Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Geschichten und sonstiges Textwerk > Sonstiges und Experimentelles

Sonstiges und Experimentelles Andersartige, experimentelle Texte und sonstige Querschläger.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 29.10.2017, 22:49   #1
weiblich Linya
 
Dabei seit: 10/2017
Alter: 19
Beiträge: 27

Standard Ich sage dir, am schlimmsten sind die, die es nie gab...

Auf jedes Hoch folgt ein Tief.
Auf jeden Anfang folgt ein Ende.
Auf jedes Kennenlernen folgt ein Verabschieden.

"Abschied" schon das Aussprechen schmeckt bitter auf der Zunge.
Kratzt im Hals.
Ich hasse Abschiede, vorallem diese, die es nie gab.
Nichts hasse ich mehr auf dieser Welt als Abschiede.
Ich sagte dir, am schlimmsten sind die unausgesprochenen.
Wenn es einfach von jetzt auf gleich in einem Schweigen zu Ende geht.
Ich sage dir, am schlimmsten sind die, die es niemals gab.
Man sitzt tagtäglich da, und hofft.
Vielleicht kommt da ja doch noch was?
Er hat ja nicht gesagt oder angedeutet, dass er sich nicht mehr melden wird.
Gestern kein Wort, aber heute vielleicht?
Heute kein Wort, aber morgen vielleicht?
Gefangen ohne Fesseln.
Aber gefangen.
Gefangen in zäher Unwissenheit.
Gefesselt in morscher Ungewissheit.

Der eine wollte "klare Verhältnisse schaffen".
Der andere wollte "niemals enttäuschen".
Alles endete im Schweigen.
Nichts wurde umgesetzt.
Alles leere Worte.
Und es ist ja nicht so, dass wir nie drüber sprachen, wie oft sagte ich dir damals, wie sehr ich dieses schweigsame Ende hasse.
Wie sehr ich Abschiede hasse, die es nie gab.

Schreib mir doch, du willst nichts mehr mit mir zu tun haben.
Schreib mir, du hast mir nichts mehr zu sagen.
Schreib mir, dass ich dir egal geworden bin.
Schreib mir, dass du eine andere hast. Eine bessere.
Schreib mir alles mögliche, aber schreib mir irgendwas.

Damit ich abschließen kann.

Du und ich?
Irgendwann früher vielleicht, aber viel zu lange nich'.

Der einzige Beweis, dafür, dass es mal einen Anfang gab, dass es mal eine Zeit zwischen Anfang und Ende gab, sind deine Bücher in meinem Regal.
Die sind wirklich da.
Ich kann sie sehen, sie berühren.
In den Seiten blättern, mich an ihnen festhalten.
Das ist mir von dir geblieben.
Deine Worte hingegen sind fern und unerreichbar.
Leer und nicht greifbar.
Ja, da muss mal was gewesen sein.
Vielleicht, war ich dir sogar mal wichtig.
Vielleicht hast du mich irgendwann mal gesehen.
Vielleicht dachte ich irgendwann mal, du würdest wirklich bleiben und es würde keinen Abschied geben.

Ich habe mich mal wieder geirrt.
Mal wieder getäuscht.
Mal wieder zu schnell vertraut.
Mal wieder war ich zu naiv.
Mal wieder ist mir jemand zu schnell zu wichtig geworden.

Mal wieder ein Abschied, den es nie gab.
Ich hasse Abschiede, die es nie gab.
Ich sage dir, am schlimmsten sind die, die es nie gab.
Linya ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.10.2017, 13:32   #2
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 3.755

Liebe Linya,
das Wort „Abschied“ hat schon einen schlechten Ruf. Ich mag viele Abschiede, von Familienfeiern zum Beispiel oder Weihnachtsfeiern

Aber von solchen Abschieden sprichst Du hier nicht. Du sprichst von den schmerzvollen, die man einfach nicht verstehen kann, weil einem der Gegenüber nicht die Möglichkeit bietet sie zu verstehen, da er sich nicht öffnet. Das sind schlimme Abschiede, die man ewig mit sich herumträgt und man das Gefühl hat, dass die Enttäuschung darüber nie vergeht. Das kenne ich gut und Du hast das anschaulich in deinem Text vermittelt. Gern gelesen!

Liebe Grüße Gylon
Gylon ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.10.2017, 18:51   #3
weiblich DieSilbermöwe
 
Benutzerbild von DieSilbermöwe
 
Dabei seit: 07/2015
Alter: 55
Beiträge: 3.462

Hallo Linya,

auch mir gefällt der Text gut. Es ist ja so einfach, sich nie mehr zu melden: Das erspart Vorwürfe, Tränen, Szenen, Schuldzuweisungen. Man macht es sich einfach und der andere kann ja leiden.

Du hast den Text sehr feinfühlig geschrieben, ohne Wut, ohne Anklage.
Gerne gelesen.

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.10.2017, 22:30   #4
weiblich Linya
 
Dabei seit: 10/2017
Alter: 19
Beiträge: 27

@Gylon

Ja, das stimmt ich habe versucht, über die schmerzvolle Art von Abschieden zu schreiben. Also über die Sorte, die nicht so einen guten Nachgeschmack hat, wie vielleicht die Sorte Abschiede von Familienfeiern ^^
Du hast das sehr gut und sehr treffend beschrieben.

Vielen Dank für das Feedback

Liebe Grüße
Linya
Linya ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.10.2017, 22:42   #5
weiblich Linya
 
Dabei seit: 10/2017
Alter: 19
Beiträge: 27

@DieSilbermöwe

Ja, so ist es. Es ist doch so unglaublich einfach sich nicht mehr zu melden...
Wie es dem Gegenüber dabei geht, scheint egal zu sein.

Auch an dich vielen Dank für deine lieben Worte zu meinem Text.

Liebe Grüße
Linya
Linya ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Ich sage dir, am schlimmsten sind die, die es nie gab...

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche


Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Die Sage lebt Nöck Philosophisches und Nachdenkliches 9 07.07.2017 06:05
Ich sage mir Madame Tinnitus Philosophisches und Nachdenkliches 5 22.02.2015 18:43
Die Sage über den Olymp gummibaum Fantasy, Magie und Religion 10 01.02.2015 14:14
neu hier, sage hi Sonnenstrahl Nutzer-Neuvorstellungen 1 30.04.2013 17:02
Sage rauchblau Gefühlte Momente und Emotionen 7 29.03.2008 17:44


Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.