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Alt 27.08.2021, 05:58   #1
männlich Blue Brain
 
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Standard Thorben der Bär [Anfang einer Geschichte]

Nach langen hin und her, dachte ich mir ich veröffentliche auch mal wieder etwas hier. Eine kleine Geschichte, wo ich noch nicht genau weiß, in welche Richtung sie gehen soll. Viel Spaß, ich hoffe sie gefällt und danke, dass ihr sie gelesen habt. Einen guten Morgen wünsche ich.

Kapitel 1: Dieser Junge

Wie man diese Geschichte am Besten erzählt, weiß ich nicht genau und dennoch möchte ich es versuchen. Es ist eine Geschichte, wie sie schon so oft erzählt wurde. Es ist das Abenteuer eines kleinen Jungen, aufgewachsen in einem kleinen Vorort in der Nähe von Supermärkten, Tankstellen, Spielplätzen und dem lautem Treiben vergesellschafteter Zivilisationen. Ja, dieser Junge von dem ich euch heute erzählen möchte, ist gänzlich bodenständig, gar still in seiner Ausprägung als Charakter. Er hat wenig Bekanntschaften und wenn sind es weniger wahre Freunde, als für ihn unerreichbare Verwandte. Seine Bezugspersonen bestehen aus seinem häufig lange schuftendem und alleinerziehendem Vater, den Hauswirtschaftlern, einem Golden Retriever und einer sehr verständnisvollen Kinderärztin aus dem Nachbarort, die ihn regelmäßig besucht und ihm auch mal gerne ein paar Süßigkeiten oder eine neue Blume mitbringt. Denn Süßigkeiten und vor allem die Natur mag unser kleiner Junge sehr und deshalb freut er sich auch immer auf den Besuch. Wenn er einmal groß ist, möchte er gerne Naturforscher, ganz wie Alexander von Humboldt oder dergleichen werden und aus diesem Grund katalogisiert und studiert er die Mitbringsel seiner Besucher und nimmt sie immer sehr genau unter die Lupe. Seine Lieblingsblumen sind die farbenfrohe Ranunkel, die Mainelke und vor allem die blaue Kornblume, weil sie den Bienen wegen ihres hohen Zuckergehaltes beim Bestäuben hilft und so schneller weitere Blumen entstehen können. Das findet er gut, weshalb er sie, in einem mehr oder weniger kleinen Garten im Hof des Anwesens seines Vaters selbst anpflanzt.
Was er noch gut findet, ist das große Waldstück hinter dem Gebäude und den kleinen Schuppen seines Vaters mit Werkzeugen für die Gartenarbeit. Hier findet sich alles was Thorbens, denn so heißt unser Protagonist, Herz höher schlagen lässt. Jeden Nachmittag darf Thorben ein kleines Stück des Waldes hinter dem Haus seines Vater selbstständig und auf eigene Faust weiter erkunden. Dabei bewaffnet er sich mit seinem braunen Lederrucksack, den ihm sein Vater letztes Jahr zu seinem 12. Geburtstag geschenkt hat, einer Lupe, einem Lexika und was man sonst noch so als kleiner Forscher benötigt. Und dann geht es für ihn, auf in den Wald, wo er zwischen Bachläufen, Laubbäumen und fernab des Alltagstrubels, endlich mal er selbst sein kann. Er träumt und fantasiert von einer Welt, in der es nicht so einsam und still ist. Das Biotop seiner Seele und deshalb wandert er umher und sucht sich seinesgleichen: Stille Zeitgenossen, Kumpanen. Ja in solchen Momenten spürt er wahre Freiheit und fühlt sich nicht ausgegrenzt und anders. Er empfindet so etwas wie Normalität. Denn Normal, dass ist unser Thorben bisweilen nicht. Er ist sehr begabt, es fehlt ihm aber häufig die Stimme, sich selbst zu präsentieren. Seine Ärztin habe ihm erklärt, er sei als Kind, durch die schwierige Geburt seiner Mutter traumatisiert worden. Sein Vater glaubt nicht daran und denkt er sei ein Anführer, ein Tausendsassa. Aus diesem Grund gab er ihm seinen Namen. Eine Zusammensetzung aus dem germanischen Thor und dem nordgermanischen Björn, was zum einen Donnergott, als auch Bär oder Häuptling bedeutet. Sein Vater hofft, dass irgendwann der Tag kommt, an dem er mit dem Hammer auf den Tisch haut und sich seines Geltungsbedürfnisses Verhör verschafft und seine Stimme zurückkehrt.
Dieser Tag soll bald kommen, aber nicht heute. Denn heute geht es für Thorben vorerst auf ein kleines Abenteuer.

