Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Gedichte-Forum > Gefühlte Momente und Emotionen

Gefühlte Momente und Emotionen Gedichte über Stimmungen und was euch innerlich bewegt.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 13.09.2008, 19:55   #1
weiblich schreibhexe
 
Benutzerbild von schreibhexe
 
Dabei seit: 09/2008
Ort: Bochum
Alter: 64
Beiträge: 29

Standard Der Saboteur

Doch, doch, Herr Doktor, Sie haben schon Recht.
Meinen Knochen geht's nur deshalb so schlecht,
Weil sie zu viel zu tragen haben.
Doch jetzt - verzeih'n Sie - muss ich meinen Magen laben,
Weil ...also, seit gestern abend faste ich schon
Und nun verlangt das Scheusal den Lohn.

Der Magen, dieses ätzende, hohle Organ,
Gebärdet sich wie ein wilder Tyrann.
Dieser schreckliche Hunger, der quält wie verrückt,
Mein Denken liegt brach, ist wie zerstückt.
Ich kann nicht schlafen, ist der Magen nicht voll...
Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll!

Ja doch, Herr Doktor, ich denk an mein Knie.
Dreißig Kilo, sagen Sie?!
O Gott, lieber Doktor, was soll ich bloß tun?!
Der Unersättliche lässt mich nicht ruhn.
Standhalten!? Das ist Ihr Rat? Na dann...
Morgen, versprochen, fang ich nochmal an...
schreibhexe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 13.09.2008, 20:47   #2
erstmalsooderwie
 
Dabei seit: 11/2007
Beiträge: 79

Standard RE: Der Saboteur

Hallo Schreibhexe!
Dein Gedicht gefällt mir. Den Magen als Saboteur zu bezeichnen, da er eine Gewichtszunahme herbeiführt, die die Knie schädigt, das ist so verdreht und verrückt, dass ich gar nicht genug von diesem Gedanken bekommen kann. Andererseits könnte man das Gedicht auch als Monolog eines Menschen Ansehen, der eine Magentransplantation hinter sich hat, und das neue Organ noch nicht als einen Teil seines eigenen Körpers ansieht, sondern als etwas fremdes, linkes und hinterlistiges. Diese Sichtweis gefällt mir noch ein bisschen besser.
Einige Holpler sind noch drin, wie ich finde. Naja - los geht's:

Zitat:
Doch, doch, Herr Doktor, Sie haben schon Recht.
Meinen Knochen geht's nur deshalb so schlecht,
Weil sie zu viel zu tragen haben.
Du gehst ersteinmal auf die Knie ein. Musst du ja praktisch. Eine schöne, absichtlich "alt" wirkende Sprache ("Herr Doktor"), sie wirkt etwas ungelenk, etwas "verwurschtelt", was schön zum Charakter des restlichen Gedichtes passt. Gleich in der ersten Zeile gleich acht Silben, da musste ich zweimal lesen, um den Rhythmus zu verstehen.
Allerdings: Das Versmaß passt im Vergleich erster und zweiter Zeile nicht ganz. Im ersten Vers hast du erst zwei unbetonte (doch doch) Silben, dann folgt ein Anapest mit einer Art Auftakt (ein Germanistiker könnte das natürlich besser ausdrücken). Also:
(x x) x X x x X x x X
Dann, im zweiten Vers ändert sich das Versmaß jedoch sichtbar ungewollt:
x x X x x x X x x X
Hier kann ich nicht mehr wirklich ein Versmaß erkennen.

Zitat:
Doch jetzt - verzeih'n Sie - muss ich meinen Magen laben,
Weil ...also, seit gestern abend faste ich schon
Und nun verlangt das Scheusal den Lohn.
Das "verzeih'n Sie" passt, weil es nicht in das Versmaß passt. Es ist ein Anhängsel, das so unbedeutend ist, dass ihm kein Platz in der Sprachmelodie gebührt. Im nächsten Vers wird in meinen Augen noch einmal Ähnliches gemacht, mit den Punkten (eigentlich sind es immer drei), aber das ist meiner Meinung nach zu viel des Guten. Wie wäre es mit:
"Weil, also... seit gestern, da faste ich schon" (also: xXxXxXxXxXx)?
Als Scheusal bezeichnen, das ist schön.

