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Alt 17.02.2018, 11:04   #1
männlich Lovepoet 1984
 
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Ort: In einer wundervollen Kleinstadt in Niedersachsen
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Standard Der Baum der Erkenntnis

Es war einmal vor langer Zeit in einem weit entfernten Dorf, da lebte eine wunderschöne, aber boshafte und machtgierige, junge Frau mit dem eigentlich sehr erhabenen Namen Alina Bender und ihrer Familie.
Sie war wirklich bei allen im Dorf gefürchtet und sie war skrupellos. Nichts war ihr heilig. Sie behandelte die anderen Dorfbewohner mit Ignoranz. Sie wollte reich sein, reich und mächtig. Und irgendwann, das schwor sie sich, würde sie über das Dorf und den Rest der Welt regieren und eine große und gefürchtete Königin sein.
Ihre Familie allerdings, die war ihr Ein und Alles. Ja, sie liebte sie abgöttisch, allen voran ihre Mutter und ihre fünf Geschwister, denn sie hatte drei Schwestern und zwei Brüder. Nur ihren Vater hielt sie schon immer für ein bisschen dümmlich. Außerdem waren da noch ihre Großeltern, die ihr ebenfalls sehr wichtig waren.
Von außen betrachtet wusste niemand so genau, was diese Familie verband, doch sie selber fühlten sich wie ein Clan. Sie waren stolz und das zeigten sie auch nach außen hin.
Die Familie war bettelarm. Es war eine Bauernfamilie, die ihr Geld mit einem landwirtschaftlichen Hof verdiente. Der Vater der Frau, Wilhelm Bender, war Landwirt und leitete den Hof, wenn auch ohne Erfolg. Er arbeitete zwar hart, aber es brachte einfach nichts ein. Und als seine Frau ihm die Kinder zur Welt brachte, wurde es finanziell immer enger. Marika Bender arbeitete nebenher in einer Bibliothek, die sie leitete. Die war zwar nicht sehr groß, dafür aber verhältnismäßig erfolgreich. Doch es wurde schnell klar, dass sie mehr brauchten und das auch wollten. Und so fingen sie schon früh auch aus Frust und Wut an, Machtgedanken zu entwickeln, beziehungsweise anderen Leuten gegenüber schwierig zu werden. Ihnen fehlte zwar die Dominanz und auch die Durchsetzungskraft. Aber wenn es uns nicht gelingt, dann soll es wenigstens unseren Kindern gelingen, sagten sie sich.
Und so zogen die Jahre ins Land und nichts passierte. Die Kinder wurden größer und vor allem die „kleine Königin“ , wie ihre Mutter sie schon früh nannte, Alina Bender, infizierte sich schon früh mit dem Gedanken an Macht, denn sie bekam schnell mit, dass ihr Leben und das ihrer Familie so nicht weitergehen konnte. So fing sie bereits früh an, gegen gesellschaftliche Konventionen anzugehen. Das bäuerliche Leben, das schon ihre Eltern immer mehr frustrierte, war für sie erst recht nichts. Und ihre Geschwister empfanden das genauso.

Alina bekam als Kind schon viel Aufmerksamkeit von ihren Eltern, vor allem von ihrer Mutter. Denn der Wille zur Macht hatte sich über die Jahre noch verstärkt in ihr. Doch sie lernte ebenfalls früh, dass sie dafür kein Talent besaß, wie sie verbittert feststellen musste. Und so hoffte sie bereits schnell, dass eine ihrer Töchter diese Gabe besitzen und sie nutzen würde. Gerade ihre Töchter vor allem deshalb, da es ihrer Meinung nach schon viel zu viele mächtige Männer auf dieser Welt gab und die genau wie ihr „Bauersmann“ zu dumm waren, diese Gabe zu nutzen geschweige denn überhaupt etwas auf die Beine zu stellen. Nein, sie vertraute auf die Kraft und den Willen der Frauen auf dieser Erde, besser gesagt auf ihre Töchter. Vor allem auf „ihre“ Alina. Und was das anging, sollte sie Recht behalten.

Es vergingen ein paar weitere Jahre. Die Kinder wurden zu jungen Frauen und Männern. Und der Frust und Unmut über die familiäre Situation breitete sich aus. Vor allem Alina wurde immer unzufriedener und boshafter. Ihre Mutter betrachtete das mit Genuss und Wohlwollen. Wobei ersteres noch überwiegte. Ja, sie war sogar sehr erfreut darüber, dass sich ihr eigener Wunsch und das Verlangen nach Macht jetzt
auch in ihrer „kleinen Königin“ zeigte. Und sie wollte es unterstützen. Sie wusste auch schon genau, wie. Marika hegte schon seit ein paar Jahren ein immer stärker werdendes Interesse an Zauberei, Magie und anderen okkulten Themen, las viel in Büchern darüber und holte sich auch anderweitig viele Informationen zum Thema schwarze Magie und Macht.
Und mit den Jahren übertrug sich dieses Interesse langsam aber sicher auch auf den Rest der Familie, als ob es eine Bestimmung wäre. Vor allem Alina war wild darauf, sich dieses Wissen anzueignen.