Es ist der 23. April, es ist ein schöner Mittwoch. Die Blumen blühen, die Vögel zwitschern und das Wetter ist klar und durchdrungen von kleinen, rundlichen Büscheln wunderschöner Schäffchenwolken. Der Wecker klingelt, aber Thorben steht bereits hellwach vor dem offenen Fenster und genießt den milden Wind, der ihm um die Ohren weht. Er lächelt, entzückt von der Schönheit dieses warmen Frühlingstages. Draußen sieht er seinen Hund im Garten herumtollen, umringt von größeren Eichen, ein, zwei Birken, einer Handvoll Ahornbäumen und einem Bachlauf, der sich unter einer kleinen Brücke, der Einfahrt zum Haus, hindurchschlängelt. Die Brücke selbst ist schon etwas älter und gerade so breit, dass ein Auto hindurchpassen würde. Auf dem Hof stehen viele Autos, zwei davon gehören seinem Vater. Ein nigelnagelneuer japanischer Roadster und ein mittlerweile zwei Jahre Alter Toyota RAV4, mit dem Thorben immer gerne zur Schule gebracht wird, weil sein Vater gerne auch mal eine Abkürzung durch den Wald nimmt. Zu seiner Linken sieht Thorben die Wäsche in der Sonne trocknen und zu seiner Rechten erspäht er ein kleines Eichhörnchen was vor den Ahornbäumen auf Nahrungssuche ist und putzig den erdigen Grund nach Spaltfrüchten absucht und sie sich in die kleinen Backen steckt. Dieses Schauspiel ist nun schon circa zehn Minuten zu beobachten und zieht unseren kleinen Jungen sehr in seinen Bann. Doch plötzlich nimmt das Eichhörnchen etwas Anlauf und verschwindet im, geschätzt zwanzig Meter hohen Geäst der Bäume. Die Arme schütteln sich etwas und es gleiten die propellerartigen Nüsse langsam zu Boden. Thorben tut es den Bäumen gleich, streckt sich, füllt seine Lungenflügel mit Luft und spitzt reflexartig die Ohren. Sein Vater ruft von unten hoch. Das Frühstück ist fertig. Der kleine Junge dreht sich um und läuft auf den barocken Türrahmen seines Zimmers zu, greift im Vorbeigehen noch nach seinem T-Shirt und streift es sich über. Er zieht die mit Schnörkeln verzierte Tür, die aus dem späten 18. Jahrhundert zu stammen scheint, an sich ran und betritt den weitläufigen Flur des Anwesens. Eine heller, sehr hoher Flur, geschmückt mit ein paar lichtbrechenden Kronleuchtern kommen zum Vorschein. Der bräunliche Handlauf, der linksliegenden Treppe erstreckt sich über mehrere Meter und endet in einem breiten, holzbepflasterten Abgang. Auf dieser Etage alleine befinden sich etliche Räume, darunter das Wohnzimmer, die bescheidene Bücherei seines Opas und der Speisesaal. Auf der Ostseite des Flures, wo auch die Einfahrt des Gebäudes und das Zimmer unserer kleinen Jungen liegt, beleuchtet die Sonne jeden Morgen auf natürliche Weise den Schauplatz. Die Fenster selbst wurden bereits von den Angestellten seines Vaters einen Spalt geöffnet und lassen so frischen Sauerstoff und den Duft, der im Hof gepflanzten Blumen durch die Wände in das Innere dringen. In der Mitte des Korridors treffen sich Thorben und sein Vater, begrüßen sich in Gebärdensprache und begehen gemeinsam die weiträumige Stube.

