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Literatur und Autoren Literatur allgemein sowie Rezensionen von Büchern, Stücken und Autoren.

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Alt 29.07.2012, 11:38   #199
männlich AndereDimension
 
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Die weinende Braut

Du warst so herrlich anzuschauen,
So kühn und wild und doch so lieb,
Dir mußt ich Leib und Seel vertrauen,
Ich mocht nichts mehr, das meine blieb!
Da hast du, Falscher, mich verlassen
Und Blumen, Lust und Frühlingsschein,
Die ganze Welt sah ich erblassen,
Ach Gott, wie bin ich nun allein!

Wohl jahrlang sah ich von den Höhen
Und grüßte dich vieltausendmal,
Und unten sah ich viele gehen,
Doch du erschienst nicht in dem Tal.
Und mancher Lenz mit bunten Scherzen
Kam und verflog im lust'gen Lauf,
Doch ach! in dem betrognen Herzen
Geht niemals mehr der Frühling auf.

Ein Kränzlein trag ich nun im Haare,
In reichen Kleidern schön geschmückt,
Führt mich ein andrer zum Altare,
Die Eltern sind so hochbeglückt.
Und fröhlich kann ich mich wohl zeigen,
Die Sonne hell wie damals scheint,
Und vor dem Jauchzen und dem Geigen
Hört keiner, wie die Braut still weint.

Die Frühlingslieder neu beginnen -
Du kehrst nach manchem Jahr zurück,
Und stehest still, dich zu besinnen,
Wie auf ein längstvergangnes Glück.
Doch wüst verwachsen liegt der Garten,
Das Haus steht lange still und leer,
Kein Lieb will dein am Fenster warten,
Und dich und mich kennt niemand mehr.

Doch eine Lerche siehst du steigen
Vom Tal zum blauen Himmelsport,
Ein Bächlein rauschet da so eigen,
Als weinte es in einem fort.
Dort haben sie mich hingetragen,
Bedeckten mir mit Stein den Mund -
Nun kann ich dir nicht einmal sagen,
Wie ich dich liebt aus Herzensgrund.

Joseph Freiherr von Eichendorff
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Alt 30.07.2012, 13:46   #200
männlich Sylvester
 
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Standard Die weinende Braut

Geht auch nach so vielen Jahren noch zu Herzen.

Mancher macht aus dem Material einen Roman,
von Eichendorff verdichtet es in fünf Strophen.

Klasse !

Gern gelesen.

Gruß,
SC
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Alt 30.07.2012, 17:20   #201
männlich AndereDimension
 
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Hallo Sylvester

ja, ich sehe das ebenso wie Du.

Gruß, A.D.
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Alt 30.07.2012, 19:06   #202
männlich Fridolin
 
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Damit in dieser Rubrik auch mal die Humordichter zu Wort kommen. Hier ein Poem eines solchen:

DAS LIED VOM DICHTER

Was ein gerechter Dichter ist,
Macht Verse fast zu jeder Frist,
Er reitet seinen Pegasum
Und dichtet Alles um und um.

Darum wird er auch selten fett,
Denn morgens früh in seinem Bett,
Bevor ein Andrer kaum erwacht,
Hat er schon ein Sonett gemacht.

Terzinen werden eingestippt,
Wenn er den Blümchen-Kaffee nippt;
Verzehrt zum Frühstück er sein Ei,
Macht er ein Triolett dabei.

Und wenn er seine Suppe isst,
Er löffelweis' die Jamben misst,
Und wenn er seinen Braten kaut,
Im Geiste er Trochäen baut!

Thut weiter nichts in dieser Welt,
Darum hat er auch nie kein Geld!
Dies kümmert ihn zu keiner Frist,
Weil's auch ein Stoff zum Dichten ist.

Hat er kein Bett, hat er kein Haus,
So macht er ein Gedicht daraus!
Hat er ein Loch im Rock, im Schuh
So stopft er es mit Strophen zu!

Nichts ist zu gross, nichts ist zu klein:
Er sperrt's in seine Verse ein.
Nur was man nicht besingen kann,
Das sieht er als ein Neutrum an.

