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Alt 22.08.2021, 17:01   #1
weiblich Inka
 
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Dabei seit: 07/2021
Ort: Odenwald
Beiträge: 61

Standard Ein Kleinod

Die kleine bunte Holzdose, von der ich hier erzählen möchte, hat eine erstaunlich lange Reise hinter sich.

Im Winter 1936 erhielt meine Mutter, geb. 1903 – zusammen mit zwei Freundinnen eine Einladung zu einem Ball in Königsberg - heute Kaliningrad. Sie trug an dem Abend ein grünes Kleid mit weißen Rüschen.

Mein Vater Willy forderte Mutti des Öfteren zum Tanz auf und sie meinte etwas abfällig: was will denn der blonde Hugo? Tags darauf lud er sie zu einem Kinobesuch ein, dem sicher weitere folgten. Er bedachte sie mit dem Kosenamen Micky, denn ihren wirklichen Namen „Meta“ mochte sie nie und von ihren Freundinnen wurde sie „Eva“ genannt.

Übrigens war unvergesslich für mich, dass Mutti fünf Jahre lang immer nur neunundvierzig Jahre alt blieb, wenn man sie nach ihrem Alter fragte.

Im Sommer 1937 hatte sie die Möglichkeit, in den Schwarzwald zu reisen und brachte sich als Andenken eine kleine Holzdose aus Titisee mit.

Die Hochzeit folgte Monate später, denn ich hatte mich „angemeldet“.

Ambitionen, mal zu heiraten und Kinder zu bekommen, hatte Mutti sicher nie. Sie lebte unbeschwert und frohgemut mit ihrer Mutter zusammen. Spielte Mandoline und sang mit wunderbarer Stimme dazu, handarbeitete auch gern.

Sie arbeitete in einer in ganz Ostpreußen bekannten Färberei- und Reinigungsanstalt (Caille & Lebelt) über fünfundzwanzig Jahren als Expedientin. Das Gebäude steht noch, wurde als Wohn- und Geschäftshaus umfunktioniert.

Oft schwärmte meine Mutter: was hatte ich für eine schöne Jugend – die wohl bis zum vierunddreißigsten Lebensjahr anhielt?

Anfang April 1944 mussten Mutti, Oma und wir drei Geschwister, - Papa war im Krieg - die Stadt verlassen, durften nur ein paar Habseligkeiten mitnehmen und wurden bei einem Großbauern in Korehlen einquartiert. Einige Male fuhr Mutti noch nach Königsberg und holte weitere, ihr lieb gewesene Dinge, aus der Wohnung.

Ende September 1944 ging es weiter nach Lößnitz (Erzgebirge) und im Herbst 1945 nach Thüringen, in die Nähe von Jena. Dort fand die gesamte Familie wieder zusammen.

Papa war ein Sonntagskind, blieb unversehrt und ihm gelang die Flucht aus der französischen Gefangenschaft.

Im Sommer 1987 holten wir Mutti von Thüringen, nachdem Papa verstorben war, zu uns hierher.

Und die Holzdose zog auch wieder mit um!

Wir drei Geschwister waren schon zwischen 1957 und 1960 gen Westen „ausgewandert“.

Dieses Kleinod, das mich schon als Kind sehr faszinierte und sich nun seit über zwanzig Jahren in meinem Besitz befindet, wird von mir hoch in Ehren gehalten. Darin verbergen sich einige Geschichten, die so nach und nach zutage treten könnten?

Lt. Entfernungsrechner legte dieses kleine Holzdöschen circa 2.308 km (Luftlinie) zurück – überwiegend per Bahn.

(3.5.19)

Es ist schön, mit den kleinen Dingen glücklich zu sein.
(Jeremias Gotthelf)
Inka ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.08.2021, 19:05   #2
männlich Pit Bull
 
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Dabei seit: 08/2012
Ort: Berlin
Alter: 55
Beiträge: 1.745

Liebe Inka!

Von der Holzdose wird in deiner Geschichte relativ wenig erzählt - schade.

Wie sah sie aus? War sie bemalt? Was beherbergte sie? Warum hat "Mutti" sie über die Jahre behalten? Was war so wichtig an ihr?

VG Pitti
Pit Bull ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.08.2021, 14:55   #3
weiblich Inka
 
Benutzerbild von Inka
 
Dabei seit: 07/2021
Ort: Odenwald
Beiträge: 61

Lieber Pitti,

also, ich kläre es gerne auf. Bei dieser Geschichte geht es 1. darum, dass dieses kleine bunte Holzdöschen eine weite „Reise“ hinter sich hat und 2. dass sie nach Jahrzehnten immer noch „lebt“. Es ist nicht so, dass hier ein Gegenstand „angebetet“ wird.

Ja, sie ist bemalt mit eigentlich typisch bayerischen Motiven: Edelweiss und Enzian – „Titisee“ wurde eingebrannt. Das Döschen mit Deckel und drei Beinchen – sehr leicht, vermutlich aus Lindenholz - hat eine besondere Form.

Was an ihr so wichtig war? Es ist ganz einfach ein Andenken und sie berherbergt vielleicht noch Geschichten?

Diese (weitaus längere) Geschichte wurde im August 2020 im „Königsberger Express“ mit Foto der Holzdose abgedruckt.
Darunter stand: Diese wunderschöne Dose aus Königsberg würde auch gut in ein Museum passen.

Die Redaktion sitzt in Kaliningrad. Es wurden noch weitere Beiträge von mir veröffentlicht, da man mich fragte, ob ich etwas zu berichten hätte?

Das Redaktionsehepaar sitzt seit März 2020 in Berlin fest, da Herr S. seither ärztlich behandelt werden muss. Sie würden das Holzdöschen einem Museum in Kaliningrad übergeben (da ich glaube, dass unsere Kinder daran kein Interesse hätten) und noch diverse andere Dinge aus meiner Geburtsstadt, aber…Rückreise im Moment nicht möglich.

Zwei unserer Kinder und zwei Enkel wohnen ebenfalls in Berlin, wie Du. Unser Sohn ist freischaffender Künstler und Gutachter.

Alles Gute und liebe Grüße

von Inka
Inka ist offline   Mit Zitat antworten
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