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Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

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Alt 11.07.2011, 12:43   #1
männlich Katerchen
 
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Standard Eines Menschen Turm

Ich war tot. Zumindest würde ich es bald sein. Vielleicht noch ein paar Minuten oder Stunden, die mir blieben. Diese Welt trieb auf ihr Ende zu. Ich weiß nicht mehr wie es kam oder was genau der Auslöser war, aber die Erde auf der wir lebten verwandelte sich mit zunehmender Geschwindigkeit in eine Gluthölle. Es begann mit leichten Erdstößen, die anfangs unregelmäßig und vereinzelt auf traten. Es folgten Vulkanausbrüche und Tsunamis, Gebäude stürzten ein. Die Menschen gerieten in Panik und versuchten ihr bloßes Leben zu retten. Rettung, ja das war es was sich gerade jeder erhoffte, aber im Inneren wussten wir, dass das das Ende war, die Apokalypse. Kontinente begannen sich zu verschieben und ganze Landmassen versanken in den Fluten der Ozeane. Ich blickte aus einem hohen Turm aus weißem italienischen Marmor auf diese Welt, war ich doch zugleich in ihr gefangen. Ich sah wie ganze Berge in sich zusammenstürzten, aber mein Turm blieb unversehrt, vorerst zumindest. Ein gewaltiger Donner erfüllte die Luft und ich spürte wie sich die Gravitationsverhältnisse veränderten. In einem Moment wog eine Feder scheinbar unendlich viel im nächsten war ein ein Zentner schwerer Stein leicht wie eben selbige. Ich wurde zu Boden geschleudert und das versetzte mich in äusserste Panik. Als die Schreie der Menschen draußen kaum noch zu ertragen waren und das Getöse der Welt eine unsichtbare Grenze zu überschreiten schien, verstummte plötzlich jeglicher Ton und es war still, für mich. Als wäre ich taub sah ich die Welt um mich herum wie in Zeitlupe zerbersten. In diesem Moment wusste ich, dass ich nicht das Geringste hätte daran ändern können an diesen Geschehnissen. Es war schon seit jeher so vorherbestimmt gewesen, dass diese Welt zugrunde gehen würde. Ein tiefes Gefühl der Traurigkeit stieg in mir hoch und ich erkannte, dass ich im Grunde nicht Gefangener dieser Welt war, sondern ein Gefangener dieses Turmes, meines Turmes. Wie sehr wünschte ich mir jemals diesen Turm verlasen zu haben. Ich wäre einfach auf die Straße gelaufen und hätte irgend einen X-beliebigen Menschen gefragt was für ihn das schönste auf der Welt sei. Ich wäre barfuß im Schnee gelaufen oder hätte mit den Kindern Kreidebilder auf den Asphalt gemalt. Stets aber blieb mir nur meine Einsamkeit, die die ich bis zuletzt selbst gewählt hatte. Leben ist etwas kostbares, dachte ich und es liegt in unserer Hand was wir daraus machen, auch wenn es ein Ende geben wird, was unvermeidlich ist. Als ich diesen Gedanken lächelnd in mein Herz trug, wurde ich müde. Ich sah ein Licht, auf das ich zu zufliegen schien, meinen Turm gab es nicht mehr. Ich war frei.
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