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Philosophisches und Nachdenkliches Philosophische Gedichte und solche, die zum Nachdenken anregen sollen.

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Alt 13.01.2019, 17:53   #1
weiblich AlteLyrikerin
 
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Dabei seit: 11/2018
Ort: Burglengenfeld
Alter: 68
Beiträge: 1.208

Standard Haben oder Sein

(Dankbare Erinnerung an Erich Fromm)

Ich möchte Fragezeichen sein
vor den rigorosen Entscheidungen,
das Zarte, das sich keiner
stolzen Gewissheit beugt.

Ich möchte das Lächeln sein,
das die Kränkung entwaffnet,
das Widerwort,
das die Entmutigten aufregt.

Ich möchte das große Schweigen sein,
in dem die Propheten der Macht
verstummen.

Ich möchte das Staunen sein,
das nichts zergliedern und bewerten muss.
Ich möchte sein.
AlteLyrikerin ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 13.01.2019, 18:42   #2
männlich Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 1.441

Hallo Lyrikerin,

deine Gedichte tragen alle samt eine unglaubliche Gereiftheit in sich.
Wenn ich die Zeilen lese, merke ich jedesmal, dass im Grunde noch nicht mal grün geworden bin.

Von E.Fromm habe ich hier zwei Bücher liegen, aber noch nicht gelesen.
Im Moment beschäftige ich mich mit lateinischer Dichtung (alkäische Strophen) bzw die Übertragung in das Deutsche.

Weswegen ich zum Inhalt nicht viel sagen kann. Außer, so nehme ich es wahr, dass Deine Gedichte immer eine gewisse Menschen- und Kirchenkritik in sich tragen.

Viel Raum für Denkerei...
Das letzte Terzette ist eine Wucht und für mich absolut großes Kino!

Sehr schön gemacht, Lyrikerin!

vlg

EV
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.01.2019, 19:27   #3
weiblich AlteLyrikerin
 
Benutzerbild von AlteLyrikerin
 
Dabei seit: 11/2018
Ort: Burglengenfeld
Alter: 68
Beiträge: 1.208

Herzlichen Dank, lieber Eisenvorhang, für Deine anerkennenden Worte. Du hast Recht, meine Texte haben oft einen kritischen, aber liebevoll kritischen Blick auf den Teil der Wirklichkeit, den ich wahrnehmen und überblicken kann. Der Blick des Satirikers, der sich über das Schwache kranklachen kann, ist nicht meiner.
Wenn Du Dich als "grün" siehst, denke mal nicht, das wäre schlecht. Grün, also frisch, neu, wild, leidenschaftlich und gleichzeitig kreativ ringen mit der Form, sie aufbrechen zu etwas völlig neuem - das wäre schon was. Aber halt nicht meins, denn ich bin alt und skeptisch.

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
AlteLyrikerin ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 13.01.2019, 19:49   #4
weiblich Ilka-Maria
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Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.210

Zitat:
Zitat von AlteLyrikerin Beitrag anzeigen
(Dankbare Erinnerung an Erich Fromm)
Anfang der 80er Jahre waren zwei Bücher Erich Fromms besonders populär: "Haben oder Sein" und "Die Kunst des Liebens".

Beide Bücher hatte ich gelesen und mit Gleichaltrigen darüber diskutiert. Manche der Diskutanten haben sogar versucht, ihr Leben entsprechend Fromms Ansichten auszurichten. Das Ergebnis war bei allen diesen Menschen gleich: Fromms Ideale lassen sich nicht dauerhaft umsetzen, weil sie gegen die Natur des Menschen sind. Ausnahmen gibt es zwar immer, aber das ändert nichts daran, dass der Mensch nach Sicherheit und Status strebt, was zwangsläufig das Habenwollen auslöst. Ebenso ist die selbstlose Liebe ein für die meisten Menschen unerreichbares Ideal, weil dabei einer (oder mehrere) der Partner auf der Strecke bleibt. Es ist nun einmal eine Tatsache, dass es ein Grundbedürfnis jedes Menschen vom ersten Schrei an ist, geliebt zu werden, lange bevor er selbst zu lieben imstande ist.

Andere Werke Fromms halte ich für wesentlich wertvoller als diese beiden, fast schon populistisch verfassten Bücher, die beinahe wie Ratgeber daherkommen. Im Internet - auf youtube - gibt es eine ganze Reihe an Vorträgen von Fromm zu hören, die empfehlenswert sind, darunter auch ein Vortrag über die Überflussgesellschaft. Erstaunlich daran: In seinem Vortrag aus den 60er Jahren sah From voraus, dass in zwanzig Jahren in den USA und in dreißig bis vierzig Jahren in Europa eine automatisierte Gesellschaft in einem Überfluss an Konsumgütern leben würde.

Im Voraussehen der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen war dieser Mann ein Phänomen.

LG
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.01.2019, 21:46   #5
männlich Ex-Teo
abgemeldet
 
Dabei seit: 01/2019
Beiträge: 17

Aller Achtung.
Du verstehst dein Handwerk.

Das ist schon etwas Besonderes. Hut ab!

LG

Teo
Ex-Teo ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.01.2019, 22:07   #6
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.929

Liebe AlteLyrikerin,

dein Gedicht gefällt mir sehr.

(Fromms Buch gegenüber teile ich eher Ilkas Ansicht.)

Mit Freude gelesen.
LG gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 14.01.2019, 10:53   #7
weiblich AlteLyrikerin
 
Benutzerbild von AlteLyrikerin
 
Dabei seit: 11/2018
Ort: Burglengenfeld
Alter: 68
Beiträge: 1.208

Standard Herzlicher Dank an alle Kommentatoren

@Ilka-Maria: Die Lösungsvorschläge Erich Fromms finde ich auch naiv. Aber seine Analysen darüber, an welche psychischen Mechanismen die Verkäufer des Überflüssigen sich wenden können, ist in jedem Fall brilliant.
Eine Gewichtsverschiebung hin zu mehr sein und weniger haben würde dem Planeten wirklich gut tun. Wir müssen ja nicht gleich alle Asketen werden, aber weniger wäre in vielen Fällen wirklich mehr.
@ Teo und gummibaum: Danke für Euer Lob

Herzliche Grüße, AlteLyrikerin.
AlteLyrikerin ist gerade online   Mit Zitat antworten
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