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Alt 08.08.2021, 20:54   #1
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Standard Der Verlassene

Dampfender Schweiß. Licht und Nebel. Stefan hatte einen sitzen und sah zu Caro hinüber, die sich bewegte im flackernden Stroboskop. Sie war definitiv, so unabänderlich mit ihrem taghellem Lachen und ihrem Pfirsichpo. Samys Vater nannte sie saftig, Samys Mutter korrigierte ihn dann immer: „Das heißt drall!“

Elisa hingegen war irgendwie aus der Welt getreten, die Augen geschlossen, wie ein Stern, um den die gesamte Tanzfläche kreiste. „Ob sie sich jemals hat strahlen sehen?“, phantasierte Stefan. „Ist das nicht absurd? Wir leben in Momenten, aber klammern uns an Menschen. Sind wir nicht alle austauschbare Elemente in Funktionssystemen, die Augenblicke konstituieren - so ganz ohne Identität? Oder sind mir da die Kybernetiker aus den Vorlesungen zu Kopf gestiegen? Eines steht fest: So und nicht anders sollt ihr zwei auf meinem Begräbnis tanzen!“ Stefan wurde leicht schwindelig und er drehte sich um. Auf dem Sofa-Tisch lag eine CD-Hülle mit drei Schienen für den Polar-Express. „Du bist dran mit Schneeschippen“, grunzte ihm Samy ins Ohr. Stefan tauchte ohne weiter nachzudenken ein ins sibirische Winterwunderland. Der Schneehaufen beschrieb ein Zick-Zack-Muster vor seinen Augen. Das war nicht gut.

Er atmete hektisch. Aphrodite und Athene verwandelten sich in Kali und Durga. Ihr achtarmiger Tanz überforderte ihn und er musste mal ganz dringend. Samy und Jörg nickten ihm zu und er fand sich Auge in Auge mit einem Porzellanzyklopen wieder. Diesen Trip hatte er seiner verkackten Schwäche für Comics und Mythologie zu verdanken. Wieder dieselbe Frage: „Warum kommt hier jeder außer mir klar?“

Caro und Elisa kamen in die Sofa-Ecke. Caro trank aus Samys Glas, dafür legte er seinen Arm um ihre Taille: „Na? Und bei euch so?“ Caro meinte: „Joah.“, machte ein Duckface und nickte. Elisa fragte nach Stefan, worauf Samy abwinkte: „Kacken oder so.“ Sie sah ihn misstrauisch an, bis Samy ebenso misstrauisch in sich selbst hineinsah und Caro wie einen Schild an seine Brust zog.

Über Stefans Schultern hing Darwin, der ihm düstere Weisheiten einflüsterte. „Ich bin biologischer Abfall“, schluchzte Stefan lautlos, „ein defektes Bauteil in der Maschine des Lebens. Und schwach, viel zu schwach, um das zu akzeptieren. Diese Drecks-Psyche ist ein Fehler der Natur.“

Caro blieb bei Samy sitzen und Elisa ging noch einmal tanzen. Ihre Miene glich einer Holzmaske, wie sie die Urvölker trugen, um ihrer Ahnen zu gedenken. An ihrem Tanzschritt war plötzlich alles Welt, alles feuchte Erde, keine Spur mehr von ihrer interstellaren Entrückung. Elisa war ein taumelnder Stern mit verkrümmten Umlaufbahnen und musste mit ansehen, wie ihr ureigenes Sonnensystem im Chaos versank.

Stefan, der Verlassene, erbrach sich wieder und wieder. Im Zyklopenauge schwamm nun eine von Blitzen durchzuckte Ursuppe. Eine Creatio ex nihilo! Und Stefan sah, dass es gut war.

Im Rhythmus der Kickdrum kollidierten Stimmen und Körper wie Planeten. Samy verlor sich mit jedem Zungenschlag tiefer in Caro. Elisa musste weitertanzen. Sie konnte jetzt nicht aufhören… noch nicht. Zwei Milliarden Jahre Weltgeschichte quollen aus Stefans Rachen hervor wie ein schmutziges Lachen über all das, was sich Förster, Maturana und Luhmann in ihren Monographien zurechtgelegt haben: „Kein organisches System, kein institutioneller Apparat, kein kosmisches Prinzip schützt uns vor uns selbst. Was ist dem Chaos wohl näher? Der gut sortierte Porzellanladen in meinem Kopf oder meine Junggesellenbude? Was liegt nach einer falschen Bewegung in Scherben? Und das Schlimmste: Kein Augenblick, keine flüchtige Berührung und kein Hüftschwung hält uns auf Dauer warm. Wir Menschen brauchen einander. Leider.“
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