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Sonstiges und Experimentelles Andersartige, experimentelle Texte und sonstige Querschläger.

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Alt 09.11.2017, 07:32   #1
männlich fkms
 
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Standard M

„Der Anfang der Geschichte ist gleichzeitig auch ihr Ende. Und zwar möchte ich gleich zu Beginn den Wunsch töten. Und die Hoffnung leben lassen.“ Solche Gedanken hatte er, als er am Seeufer sass und erste Versuche unternahm seine wirren Gedanken aufzuschreiben.

Die See war unruhig, kleinere und grössere Wellen brachen ineinander als wäre ihre Existenz nur dadurch begründet, uns Menschen ein Schauspiel der Wogen zu bieten, oder der See ihren Klang zu geben. Der Wind spielte die Melodie aus der Ferne, und in ihm waren die Klänge und Klagen von Millionen anderer Wellen und Wesen.

M war an diesem Tag im Spätsommer jeglichen Verpflichtungen fern geblieben. Alles auf Pause. Die Welt war für ihn seit einiger Zeit stehen geblieben. Ein klares Gefühl, dass sie sich nicht mehr um ihn drehte. Diese Erkenntnis war einerseits wie eine Befreiung, denn dadurch schienen sich alle Bürden und Verpflichtungen aufzulösen. Andererseits macht ihm diese nackte Wahrheit klar, dass er ein niemand war.
„Der Wunsch ist ein Betrüger. Nie passiert etwas genau so wie es der Wunsch will. Die Hoffnung hingegen lässt Alternativen und Möglichkeiten zu. Alles scheint möglich zu sein – Schicksal, Fügung und Zufall.“

Diese Passage liess ihn nachdenken. Wie oft in seinem Leben hatte er Wünsche gehabt, die selten oder nie in Erfüllung gegangen waren. Wer oder was bestimmte das? Wer hatte die Kontrolle darüber, wessen Wünsche in Erfüllung gehen sollten? Gab es einen Allmächtigen Verwalter, jemand der per Daumen hoch oder Daumen runter über jemandes Wünsche entscheiden würde? M war müde geworden von all diesen Fragen. Von nun an würde sein ganzes Leben auf dem Prinzip Hoffnung beruhen. Obwohl, erst die Zuversicht der Hoffnung lässt Wünsche gedeihen.
„Aber, wenn ich so darüber nachdenke, ich habe auch die Hoffnung vergraben. Im Grunde genommen, also tief in meinem Herzen, bin ich alleine da. Ohne Wunsch und ohne Hoffnung. Und ohne Menschennähe. Und ohne Zuneigung. Ach ja, auch ohne Liebe.“

Er legte den Stift auf dem Schreibblock, und blickte auf die See. Der Wind streifte unaufhaltsam durch sein Haar und wirbelte es zu tausend Formen. Die Wogen überschlugen sich, Wolken waren aufgezogen und hatten der See einen grünen Anstrich verpasst. M’s Blick war wie erstarrt, war an einem Punkt am Horizont fokussiert. In genau diesem Augenblick sah man wie sich alle Wünsche und Hoffnungen, die er jemals hatte, einzeln umbrachten, in dem sie von einer Klippe hinter dem Horizont in den Abgrund sprangen. Er verharrte in dieser Haltung für einige Minuten. Genau in diesem Moment offenbarte sich ihm wieder der Stillstand seiner Welt. Er wirkte leer und strahlte das auch aus. Eine blasse Leere gefüllt mit Schmerz und Zucker. Ein bitterer Honig, der zu lange in Blut eingelegt war.

„Was bleibt mir noch. Wo ist es geblieben, das was mir bleibt. Fragen deren Antworten sich im Schleier eines Nebels verfangen oder versteckt haben,“ flüsterte er sich selber zu. Als dürfte niemand davon erfahren, in welch erbärmlichen Zustand seine Seele war. Er blickte auf die Uhr, packte seine Sachen in seine alte Umhängetasche und stand auf und ging, während der Horizont seine Gedanken verschlang.

Geändert von fkms (09.11.2017 um 10:25 Uhr)
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hoffnung, see, wunsch

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