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Zeitgeschehen und Gesellschaft Gedichte über aktuelle Ereignisse und über die Menschen dieser Welt.

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Alt 01.12.2012, 20:58   #1
weiblich Poetibus
 
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Standard Organisiertes Kollektiv

Organisiertes Kollektiv


1

Es reiht sich Haus an Haus in langen Zeilen,
gerade Formen, scharf ein jedes Eck;
so praktisch, linearer Wohnraumzweck
ermöglicht normgerechtes Platzverteilen.

Die Stufenhöhe an der Eingangstreppe
ist längst per DIN-Verfahren festgelegt,
damit der Fuß sich maßstabtreu bewegt,
nicht etwa hüpfe, tanze oder steppe.

Am Boden vor der Tür liegt eine Matte.
Willkommen! steht als Grußwort oft darauf.
Sie ist als Schuhabtreter wohlbekannt.

„Alarmgesichert“ meldet eine Platte,
drei Schlösser, dann geht diese Türe auf.
Ein Mauerwerk, erbaut von Menschenhand.


2

Ein Mauerwerk, erbaut von Menschenhand,
teilt dessen Wohnung auf in Einzelzimmer,
bedarfsgerechter Anspruch zeigt sich immer,
gesetzlich zugeteilt und anerkannt.

Die Küche ist mit Absicht eher klein,
wozu denn so viel Aufwand für ein Essen.
Da wird getrödelt, faul herumgesessen,
nur Zeitverlust, das sieht auch jeder ein.

Erstaunlich ist: Die Eltern tauschen Räume,
den Kindern wird der Schlafplatz überlassen.
Warum? Nahm denn das Spielzeug überhand?

Nun ja, die Kinder haben drinnen Träume,
der Rennbahnlerneffekt ist zugelassen:
Asphaltvernetzt im grauen Straßenland.


3

Asphaltvernetzt im grauen Straßenland,
sind kleine Autos als Modell am Rasen,
im Kreis herum, die Kinder zu bespaßen,
weil’s einst ein schlauer Kopf für gut befand.

Für Kreativität und Fantasie
entbieten sich die virtuellen Welten,
die mit Musik den Sieg im Spiel vergelten,
da zeigt sich früh strategisches Genie.

Das Fenster bietet den Kontakt zum Draußen,
denn hier und da erblickt man einen Baum,
zurechtgestutzt, um Augen mitzuteilen:

Korrekt geformt, ein Teil von Passendhausen.
Und neben ihm sieht man den Straßensaum,
wie hingegossen über viele Meilen.


4

Wie hingegossen über viele Meilen
erstreckt sich hier ein schnurgerades Band,
das mittels Kurven Ecken überspannt.
Kein Widerspruch: Es hilft beim Unterteilen.

Ein Straßenpuzzle setzt der Plan zusammen,
für jedes Stück mit Namensetikett
noch eine Zahlenreihe, richtig, nett;
geeignet, Auspuffherzen zu entflammen.

Vor Ampeln sammeln sich die Pausentrauben,
gesteuert von Signalen, kontrolliert,
sie warten auf Erlaubnis, sich zu rühren.

Da! Eine Einzelbeere, kaum zu glauben,
sie dreht sich um! Sogleich wird protestiert,
an allen Autos gibt’s diverse Türen.


5

An allen Autos gibt’s diverse Türen,
sie werden, sonst geschlossen, aufgemacht.
Was hat sich diese Beere bloß gedacht,
wo bleibt die Polizei, sie abzuführen!

Die Ampel dient allein zum Vorwärtsgehen,
da dreht man doch nicht um, das ist verkehrt,
schön brav wird hier die Straße überquert!
Sogar die Traube kann das nicht verstehen.

Was für ein Chaos, denn die Ampelphase
sprang um, vor lauter Schreck ganz unbemerkt.
Mensch, gegen Regeln, da verstößt man nicht!