Der Frosch, der auf der Wiese hüpft,
Die Maus, die in ihr Löchlein schlüpft,
Der Käfer, der im Teich ersoff,
Sind alle miteinander "Stoff".

Was kühn noch in die Lüfte strebt,
Was schon die Erde umgebebt,
Ob heil und ganz, ob kurz und klein -
In seinen Vers muss es hinein!

So zählt er seine Silben ab
Vergnügt bis an sein kühles Grab,
Und unter seinen letzten Band
Schreibt "finis" hin des Todes Hand.

Was ein gerechter Dichter ist,
Benutzet auch die letzte Frist,
Macht eine Grabschrift noch zuvor
Und legt sich auf sein Dichterohr.

Die Leute stehen trauervoll
Dann um sein Grab und schauervoll.
Ein Jeder denkt sich, was er will,
Doch meist: "Gottlob, nun ist er still!"

Es wächst dann in der Jahre Lauf
Dort eine Zitterpappel auf;
Und ob der Wind schläft oder wacht:
Die Blätter flüstern Tag und Nacht!

Heinrich Seidel (1842-1906)
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Alt 30.11.2012, 18:51   #203
weiblich marlenja
 
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Standard Dora Rappard

Ich blicke voll Beugung und Staunen
hinein in das Meer seiner Gnad
und lausche der Botschaft des Friedens,
die Er mir verkündiget hat.

Sein Kreuz bedeckt meine Schuld,
sein Blut macht hell mich und rein.
Mein Wille gehört meinem Gott;
ich traue auf Jesus allein.
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Alt 01.12.2012, 22:59   #204
weiblich Poetibus
 
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Standard Johann Gottlieb Willamov

Johann Gottlieb Willamov (1736-1777)


Der menschliche Lebenslauf

Das Mädchen spielt mit Puppen
Und putzt und spiegelt sich,
Der Knabe spielt mit Trommeln
Und Stöcken ritterlich.

Der Jüngling spielt mit Mädchen
Und spielt auch mit dem Buch;
Die Schöne spielt am Nachttisch
und spielet mit Besuch.

Mit seiner lieben Gattin
Spielt auch der Ehemann,
Wenn anders das Geschicke
Es ihm gewähren kann.

Der Held spielt mit den Köpfen,
Die Mars ihm anvertraut;
Der Staatsmann mit Projekten
Die er auf Hoffnung baut.

Der Dichter spielt mit Reimen;
Und so spielt jedermann,
Bis er, gestört vom Tode,
Nicht weiter spielen kann.
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Alt 04.12.2012, 17:48   #205
weiblich marlenja
 
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Standard Die Städte aber wollen nur das Ihre

Die Städte aber wollen nur das Ihre
und reißen alles mit in ihren Lauf.
Wie hohles Holz zerbrechen sie die Tiere
und brauchen viele Völker brennend auf.

Und ihre Menschen dienen in Kulturen
und fallen tief aus Gleichgewicht und Maß,
und nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren
und fahren rascher, wo sie langsam fuhren,
und fühlen sich und funkeln wie die Huren
und lärmen lauter mit Metall und Glas.

Es ist, als ob ein Trug sie täglich äffte,
sie können gar nicht mehr sie selber sein;
das Geld wächst an, hat alle ihre Kräfte
und ist wie Ostwind groß, und sie sind klein
und ausgeholt und warten, dass der Wein
und alles Gift der Tier- und Menschensäfte
sie reize zu vergänglichem Geschäfte.

Rainer Maria Rilke
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Alt 05.12.2012, 02:07   #206
weiblich Zen.yu
 
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Jede Blüte will zur Frucht
Jeder Morgen Abend werden
Ewiges ist nicht auf Erden
als der Wandel als die Flucht

Auch der schönste Sommer will
einmal Herbst und Welke spüren
Halte Blatt, geduldig still
wenn der Wind dich will entführen

Spiel dein Spiel und wehr dich nicht
lass es still geschehen
lass vom Winde, der dich bricht
dich nach Hause wehen

Hermann Hesse
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Alt 03.01.2013, 11:33   #207
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Ich sehe dich in tausend Bildern

"Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht."