Alina und ihre Mutter lasen die Bücher wie wild. Und eines Tages fand sie eine geheime Anleitung, wie man einen magischen Ring herstellen konnte, einen, der einerseits sich ganz nach den Fähigkeiten seines Trägers richten sollte, was Talent, Willensstärke und Charakter anging. Aber er hätte auch so starke Kräfte, dass er seinen Besitzer zum
mächtigsten Menschen auf der Welt machen würde. Hinzu kam, dass der Ring nach seiner Fertigstellung mit einem Fluch belegt werden würde, wodurch er nur einmal hergestellt werden konnte. Und Alina war überglücklich, als sie erfuhr, dass es ihn eben noch nie gegeben hatte.


Sie war sofort Feuer und Flamme. Sie raffte alle Informationen über dieses Wunderding zusammen. Alina war begeistert und konnte es kaum abwarten, diese Welt endlich unter sich zu haben. Endlich würde ihr und ihrer Familie das zu Teil werden, was sie schon immer gewollt und verdient hatten. Sie fing sogar an, von dem Ring zu träumen und wurde immer fast wahnsinnig, wenn sie erwachte und feststellten musste, dass sie ihn immer noch nicht besaß.
Doch es sollte eine sehr mühsame und harte Arbeit werden. Es waren auch wirklich einige seltene und rare Zutaten zu beschaffen, die zu der Herstellung benötigt wurden. Unter anderem waren da bestimmte Arten von Gold und Eisen, seltene Kräuter und auch die Sprüche zur Eingebung der Macht waren sehr schwierig und kompliziert und mussten lange geübt werden.

Und dann gab es da noch etwas, das noch seltener und schwerer zu kriegen war: Goldäpfel. Das waren nicht etwa Äpfel aus Gold, wie der Name vermuten ließe, noch waren sie besonders schmackhaft. Es waren Äpfel,
die eine ganz besondere Wirkung auf den Ring haben sollten. Sie sollten einerseits die Genauigkeit der einzelnen Auswirkungen der jeweiligen Sprüche unterstützen, aber sie sollten auch die Macht des Ringes etwas abschwächen und im Zaum halten, damit er nicht vor lauter Wirkung explodierte und alles, was ihn umgab, mit sich zerstören würde. Daher mussten diese seltenen Äpfel mit etwas versehen und hergestellt werden, was Alina und die anderen Benders nicht kannten und um das sie sich einen Dreck scherten: mit Sorgfalt und Liebe. Und Alina wollte sich auch gar nicht auf dieses Niveau herablassen. Von Leuten, die mit anderen Menschen oder Tieren Mitgefühl hatten oder so etwas wie Zuneigung zeigten, hielt sie überhaupt nichts. Und erst gar nicht von wertlosen Gegenständen wie Äpfeln, die man auch noch mühsam aufziehen sollte. Nein, das sollten andere, dumme Menschen machen, nicht sie. Und der Rest der Familie dachte genauso.

Aber der Wille zur Macht ließ Alina nicht los. Sie wollte diesen Ring, koste es, was es wolle. Aber wer sollte diese verdammten Äpfel
heranziehen. Die Frage quälte Alina, denn das war soweit das einzige Problem bei der Herstellung des Ringes. Sie versuchte herauszufinden, ob nicht doch einer ihrer Verwandten dazu in der Lage wäre. Oder irgendein sonstiger widerwärtiger Mensch, den sie kannte. Vielleicht, dachte sie, wäre ihr Vater noch naiv genug dazu, ansatzweise so etwas wie Liebe, Mitgefühl oder Respekt zu empfinden. Sie bat ihn, es zu versuchen.
Und so beanspruchte Wilhelm Bender sein Glück. Er hatte ja immerhin landwirtschaftliche Erfahrung. Doch mit Magie so wie Marika oder Alina kannte er sich nicht aus. Und eines war ihm auch schnell klar: Er wollte nicht auf biologischer Basis arbeiten. Denn das erschien ihm einfach nur dumm. Nein, das sollten andere Leute machen, nicht er. Er wollte mit original schulischen Mitteln an die Arbeit gehen, so wie er es schon immer getan hatte. Denn er war ja schließlich kein Weichei. Und etwas Besseres als diese Hippie-Bauern sowieso.
Doch auch Wilhelm Bender musste sich erst ein wenig über die Anbau-
Weise dieser speziellen Äpfel informieren. Unter anderem mussten sie früh ausgesät werden Und so machte sich Wilhelm eines Morgens, während seine Tochter schlief und in ihrem Traum qualvoll der Gier nach dem Ring erlegen war, frisch ans Werk und pflanzte die Samen aus. Er hielt sich allerdings nicht genau an die Anleitung. Nein, eigentlich hasste er Apfelbäume. Er tat dies hier sowieso nur für seine Familie. Wilhelm Bender hatte nämlich durch den ständigen Misserfolg bei seiner Arbeit auf dem Hof an Ansehen in seiner Familie verloren und hoffte nun, durch diese Großtat wieder zu höherem, familiärem Ansehen zu gelangen. Obwohl er wie gesagt Apfelbäume hasste und Äpfel ihm an sich überhaupt nicht schmeckten. Ebenso verstand er den Sinn der Sache nicht und konnte auch die Machtgier seiner Tochter kein bisschen nachvollziehen. Sie waren doch eh besser als andere Menschen auf diesem Erdball, wieso also noch mehr Macht? Und dann auch noch durch dumme, sinnlose Äpfel, die man auch noch mit Liebe und Sorgfalt heranziehen sollte? Nein, das verstand er wirklich nicht.

