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Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

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Alt 28.09.2018, 16:37   #1
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.927

Standard Erlkönig

Als Reitpferd trab ich durch den Wind
der Nacht und trage Herr und Kind
zu dunklen Häusern, schwachem Glimmen.
Am Wegesrand sind Geisterstimmen.

Ein König schwebt ins Nebelland,
zeigt eine Beule im Gewand
und spricht erregt und winkt dem Knaben.
Er will den Kleinen bei sich haben.

Der Knabe, ängstlich, redet nicht,
verbirgt, so scheint mir, sein Gesicht.
Doch soll das Kind wohl nichts begreifen.
Der Vater spricht von Nebelstreifen.

Der König grinst aus dem Gebüsch
und schimmert wie ein nackter Fisch.
Er säuselt immerfort: „Zum Lohne
bekommst du, Schätzchen, auch die Krone.“

Das Kind bestürmt den Vater jetzt:
„Ein Erlenkönig!“, und entsetzt
vibriert die Stimme. Doch sein Retter
sagt unbedarft: „Es rascheln Blätter.“

Ganz dicht bei mir, schon vor dem Huf,
erscheint der Geile, lockt sein Ruf:
„Auch meine Mutter will dich wiegen,
und bei den Töchtern darfst du liegen!“

Das Kind ruft völlig außer sich:
„Dort tanzen sie, beschütze mich!“
Der Vater tröstet nochmals lau:
„Mein Sohn, die Weide biegt sich grau.“

Der Lüsterne verliert den Halt
und nimmt den Knaben mit Gewalt.
Ein weher Schrei, ein kleines Wanken -
Dann spür ich Sporen in den Flanken.

Ich jag dahin, halt irgendwann
erschöpft in einem Hofe an.
Mein Herr steigt ab und sieht ein wenig
so aus wie der verliebte König.

Und wird zum Bettler durch die Not,
auf der er ritt… Sein Kind ist tot…


(nach Goethes Ballade)

Geändert von gummibaum (29.09.2018 um 00:01 Uhr)
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.09.2018, 19:50   #2
weiblich Unar die Weise
 
Benutzerbild von Unar die Weise
 
Dabei seit: 10/2016
Ort: in einem sagenhaften Haus
Alter: 37
Beiträge: 4.794

Dieses ist ein Meisterwerk
und wird von mir sogleich geehrt.
Drum kommt es zu den Favoriten,
da lass ich mich nicht lange bitten.
Es ist mir ein Genuss gewesen,
ich muss es wohl noch öfter lesen.
Unar die Weise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.09.2018, 20:24   #3
männlich Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 1.485

Ja, sehr schön gummibaum!

Nur eine kleine Kritik (will helfen)

Wieso lehnen sich alle an alte Meister an? Wird das jetzt Mode?

Verstehe ich nicht, vor allem, wenn das Potential vorhanden ist, dies nicht zu müssen.

Nur Mut, nur Mut!

vlg

EV
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.09.2018, 21:53   #4
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.927

Danke für dein Gedicht, liebe Unar. Das liest sich gut.

Danke für dein Lob, lieber Eisenvorhang.

Ich habe schon über alles Mögliche geschrieben. Phasenweise greife ich gern auf ältere Vorlagen aus verschieden Bereichen zurück. Das tun andere auch. Aber ein allgemeiner Modetrend wird es, glaube ich, nicht.


Liebe Grüße
gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2018, 00:15   #5
männlich Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 1.485

Zitat:
Zitat von gummibaum Beitrag anzeigen
Danke für dein Gedicht, liebe Unar. Das liest sich gut.

Danke für dein Lob, lieber Eisenvorhang.

Ich habe schon über alles Mögliche geschrieben.

Liebe Grüße
gummibaum
Das wäre ja ein Unding lieber gummibaum! Dann gäbe es doch gar nichts mehr zu schreiben. Ist doch das Schwerste, das Alltägliche und scheinbare Einfache.

Ja was andere tun! Hält einem selbst oft nur auf. (Kann einen aufhalten)

Ich hoffe du verstehst meinen Impetus nicht falsch.
(der keineswegs kritisch ist)

vlg

EV
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2018, 03:15   #6
weiblich Ex-Serpentina
abgemeldet
 
Dabei seit: 04/2018
Ort: Zwischen den Gedanken
Alter: 52
Beiträge: 698

Lieber gummibaum,

dein Rückgriff auf alte Werke ist ein sehr spannender Lesegenuss. Es macht sicher grosse Freude, die Perspektive zu wechseln und mit eigenen Bildern und Eindrücken die Geschichte zu erzählen. Die Ergebnisse zeigen, dass du ein Meister dichterische Improvisationskunst bist.