Novalis
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Alt 21.06.2013, 02:20   #208
männlich Trubadix
 
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Rainer Maria Rilke „Zum Einschlafen zu sagen"

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

http://www.youtube.com/watch?v=l0JFJkrTwP4
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Alt 21.06.2013, 21:39   #209
männlich Phönix-GEZ-frei
 
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Es scheint als sei´s ein Traum
so stille hinter allem steht
ein brüllen vor der Türe geht
so wie ein Bruch des Lebens

Was mich auch bricht
und zweifeln lässt, hebt mich
doch salzig Wellen nass
schwemmt mich aus Bergen
Sand und klein zerrieben

Emotional eingestellt ohne Vorbereitung!

In Liebe zu Panthern wie ihr es seid!

Ach was ich noch sagen wollte: Ich liebe Dichter! kleine wie große
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Alt 28.08.2013, 17:23   #210
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Standard Morgenländisches Liebeslied

Morgenländisches Liebeslied

Drei Tropfen Herzblut weinte ich um dich.
Von ihrer Röte tranken alle Rosen.
Siehst du den Wind ein Rosenblatt liebkosen,
Rot wie mein Blut: Denke du an mich.

Ich war ein Kind, dem alle Wolken sangen,
Sie wiegten sich in meinem jungen Traum.
Mein waren Stern und See und lichter Baum
In Waldesfrühe schlank und taubehangen.

Nachts bot der Mond mir seinen Silberball.
Die Blumen baten; Nimm von unsern Düften.
Mir wob der Frühling Träume aus Kristall
Und hängte mir sein Blühen um die Hüften.

Das alles warf ich fort , wie Kinder tun
Mit ihren müdgespielten Kieselsteinen,
Um einen Pulsschlag in dir auszuruh'n
Und dann mein leztes Herzblut zu verweinen.

Mascha Kalèko
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Alt 28.08.2013, 17:36   #211
Thing
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Habe Dank für die Präsentation!
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Alt 16.09.2013, 15:27   #212
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Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte


“Wenn ich mein Leben
noch einmal leben könnte, im nächsten Leben,
würde ich versuchen, mehr Fehler zu machen.
Ich würde nicht so perfekt sein wollen, ich würde mich mehr entspannen.

Ich wäre ein bisschen verrückter, als ich es gewesen bin,
ich würde viel weniger Dinge so ernst nehmen.
Ich würde nicht so gesund leben, würde mehr riskieren.
Ich würde mehr reisen, mehr Sonnenuntergänge betrachten,
mehr bergsteigen, mehr in Flüssen schwimmen.

Ich würde an mehr Orte gehen, wo ich vorher noch nie war.
Ich würde mehr Eis essen and weniger dicke Bohnen.
Ich würde mehr echte Probleme als eingebildete haben.

Ich war einer dieser klugen Menschen, die jede Minute ihres Lebens fruchtbar verbrachten.
Freilich hatte ich auch Momente der Freude, aber wenn ich noch einmal anfangen könnte,
würde ich versuchen, nur mehr gute Augenblicke zu haben.

Falls du es noch nicht weißt, aus diesen besteht nämlich das Leben, nur aus Augenblicken.
Vergiß nicht das Jetzt!

Ich war einer derjenigen, die nirgendwo hingingen
ohne ein Thermometer, eine Wärmeflasche, einen Regenschirm und Fallschirm.
Wenn ich noch einmal leben könnte, würde ich leichter reisen.

Wenn ich noch einmal leben könnte,
würde ich von Frühlingsbeginn an bis in den Spätherbst hinein barfuß gehen.
Ich würde mehr Karussel fahren, mir mehr Sonnenaufgänge ansehen und mehr mit Kindern spielen,
wenn ich das Leben noch vor mir hätte.

Aber sehen Sie… ich bin 85 Jahre alt und weiß, daß ich bald sterben werde.”


Jorge Luís Borges (1899 -1987)*
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Alt 02.10.2013, 08:47   #213
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Ich hab auf deine Stirn gegossen

Ich hab auf deine Stirn gegossen
Den milden Hauch der Poesie,
Und deine lieblichsten Gedanken,
Ich tauchte sie in Melodie.