Zitat:
Der Magen, dieses ätzende, hohle Organ,
Gebärdet sich wie ein wilder Tyrann.
Autsch, ein unechter Reim. Das kannst du besser.
Statt "dieses" vielleicht besser "das" - dem Lesefluss zu Liebe.

Zitat:
Dieser schreckliche Hunger, der quält wie verrückt,
Mein Denken liegt brach, ist wie zerstückt.
Ich kann nicht schlafen, ist der Magen nicht voll...
Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll!
Noch ein paar Leseflussverbesserungsvorschläge:
Statt "dieser" vielleicht "sein", um den Magen noch einmal als "Einzelperson" darzustellen und das ganze besser flutschen zu lassen. Und mach doch bitte immer nur drei Punkte als Auslassungszeichen .

Zitat:
Ja doch, Herr Doktor, ich denk an mein Knie.
Dreißig Kilo, sagen Sie?!
Ich glaube, dieser Text ist gut zum Vorlesen geeignet. Man kann dann die "Dreißig Kilo" schön über die Länge von vier Silben ziehen.

Zitat:
O Gott, lieber Doktor, was soll ich bloß tun?!
Der Unersättliche lässt mich nicht ruhn.
Standhalten!? Das ist Ihr Rat? Na dann...
Morgen, versprochen, fang ich nochmal an...
Schöne Steigerung zum Schluss. Das eigentliche Finale enttäuscht mich allerdings. Es ist einfach vorraussehbar. Dass du das "e" bei "fange ich nochmal an" weglässt ist unnötig. In meinen Ohren klingt es mit besser.

Weiteres beizeiten,
Beste Grüße,
erstmalso. ...
erstmalsooderwie ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.05.2009, 09:01   #3
weiblich schreibhexe
 
Benutzerbild von schreibhexe
 
Dabei seit: 09/2008
Ort: Bochum
Alter: 64
Beiträge: 29

Hallo, erstmalsooderwie,

nach nun einem halben Jahr Abstinenz (wegen dem Hickhack um lyr.wir) habe ich zwar nicht an Gewicht verloren, aber mir Deine Kritik zu Herzen genommen. Du hast ja Recht. Mir hat der Schluss auch nicht gefallen. Aber nach einigem Abstand ist mir doch noch was Brauchbares eingefallen (hoffe ich). Hier ist das Gedicht in abgeänderter Form:


DER SABOTEUR

Doch, doch, Herr Doktor, Sie haben schon Recht:
Meinen Knochen geht’s nur deshalb so schlecht,
weil sie zu viel zu tragen haben.
Doch jetzt – verzeih’n Sie – muss ich meinen Magen laben,
weil .... also, seit gestern, da faste ich schon
und nun verlangt dieser Herr seinen Lohn.

Der Magen, dieses ätzende, hohle Organ,
Gebärdet sich wie ein wilder Tyrann,
Dieser schreckliche Hunger quält wie verrückt,
Mein Denken liegt brach, ist wie zerstückt.
Ich kann nicht schlafen, ist der Magen nicht voll...
Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll!

Ja doch, Herr Doktor, ich denk an mein Knie.
Dreißig Kilo sagen Sie?
O Gott, lieber Doktor, was soll ich bloß tun?!
Der Unersättliche lässt mich nicht ruh’n.
Torten und Eisbecher schmecken so gut!
Bis in den Keller sinkt mir der Mut...

In den Kaffee tu ich nur Süßstoff rein!
Und trotzdem nehm’ ich nicht ab, ist das nicht gemein?
Tun Sie doch was! Ich verlier den Verstand!
Herr Doktor!!! Ich will ein Magenband!
schreibhexe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 02.06.2009, 11:29   #4
weiblich Ex-Lenie
abgemeldet
 
Dabei seit: 07/2008
Beiträge: 46

Hallo schreibhexe,

Ha! Wirklich ein hervorragendes Werk! Alles was an Kritik zu schreiben war, hat erstmalsooderwie schon erwähnt.
Ah, dein Gedicht gefällt mir sehr. Es sprüht vor Witz und trägt doch eine gewisse Kritik in sich.

Sehr schön!

Liebe Grüße
Lenie
Ex-Lenie ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Der Saboteur

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche



Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.