Auf dem großen, runden Tisch in der Mitte des Raumes stehen bereits einige Leckereien. Etwas Toast, Getränke, Obst und ein wenig Aufschnitt liebevoll angereicht für einen fantastischen Start in den Tag. Der Vater schlägt seine Zeitung auf und liest den Wirtschaftsteil der hiesigen Lokalzeitung. Thorben wedelt mit dem linken Arm und zeigt seinem Vater an, er solle ihm bitte eine Scheibe Toast herüberreichen. Gesagt, getan und er schmiert sich knapp Butter unter sein Leberwurstbrot. Es ist Hausmacher Leberwurst von einem, mit dem Jungen gut bekannten Metzger, dem er häufiger mal bei der Arbeit zuschauen darf, wenn sein Vater in der Stadt berufliche Dinge zu erledigen hat. Er erinnert sich: 40% rohe Schweineleber und 60% Wamme, dass ist der fettige Bauch eines Schweines kommen in die Wurst und werden dann mit diversen Gewürzen angereichert, gekocht. Er beißt genüsslich in sein Toast und lässt den Blick schweifen durch das riesige Zimmer und bleibt kleben an einem Artikel auf der Rückseite des Blätterwaldes seines Vaters.
„Oberstädt. 23. April 1997.
Drei Jugendliche zwischen 13 und 17 seit ein paar Tagen vermisst, die örtliche Polizei fahndet und hofft auf anonyme Tipps zum Verbleib der Kinder [...]“
Was da wohl wieder passiert ist, denkt sich Thorben, schüttelt sich und mustert weiter das bedruckte Papier:
„[…] Bürgermeisterin Irmgard Weihtraut gibt bekannt, dass anlässlich des baldigen Tag der Arbeits, der kommende Sonntag, also der 27. April ein verkaufsoffener Sonntag wird. […]“ Thorben wedelt wieder mit den Händen. Sein Vater schaut ihn an und dieses mal hebt er die rechte Hand und führt den linken Zeigefinger leicht angewinkelt über die rechte Handfläche. Sein Vater nickt zustimmend, legt die Zeitung beiseite und erzählt ihm, dass er ja sowieso noch ein Geschenk für seinen Opa, der ja bald Geburtstag habe, besorgen wolle und sie sich ja im nächstgelegenen Einkaufszentrum mal umschauen könnten. Dann nippt er an seinem Kaffee, beugt sich nach vorne, greift nach dem Toast und schmiert sich auch etwas Leberwurst darauf. Währenddessen gestikuliert Thorben ein weiteres mal und schildert dem Vater, er bräuchte ja noch ein gutes Fernglas und ein neues Taschenmesser, da sein altes mittlerweile ziemlich stumpf geworden ist. Der Vater zeigt auf die Bilanzierungen seiner Zeitung und gibt dem Jungen so zu verstehen, dass es aber nicht wieder 500 Mark kosten darf. Thorben fängt an zu grinsen, kneift sich in die Backe und zeigt anschließend auf sein Handgelenk. Der Vater hebt die Augenbrauen und schaut lachend auf seine Armbanduhr.

