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Philosophisches und Nachdenkliches Philosophische Gedichte und solche, die zum Nachdenken anregen sollen.

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Alt 03.05.2019, 16:25   #1
weiblich AlteLyrikerin
 
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Standard Gefährliche Zeitreise

Fortgerissen,
haltlos treibend
im Gedankenstrom.

Vergangenes
zergliedernd,
Zukünftiges
vorwegnehmend.

Der Anker sinkt
selten bei mir,
ruht fast nie im Jetzt.

Geändert von AlteLyrikerin (03.05.2019 um 17:56 Uhr)
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Alt 03.05.2019, 16:52   #2
männlich Plutino
 
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Zitat:
Zitat von AlteLyrikerin Beitrag anzeigen
Der Anker greift
selten bei mir,
ruht fast nie im Jetzt.
Der Schiffsanker greift selten bei ihm. Schlechtes Deutsch. Der Anker des Schiffes greift selten (etwas / in etwas). Also:

Mein Anker greift selten (Grund, u. z. auch im übertragenen Sinn),
ruht fast nie im Jetzt.


oder vielleicht besser:

Mein Anker greift selten (Grund),
ich ruhe fast nie im Jetzt.


Zitat:
Zitat von AlteLyrikerin Beitrag anzeigen
Zukünftiges
vorwegnehmend.
Zukünftiges vorstellend.

Okay, es gibt selbsterfüllende Prophezeiungen. Und wer etwas vorweg nimmt, der nimmt, anstatt darauf zu warten, dass ihm gegeben wird. Vorwegnehmen ist gut. Vorstellen etwas spartanischer. ›Das Stellen‹ kann man aber auch wörtlich wie ›das Nehmen‹ verstehen.

Ich kann mit deinem Gedicht auf jeden Fall etwas anfangen.
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Alt 03.05.2019, 18:03   #3
weiblich AlteLyrikerin
 
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Lieber Plutino,

herzlichen Dank für Deine Hinweise.
Inzwischen habe ich "greift" durch "sinkt" ersetzt. Das scheint mir stimmiger zu sein.

Was "Zukünftiges vorwegnehmend" angeht, so finde ich das schon passend. In Gedanken alle Möglichkeiten einer Situation durchzuspielen nimmt eben die Zukunft denkend vorweg.

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
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Alt 03.05.2019, 19:41   #4
männlich Plutino
 
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Zitat:
Zitat von AlteLyrikerin Beitrag anzeigen
In Gedanken alle Möglichkeiten einer Situation durchzuspielen nimmt eben die Zukunft denkend vorweg.
Denken kann Gegenwart rauben. Denken ist der Kredit, den die Beta-Version des trockennasenaffigen Vielteilchenssystems ›Mensch‹ nimmt, um Zeit zu sparen, z. B. die Zeit, die sie mehr oder weniger hypothetisch bräuchte, um unerwünschte Folgen der eigenen Gedankenlosigkeit zu korrigieren. Übermäßiges Denken schafft Fakten, verkleinert oder verschließt Handlungsspielräume. So denk ich mir das jedenfalls.
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Alt 03.05.2019, 19:47   #5
weiblich AlteLyrikerin
 
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Danke für Deinen Kommentar. Da bist Du nahe bei meinen Intentionen.
Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
AlteLyrikerin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.05.2019, 20:45   #6
männlich Ralfchen
 
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servus -

da passt mir gar nichts. vor allem der titel ist derart befremdlich - völlig daneben.

St1 - es gibt sehr wohl neurelektrizität in den synapsen. aber der gedankenstrom ist auch den gehirnforschern nicht bekannt. nun gut du hast den jetzt erfunden. metapher: blind

St2 - zergliedern ist furchtbar. und man kann vergangenes analysieren und versuchen es aufzufrischen und ev. neu zu sehen. aber das ist in der regel hoffnungslos. man kann aus V. sehr wohl etwas lernen. metapher: 60 dioptrien

St3 - all das mit anker und so ist bedauerlicherweise ebenso völlig unpassend. diese St hat nicht den geringsten halt in menschlichem verhalten. metapher: tot

vlg
r
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Alt 03.05.2019, 22:20   #7
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
St1 - es gibt sehr wohl neurelektrizität in den synapsen. aber der gedankenstrom ist auch den gehirnforschern nicht bekannt. nun gut du hast den jetzt erfunden. metapher: blind
....