Was suchst du auf der weiten Erde,
Was doch nur meine Brust dir gibt,
Wie könntest du es je vergessen,
Daß du den Dichter einst geliebt.

O schweife nicht ins Grenzenlose,
In meinem Herzen ruht der Schatz,
Und sieh, an deiner Schläfe dämmert
Der Schatten eines Efeublatts.

Theodor Storm
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Alt 05.10.2013, 20:44   #214
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Standard Das Bruderhaus

...Schon früh gab es Leute, denen das Gesumm der Waldbienen erbaulicher zu Gemüte sang als das Zungengeräusch am Stadtbrunnen; Leute auch, die im Rhythmus eines Mückenreigens den Taktstock eines allmächtigen Dirigenten ahnten. Auch mochte dem einen oder andern das Gebraus über Krone und Wipfel erhebender zu Ohren dringen als ein Prädikantenwort...
Hans Kägi - Johanniskraut
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Alt 05.10.2013, 23:30   #215
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Standard Walter Rheiner 1895-1925

Expressionismus

Zerhau das Wort, die Form, den Ton. Begriff!
Ob allen Trümmern wogend, Ätherschiff.

Stürz nieder in die Schlucht! Zerbrich den Bau.
Schlepp Brocken an, krystallisch und genau.

Zerspreng den Unsinn! Hau den Knoten durch!
Aus Fetzen bilde trunken Menschen-Burg!

Bedenke nicht das Was und nicht das Wie.
Der Kosmos weiß nicht seine Harmonie.

O Menschgewimmel, Fetzen Fleisch und Blut,
Schutt-Stadt und Pflanzgerüst und Lava-Glut!

O Tier-Maschine! Seele breiter Fluß!
Aus Blitzen alle Nahrung kommen muß.

Pan-Teufel-Gott und Dämon-Engel-Tod.
In tieferen Fernen rauschest du, Idiot!

Aus Erde, Wasser, Luft und Feuer spie
dich Menschen übermenschlich Symphonie

Ja-:Flamme, Geist und Mord und ewiges Licht,
entsteht dein Bild, dein Lied, dein Bau - Gedicht!
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Alt 06.10.2013, 14:39   #216
männlich Ex Rivus
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Standard Hafis (1320-1390)

Als der Lichtglanz deiner Anmut
sich enthüllte vor der Zeit,
Da entsprang der Liebe Lohe,
Feuer zündend weltenweit.

Engel schauten deine Schöne
ohne Fühlen an; entbrannt
Schleuderte die Liebe Flammen
tief in Adams Menschlichkeit.

Seinen Docht am Licht zu zünden,
strebte der Verstand; sogleich
Zückte Liebe eifersüchtig
Blitze, warf die Welt in Streit.

Dem geheimen Schauplatz nahte
der Betrüger; doch es stieß
Eine Faust aus dem Verborgnen
ihn zurück, der ungeweiht.

Mögen andre ihre Lose
wählen, wie die Lust sie heißt;
Ich, des Herz in Leid erfahren,
wähle dieses Los voll Leid:

In den Abgrund Deines Grübchens
stürzt mich Sehnsucht, doch im Sturz
Hoff ich, Deiner Locken Ringe
hältst Du mir zum Heil bereit!

Hafis schrieb an jenem Tage
Deiner Liebe Wonnelied,
Da er strich im Lebensbuche,
was das Herze sonst erfreut.


(Ghasel von Hafis übertragen durch Johann Christoph Bürgel)

Hafis verwendet in der vorletzten Zeile angeblich das Wort "tarabname" = "Buch der Lust" oder "Lustbuch"
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Alt 18.10.2013, 13:45   #217
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Der Herbst des Einsamen

Der dunkle Herbst kehrt ein voll Frucht und Fülle.
Vergilbter Glanz von schönen Sommertagen.
Ein reines Blau tritt aus verfallner Hülle;
Der Flug der Vögel tönt von alten Sagen.
Gekeltert ist der Wein, die milde Stille
Erfüllt von leiser Antwort dunkler Fragen.

