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Alt 02.12.2016, 01:05   #1
weiblich Yurei
 
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Dabei seit: 12/2016
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Beiträge: 13


Standard Wahre Freunde verlassen dich nie

Sanft wie der Wind wuschelte er mir durch die Haare. „Keine Sorge, ich kümmere mich um dich, Kleiner.“ „Ich weiß. Ich wünschte nur sie hätten ihr Ziel erreicht.“ Er nickte. „Ich muss jetzt leider los, Kleiner.“ Jetzt nickte ich. Ich drehte mich wieder dem frischen Grab zu. Das er sofort kommen würde, wenn ich ihn brauchte, wusste ich. Immerhin war er immer da, wenn ich ihn brauchte. Auch wenn ich ihn nicht brauchte, war er immer da. Irgendwie. Auch als ich die Nachricht bekam, das meine Eltern bei ihrem Einsatz umgekommen waren, stand er hinter mir, bereit mir auf die Schulter zu klopfen, mich mit seinen Worten aufzubauen, zu trösten. Er war nicht nur immer da, er war auch immer da gewesen. Obwohl ich mich genau daran erinnern konnte, wie wir uns kennenlernten.

Das war nämlich an meinem ersten Tag im Kindergarten. Ich war vier, er fünf. Er setzte sich zu mir, als alle anderen Fußball spielten. „Hi! Ich hab dich noch nie hier gesehen, wie heißt du?“ „Ich... heiße Spencer.“ antwortete ich ihm. „Ich heiße Alec, schön dich kennenzulernen!“ sagte er fröhlich grinsend. „Warum spielst du nicht mit den anderen, wenn ich fragen darf?“ Mit großen Augen wartete er auf eine Antwort. „Die anderen wollen mich nicht dabei haben, weil ich so schlecht spiele.“, erklärte ich ehrlich. „Oh... verstehe... darum siehst du so geknickt aus. Aber Fußball ist reine Übungssache, weißt du? Und falls du wirklich kein Talent dafür hast, bist du bestimmt in etwas anderem gut! Sogar mehr als gut, eher so mega klasse!“ „Denkst du wirklich?“ „Natürlich!“

Damals hatte ich ihn bewundernd angestarrt und ihn total nett gefunden. Und er hatte recht gehabt. Damit das ich in etwas anderem gut sein würde, meine ich. Denn ich konnte verdammt gut Zeichnen. Sogar mehr als gut, eher so mega klasse. Als ich mein Talent entdeckt hatte, machte ich nichts anderes mehr. Auch wenn alle anderen über mich lachten, machte mir das nichts aus. Denn ich war in etwas besser als sie, das schwerer zu lernen war als Fußball. Und weil Alec mir immer wieder sagte, dass es mir egal sein konnte. Er brachte mir auch bei, wie man Fußball spielte. Er hatte immer Zeit für mich, obwohl er ziemlich beliebt war. Er war überhaupt zu allen so nett wie sie es verdienten und kümmerte sich um jeden so gut er konnte, wenn jemand Hilfe brauchte. Dank ihm fingen die anderen auch an, mich einfach zu meiden und ignorieren statt sich über mich lustig zu machen.

Als er dann in die erste Klasse ging, kam er nach der Schule immer noch in den Kindergarten. Naja, also in den Hort. Der war aber auch in dem Kindergarten. Außerdem verabredeten wir uns immer wieder. Er war schon mehr ein Bruder für mich, als ein Freund. Er wohnte ja schon halb bei mir. Auch meine Eltern mochten ihn, aber seine Eltern lernte ich nie kennen. Ich hatte ihn einmal gefragt wo sie sind, weil ich sie nie sah. Er antwortete nur: „Weg.“ Seitdem fragte ich nicht mehr.

Edward fragte auch nie. Ihn lernte ich kennen, als ich in die erste ging. Seine Körpermasse sorgte dafür, das die anderen einen Bogen um ihn machten. Er gehörte nach drei Tagen fest in unsere kleine Clique. Wie sich später herausstellte, war er aber kein echter Freund.