St3 - all das mit anker und so ist bedauerlicherweise ebenso völlig unpassend. diese St hat nicht den geringsten halt in menschlichem verhalten. metapher: tot

Strophe eins ist völlig in Ordnung, als Bildsprache keineswegs ungewöhnlich und deshalb verständlich.

Strophe drei ist von AL bereits geändert worden und ist als bild auch verständlich und durchaus passend.

"zergliedert" (St. 3): nun gut, das Wort ist unglücklich gewählt. Ich hätte eher auf "entschlüsselt" zurückgegriffen.

LG
Ilka
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Alt 03.05.2019, 22:49   #8
männlich Plutino
 
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Eine Zergliederung kann destruktiv sein. Das Wort ist weniger neutral als ›Entschlüsseln‹. Ich finde, dass ›Zergliedern‹ sehr gut passt. Es klingt organischer. Die Entschlüsselung von Grundgefühlen, die ihren Ursprung in der eigenen Vergangenheit haben, kann zwar auch irreversibel und schmerzhaft sein, aber sie scheint produktiver zu sein. Nach der Zergliederung einer Sache müsste die Analyse ja erst noch stattfinden. Zergliederung bedeutet schließlich nur, etwas in seine Bestandteile zu zerlegen. Zergliederung im Sinne von Analyse ist bereits eine Interpretation des Wortes, oder nicht? Jedenfalls muss man mit einer zergliederten Sache auch irgend etwas machen, damit die Zergliederung Sinn hat. Und man muss die Zergliederung dokumentieren, sich die Positionen der Bestandteile merken, sonst ist sie nämlich mit hoher Wahrscheinlichkeit destruktiv. (Die Zergliederung eines Lebewesens ist auch mit Dokumentation höchstwahrscheinlich irreversibel.) Es sei denn, man hat es einzig und allein auf ein tief verstecktes Bauteil abgesehen.

Außerdem passt Zergliedern zu der Vorstellung ›Ereigniskette(ngeflecht)‹.
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Alt 03.05.2019, 23:27   #9
männlich Ralfchen
 
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Zitat:
haltlos treibend
im gedankenstrom haltlos treiben können auf grund vieler versuche mit testpersonen nur sehr schwer psychotisch gestörte menschen oder höhere primaten. und das ist der teil der wortmäßig verständlich ist. ein stück holz treibt haltlos (wo soll es sich anhalten?) woimmer
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.05.2019, 23:41   #10
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
im gedankenstrom haltlos treiben können auf grund vieler versuche mit testpersonen nur sehr schwer psychotisch gestörte menschen oder höhere primaten.
Wir haben es mit einem lyrischen Text zu tun, der mit Vergleichen und Metaphern arbeitet, Ralfchen, nicht mit dem Diagnosebericht eines Psychiaters. Umgekehrt wird wohl kaum ein Psychiater seinen Diagnosebericht in lyrischen Versen abfassen und dabei metaphorische Ausdrücke gebrauchen .
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.05.2019, 23:52   #11
männlich Ralfchen
 
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hm ja - das ist diskussions-immanent, denn eine schlechte metaphorikerin könnte - so wie unsere geliebte AL hier - ihre lyrik wie einen diagnosebericht psychische zustände vortäuschen lassen. am ende wird kein psycholgisch geschulter - oder wie die meisten therapeuten ungeschulter - solche worte zu sätzen zusammenfügen. und damit kann ich mich nicht anfreunden, dass hier psychotherapeutisch metaphoriert wird. das muss daneben gehen. niemand treibt fortgerissen haltlos im gedankenstrom. nur schwere psychoten. das ist nachgewiesen Ilka!

wobei allein schon die drei aneinandergehängten adjektive Fortgerissen,
haltlos treibend
in dieser kombination ein sinnloser und schwerer triple-moppel sind
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.05.2019, 00:01   #12
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Ralfchen Beitrag anzeigen
niemand treibt fortgerissen haltlos im gedankenstrom. nur schwere psychoten. das ist nachgewiesen Ilka!
Ja, und? Es ist doch völlig offen, ob das lyrische Ich eine psychotische Störung beschreiben will oder nicht.