Und hier und dort ein Kreuz auf ödem Hügel;
Im roten Wald verliert sich eine Herde.
Die Wolke wandert übern Weiherspiegel;
Es ruht des Landmanns ruhige Gebärde.
Sehr leise rührt des Abends blauer Flügel
Ein Dach von dürrem Stroh, die schwarze Erde.

Bald nisten Sterne in des Müden Brauen;
In kühle Stuben kehrt ein still Bescheiden
Und Engel treten leise aus den blauen
Augen der Liebenden, die sanfter leiden.
Es rauscht das Rohr; anfällt ein knöchern Grauen,
Wenn schwarz der Tau tropft von den kahlen Weiden.

Georg Trakl
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Alt 14.12.2013, 12:16   #218
männlich Martand
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Jeden Tag erbaulich, wie ich finde, oder die "Quintessenz"



Joseph von Eichendorff


An die Dichter



Wo treues Wollen, redlich Streben
Und rechten Sinn der Rechte spürt,
Das muß die Seele ihm erheben,
Das hat mich jedesmal gerührt.

Das Reich des Glaubens ist geendet,
Zerstört die alte Herrlichkeit,
Die Schönheit weinend abgewendet,
So gnadenlos ist unsre Zeit.

O Einfalt gut in frommen Herzen,
Du züchtig schöne Gottesbraut!
Dich schlugen sie mit frechen Scherzen,
Weil Dir vor ihrer Klugheit graut.

Wo find'st Du nun ein Haus, vertrieben,
Wo man Dir Deine Wunder läßt,
Das treue Thun, das schöne Lieben,
Des Lebens fromm vergnüglich Fest?

Wo findest Du den alten Garten,
Dein Spielzeug, wunderbares Kind,
Der Sterne heil'ge Redensarten,
Das Morgenroth, den frischen Wind?

Wie hat die Sonne schön geschienen!
Nun ist so alt und schwach die Zeit;
Wie steh'st so jung Du unter ihnen,
Wie wird mein Herz mir stark und weit!

Der Dichter kann nicht mit verarmen;
Wenn Alles um ihn her zerfällt,
Hebt ihn ein göttliches Erbarmen -
Der Dichter ist das Herz der Welt.

Den blöden Willen aller Wesen,
Im Irdischen des Herren Spur,
Soll er durch Liebeskraft erlösen,
Der schöne Liebling der Natur.

D'rum hat ihm Gott das Wort gegeben,
Das kühn das Dunkelste benennt,
Den frommen Ernst im reichen Leben,
Die Freudigkeit, die Keiner kennt.

Da soll er singen frei auf Erden,
In Lust und Noth auf Gott vertrau'n,
Daß aller Herzen freier werden,
Erathmend in die Klänge schau'n.

Der Ehre sei er recht zum Horte,
Der Schande leucht' er ins Gesicht!
Viel Wunderkraft ist in dem Worte,
Das hell aus reinem Herzen bricht.

Vor Eitelkeit soll' er vor Allen
Streng hüten sein unschuld'ges Herz,
Im Falschen nimmer sich gefallen,
Um eitel Witz und blanken Scherz.

O laßt' unedle Mühe fahren,
O klingelt, gleißt und spielet nicht
Mit Licht und Gnad', so ihr erfahren,
Zur Sünde macht ihr das Gedicht!

Den lieben Gott laß in Dir walten,
Aus frischer Brust nur treulich sing'!
Was wahr in Dir, wird sich gestalten,
Das andre ist erbärmlich Ding. -

Den Morgen seh' ich ferne scheinen,
Die Ströme zieh'n im grünen Grund,
Mir ist so wohl! - die's ehrlich meinen,
Die grüß' ich All' aus Herzensgrund!
Martand ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.12.2013, 18:29   #219
weiblich Rosenblüte
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Wer glaubt noch...