Denn plötzlich wurde er cool. Ich wusste nicht warum, aber seitdem waren Alec und ich wieder zu zweit. 'Ed' hatte jetzt andere Freunde, aber um cool zu bleiben und seine neue 'Gang' nicht zu verlieren, fing er an auf mir rumzuhacken. Sie schubsten mich herum, klauten meine Hausaufgaben, ertränkten die Schulsachen die sie nicht brauchten und stellten mir an den Treppen Beine. Bis zu dem Tag an dem Alec davon erfuhr. Am darauf folgenden Tag warf mir seine Gang höchstens böse Blicke zu. Aber Ed schrieb mir im Unterricht ein Zettelchen und warf es mir an den Kopf als der Lehrer nicht hinsah. Ich faltete es auseinander. „VERRÄTER“, stand in Großbuchstaben darauf. Ich fand es fast lustig. Fast. Er war es der uns verraten hatte. Weil er lieber hundert falsche Freunde als einen echten hatte. Weil er unbedingt dazu gehören wollte.

Ich verstand es nicht. Aber ich war mir sicher, das Alec immer bleiben würde. Denn er war ein echter Freund. Er würde mich nie alleine lassen. Niemals. Und ich hielt zu ihm wie er zu mir hielt. Auch als meine Eltern sagten, das ich aufhören sollte mit ihm zu reden, hielt ich zu ihm. Deshalb schickten sie mich zu einem Psychologen. Nur weil ich einen echten Freund hatte.

Alec kam sogar mit zu meinen Terminen, und egal wie er das schaffte, ich war unglaublich erleichtert da nicht alleine zu sitzen. Die ersten Male hörte er nur schweigend zu. Der Psychologe fragte mich über Alec aus, auch wenn der direkt neben mir saß. Ich antwortete so gut ich konnte. Es war lustig zu sehen, wie er die Stirn immer stärker runzelte, je mehr Fragen ich beantwortete. Aber in der siebten Sitzung sagte Alec plötzlich: „Stop.“, bevor ich die Frage, was ich heute alles so mit Alec unternommen hätte, beantworten konnte.
Ich sah zu ihm. „Antworte ihm nicht. Er ist ein Verräter. Er wird alles was du sagst verdrehen und gegen dich verwenden.“ Ich nickte, was der Psychologe mit einer hochgezogenen Augenbraue beobachtete. Ich sah Alec an. Mein stumm gestelltes „Was jetzt?“ kam bei ihm an. Er beobachtete den Psychologen sorgfältig. „Sag, ich wäre heute nicht da gewesen. Auch zu deinen Eltern. Tu ab jetzt so als wäre ich nicht da, als würde ich nicht existieren wenn jemand da ist. Egal wer.“ Ich tat was er mir sagte. Ich vertraute ihm. Wenn er sagte der Psychologe wäre ein Verräter, dann war er einer.

Aber sobald wir alleine waren, stellte ich Alec zur Rede. Oder sagte ihm eher meine Meinung. „Ich werde meinen Freund und Bruder nicht leugnen! Auf keinen Fall!“ rief ich. „Aber du musst! Bitte, es ist für uns beide besser, vertrau mir!“ „Ich vertrau dir ja, aber ich bin kein Verräter!“ „Es ist kein Verrat, ich bitte dich ja schließlich darum!“ „Aber... Aber...“ stammelte ich, bereits am Ende meiner Argumente. Niedergeschlagen nickte ich, seufzend und mit hängendem Kopf, als ich merkte das ich diese Diskussion schon lange verloren hatte.

Seitdem spielte er ab und zu Souffleuse. Und er hatte recht. Mal wieder. Nach fünf weiteren Sitzungen, also fünf Wochen, sagten meine Eltern das ich nicht mehr zum Psychologen gehen müsse. Seitdem tat ich bei anderen immer so, als gäbe es Alec nicht. Obwohl jeder wusste das Alec existierte.

