwa in seinem Buch "Barbar und Kulturheld, 2002 " in denen er u. a.die hohe Kunst und die niederen Marktinteressen kollidieren lässt..hier greift meine Erweiterung der Plattitüde ..Wunst zu verkaufen.
Die simplen Serigraphien von A.Warhol z. B. ( Auszubildende in Druckerhandwerk beherrschen so etwas im 2. Lehrjahr) haben aus handwerklichem Gesichtspunkt nichts, rein gar nichts mit Können zu tun, und doch werden horrende Summen für ein Original erzielt. Es hängt also auch immer davon ab, welcher Mäzen sogenannte Kunst in den Himmel hebt..geschuldet dem Satz:Beziehungen schaden nur, wenn man keine hat. Da halte ich es lieber mit dem was ich kann und bewahre mir mit 0,00 Ahnung meine künstlerische Freiheit.
Ich kann und will nicht auf Talente, Genies oder begnadet Schaffende eingehen..das würde den Rahmen meiner kurzen Stellungsname sprengen..es gilt weiterhin..in der Musik hört man es, in der bildenden Kunst sieht man es..in der Literatur liest man es , und es stört der falsche Ton die Schönheit...mit lieben Grüßen Seemann

Geändert von Seemann (27.02.2021 um 20:47 Uhr)
Seemann ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.02.2021, 19:54   #16
männlich Seemann
 
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Hallo Ralfchen!
Yes Sir, ich gehöre zu den 99,9% Ahnungslosen. Für mich verhält es sich mit der bildenden Kunst der Afro Amerikaner wie mit ihre Musik. Der Blues, Ska, R&B oder Dancehall im Ursprung zum großen Teil aus Spirituals und Gospels
entwickelt, sind mit wichtigster Ausdruck ihrer oft schlimmen Lebenssituation.
Sie konnten musizieren und sie musizierten, ja und sie KONNTEN malen und sie malten. Ihr Einfluss auf Kunst und Musik in der Moderne sind gar nicht hoch genug einzuordnen. Meine Wertschätzung ihrer Werke ist dir nicht bekannt.
Ich hatte das Privileg mit farbigen Sprayern in den frühen 90er Jahren um die Häuser zu ziehen. Schon damals, als Graffiti Kunst hier in Europa noch fast völlig unbekannt war schufen die "Bengels" wunderschöne Wandmalereien.
Ich als Weißer, habe hautnah erlebt, wie es sich in den Außenbezirken, hier Oakland California, lebte.
Warum nahmen sie mich mit? Es war die gegenseitige Wertschätzung auf Augenhöhe und mein unbedingtes und vorbehaltloses Interesse an ihrer Kunst..unvergessen in diesem Zusammenhang: sie sagten oft hey bro..und manchmal, hey nig..pass me the can!.aber erst nach Jahren wurde mir die Bedeutung klar (ihr adaptiertes weißes Schimpfwort)...und ich lernte von ihnen. Und warum taten und tuen sie es..sie konnten es und sie können es..nicht alle aber viele..auch ohne Ausbildung. Gehe mal in der Stadt in der du lebst in eine " hall of fame" und schau dir die Bilder an den Wänden an..du wirst sehr schnell erkennen wer etwas kann und wer noch übt. Ab und zu gehe ich noch selbst im Alter zu solchen Wänden und packe meine Dosen aus. So Sprüche wie : hey Opa , Altersheim ist da hinten sind sehr amysant..aber ich habe nie Respektlosigkeit oder abfälliges von den Könnern zu den Nichtkönnern erlebt...und übermalt wurde nur ein Bild wenn das neue besser werden würde..der Sprayer sich es also zutraute. Wenn du nicht weißt wo du eine solche Wand findest..frag einfach mal ein paar Jungs oder Mädels..dir ein schönes Wochenende..yo Seemann
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Alt 27.02.2021, 20:01   #17
männlich Ralfchen
 
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Servus mein lieber –

Nimm meine verblüfften Angriffe nicht zu sehr persönlich. Kunst ist für mich ein sehr tiefes und empfindliches Gefühls-Meer. Melde mich später ausführlicher.