Doch er machte seine Arbeit trotz seines Widerwillens. Er pflanzte Samen, kümmerte sich um die Erde, lockerte den Boden regelmäßig und besprengte ihn mit Wasser. Und so wuchs im darauf folgenden Frühling ein kleines sehr zartes Bäumchen. Und es wurde mit der Zeit immer größer. Doch es wollten einfach keine Äpfel wachsen. Geduld, Geduld, ermahnte sich Wilhelm dann selbst. Doch mit der Zeit verlor er diese immer mehr. Ganz zu schweigen von dem Zorn und der Wut, die Alina ihm gegenüber aufbrachte. Denn sie konnte und wollte nicht warten. Und ihr Unmut wuchs immer mehr. Sie fing an, Gift und Galle zu speien und schimpfte immer mehr auf Wilhelm und den Baum. Wieso das nicht schneller ginge und ob er denn zu blöd sei, so ein billiges, blödes Gestrüpp "herzustellen"?
Wilhelm verstand das nicht. Es machte ihn wütend, wütend auf sich, auf den Baum und auf seine Scheiß-Familie erst recht. Wieso musste man immer mit ihm meckern? Und weshalb tat er sich das eigentlich immer wieder an? Es machte ihn rasend. Er wurde von Tag zu Tag ungeduldiger. Und eines Tages rastete er aus. Der Baum war inzwischen beträchtlich gewachsen, doch es schien, als wollte er sich weigern, Äpfel zu tragen. Da nahm Wilhelm sich ein Messer und ritzte dem Baum vor lauter Wut auf ihn und seine immer ungehaltener werdende Tochter ihren Namen ein. Und das mehrfach, denn es sollte dem Baum wirklich wehtun. Doch Alina hatte sich inzwischen immer mehr mit dem Thema schwarze Magie und sonstigen okkulten Dingen auseinander gesetzt und sich und ihre Umwelt immer weiter dort hinein gezogen. Schon dadurch hatte ihr Name und Ansehen schlechtes Karma bekommen.
Und so kam es, dass die Dorfbewohner eines Nachts aufwachten und aus der Richtung des Hofes laute Geräusche hörten. Sie eilten hin und bekamen ein grausames Schauspiel zu sehen Die Erde fing an zu beben und ein lautes Donnergrollen ertönte. Das Beben wurde immer stärker und es entstand eine riesige Staubwolke aus Schutt und Asche.
Die Dorfbewohner gerieten in Panik und rannten davon. Als sie am nächsten Tag wieder zu der Stelle kamen, war von dem Hof und der Familie Bender nichts mehr da. Nur Berge aus Staub, Sand und Geröll waren noch vorhanden.

Die Leute wussten nicht recht, was sie davon halten sollten. Doch dass in der Familie Bender schon länger mit übersinnlichen Methoden hantiert wurde, das wussten sie bereits. Die Benders hatten sie damit ja auch nicht verschont.
Von dem Hof war wie gesagt, nichts mehr da. Doch als die Leute das Gelände betraten, fanden sie genau in der Mitte den Baum mit dem Namen der Tochter mehrfach tief eingeritzt. Und es ging die Nachricht um, dass der Baum positive, übersinnliche Kräfte entwickelt hatte und damit das Dorf und seine Bewohner von der Tyrannei der Familie Bender befreien wollte. Fortan wurde er mit Respekt und Liebe behandelt. Und im dritten Jahr nach dem Ereignis fing er an, Früchte zu tragen. Und es waren die besten Äpfel, die die Menschen im Ort seit langer Zeit gegessen hatten. Der Baum wuchs und wurde von den Dorfbewohnern zum Heiligtum erklärt. Denn er sollte nicht nur leckere Früchte tragen, sondern galt auch als Mahnmal und Schutz gegen alles Böse, was dem Dorf wiederfahren würde, auf das die Menschen immer aufeinander achten und sich gegenseitig lieben und respektieren sollten. Auf der ganzen Welt. Und er steht dort bis heute.
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familienclan, machtgier, religion

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