Inzwischen wusste ich, das Alec's Eltern nicht weg, sondern tot waren. Wie meine jetzt auch. Dennoch dachte ich auf dem ganzen Weg nach Hause nur an ihn. Denn er würde mich nicht verlassen. Nicht wie wir von Ed verlassen worden waren, nicht wie wir von unseren Eltern verlassen worden waren. Garnicht. Er würde immer da sein.

Ich betrat meine Wohnung, schloss die Tür, hängte meinen Schlüssel auf und zog Jcke und Schuhe aus. Ich tapste Richtung Wohnzimmer, blieb aber bei einem im Flur hängendem Bild stehen. Es war das letzte Foto von mir und Alec, danach musste ich ja so tun als ob er nicht existierte. Also gab es logischerweise auch keine Fotos mehr.

Ich wusste nicht warum, aber seit diesem einen Tag wollte keiner mehr seinen Namen hören. Seit er beim Fußballspielen zusammengebrochen war. Ich konnte mich noch Haar genau daran erinnern wie viele Sorgen ich mir machte, als wir im Krankenhaus auf Neuigkeiten warteten. Daran wie geschockt und am Boden zerstört ich war, als die Ärzte sagten er würde nicht wiederkommen. Das er Probleme mit seinem Herzen gehabt hätte, die Ernster gewesen waren, als sie vermutet hatten. Und er daran gestorben wäre. Ich hatte geschrien. So laut, das ich fast sofort Heiser war. Danach war ich zusammen gesackt. Mein Körper hatte jegliche Kraft verloren und war von Heulkrämpfen geschüttelt worden.

Deshalb hätte ich Alec am liebsten umgebracht als ich ihn zuhause friedlich in meinem Zimmer sitzen sah. Er puzzelte das Puzzle weiter das wir gemeinsam angefangen hatten. Als er hörte das ich eintrat, drehte er sich um und grinste mich an. So wie immer. Wenn ich nicht heiser gewesen wäre, hätte ich erneut geschrien. Aber vor Glück. Denn egal wie groß mein Bedürfnis danach war ihm eigenhändig den Hals umzudrehen als er mir erklärte das das mit dem Herzanfall nur ein Scherz gewesen war, die Freude darüber das er lebte war größer. „Tu sowas nie wieder. Versprich mir das du mich nie wieder verlässt.“ krächste ich hervor. Er wuschelte mir sanft wie ein Windhauch durch die Haare, breit grisend wie immer. „Keine Sorge Kleiner. Wir sind schließlich Freunde, oder? Und wahre Freunde verlassen dich nie!“
Yurei ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.02.2019, 00:47   #2
weiblich Ex-WUI
 
Dabei seit: 09/2018
Beiträge: 1.059


Hallo Yurei,

eine tolle Kurzgeschichte. Angenehm lesbar durch Absätze und abwechslungsreiche Sprache. Inhaltlich fand ich diese hier besonders überzeugend. Sie ging mir nah. Ich habe aber alle deine Geschichten gelesen. Und alle drei sind gut.

Mach weiter so.
Irregute Wochenendgrüße.
:-)
Ex-WUI ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 16.02.2019, 12:37   #3
weiblich DieSilbermöwe
 
Benutzerbild von DieSilbermöwe
 
Dabei seit: 07/2015
Alter: 56
Beiträge: 4.244


Hallo Yurei,

mir gefällt die Geschichte sehr gut. Als ich die Überschrift las, dachte ich: "Auch nicht, wenn sie sterben?" und dann beginnt die Geschichte am frischen Grab....

Du hast hier mit dem Freund, den niemand sieht, sehr schön etwas eingefangen, was erzählerisch schwer zu fassen ist. Es ist eine Grauzone zwischen wirklich psychisch krank und etwas ganz anderem. Gut dargestellt.

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist gerade online   Mit Zitat antworten
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Stichworte
freundschaft, schizophrenie, verlust

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