Liebe Grüße
Ralfchen
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Alt 27.02.2021, 20:08   #18
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Standard Aminah Brenda Lynn Robinson

Aminah Brenda Lynn Robinson

https://up.picr.de/40647151wo.jpg

https://up.picr.de/40647162ij.jpg

https://up.picr.de/40647165oe.jpg

zu deiner Anmerkung spirituals
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Alt 27.02.2021, 20:12   #19
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Zitat:
Zitat von Seemann Beitrag anzeigen
Yes Sir, ich gehöre zu den 99,9% Ahnungslosen. Für mich verhält es sich mit der bildenden Kunst der Afro Amerikaner wie mit ihre Musik. Der Blues, Ska, R&B oder Dancehall im Ursprung zum großen Teil aus Spirituals und Gospels
entwickelt, sind mit wichtigster Ausdruck ihrer oft schlimmen Lebenssituation.
Sie konnten musizieren und sie musizierten, ja und sie KONNTEN malen und sie malten.
ich kenne mich mit der Musik nicht aus. bin aber ein fast fanatischer fan des blues. gospel ist nicht ganz meines, denn alles was in Richtung goddchen oder jeserl geht ist mir verdächtig. ungeachtet des manchmal enorm künstlerischen Inhaltes. das spirituelle mit all seinen inversen Grausamkeiten finde ich dagegen sehr interessant. denke es wird zeit eine Voodoo lyrik zu schreiben.
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Alt 01.03.2021, 21:22   #20
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Ich komme noch einmal zurück auf die angesprochene Ahnungslosigkeit. Wie wird Kunst betrachtet? Wer hat eine Ahnung von Kunst? Der Künstler? Der Kritiker? Der Betrachter? Der Sammler?

Ich bin der Meinung dass der Künstler vielleicht mehr und Gedanken in die Bilder eintragen sollte – wenn wir von bildender Kunst reden. Im weiteren Sinne meine ich damit jene von der Kunst die Kunstwerke herstellt, also Zeichnungen, Gemälde, Skulpturen etc. etc. Ich mache einen Sprung zu Giacometti:

https://up.picr.de/40663299zr.jpg

Was ist deine Meinung auch wenn sie ahnungslos ist?
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Alt 02.03.2021, 15:21   #21
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Vorerst kommentarlose Ahnungslosigkeit
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Alt 02.03.2021, 16:34   #22
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Hallo Ralfchen!
In der bildenden Kunst verstehe ich Zeichnungen,Bilder oder Skulpturen immer als Mittel eine Botschaft zu transportieren. Also von der reinen formalen Darstellung eines Objekts hin zu einem Zusammenhang mit Anderem, der dann subjektiv erkannt werden kann oder soll. Im einfacheren Sinne, ja es ist immer ein Rätsel für den Betrachter, welches gelöst werden will. Das setzt natürlich ein Interesse des Betrachters voraus, eine Neugierde an des Rätsels Lösung. Oft sind solche Botschaften aber verschlüsselt und derart geheimnisvoll im Dargestellten versteckt, das nur eine intensive Auseinandersetzung mit Oberfläche, Material, Farbigkeit und Betrachtung aus allen Blickwinkeln bei Skulpturen einen Zugang ermöglicht.
Bei Bildern habe ich nur eine Draufsicht, aber die Art und Weise einen Zugang zum Subjektiven hier zu erhalten ist ähnlich, in dem ich mir als Betrachter Fragen zur Farbgebung, Auftrag, Dargestelltem, Perspektive etc. stelle.
Hinzu kommen Umstände von Zeitgefüge, Gesellschaft, Mainstream und und und.
Die berühmte Frage: Was will uns der Künstler damit sagen? ist nun gestellt und jetzt fangen wir an zu interpretieren. Oft ist der "Otto Normalverbraucher " überfordert mit einer solchen Auseinandersetzung. Entweder fehlt ihm das Rüstzeug ( Wissen, Phantasie, geschulter Blick, Ahnung), oder Muße und Zeit zur Betrachtung. Die Aufmerksamkeit will erregt sein und so das Interesse. Da (in den bildenden Künsten) verhält es sich genau so wie in der Literatur. Beispielhaft stelle ich hier einen Konsalik einem T. Mann gegenüber, ohne es zu werten.
Problematisch wird es, wenn Werke mit Sinnhaftigkeit inhaltlich überfrachtet werden und sich am Rande der Schwammigkeit bewegen. Mit aller Vorsicht und größtem Respekt nenne ich im Skulpturbereich Edward Kienholz`Deportable War Memorial (meine Meinung), aber das ist ein anderes Thema...
Ok, deine Ahnung setze ich jetzt mal gleich mit Kenntnis. Der Künstler hat Kenntnis über sich und sein Werk! Der Kritiker hat Kenntnis über Historie, gesellschaftliche Zusammenhänge , Fähigkeit des Künstlers, Ausführung des Werks etc..der Sammler richtet seine Entscheidung zur Investition in ein Werk nach Marktwert, Kritik, Zeitgeist, Sympatie, Gefallen oder viel einfacher: das passt zu meinem Geschmack, es gefällt mir!
Es ist nicht leicht deinen Gedankenanstoß (Frage) weiter auf eine einfache "griffige" Form zu reduzieren ohne bei jedem meiner Statements ein neues Buch aufzuschlagen. Deshalb belasse ich es hier damit und verschone dich mit weiteren Positionen. Meine obiger Ansatz ein Objekt und ein Subjekt bei Betrachtungen von Kunstwerken anzunehmen, könnte beim Zugang zu Giacomettis Werk hilfreich sein...schreibe dir dazu später..liebe Grüße yo Seemann
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Alt 02.03.2021, 17:04   #23
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zum Betrachter? nun, es gefällt mir oder es gefällt mir nicht als meine persönliche Richtschnur beim Betrachten von Werken kann genügen, aber so einfach mache ich es mir nicht. Da muss schon einiges passieren in meiner Wahrnehmung um meine Aufmerksamkeit zu erregen und ich mir Zeit und Mühe gebe mich mit Dargestelltem zu beschäftigen. Oft fahre ich ganz gezielt ins Museum oder auf eine Ausstellung um mir ein Werk genauer anzuschauen.
Dieses besondere Interesse bezieht sich dann wirklich auf genau die von mir im ersten Thread genannten Momente. Ich muss so ein Werk dann in ECHT sehen! Erst dann erschließt sich für mich ein Werk in seiner Ganzheit. Da wirkt ein Druck oder eine Reportage nur als Signal,wie: da ist etwas ganz besonderes!
und ja es ist meistens ein Erlebnis, ein Hochgenuss und spannend sind immer auch die manuellen Lösungen des Künstlers zu entdecken. Das mache ich bewusst seit fast einem halben Jahrhundert..und ich lernte und lerne immer noch!
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Alt 02.03.2021, 22:34   #24
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Servus lieber Seemann,