Nun klappen Türen zu, man rümpft die Nase,
fühlt sich jetzt wohl, konformitätsgestärkt,
und eingebaute Fenster schenken Sicht.


6

Und eingebaute Fenster schenken Sicht,
schön ordentlich, nach links, nach rechts, nach hinten,
nach vorne; Labsal für die Gleichgesinnten.
Den Wunsch nach freiem Blick verspürt man nicht.

In Reih und Glied beschildert, überwacht,
sonst könnte jemand gar den Wagen parken,
womöglich dann zu Fuß die Rahmenmarken
missachten – Anarchie bekäme Macht!

Nein, der Verkehr soll immer weiterfließen,
die Fische hinter Glas im Strom aus Chrom,
aus Blech und Gummi; Fluss ist Pflicht.

So ab und zu ein Unfall zum Genießen,
man fährt vorbei, Musik per Mega-Ohm,
auf Wegen, Tag und Nacht voll hellem Licht.


7

Auf Wegen, Tag und Nacht voll hellem Licht,
lässt sich das Freiheitsschlagloch gut bedecken,
durch Blendungswerke effektiv verstecken,
vor goldfischglasbebrilltem Angesicht.

Wie ferngesteuert rasch von Punkt zu Punkt,
vom Arbeitsplatz nach Hause, immer wieder.
Geborgenheit geölter Ablaufglieder,
die Federn in Vertrautheit eingetunkt.

Vereinzelt schlurft ein Schandfleck übers Pflaster,
ein fauler Hund, erfolglos, nichts als Schmutz.
Wozu bezahlt man Steuern und Gebühren,

dient dem Gemeinschaftswohl als Geldpilaster?
Natürlich für den Sauberwegeschutz,
die auseinander- und zusammenführen.


8

Die auseinander- und zusammenführen,
gemeinhin auch als Planungschefs bekannt,
mit Macht und Geld in starker, fester Hand,
sind weit entfernt, zu weit, nichts kann sie rühren.

Projekte von modernen Architekten,
programmgefärbt, computergeneriert,
3 D-Modelle, rasterkonzipiert,
der Mensch, geschrumpft zur Größe von Insekten.

Auf ergonomisch klug geformten Stühlen
entscheidet sich das Wohl und Weh der Welt,
dorthin gelangt, bleibt man fürs Leben sitzen.

Gebräunt vom Sonnenschein aus Machtgefühlen,
der Boss, der Dienerschaft zum Besten hält.
Gestalten eilen hin und her wie Skizzen.


9

Gestalten eilen hin und her wie Skizzen,
vom Dasein achtlos einfach hingeschmiert,
nur Muster, zig-millionenfach kopiert,
per Deospray geruchsgeschützt beim Schwitzen.

Termiten, die in temperierten Hügeln
geräuschgedämpft im teppichweichen Gang
Papiere tragen, jeden Flur entlang,
zur Arbeit eingespannt mit festen Zügeln.

Die Kartenscanner an den vielen Wänden
bemessen akkurat die Pausendauer,
iss schneller – Mahlzeit! – schlinge wie der Wind!

Sie kommen, gehen, Karten in den Händen,
gepiept – gezählt, die Schatten an der Mauer,
wie Bilder, die noch unvollendet sind.


10

Wie Bilder, die noch unvollendet sind,
erscheinen Menschen geisterhaft, verschwommen,
als wären sie nur halbwegs angekommen,
auf einem Pfad, der morgen erst beginnt.

Verwurzelt noch in der Vergangenheit,
den Blick voraus auf Zukunft ausgerichtet,
wird „Jetzt und Heute“ irgendwie vernichtet,
der Zeitgeist trägt den Namen Sparsamkeit.

Geplant wird fleißig, ständig voller Sorgen,
das Schlagwort lautet Lebensqualität,
zu der vor allem Luxusgüter zählen.