Wer glaubt noch,
daß uns drüben Korallenbäume erwarten,
und Vögel, die das Geheimnis singen
und ab und zu die beinernen Schnäbel
ins rosa gefärbte Wasser tauchen,
und daß man uns abholen wird
zu Gerüchen
nach aufgebrochenen Mandelkernen
und den weißen Wurzeln seltener Pflanzen?
Ach, der Tod wird nach Pfeffer
und Majoran riechen,
weil er vorher im Laden beim Krämer saß,
der am silbrigen Schwanz
eines Salzherings erstickte.

Hertha Kräftner (1928-1951)

http://diestandard.at/1207285391832/...et-haben-werde

Dank Internet werden auch vergessen geglaubte Autor/innen wieder bekannter.
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Alt 13.01.2014, 16:13   #220
Thing
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Abschiedsworte an Pellka


Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
Du Ungleichrunde,
Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
Du Vielgequälte,
Du Gipfel meines Entzückens.
Jetzt kommt der Moment des Zerdrückens
Mit der Gabel! -- Sei stark!
Ich will auch Butter und Salz und Quark
Oder Kümmel, auch Leberwurst in dich stampfen.

Musst nicht so ängstlich dampfen.
Ich möchte dich doch noch einmal erfreun.
Soll ich Schnittlauch über dich streun?
Oder ist dir nach Hering zumut?
Du bist so ein rührend junges Blut. --
Deshalb schmeckst du besonders gut.
Wenn das auch egoistisch klingt,
So tröste dich damit, du wundervolle
Pellka, dass du eine Edelknolle
Warst, und dass dich ein Kenner verschlingt.




Joachim Ringelnatz
1883 - 1934
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Alt 14.01.2014, 19:26   #221
weiblich Ex LoudlyQuiet
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George Gordon Noel Lord Byron (1788-1824)
Als sich mit Schmerzen

Als sich mit Schmerzen,
In Tränen und stumm,
Trennten die herzen,
Wer sagt, Warum?-
Kalt dein Gesicht und blass,
Kälter dein Kuss,
O damals ahnt ich, was
Nun kommen muss.

Es taute der Morgen
So schaurig kühl,
Mich warnte verborgen
Ein Vorgefühl
Die Schwüre verwehten,
Die Ehre zerbrach,
Dein Ruf ist zertreten,
Und mein deine Schmach

Dein Name umklingt mich
Wie Totengeläut
Ein Schauer durchdringt mich,
Als liebt ich noch heut.
Wie gut ich dich kannte,
Wem ist es bewusst?
Wer weiß, wie mir brannte
Von Reue die Brust?

Verstohlen besessen,
Verstohlen beweint,
Das du mich vergessen,
verraten den Freund!
Nach langem Büßen,
Wenn Jahre herum,
Wie soll ich dich grüßen?
In Tränen und stumm.


Eins meiner absoluten Lieblingsgedichte!
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Alt 20.01.2014, 15:19   #222
weiblich marlenja
 
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Auf die Gesundheit meiner Liebsten

Was ich schlafe, was ich wache,
Was mir träumet für und für,
Was mir Angst macht, was Begier,
Was ich lasse, was ich mache,
Was ich weine, was ich lache,
Was ich nehm an Kost zu mir,
Schreibe, lese, denke hier,
Was ich tu, was ich nicht tu,
Nichts und Alles, Hast und Ruh,
Angst und Freuden, Lust und Schmerz,
Dieses alles, alles das,
Tu ich hier ohn Unterlass,
Tu ich nur für dich, mein Herz.

Paul Flemming
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Alt 20.02.2014, 19:51   #223
weiblich Ilka-Maria
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Standard Im ersten Licht

Wennw ir uns gedankenlos getrunken haben
aus einem langen Sommerabend
in eine kurze heiße Nacht
wenn die Vögel dann früh
davonjagen aus gedämpften Färbungen
in den hellen tönenden frischgespannten Himmel

wenn ich dann über mir in den Lüften
weit und feierlich micht dehne
in den mächtigen Armen meiner Toccata

wenn du dann neben mir im Bett
deinen ausladenden Klangkörper bewegst
dich dumpf aufrichtest und zur Tür gehst

und wenn ich dann im ersten Licht
deinen fetten Arsch sehe
deinen Arsch
verstehst du
deinen drüben verstimmten ausgeleierten Arsch

dann weiß ich wieder
daß ich dich nicht liebe
wirklich
dich einfach nicht liebe

Karin Kiwus

(Quelle: "Frankfurter Anthologie, Band 4", 1979)
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.04.2014, 14:53   #224
männlich Fridolin
 
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FRIEDERIKE KEMPNER (1836 - 1904):

Sonnet

Blümlein auf der Au,
Bläumlein, wunderblau,
Sag, was zitterst so?
Murmelt's irgendwo?

