Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Gedichte-Forum > Düstere Welten und Abgründiges

Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 13.07.2016, 10:31   #1
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.936

Standard Im Sog der Nacht

Ich streife durch die kalte Stadt,
ein Nebelschleier dämpft das Licht,
der fahle Mond blickt trüb und matt
und Regen netzt mir das Gesicht.

Die Straßen liegen menschenleer,
die dunklen Fenster starren blind,
das Atmen fällt auf einmal schwer,
am Häusereck, da steht ein Kind.

Die Schultern schmal, kaum vierzehn Jahr,
die dunklen Augen klagen stumpf,
sein Blick erfasst mich, mir wird klar,
das Mädchen wandelt nah am Sumpf.

Matt reagiert sein dürrer Leib
und kokettiert mit bleicher Haut.
Gekonnt wird aus dem Kind ein Weib,
das doch nur in den Abgrund schaut.

Mich fröstelt, ich hab kehrt gemacht
und löse mich aus seinem Bann.
Das Mädchen gleitet in die Nacht,
sein Schatten eilt ihm schon voran.
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2016, 14:35   #2
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.119

Standard Lieber Nöck -

ja, düster ist das Gedicht und wahrscheinlich trägt gerade die Düsternis ein gut Teil zu seiner Schönheit bei.

am Häusereck, da steht ein Kind.

würde ich ändern in

am Häusereck dort steht ein Kind

und hier:
Matt reagiert sein dürrer Leib

in

matt geagiert der magre Leib

Ansonsten wäre ich mit der Interpunktion "kennerischer" verfahren; stilistisch ließe sich noch viel daraus machen.

Ich sehe nicht nur Annette von Droste.Hülshoff hinter Deinem Gedicht hervorlugen.

Lieben Gruß
von
Cyparis
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2016, 15:18   #3
männlich Heinz
 
Benutzerbild von Heinz
 
Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 5.182

Standard Im Sog...

Hallo, Nöck
es ist sehr selten, dass ich Cyparis widerspreche, aber hier mach ichs mal:

am Häusereck, da steht ein Kind - das passt schon und der Änderungsvorschlag wäre eine "Verschlimmbesserung".

matt reagiert sein magrer Leib - das wäre zwar eine hübsche Alliteration, wirkt aber hier sehr deplatziert.
Worauf reagiert der Leib des Mädchens? Auf die Blicke des nächtlichen Spaziergängers?

Matt reagiert sein dürrer Leib (würde ich so betonen: XXxXxXxX), in dem Fall ginge auch

sehr müde wirkt sein dürrer Leib (xXxXxXxX), das würde mit dem folgenden Vers "Gekonnt wird aus dem Kind ein Weib" (xXxXxXxX) korrespondieren.

Im Lob Deines Gedichts stehe ich dicht neben Cyparis.

Gruß,
Heinz
Heinz ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2016, 15:31   #4
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.119

Das dürr gefällt mir nicht. In meinen Augen paßt das eher zu einer Greisin oder auch Bettlerin.
Wessen jungen Mnnes Blick fällt schon auf einen mageren oder gar dürren Leib?

Zweige können dürr sein, (heutige Mannequins sind zaunrackerdürr) -
zu der angedeuteten Lolita im Gedicht, deren Leib schlank sei -
bitte nicht mager- paßt es nicht.

Aber wenn ich heute Nacht wieder nixht schlafen kann, widme ich mich noch einmal dem Gedicht.
Auf irgendjemandes Liste steht es bereits.

LG
Romulus v. Thing
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2016, 15:33   #5
weiblich Ex Wanda
abgemeldet
 
Dabei seit: 05/2016
Beiträge: 174

Zitat:
Zitat von Nöck Beitrag anzeigen
Ich streife durch die kalte Stadt,
ein Nebelschleier dämpft das Licht,
der fahle Mond blickt trüb und matt
und Regen netzt mir das Gesicht.

Die Straßen liegen menschenleer,
die dunklen Fenster starren blind,
das Atmen fällt auf einmal schwer,
am Häusereck, da steht ein Kind.

Die Schultern schmal, kaum vierzehn Jahr,
die dunklen Augen klagen stumpf,
sein Blick erfasst mich, mir wird klar,
das Mädchen wandelt nah am Sumpf.

Matt reagiert sein dürrer Leibund kokettiert mit bleicher Haut.
Gekonnt wird aus dem Kind ein Weib,
das doch nur in den Abgrund schaut.

Mich fröstelt, ich hab kehrt gemacht
und löse mich aus seinem Bann.
Das Mädchen gleitet in die Nacht,
sein Schatten eilt ihm schon voran.
Nur mein Vorschlag zur Güte:
Wie matt agiert sein dünner Leib,
er kokettiert mit bleicher Haut ...


...wäre dem Reim bekömmlicher geschuldet. Ansonsten gefällt mir, wie schon bei der kleinen Selbstmörderin, der Klang deiner Lyrik, die Düsternis, die sie vermitteln kann. Ich fühlte mich spontan an Tamara Danz' "bataillon d'amour" erinnert.

Liebe Grüße
Wanda
Ex Wanda ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2016, 16:03   #6
männlich Heinz
 
Benutzerbild von Heinz
 
Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 5.182

Standard Im sog..