LG,
Serpentina
Ex-Serpentina ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2018, 10:25   #7
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.927

Ja, liebe Serpentina,

der Perspektivwechsel macht mir Freude.

Manchmal glaube ich auch zu fühlen, wie den früheren Dichtern zumute war, als sie gerade einen Gedanken oder ein Gefühl umkreisten und plötzlich den besten Ausdruck dafür entdeckten.

Schön, dass dir meine Ergebnisse gefallen.

Wünsche dir einen schönen Tag.
LG gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 29.09.2018, 20:21   #8
weiblich Ex-Serpentina
abgemeldet
 
Dabei seit: 04/2018
Ort: Zwischen den Gedanken
Alter: 52
Beiträge: 698

Zitat:
Zitat von gummibaum Beitrag anzeigen

Manchmal glaube ich auch zu fühlen, wie den früheren Dichtern zumute war, als sie gerade einen Gedanken oder ein Gefühl umkreisten und plötzlich den besten Ausdruck dafür entdeckten.
Ich denke das kann ich gut nachvollziehen. Man nimmt ein Werk nochmal anders und intensiver wahr.
Die Dynamik, Emotionen und Aha-Erlebnis werden neu erspürt.

Zitat:
Wünsche dir einen schönen Tag.
LG gummibaum

Dankeschön. Das wünsche ich dir auch.
Ex-Serpentina ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.09.2018, 11:25   #9
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.940

Lieber gummibaum,

Goethes Erlkönig reizt offensichtlich sehr zur Nachahmung, ich habe mich auch schon daran gewagt. Deine Version ist in sofern wieder einmal etwas Besonderes, weil sie die Geschichte aus einer anderen und völlig unerwarteten Sicht erzählt. Mir gefällt so etwas ausgezeichnet.

Zitat:
Zitat von gummibaum

Als Reitpferd trab ich durch den Wind
der Nacht und trage Herr und Kind
zu dunklen Häusern, schwachem Glimmen.
Am Wegesrand sind Geisterstimmen.
Ich hätte mir gewünscht, dass du nicht gleich zu Anfang die Katze aus dem Sack lässt. Das Aha-Erlebnis stellt sich später von ganz alleine ein und lässt den Leser vorher noch etwas grübeln.

Wie gefällt dir z.B. dieser Anfang?

Ich eil gehorsam durch den Wind
der Nacht und trage Herr und Kind
zu dunklen Häusern, schwachem Glimmen.
Am Wegesrand sind Geisterstimmen.


So oder so sehr sehr gerne bewundernd gelesen.

Liebe Grüße
Nöck
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.09.2018, 13:45   #10
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.927

Danke, lieber Nöck,

für das Lob und die gute Idee, die ich evtl. übernehme.

(Ich fand unter anderem den zum Erlkönig bei Wikip als Literaturangabe Nr. 7 verzeichneten Vortrag von Luise Reddemann über Albträume ganz interessant und könnte mir darauf basierend das Pferd gut auch als ein Triebsymbol vorststellen.)

Liebe Sonntagsgrüße
gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.09.2018, 15:12   #11
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.940

Eine interessante Abhandlung, lieber gummibaum. Das Pferd als Triebsymbol? Warum nicht.

Wenn ich den Faden weiterspinne, dann könnte der Vater der Triebtäter sein, der sich an seinem Sohn vergeht. Der Sohn schwebt in höchsten Ängsten, fantasiert und wird vom Vater immer wieder beschwichtigt, dass alles ja nicht so schlimm ist. Das Trauma endet für den Sohn mit dem Tod, was leider ziemlich nah an der Realität ist.

Danke für den Anstoß zu einer für mich völlig neuen Sichtweise.

Liebe Grüße
Nöck
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.09.2018, 15:51   #12
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.927

Danke für die Rückmeldung, lieber Nöck.

So etwa hatte ich die Szene beim Schreiben vor Augen. Habe aber bewusst nur "sieht ein wenig so aus" und "Not" statt "sieht exakt so aus" und "Notzucht" geschrieben.

Alles Liebe
gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.09.2018, 17:24   #13
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.940

Aha, lieber gummibaum, das hatte ich tatsächlich nicht so gesehen.

LG Nöck
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
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