Mit den Adjektiven hast du allerdings recht, eins davon ist überflüssig.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.05.2019, 03:56   #13
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Die Adjektive bzw. Partizipien ›fortgerissen‹ und ›haltlos treibend‹ (z. B. ohne Schwimmbrett, an das man sich halten kann) haben meiner Meinung nach eine Daseinsberechtigung: Das LI (!) tastet sich an das, was es ausdrücken will, heran. Das ist im Kontext in Ordnung.
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Alt 04.05.2019, 12:23   #14
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Zitat:
Zitat von AlteLyrikerin Beitrag anzeigen
Inzwischen habe ich "greift" durch "sinkt" ersetzt. Das scheint mir stimmiger zu sein.
Nicht wirklich. Ich versuche noch einmal zu erklären, weshalb nicht:

Das Problem ist nicht, dass der Anker greift oder sinkt, sondern wo der Anker dies tut. Also löse dich erst einmal von der Metapher und stell dir vor, du seist ein Boot oder Schiff:

1. Der Anker ist ein Teil von dir. Er ist an dich gekettet.
2. Ob der Anker seine Funktion erfüllen kann, hängt von Wassertiefe und Länge der Ankerkette ab. Der Anker muss Grund fassen können.
3. Wenn der Anker bei dir bleibt, kannst du logischerweise nicht ankern.
4. Der Anker kann zwar bei dir – vielmehr in deiner Nähe – sinken, aber wenn er bei dir greift, befindet er sich entweder noch an Bord oder du liegst auf einer Sandbank.
Plutino ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.05.2019, 13:45   #15
männlich Ralfchen
 
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ich seh das ganz andeers - aber so wie es tatsächlich ist: AL versucht eine koppelung von banalen autotypien (=vergangenheit, gegenwart, haltlosigkeit darin und daraus) mit interessanten und neuen formulierungen zu beschreiben das ist a.u.f.s. etwas sehr gutes. ein lobenswertes lyrisches unternehmen. nur sie ersauft dabei in den so entstehenden adjektivhaufen und einbahnstrassen tripple und quadruple moppeln usw. denn das ist die kunst des wirklichen literarisch kreativen menschen: es faszinierend zu beschreiben. das gelingt ihr allerdings manchmal recht gut. nur sehr oft eben nicht. somit ist:

Zitat:
Fortgerissen,
haltlos treibend
im Gedankenstrom.

Vergangenes
zergliedernd,
Zukünftiges
vorwegnehmend.

Der Anker sinkt
selten bei mir,
ruht fast nie im Jetzt.


Ich kann meine Gedanken
nicht ordnen.

Ständig lande ich
in der Vergangenheit,
um die Zukunft
zu erahnen.

Ich bin bin
haltlos
immer.


auf das kommt es hinaus und sie verspragelt sich in verqueren formulierungen um hyperpoesierend rüber zu kommen. geht aber bei mir nicht. bin zwar nicht so klug und intellektuell wie ihr alle hier, weil sich hier nur die spitzengeister treffen. ich bin eben einer der statt intel lieber leckt.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.05.2019, 14:50   #16
weiblich AlteLyrikerin
 
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Standard Herzlichen Dank an alle Kritiker!

Ich werde das Gedicht noch einmal gründlich überarbeiten, weil ich durch Eure Beiträge - ja, auch durch Ralfchens Beitrag - sehe, dass es mir nicht gelungen ist darzustellen, was ich schildern wollte. Das liegt auch tatsächlich an ungenauen, nicht tief genug durchdachten Metaphern.

Um was ging es mir?

LyrI beobachtet an sich folgendes Verhalten. Es ist beständig gedanklich unterwegs um vergangene Situationen zu analysieren (was hätte ich anders machen, sagen können) oder kommende Situationen vorzubereiten (was sage, tue ich, wenn ...). Das ist ein beständiger Gedankenstrom, nahezu zwanghaft. Dieses Verhalten absorbiert unnötig Ressourcen und führt in der Regel zu keinem vernünftigen Ergebnis. LyrI macht sich Sorgen, dass es in diesem gedanklichen Unterwegssein keine Haltpunkte im Hier und Jetzt gibt, kein zufriedenes bei-sich-selbst-sein.

Herzliche Grüße Euch allen, AlteLyrikerin.
AlteLyrikerin ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.05.2019, 15:06   #17
männlich Ralfchen
 
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super lieber Mensch -

bin schon sehr gespannt auf eine neue version!

vlg
rchen
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