Mittlerweile ist es zwölf nach eins, das Zentralgestirn steht am Höhepunkt seiner Leuchtkraft und die leicht verdreckten Räder des Toyota Geländewagens drehen sich unaufhörlich und treiben den schweren Boliden im Wechselspiel von Licht und Dunkelheit über den ansonsten durch die Sonne aufgeheizten, flimmernden Asphalt immer weiter Richtung Zielpunkt. Die elektrischen Fensterheber sind leicht ins Negative geregelt, lassen aber etwas abkühlenden Fahrtwind in die Kabine des Fahrzeugs und durchbrechen so immer wieder die Nachdenklichkeit unseres Protagonisten. Sein Vater sitzt hochkonzentriert und auf die Steuerung seiner Emotionen bedacht, vor dem Lenker. Thorben sitzt daneben und schaut aus dem Fenster. Er schaut aus dem Fenster und spürt die durchdringenden Vibrationen der Landstraße. Jedes Schlagloch und sei es noch so klein, beginnt ihn zu erschüttern, als seien es gigatonnenschwere Meteore, die brennend auf einen Planetoiden hinabsteigen. Er schaut ziellos umher, die Atmung flacht ab, erdrückt von den ansonsten immer gern bewohnten zwei Quadratmetern dieses nun mikroskopisch klein wirkenden Kraftfahrzeuges. Heute bleibt ihm nur tiefe Verachtung und Ablehnung übrig, für dieses motorisierte und durch Benzin angetriebene Wesen. Er realisiert die tickende Bombe am Handgelenk seines Vaters und er kneift sich wieder in die Backe. Zwei, selbst für die Relativitätstheorie, unendliche Minuten, in diesem nicht in die Luft fliegen wollendem Zeitkontinuums der Stille. Es ist der 23. April, ein schwarzer Mittwoch im Leben des Jungen. Denn heute, an diesem obsidiantfarbenen Wochentag, gibt es keine Abkürzung durch den Wald. Es gibt keine Ausflüchte. Heute gilt es zu erfassen, sich den Tatsachen zu stellen und Taten folgen zu lassen. Der stoisch in den Sitz gepresste Junge reibt sich zittrig die tränenden Augen und die Sicht auf den, sich immer weiter in die Länge ziehenden Weges, verschwimmt.

Kapitel 2: Vorgeschmack des Krieges

Den Boden erhellende Flitze zischen umher, in der Ferne hört man das Verstummen des aufmarschierenden Feindes und das eindringliche Geräusch eintreffender Pfeilspitzen. Im bereits kochenden Umfeld preschen abermals silberne Blitze, wie verdorrte Äste aus dem entzweiten Boden und mischen das von blutgetränkte Schlachtfeld weiter auf und lassen die Tore zum Abgrund der Alten, greifbar machen. Über diesem wetterndem Blitzkrieg aus Feuer, Rauch und Asche gleiten Kreaturen, so groß wie Zeppeline. Rasiermesserscharfe Zähne und gierige Mäuler durchkämmen immer wieder den Boden nach frischer Beute und tragen ihre zerteilten Leiber in Begleitung roten Nebels, einschüchternd über die Köpfe ihrer Zuschauer hinweg. Das epochale Orchester aus Zeter und Mordio spielt ihr brachiales Schlaflied. Doch dann die Stille, wie die Vorboten einer Naturgewalt. Ein weiterer Hammerschlag begleitet von einem markerschütterndem Grollen rollt wie das Rauschen eines Tsunamis über das brache Land und trifft ein weiteres mal auf die Hunderttausendschaften, der in der Mittagssonne brennenden, unversöhnlichen Gestalten. Inmitten dieses animalischen Treibens roher Gewalt erhebt sich eine Geschöpf. Ja, ein Geschöpf, so groß, dass es selbst, die mit Flügeln bestückten, blutrünstigen Späher in den Schatten stellt und sie wie die Komparsen eines Sonntagskrimis dar stehen lässt.
Dieser aus purer Muskelfaszie bestehende Körper wird wohl für die meisten Menschen willkürlich handelnd erscheinen und dennoch möchte ich an dieser Stelle die Zeit vorerst etwas zurückdrehen. Wir schreiben das Jahr des Bären, so wie es in der innerweltlichen Mythologie später einmal genannt werden wird. Aber noch gibt es sie nicht, denn dieser knuddelige Bär von dem ich hier rede, der weiß noch nicht einmal, dass er existiert. Er steht vor der Schwelle eines neuen, wenn auch traurigen Lebensabschnittes. In seiner Welt ist er ein kleiner tapferer junger Mann, dem es die Sprache verschlagen hat. Er mag das Grün der Bäume, die liebliche Vielfalt der Wiesen, den Duft der Freiheit und ja wie wir bald wissen werden, auch seine Mutter. In unserer Welt wird er so für lange Zeit, inmitten der Finsternis, ein Vorbild für viele sein. Aber genug der Laudatio und bereiten wir uns vor, auf eine lange und beschwerliche Reise der Selbstfindung, der Treulosigkeit und des Wiederkehrens.

[TO BE OR NOT TO BE CONTINUED?]
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