Bächlein, silberblau,
Bächlein durch die Au,
Gürtel ziehest so,
Mündest irgendwo?

Fischlein auf dem Grund
Mit den Aeuglein klein,
Fischlein, schlank und bunt;

Wag es, Fischlein mein
Wag's zu jeder Stund,
Schwimm in's Meer hinein!
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Alt 30.04.2014, 15:13   #225
Thing
R.I.P.
 
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Alter: 74
Beiträge: 35.127

Ja, der schlesische Schwan war wirklich trefflich!
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Alt 28.06.2014, 14:31   #226
männlich Beteigeuze
 
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Beiträge: 110

Eine Erscheinung


I
Die Finsternis

In den Gewölben unerforschter Trauer,
in die mich das Geschick hinabverbannt,
in die kein froher Lichtstrahl Eingang fand
und wo als Gast der nächtlich bösen Schauer

ich einem Maler gleiche, den zum Scherz
ein Gott verdammt zu malen, ach! im Düstern;
wo ich, als Koch auf grause Speisen lüstern,
dich sieden und verzehren will, mein Herz,

dort funkelt plötzlich auf und wächst und weitet
ein Schattenbild sich voller Reiz und Pracht,
das träumerisch nach Art des Ostens schreitet;

sobald zur vollen Größe es erwacht,
erkenne ich den Geist so schön und flimmernd:
denn Sie ist es! so düster und so schimmernd.


II
Der Duft

Mein Leser, atmetest du schon die Luft
voll Weihrauchwolken, die durch Kirchen schweben,
dem trunkenen Genießen hingegeben,
und eines Kissens alten Moschusduft?

Wenn solche Reize magisch uns erheben,
steigt die Vergangenheit aus ihrer Gruft!
So pflückt man, wenn die Liebe wieder ruft,
die Blumen, die in der Einnrung leben.

Und dem geschmeidigen und schweren Haar,
ein Düftekissen und ein Weihrauchfänger,
entstieg ein Tiergeruch, ein wilder, strenger …

Ihr Kleid, das ganz aus Samt und Seide war,
das ihre reine Jugendfrische hüllte,
ein herber Duft, wie Fellgeruch, erfüllte.


III
Der Rahmen

So wie die Rahmen, die ein Bild umkleiden,
mag es auch noch so schön und kostbar sein,
ihm erst den ganz besondren Reiz verleihn,
indem sie streng von der Natur es scheiden,

so dienten Schmuck und goldne Herrlichkeiten
als Fassung für der Schönheit Edelstein;
nichts trübte mehr den wunderbaren Schein,
umrahmt von schimmernden Geschmeiden.

Bisweilen meinte sie, so schien’s, es sollte
die ganze Menschheit sie nur lieben; tollte
sie nackten Leibes und mit süßer Lust

in Küssen von Damast und weichem Leinen,
so wollte jede Regung unbewusst
wie eines Äffchens zarte Anmut scheinen.


IV
Das Bild

Die Krankheit und der Tod als Schlacken glühen
der großen Feuersbrunst, die uns umfing.
Von diesen Augen, die so zärtlich sprühen,
von diesem Mund, an dem mein Herz verging,

von diesen Küssen – mächtige Befehle –
von der Verzückung lebensvollem Strahl,
was bleibt davon? O schrecklich, meine Seele!
nichts als ein blasses Bild, verwischt und fahl,

das nun gleich mir verdirbt in Einsamkeiten;
die Zeit streift es, ein Greis von schlechter Gunst,
mit rauher Schwinge im Vorübergleiten …

Du Mörder alles Lebens und der Kunst,
du tötest die Erinnerung mir nimmer
an sie, die Lust und Ruhm mir war für immer!