Ich komme darauf noch ausführlicher zurück danke für die umfangreichen Kommentare, Die eigentlich ein Gespräch sind. Meine Frage war nicht ob dir etwas gefällt sondern ich wollte eigentlich deine Meinung dazu. Der Kunst Betrachter hat meist überhaupt keine Ahnung vom Kunstwerk. Er beurteilt es nach der Ästhetik – ob es ihm also gefällt oder nicht. Und damit kannst du es als natürlich einen unbedeutenden Weg sehen. Einer meiner verstorbenen engen Künstler Freunde hatte die Welt mit seinen Botschaften verändert und das gelingt wenigen Künstlern. Darin sehe ich auch eine wesentliche Aufgabe der künstlerischen Tätigkeit. Mir ist es nie gelungen, ich war immer nur ein einfacher Porträtmaler. Damit konnte ich Geld verdienen aber der Rest war bedeutungslos, weil das Portrait auch wenn es noch so schön ist, keine Beachtung findet. Aber seine Bilder bringen immerhin den Erben Hunderte Millionen Dollar für ein Bild. Also nicht so schlecht. Natürlich ging es ihm auch nicht so schlecht wie du dir vorstellen kannst.

Bis später
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Alt 03.03.2021, 01:06   #25
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Zitat:
In der bildenden Kunst verstehe ich Zeichnungen,Bilder oder Skulpturen immer als Mittel eine Botschaft zu transportieren
Okay aber das ist Grund-Schul – Kenntnis
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Alt 03.03.2021, 06:39   #26
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
Okay aber das ist Grund-Schul – Kenntnis
Der richtige Umgang mit Binde- und Gedankenstrichen auch:

Grundschul-Kenntnis.

Ist aber die Rechtschreibung von gestern. Heute schreiben die Leute : Grund Schuhl kennt niss. Könnte man reinen Gewissens ebenfalls zur Kunst deklarieren - Kreativität gegen Regelwerk.
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Alt 03.03.2021, 13:35   #27
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Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Der richtige Umgang mit Binde- und Gedankenstrichen auch:

Grundschul-Kenntnis.

Ist aber die Rechtschreibung von gestern. Heute schreiben die Leute : Grund Schuhl kennt niss. Könnte man reinen Gewissens ebenfalls zur Kunst deklarieren - Kreativität gegen Regelwerk.
Wahrscheinlich hast du recht

Bei mir ist es wie du weisst so: wenn ich in mein Diktierprogramm auf dem Macintosh sage: (Bindestrich) dann macht mir das System einen und einen zweiten Abstand den ich dann zu faul bin zu korrigieren
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Alt 03.03.2021, 13:42   #28
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
Wahrscheinlich hast du recht

Bei mir ist es wie du weisst so: wenn ich in mein Diktierprogramm auf dem Macintosh sage: (Bindestrich) dann macht mir das System einen und einen zweiten Abstand den ich dann zu faul bin zu korrigieren
Weiß ich. An dem Programm muss gearbeitet werden. Das haut die Striche ohne Sinn und Verstand raus. Und der Nutzer ist der Blamierte.
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