Noch ein Vorschlag:

Gebrechlich wirkt sein magrer Leib

Heinz
Heinz ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 27.07.2016, 16:13   #7
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.252

Ich hätte einen etwas gewagten, aber für mein Empfinden sehr poetischen und vielfach deutbaren Begriff:

Matt reagiert sein spröder Leib.

Mit dem "dürr" habe ich jedoch kein Problem. Das muss nicht zwangsläufig nur auf alte Menschen im Sinne von "verdorrt" passen. Als "spindeldürr" werden auch Mädchen bezeichnet, die extrem schlank sind.

Eher stört mich das Allerweltswort "reagiert", das nichts Genaues aussagt.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 08:25   #8
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.936

Hallo miteinander,

ich freue mich, dass ihr euch so konstruktiv mit dem Gedicht auseinander gesetzt habt. Eure Anmerkungen zu V1S4 haben, so hoffe ich, zu einer Verbesserung dieser Zeile geführt. "matt, dürr, spröde, mager, gebrechlich" oder ein ähnliches Synonym habe ich verworfen, danke für eure Vorschläge. Das Ergebnis seht ihr unten.

"am Häusereck, da steht ein Kind." lasse ich so stehen. Ihr, Thing und Heinz, habt euch dazu geäußert, danke.

Zitat:
Zitat von Thing
Ansonsten wäre ich mit der Interpunktion "kennerischer" verfahren
Habe ich gemacht, danke.

Zitat:
Zitat von Thing
Ich sehe nicht nur Annette von Droste.Hülshoff hinter Deinem Gedicht hervorlugen.
Zitat:
Zitat von Wanda
Ich fühlte mich spontan an Tamara Danz' "bataillon d'amour" erinnert.
Ja, aber auch "Regenballade" von Ina Seidel.

Zitat:
Zitat von Thing
stilistisch ließe sich noch viel daraus machen
Wie meinst du das?

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria
Eher stört mich das Allerweltswort "reagiert", das nichts Genaues aussagt.
Stimmt, das ist zu schwammig. Siehe unten.



Wohltuend habe ich zur Kenntnis genommen, dass man auch gegensätzlicher Meinung sein kann, ohne dass gleich die Fetzen fliegen.
Ich danke euch für euer Engagement und die Blumen.

Liebe Grüße
Nöck


Neufassung:

Ich streife durch die kalte Stadt,
ein Nebelschleier dämpft das Licht.
Der fahle Mond blickt trüb und matt,
und Regen netzt mir das Gesicht.

Die Straßen liegen menschenleer,
die dunklen Fenster starren blind,
das Atmen fällt auf einmal schwer,
am Häusereck, da steht ein Kind.

Die Schultern schmal, kaum vierzehn Jahr,
die dunklen Augen klagen stumpf,
sein Blick erfasst mich, mir wird klar,
das Mädchen wandelt nah am Sumpf.

Wie unter Zwang strafft sich sein Leib
und kokettiert mit bleicher Haut.
Gekonnt wird aus dem Kind ein Weib,
das doch nur in den Abgrund schaut.

Mich fröstelt, ich hab kehrt gemacht
und löse mich aus seinem Bann.
Das Mädchen gleitet in die Nacht,
sein Schatten eilt ihm schon voran.


P.S. @Thing - danke für die "Ausgrabung".
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 09:56   #9
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.252

Für mich ist das Gedicht vollkommen annehmbar und eines der besten, die in jüngster Zeit eingestellt wurden.

Jeder Text kann nachbearbeitet, verbessert (oft auch verschlimmbessert) werden, das Non-plus-Ultra gibt es nicht. Ich finde aber, dass Dein Gedicht perfekt genug ist, ein Kreuz auf dem Gipfel zu bekommen.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 10:59   #10
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.119

Auf meiner Favoritenliste hat es seinen Platz.
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 11:03   #11
weiblich Taro
 
Benutzerbild von Taro
 
Dabei seit: 07/2016
Alter: 23
Beiträge: 72

Ein sehr bewegendes Gedicht!
Der Rhythmus stimmt, die Atmosphäre bringst du gut zum Ausdruck. Wirklich gut gemacht!
Taro ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 11:40   #12
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.936

Ich freue mich, danke!

Liebe Grüße an euch Drei
Nöck
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.07.2016, 11:44   #13
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.119

Die Neufassung ist mehr als gelungen.
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.08.2016, 09:55   #14
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.936

Zitat:
Zitat von Thing
Die Neufassung ist mehr als gelungen.
Nach fruchtbarem Brainstorming!
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Im Sog der Nacht

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche


Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Stille Nacht, sündige Nacht Löwenzahn Liebe, Romantik und Leidenschaft 2 04.11.2018 21:07
Das Rasen der Nacht (Antonymo de Stille der Nacht) Ralfchen Gefühlte Momente und Emotionen 14 31.10.2016 00:00
Nacht Rosenblüte Düstere Welten und Abgründiges 4 31.08.2014 21:52
Immer wieder Nacht für Nacht Butterfly Philosophisches und Nachdenkliches 0 15.02.2010 02:00
Nacht Ilia[Kreuzritter] Düstere Welten und Abgründiges 5 23.04.2007 09:35


Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.