– Charles Baudelaire –

(Übersetzung: Carl Fischer)

Geändert von Beteigeuze (28.06.2014 um 17:43 Uhr)
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Alt 28.06.2014, 17:39   #227
Thing
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Wer hat die Übersetzung geschaffen?
Meisterwerk.
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Alt 28.06.2014, 17:45   #228
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Hatte ich vergessen anzufügen, ist nun erledigt

Carl Fischer hat absolut meisterhafte Übersetzungen aus der französischen Lyrik geliefert. Ganz besonders muss man ihn für seine Leistung des an sich unübersetzbaren Stéphane Mallarmé rühmen. Aber natürlich empfinde ich auch seine Baudelaire-Übersetzungen mit als die besten.

EDIT: Wieder beim Tippen geschludert

Geändert von Beteigeuze (28.06.2014 um 18:58 Uhr)
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Alt 03.07.2014, 18:53   #229
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Standard Kassia

Längst vergessen? Vielleicht doch nicht ganz.
Kassia, die früheste Komponistin des Abendlandes. Ihre Hymnen sind nicht nur wegen des Gesanges, sondern vor allem wegen der Texte eines des grossartigsten Erbes, das uns Byzanz hinterlassen hat.
Ohne Kassia hätte es keine Hildegard von Bingen und keine gregorianischen Gesänge gegeben. Ihr Einfluss reicht weit bis in die Neuzeit und Gegenwart, ich erinnere nur an Michael Cretu und sein Musikprojekt Enigma. All das wäre wohl ohne Kassia nicht möglich werden, ihr Einfluss ist immer noch zu spüren, nur sie selbst geriet wohl in Vergessenheit. Schade.

Zu diesem Thema eine Empfehlung für alle, die sich Kassias Hymnen mal in beeindruckender Qualität anhören möchten:

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Alt 08.07.2014, 20:01   #230
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Venus Anadyomene


Grad wie aus einem grünen Blechsarg, voll Pomade
Die braunen Haare, träge, faul, entsetzlich dumm,
Hebt sich ein Frauenkopf aus einem alten Bade,
Kaum ausgeflickt die Mängel, die man sieht ringsum;

Dann fett und grau der Hals, ragende Schulterblätter;
Der kurze Rücken, der sich senkt wie eine Bucht;
Dann runde Lenden, die zum Scheine Schwung gesucht; –
Wie flache Schuppen glänzt’s und macht die Haut noch fetter; –

Das Rückgrat schimmert rötlich, und all dieses lässt
Seltsam erschaudern; doch vor allem stellt man fest,
Dass eine Lupe fehlt, manch eigen Ding zu knacken …

Zwei Worte, Clara Venus, in die Lenden eingeritzt;
– Der Körper reckt sich, spannt die breiten Hinterbacken,
Wo scheußlich schön am After eine Schwäre sitzt.

– Arthur Rimbaud –
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Alt 09.07.2014, 19:55   #231
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Manche freilich


Manche freilich müssen drunten sterben
wo die schweren Ruder der Schiffe streifen,
andere wohnen bei dem Steuer droben,
kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.

Manche liegen mit immer schweren Gliedern
bei den Wurzeln des verworrenen Lebens,
anderen sind die Stühle gerichtet
bei den Sibyllen, den Königinnen,
und da sitzen sie wie zu Hause,
leichten Hauptes und leichter Hände.

Doch ein Schatten fällt von jenen Leben
in die anderen Leben hinüber,
und die leichten sind an die schweren
wie an Luft und Erde gebunden.

Ganz vergessener Völker Müdigkeiten
kann ich nicht abtun von meinen Lidern,
noch weghalten von der erschrockenen Seele
stummes Niederfallen ferner Sterne.

Viele Geschicke weben neben dem meinen,
durcheinander spielt sie alle das Dasein,
und mein Teil ist mehr als dieses Lebens
schlanke Flamme oder schmale Leier.

– Hugo von Hofmannsthal –
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