Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Geschichten und sonstiges Textwerk > Kolumnen, Briefe und Tageseinträge

Kolumnen, Briefe und Tageseinträge Eure Essays und Glossen, Briefe, Tagebücher und Reiseberichte.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 21.07.2015, 02:11   #1
männlich Trubadix
 
Benutzerbild von Trubadix
 
Dabei seit: 03/2013
Alter: 34
Beiträge: 35

Standard Johanniskraut

eine Gartenbetrachtung

Über einem Miniatur-Urwald dichten Johanniskrauts, in der entlegendsten Ecke meines Gartens, fliegen Schwärme von Libellen, Käfern, Wespen und Hummeln wie exotische Vögel.
Allein die Vielfalt der Bombi (wie der treffende lateinische Titel der Hummeln lautet) gemahnt an urwaldlichen Artenüberfluss. Dort schwirrt eine schwarzpelzige Steinhummel, deren Nest vielleicht in der Felswüste der nachbarlichen Baustelle zu finden ist. Nahebei kämmt eine Erdhummel sich betulich den letzten Sandbrösel aus dem Haar. Auch sieht man mehrere Ackerhummeln, deren schwarzblonde Hinterleibsstreifung und zierlichere Gestalt an den Habitus einer Honigbiene erinnern. Und sogar eine dicke Dufthummel, die größte der europäischen,
hat sich tief dröhnend hinzugesellt.
Von den grellgelben Blütenkronen hypnotisiert hüpfen sie von Kelch zu Kelch, lassen sich den Nektar schmecken und ziehen sich, in ihrer herrlich hummeligen Behäbigkeit, die Pollen wie Pantoffeln an, um darauf in ihr Nest zurückzuschlurfen.
Sie alle summen vergnüglich und brummen noch inbrünstiger, wenn sie in den Blüten verschwinden, um durch ihr Flügelrütteln von den Staubblättern die Pollen herunterpurzeln zu lassen.
Auch eine Bande Bienen bedient sich an den Nektarien und Karpellen des Johanniskrauts. Wobei Hummeln, der Familienzugehörigkeit nach, ja ebenfalls Bienen sind, und so will ich präzisieren, dass es sich bei den nun gemeinten um Honigbienen handelt.
Und wie sie in die Kelche kriechen, stelle ich mir unwillkürlich die Blütenhüllen als Minen vor, in denen die Bienen das Gold des Nektars und der Pollen sich ergraben. Mit Stecknadelspitzhacken in den Krallen und Goldgräberhüten auf den blonden Köpfchen, halb über die Facettenaugen gezogen um nicht von der Sonne geblendet zu werden. (Ob Bienen in die Sonne schauen können?)
Doch im Gegensatz zu echtem Gold sind diese Schätze nützlich.
Denn der nährstoffreiche Nektar wird, nach seiner Verwahrung im Honigmagen der Biene, der als Frachtraum dient, im Nest vomiert und zum Teil dem Nachwuchs als Nahrung übergeben, zum Teil als Vorrat angelegt. Zu einem weiteren, geringeren Anteil wird die fruchtige Fracht aus dem Honigmagen in den wirklichen Magen weitergeschleust und von der Sammlerin selbst als Energielieferant verwendet.
Ich stelle es mir herrlich vor, als Biene in den prachtvollen Kelch zu sinken und darin genießerisch am Nektar zu nippen. Nebenbei vielleicht in ein Pollenklümpchen hineinzubeißen, die mich immer an einen Laib süßen Brotes denken lassen.

Am Rande des Krautwalds ragen drei gigantische Gänsedisteln wie tropische Übersteher hervor. In ihren Kronen patrouillieren Gartenameisen um Blattlauskolonien und schützen diese vor Marienkäfern und anderen Monstern. Im Gegenzug lassen sich die Läuse den Honigtau aus dem Hintern saugen.
Dadurch können sie gelassen an den Distelblättern knabbern und sich ihrer Selbstklonung widmen. Denn interessanterweise bestehen die meisten Blattlausgenerationen aus Klonen ihrer Mütter, sodass Männchen gewissermaßen überflüssig sind und kaum vorkommen. Vermutlich erweckt diese Tatsache den Neid vieler Feministinnen und den Wunsch als Blattlaus geboren worden zu sein.

Mitten aus den Tiefen dieses Gartendschungels schwingt sich nun, wie eine Harpyie, eine Wespe empor, die sich in ihrer Schnittigkeit und Haarlosigkeit von den flauschigen und pummeligen Hummeln und Honigbienen abhebt. Sie wirkt bedrohlich, wie eine geborene Jägerin, doch will ich anmerken, dass die erwachsene Wespe größtenteils eine Vegetariern ist und in der Regel nur tötet, um ihre Brut zu versorgen. Für ihre Beute ist das freilich kein Trost.
Doch können die Dschungelbewohner vorerst aufatmen, denn ihr Flug führt sie jenseits des Johanniskrauts, wo die offene Weite der Gartenwiesensavanne beginnt, auf welche dieser Tage gnadenlos die Sonne schlägt. Einzig ein Trampolin bietet hier eine Schattenoase. Und dort liege ich bäuchlings, genieße den Ausblick und hoffe, dass sie es nicht auf meine saftbenetzten Lippen abgesehen hat.
Trubadix ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.07.2015, 07:24   #2
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Beiträge: 35.046

Standard Lieber Trubadix -

Eine wundervolle Schilderung dieses "Biotops"!
Und wie ich Dich um den Reichtum beneide - sowohl den faunischen als auch den florischen,
nicht zu vergessen Deinen Stil und Wortschatz!

Rundum so gelungen, daß ich dort sein möchte.


Freundlichen Gruß
von
Thing

Aber mir gefiele eine Hängematte besser als ein Trampolin.
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.07.2015, 18:22   #3
weiblich BABSvomKUTSCHI
gesperrt
 
Dabei seit: 03/2011
Beiträge: 3.074

Diese feinst beobachtete Idylle verdient es, in meine Favoriten aufgenommen zu werden.
Ein absolutes Spitzenteil, dass wirklich alle Kriterien schriftstellerischen Könnens erfüllt.
Ein Text, der jedem Naturfreund aus der Seele spricht.
Voll des Lobes
Babs
BABSvomKUTSCHI ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.07.2015, 19:22   #4
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Beiträge: 35.046

Der Favoritenplatz ist verdient.

Mehr dazu versage ich mir.
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.07.2015, 21:00   #5
Ex Richard L.
abgemeldet
 
Dabei seit: 11/2014
Beiträge: 1.278

Einfach toll, ja..
MfG
Ex Richard L. ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Johanniskraut

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche



Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.