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Alt 26.03.2009, 20:38   #1
männlich j.j.remigi
 
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Standard Da war Einer

Und da war Einer der nahm Schal und Mantel, weil er es nicht mehr aushielt. Und er stieg in den Zug nach niergendwo, weil er hoffte, es dort besser auszuhalten. Und sein Kopf war schon dort. Von dort, wo keine Schiene zurückführt. Und er war schon kalt, nur seine Stimme lebte noch, tief innen, in seinem Kopf hallten die letzten Schreie der Nacht. Und die Schwielen an den Füssen schmerzten vom langen gehen. Sie und der ganze Rest von ihm mochten seit langem nicht mehr. Nur sein Kopf, der konnte nicht schlafen.
Blutig verlangten die Füsse nach Rast. Schmerz durchpochte seine Augen. Schwarz im Weiss. Und hinten, ganz weit vorne im Hinten, schrie eine Stimme. Seine Stimme schrie: Nie mehr, nie mehr.

Nie wieder ein wärmendes Bett, nie wieder ruhigen Schlaf. Nie wieder Geborgenheit. Nie mehr. Ständig auf der Flucht. Doch der Andere folgte Schritt auf Tritt. Hinter jeder Mauer, hinter jeder Tür stand der. Der spähte durch die Dielen. Und vom Friedhof her schrie der ihm nach, und im Bett, da lag der dazwischen. Und der war in jedem Wort, in jeder Geste war der. Und der sass schon dort, wenn der Eine daherkam. Und er liess ihn nicht schlafen nachts, und er liess ihn nicht weinen. Nur gehen durfte der Eine, stumm gehen. Und seine Stimme, die schrie, die hallte im Kopf, ganz weit vorne.
Draussen war es schon dunkle Nacht. Der Zug pfiff und legte sich in eine Kurve. Irgendwo tantzten die Lichter einer Stadt. Näher kamen die. Bedrohlich näher. Sie tanzten auf und ab. Irgendwie sangen sie dann auch, und lachten. Sie lachten auch noch, als er aus dem Zug stieg. Sie lachten, er fror. Die kalte Nacht wehte über die Geleise. Und irgendwann gingen die letzten Lichter aus. Nur die Laternen, die standen da und wimmerten ihr Lied von der Einsamkeit.

Der Eine, der hiess eigentlich Keller, stand immer noch am Bahnhof, und wimmerte mit. Wimmerte im Schatten der Laterne, wimmerte in den Wind. Und die Nacht war kalt, war finster und grausam. Nur der Schein der Laterne fiel auf Kellers Füsse, die bluteten vom langen Gehen.
Und die wollten endlich schlafen.
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