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Alt 03.08.2020, 18:46   #1
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Standard Vermisst

Simone ging es nicht besser, seit sie Patrick gefunden hatten. Die Anspannung der endlos langen Wochen, die hinter ihr lagen, war einem Zorn gewichen, den sie nicht zu zügeln vermochte und den Bruno geduldig über sich ergehen ließ, weil er wusste, dass er nicht ihm galt, sondern der Polizei.

Simone war überzeugt davon, dass das Suchkommando die Fahndung nach Patrick viel früher hätte aufnehmen müssen. Der Polizist, der die Vermisstenanzeige entgegengenommen hatte, zeigte für Simones und Brunos Besorgnis nicht mehr Verständnis, als er aufgrund seiner Routine für angemessen hielt: Neunzehn Jahre alt? Da bleibt man schon mal von zu Hause weg und vergisst, den Eltern Bescheid zu sagen. Bestimmt ein Mädchen. Frisch verliebt. Nichts Ungewöhnliches in seinem Alter. Der kommt mit Sicherheit wieder, das ist in den meisten Fällen so, damit kennen wir uns aus.

Aber Patrick kam nicht wieder, war weder bei einem Mädchen, noch bei seinen Freunden, nahm keine Anrufe auf seinem Smartphone an und und beantwortete keine SMS. Auch die Ausschau nach dem silbergrauen Polo, den Bruno ihm zum achtzehnten Geburtstag geschenkt hatte, war vergebens.

Nach Tagen des Wartens machten die Einsatzkräfte der Polizei endlich mobil und suchten die Umgebung ab. Mit einer Staffel an Spürhunden durchkämmten sie Felder und Wiesen, durchstreiften das Waldgebiet, klapperten Campingplätze und Bootsverleihe ab, schickten Berufstaucher in die umliegenden Seen, ließen den Main mit einem Sonarboot absuchen und setzten sogar einen Hubschrauber ein.

Obwohl die Polizei Patricks Smartphone hatte orten und sich deshalb auf ein Gebiet bei Hanau nahe der B45 konzentrieren können, blieben Patrick und der Polo wie vom Erdboden verschluckt, so dass Simones innere Stimme, es müsse etwas Schlimmes geschehen sein, immer lauter wurde und sie wahnsinnig zu machen drohte. Brunos unerschütterliche Zuversicht, alles sei nur ein Traum, aus dem man am Ende glücklich erwachen werde, konnte sie nicht beruhigen, sondern ließ sie in Tränen ausbrechen und noch tiefer in Verzweiflung stürzen, so dass sie vorzog, ihm aus dem Weg zu gehen. Seine Ignoranz gegenüber der dunklen Ahnung, die wie ein böser Geist durch das Haus wehte, waren ihr ohnehin unterträglich geworden.

Nach zehn Wochen, in denen nicht die kleinste Spur von Patrick gefunden werden konnte, die eine weitere Suche gerechtfertigt hätte, stellte die Polizei die Fahndung ein. Simone, seelisch erschöpft, ließ ihrer Verbitterung hemmungslos Lauf, indem sie dem Einsatzteam Schlamperei, Versagen und alle weiteren Unzulänglichkeiten dieser Welt vorwarf, was der verantwortliche Ermittler mit Bedauern, aber in psychologisch geschulter Gelassenheit über sich ergehen ließ. Bruno, nicht minder schicksalsergeben, reizte sie mit seiner Ruhe bis zum Überlaufen, so dass sie ihm auf dem Weg druch das Wohnzimmer das volle Bierglas aus der Hand schlug und ihm vorwarf, er sei ein gefühlloser Egoist, denn einem richtigen Vater wäre in dieser Situation nicht danach zumute, es sich mit einem Bier auf der Veranda gemütlich zu machen. Bruno ließ sich nicht provozieren, sondern packte ein paar Sachen in einen Handkoffer und flüchtete zu seinen Eltern, die in der Wetterau einen Bauernhof bewirtschafteten.

Am Tag danach rief ihn Simone an und bat ihn, zurückzukommen, um ihr zu helfen. Sie könne nicht untätig herumsitzen, sondern wolle sich auf eigene Faust auf die Suche nach Patrick und den Polo machen, denn schließlich hätte man sein Handy orten könne, also müsse er irgendwo da draußen sein.

Unermüdlich suchten sie gemeinsam das verdächtige Gebiet ab, von morgens früh bis zur Abenddämmerung. Am dritten Vormittag, noch ehe die Sonne den Zenit erreicht hatte, fanden sie den zerstörten Polo mit Patricks Leiche hinter einem dichten, hohen Gebüsch nahe der Zufahrt zur B45.

Simone schien Recht behalten zu haben: Nur Nachlässigkeit und Unfähigkeit konnten der Grund dafür gewesen sein, dass die Fahndungskräfte der Polizei nicht in der Lage gewesen waren, innerhalb von zehn Wochen den Polo zu entdecken. „Kann durchaus vorkommen,“ lautete die Erklärung der Ermittler, „dass man bei dichtem Bewuchs ein Wrack von einem Hubschrauber aus nicht sichten kann.“ Simone hielt das für eine Ausrede, denn sie und Bruno waren der glasklare Beweis, dass eine Suche auch ohne Hubschrauber und Spürhunde erfolgreich sein konnte. Die Presse hielt sich indessen mit Kritik am Polizeieinsatz zurück und berichtete stattdessen von einem Wunder, denn nur durch einen Zufall hätten die Eltern ihren Jungen in dieser Wildnis entdecken können.

Doch wenn Simone gedacht hatte, der Fall sei mit dem Auffinden des Wracks und der Leiche aufgeklärt, hatte sie sich getäuscht. Bei der Untersuchung, der zunächst die Vermutung eines Unfall zugrunde lag, wurde kein Fremdverschulden festgestellt. Auch sonst war nicht schlüssig rekonstruierbar, wie es an einer Stelle, die nicht als unfallträchtig galt, mit einem technisch einwandfreien Fahrzeug zu dem Unglück hatte kommen können. Mit anderen Worten: Die Polizei konnte einen Suizid nicht ausschließen.

Es war nicht vorbei. Simone stand vor neuen Fragen, die ihr schmerzhafter zusetzten als alles, was sie mehr als zehn Wochen lang ertragen hatte. Sie hatte geglaubt, Patrick zu kennen, ihn glücklich zu wissen, frei von Sorgen und Zukunftsängsten, gesegnet mit der Energie seiner Mutter und der Ausgeglichenheit seines Vaters, ein Junge, der nie Scherereien hatte und der zuversichtlich auf die Zukunft blicken konnte, weil er diplomatisches Geschick besaß und überall gerne gesehen war. Ein Glückskind.

Nein, es war nicht vorbei. Simone ging es nicht besser, nachdem sie Patrick gefunden hatten. Im Gegenteil.
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