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Lebensalltag, Natur und Universum Gedichte über den Lebensalltag, Universum, Pflanzen, Tiere und Jahreszeiten.

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Alt 21.10.2019, 22:53   #34
weiblich frankaaimy
 
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Beiträge: 138

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Wörter auf "-ung" gehören auch dazu, also möglichst vermeiden.

Großmeister wie Schiller, Heine u.a. sind keine Belege für das Gegenteil. Ich bin sicher, dass sie diese Wörter nur sparsam gebraucht haben. Denn die Gefahr bei diesen Endungen besteht immer darin, dass auf "-heit" Wörter mit "-keit" gereimt werden - ist schließlich das Einfachste. Und dann wird es in der Tat unpoetisch. Beispiele dafur gibt es massenhaft. Außerdem klingen sie hart.

"Literaturbetrieb" ist kein Argument, hier geht aus ausschließlich um Lyrik.
Das Allererste was mir auffiel, was du erwähntest, war "klingt".
Es klänge nicht poetisch.
Wer bestimmt denn was poetisch klingt und was nicht?
Was ist hier der Maßstab?

Okay, ich gehe davon aus, dass das irgendein Autor sich wahnwitziger Weise ausgedacht hat, weil er der Meinung war Sprachgefühl zu besitzen.
Dann hat er aber nur seine Sicht von Poesie Kund getan - diese Aussage als Doktrin zu verwenden ist schon fast ein unglaubwürdiger Fundamentalismus...

Eine Quellenangabe bleibt nach wie vor aus, somit bleibt diese Behauptung einfach nur deine Meinung, Ilka-Maria und besitzt keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Dann ist es eine Meinung die du dir gebildet hast oder deine Meinung, die du von einer anderen übernommen hast.

Ein begabter Schreiber, der lebt, um schreiben zu können (müssen), wird diese Aussage belächeln.

Die Tatsache mit den Adjektiven kann ich verstehen. Allerdings ist das empirisch und anhand von Analyse lassen sich so Rückschlüsse auf die Textqualität ermitteln.
Aber warum soll man keine Adjektive verwenden?

Lyrik ist nicht objektiv!

Nehmen wir mal ein Gedicht von Ernst Goll! Das Gedicht kenne ich auswendig.

Manch Mädel hab ich lieb gehabt
In meinen Brausetagen -
Wie viele, kann ich wahrlich nicht
Auch nur beiläufig sagen.

Die meisten waren braun und schwarz
Und zum Verwechseln ähnlich,
Wie man sie alle Tage sieht,
Mit einem Wort: gewöhnlich. - -

Nur ein Gesicht von allen war
Aus anderm Stoff bereitet,
Darauf lag die Barmherzigkeit
Der ganzen Welt gebreitet.


usw usf.


Oder das Gedicht "In Sand geschrieben" von Hesse:

https://hhesse.de/gedichte/in-sand-geschrieben/

Zu Rilke und Shakespear verweise ich erst überhaupt nicht, das erspare ich mir einfach ...

Schiller und Heine betrieben Sprachgebrauch, sie waren keine so eitlen Formverfechter wie der Herr Goethe, der extra Schreibkurse besuchte oder etliche Wochen über die Form eines Gedichtes sinnieren musste.
Oder Rilke und Orpheus, die er in den zwanzigern im Minutentakt aus der Feder ließ.

Gerade Heine, der für seine freien Melodien bekannt war, ging mit Sprache so um, wie er wollte, weil er in der Schrift seine Freiheit fand!

Du Himmel, Wort und Engel,
du Perle meiner Saat,
was treibst du mich gen Himmel,
was fliehst du in die Freiheit,
es grenzt fast an Verrat.


Und genau das ist die Poesie in der Lyrik!
Jemand, der Herz und Verstand in der Feder vereint, schafft zwangsweise Poesie.
Und dazu gehören einfache Grundlagen wie die Metrik - niemand erwartet von einem Anfänger sofort einen Alexandriner oder Stanzen zu schreiben.
frankaaimy ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.10.2019, 23:09   #35
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von frankaaimy Beitrag anzeigen
Eine Quellenangabe bleibt nach wie vor aus, somit bleibt diese Behauptung einfach nur deine Meinung, Ilka-Maria und besitzt keinerlei Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Dann ist es eine Meinung die du dir gebildet hast oder deine Meinung, die du von einer anderen übernommen hast.
Richtig. Ich bin überzeugt davon. Vielleicht stoße ich bei meinem drei Meter hohen Bücherturm über literarisches Schreiben und Lyrik mal wieder auf die Quelle, dann schiebe ich die Angaben gerne nach.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.10.2019, 23:27   #36
weiblich frankaaimy
 
Dabei seit: 07/2019
Ort: Leipzig
Beiträge: 138

Dies klingt schon anders. :-)

Und warum bist du davon überzeugt?
Ich bin neugierig, weil ich das noch nie hörte. Mein damaliger Mentor sagte immer: „Wer Schrift und Sprache beherrscht, braucht keine Regeln“.

