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Alt 28.07.2021, 15:04   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Boulevardi

Es goss in Strömen. Aber Popeye ließ nicht locker und warf Lukas immer wieder die Hundeleine vor die Füße, bis er sie stöhnend an sich nahm, sich seinen Hut aufsetzte und mit dem Pudel das Haus verließ. Wenigstens war es nicht windig, dachte er, so dass es ihm nicht den Regenschirm von innen nach außen kehrte. Das änderte sich allerdings nach wenigen Minuten: Der Regen hörte urplötzlich auf, aber dafür setzten Böen ein, die Lukas den Hut vom Kopf fegten und ihn vor seinen Füßen davonbliesen, bis er in einem Gebüsch der Bepflanzung zur kommunalen Straßenverschönung verschwand.

Beruhigt, dass er seinen Hut – ein Erbstück seines Vaters und ihm deshalb teuer – gleich wiederhaben würde, bückte er sich und fischte ihn aus dem Gebüsch. Doch was er in der Hand hielt, hatte eine andere Farbe und eine viel breitere Krempe.

„He, Sie da! Das ist mein Hut!“

Ein älterer Herr kam herbeigestürzt und wollte nach dem Hut grapschen, aber Lukas wich seinem Zugriff aus. „Was fällt Ihnen denn ein?“

„Geben Sie den Hut her, der gehört mir!“

„Da kann ja jeder kommen,“ konterte Lukas und setzte sich den Hut auf. Er war ihm zu groß und rutschte über seine Ohren.

„Sehen Sie! Das kann nicht Ihr Hut sein.“

„Ich habe ihn gefunden, und zwar in dem Gebüsch, in dem vor einer Minute mein Hut verschwand. Und deshalb kann er nicht Ihr Hut, sondern nur mein Hut sein.“

„Was ist denn das für eine Logik? Schauen Sie nach, ob Ihr Hut noch im Gebüsch ist.“

„Schauen Sie doch selber nach!“

„Unverschämter Kerl! Glauben Sie bloß nicht, Sie können mich einschüchtern, nur weil Sie einen Hund bei sich haben.“

„Das ist kein Hund, sondern mein bester Freund.“

„Zum Teufel mit ihm! Den brauchen Sie doch nur, damit sie gezwungen sind, gassi zu gehen, sonst würden Sie einrosten. Sie sehen doch schon jetzt wie ein Zombie aus.“

Lukas zog die Stirn kraus. So eine Diffamierung konnte er nicht hinnehmen. „Popeye und ich gehen nicht gassi, wir gehen boulevardi. Und wenn ich wie ein Zombie aussehe, liegt das an Ihrem geschmacklosen Hut.“

„Na also, jetzt geben Sie zu, dass es mein Hut ist.“

„Den wollen Sie nicht wiederhaben, das garantiere ich Ihnen.“

„So? Und wieso nicht?“

Ohne zu antworten, nahm Lukas den Hut vom Kopf und setzte ihn dem Fremden auf. Im selben Moment begann Popeye zu knurren, und ehe Lukas ihn zurückhalten konnte, stürzte der Pudel vorwärts und biss den Fremden ins Bein.

„Deshalb. Meinem Pudel gefällt er nicht.“

„Verdammt und zugenäht,“ stöhnte der Fremde und hielt sich die Wade. „Das wird ein Nachspiel haben. Ich verklage Sie … Sie … Sie und ihren Pudel!“

Der Wind hatte sich gelegt, dafür setzte wieder Regen ein. Lukas spannte seinen Regenschirm auf. „Komm weiter boulevardi, Popeye. Pfeifen wir auf den alten Hut.“

„Bleiben Sie stehen, Sie verdammter Mistkerl! Sie sind mir etwas schuldig.“

Lukas schaute sich um. „Wirklich? Sie haben Ihren Hut doch wieder.“ Er seufzte. „Aber manche Leute bekommen nie genug, um glücklich zu werden.“

Dann setzte er seinen Weg im Takt zu Popeyes freudig wedelndem Schwanz fort.

28.07.2021
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