Da hilft nur ein Kredit, die Banken borgen
schwarz-weiß gemalte Geldaktivität:
Entwürfe, denen bunte Farben fehlen.


11

Entwürfe, denen bunte Farben fehlen,
Beziehungskisten, emotionskuriert,
Empfindung minimal und reduziert,
was nicht vorhanden ist, kann niemand stehlen.

Selbst Mitgefühl gilt neuerdings als Schwäche,
wer stark sein will, der achte erstens sich
und zweitens ebenfalls, ja, sicherlich.
Am Ende zahlt der Schwache stets die Zeche!

Von Kindesbeinen an sind Ellenbogen
Erziehungsmittel: „Geh beiseite, Wicht!“;
gelehrt wird auch die Kunst verbaler Spitzen.

Zum Selbstzweck wird aus Leibeskraft gelogen,
das Wahrheitshaus zertrümmert – schadet nicht,
der Abriss findet sich auf Nebensitzen.


12

Der Abriss findet sich auf Nebensitzen
des Lebens, abgelegt, er ruhe sanft;
verzehrt, das weiche Brot, bis auf den Ranft,
kein Grund, sich über Reste zu erhitzen.

Entsteht doch ständig Müll beim Konsumieren,
zum Glück gibt es dafür die Müllabfuhr,
sie schafft ihn fort, von ihm bleibt keine Spur,
man kann sich leitgedanklich konzentrieren.

Weit weg, ins Ausland, mit den Deponien,
dann sieht und riecht hier keiner was davon,
wer das missbilligt, weiß man doch, der spinnt.

Bleib sauber! Ordnung ist zum Niederknien,
am Schmutz vorbeizufahren, das geht schon.
Und hinter Doppelglas: Ein Bild zerrinnt.


13

Und hinter Doppelglas? Ein Bild zerrinnt,
der Scheibenwischer schmiert erneut bei Regen,
wahrscheinlich liegt’s am mangelhaften Pflegen
des Gummis; ach, egal, dann fährt man blind.

Falls man dabei den Nachbarn überfährt,
nun ja, ein wenig Schwund, nicht zu vermeiden,
den konnte man auch nie so richtig leiden,
sein Öko-Fimmel war verachtenswert.

Viel wichtiger, von jedem zu begreifen:
Jetzt wird ein neuer Wagen angeschafft,
verkratzter Lack kann in der Seele quälen.

Wen juckt’s, dass Spatzen auf den Dächern pfeifen,
zum Eigenantrieb reicht die Taubenkraft,
um schemenhaft vom Leben zu erzählen.


14

Um schemenhaft vom Leben zu erzählen,
entbietet sich das Doku-Soap-Programm,
dort wälzt sich jeder öffentlich im Schlamm,
je nach Geschmack kann man das Thema wählen.

Ob Pieps-Gesang, ob Wurmverzehr zum Lachen;
Entblößung bis ins Pixelfeindetail.
Wer findet Peinlichkeiten denn nicht geil,
erkennt man doch, dass die es gerne machen?

Ah, eine Wohnung in der Lindenstraße
ist frei geworden – Mensch, da zieht man ein;
Bewerbung raus, es gilt, sich zu beeilen!

Man lebt so gut als Blindfisch namens Hase,
global willkommen heißt der Weltverein.
Es reiht sich Haus an Haus in langen Zeilen.


15

Es reiht sich Haus an Haus in langen Zeilen,
ein Mauerwerk, erbaut von Menschenhand,
asphaltvernetzt im grauen Straßenland,
wie hingegossen über viele Meilen.

An allen Autos gibt’s diverse Türen
und eingebaute Fenster schenken Sicht
auf Wegen, Tag und Nacht voll hellem Licht;
die auseinander und zusammenführen.

Gestalten eilen hin und her wie Skizzen,
wie Bilder, die noch unvollendet sind,
Entwürfe, denen bunte Farben fehlen.

Der Abriss findet sich auf Nebensitzen
und hinter Doppelglas; ein Bild zerrinnt,
um schemenhaft vom Leben zu erzählen.
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Alt 03.12.2012, 19:20   #2
männlich Caliban
 
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So monströs wie neudeutsche Biederkeit präsentiert sich auch dieses Gedicht: Umfangreich, normgebunden, steril, träge und trist. Eher Faustschlag als Fingerzeig. Die Mühe lohnt.
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Alt 03.12.2012, 21:41   #3
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von Caliban Beitrag anzeigen
... steril, träge und trist ...
Stimmt nicht. Ich habe zwar nur die ersten beiden Sonette überflogen (muß jetzt erst einmal Fußball gucken), aber das finde ich schon recht spannend.

Außerdem: Wer die Vorgeschichte kennt ...

Du willst es allen zeigen, Poetibus. Alles ganz simpel ... oder was?

Diesen Reigen nehme ich mir später noch vor - versprochen.
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Alt 08.12.2012, 22:01   #4
weiblich Poetibus
 
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Hallo, Caliban,

Zitat:
So monströs wie neudeutsche Biederkeit präsentiert sich auch dieses Gedicht: Umfangreich, normgebunden, steril, träge und trist. Eher Faustschlag als Fingerzeig. Die Mühe lohnt.
Na ja - ganz unrecht hast du nicht. Obwohl "Faustschlag" vielleicht ein bisschen heftig ist, eher ein - hm, wie nenne ich's - "größerer Fingerzeig". Es ist ein Sonettkranz, der mir die Möglichkeit bot, so vorzugehen. Ich habe diese Form der Darstellung gewählt, sie schien mir gut geeignet.

Ein bisschen "Unordnung" ist schon drin, ich habe mir ein paar kleine Freiheiten bei den Kadenzen genommen - eher eine "Andeutung", dass die "Ordnung" (inhaltlich gesehen) in Wirklichkeit doch nicht so wohlgeordnet ist, wie sie zu sein scheint ...

Herzlichen Dank, wenn du der Meinung bist, dass sich trotz der "Länge" die Mühe lohnt.

Freundlichen Gruß,

Poetibus


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Hallo, Ilka-Maria,

Zitat:
Stimmt nicht. Ich habe zwar nur die ersten beiden Sonette überflogen (muß jetzt erst einmal Fußball gucken), aber das finde ich schon recht spannend.

Außerdem: Wer die Vorgeschichte kennt ...

Du willst es allen zeigen, Poetibus. Alles ganz simpel ... oder was?
Du hast recht, es stimmt - auch das ist mit in den Kranz hineingeflossen. Ich habe den Eindruck, dass du sehr genau hinsehen kannst.

Ich hätte auch Stanzen oder (jetzt wieder neu "anderswo" gelesen) Dezimen nehmen können ...

Immer wieder die gleichen Diskussionen über das Gleiche. Form, Norm - das zieht sich durch die ganze Gesellschaft, ist kein Merkmal, das nur die Lyrik betrifft (leider). *Seufz* Mein Beitrag zu Friedhelms Sonett wurde ja auch prompt missverstanden - ich wollte ihn ermutigen, seinem "Stil" treu zu bleiben, denn ich ganz persönlich finde, dass seine Gedichte ihre "Lebendigkeit" zu verlieren drohen, wenn er sie zu sehr Formen unterordnet. Es ist so, wie es ist: Wer das negativ sehen will, sieht es so. Und, wie ich heute woanders schrieb, ist diese beständige "Negativsicht" ein Merkmal unserer Zeit und des Denkens, das heute vorherrscht.

Freut mich, dass du dich gemeldet hast.

Freundlichen Gruß,

Poetibus
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Alt 08.12.2012, 22:53   #5
weiblich Ilka-Maria
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Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
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Ist ein bisserl untergegangen bei mir - familiäre Gründe - aber ich komme darauf zurück. Hab im Augenblick ziemlich viel um die Öhrchen.
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