Und ich finde den Kontrast ganz spannend.
Denn ich empfinde derartige Wörter hochgradig poetisch.
Und kann es aufgrund der Silbenbildung im Mund und im Rachen, unserer Phonetik im Allgemeinen, und durch die Wahrnehmung von harmonischer Musik im Gehirn (Klassik als Referenz) auch begründen. (Und warum gerade die Poesie im Deutschen ausm Herzen kommt)

Was sind die Gründe, die dich überzeugt haben?
Du kannst auch gern eine PN schreiben.

Ich würde mich freuen.
frankaaimy ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.10.2019, 23:41   #37
weiblich Ilka-Maria
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Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.225

Ich nannte bereits einen Grund: "-heit" und "-keit" klingen hart. Viele Wörter, die so enden, sind obendrein Silbenschleppzüge. Statt "Barmherzigkeit" gefielen mir "Güte", "Milde", "Mitleid" und einige andere Wörter besser, weil ich ohnehin ein Fan kurzer Wörter bin. Für mich sind sie poetischer als die langen, hart endenden Wörter.

Wörter, die auf "-ung" enden, klingen dunkel.

Ich versuche immer (und darin folge ich Wolf Schneider), die kürzeren, griffigeren Wörter zu verwenden. Wer im Journalismus arbeitet, weiß, wie wichtig das werden kann, weil Berichten und Reportagen nur begrenzter Raum zur Verfügung steht, und da stößt man mit Elefantenwörtern schnell an die Grenze. Das gilt auch für Schreibwettbewerbe, bei denen der Umfang eines Textes streng vorgegeben ist. Es gehört zum Handwerk, zielgerichtet zu schreiben

Jeder kann das sehen, wie er will. Meine Meinung und Erfahrung ist kein allgemeines Gesetz, das ich in Stein zu meißeln gedenke. Mir haben diese Erkenntnisse genützt, und das ist, was für mich zählt. Ich sehe aber deshalb keinen Anlass, meine Erfahrungen nicht weiterzugeben, dafür ist ein Forum schließlich da. Was der Empfänger damit anfängt, ist seine Sache.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 21.10.2019, 23:53   #38
weiblich frankaaimy
 
Dabei seit: 07/2019
Ort: Leipzig
Beiträge: 138

Okay, danke dir.

Ich nehme diese Endungen anders wahr, nämlich subtil, spitz, empfindsam und zärtlich. Aber zu sagen, dass es generell keine Poesie wäre, halte ich für unhaltbar, weil es sich ja nur um dein Befinden handelt und so sollte man es auch Anfängern weitervermitteln. Dass es für Dich keine Poesie ist ...
Weil es keinen einzigen Dichter gibt, der das wohl auch so sah ...
Und es tonnenweise weltberühmte Lyrik gibt, die das auch zeigen kann.

Finde deine Gedanken diesbezüglich aber sehr interessant.
Lange Wörter sind tatsächlich destruktiv, wenn sie Neologismen oder Zusammensetzungen sind. Sieht man in Gedichten seltener.

Barmherzigkeit heißt im Grunde nichts anderes als Offenherzigkeit gegenüber dem Leidenden ... Es ist eigentlich ein religiös konnotiertes Substantiv.
Güte und Milde walten lassen ist was anderes, weil es Impetus gerichtet ist und ein Motiv verfolgt (Vergebung).

Für journalistisches Schreiben gibt es einfache Regeln, die in der Praxis sehr schwerwiegend und komplex sein können. Da muss man auch fitt sein, was Satzbau im Detail angeht (Vorfeldpartikel usw usf).
Da hast du recht. Fand ich tatsächlich immer interessant, habe es aber nie gemocht. War mir zu schwer ...

Ahja, der Schneider - der sagte einst, dass ein guter Stil, dann ein guter ist, der frei und einfach ist.

In dem Sinne!

Geändert von frankaaimy (22.10.2019 um 06:42 Uhr)
frankaaimy ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2019, 06:52   #39
weiblich Unar die Weise
 
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Alter: 37
Beiträge: 4.795

Herrje, lieber Wortklauber.
Ich kann so nachvollziehen, wie du dich mühtest.
Mir geht es auch immer noch so, auf der Suche die Versmaße zu beherrschen.
Nun hat sich hier ein sehr schönes Herbstgedicht entwickelt, dessen Werdegang ich gern verfolgt habe.
Interessante Formulierungen habe ich in jeder Version gefunden, ob nun perfekt oder nicht,
jedes ging ans Herz.
Respekt auch an deine Lernwilligkeit.

Ein Gruß
Unar
Unar die Weise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2019, 07:12   #40
weiblich DieSilbermöwe
 
Benutzerbild von DieSilbermöwe
 
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Beiträge: 4.176

Zitat:
Zitat von Wortklauber Beitrag anzeigen
Von nassen Wiesen steigen Nebel
Der eitle Sonnenglanz ist matt
Die Krähen wetzen ihre Schnäbel
Die Herbstidylle hab ich satt.


Schon schütteln Winde kahle Bäume
Verfall und Tod schleichen ums Haus
Die Flure öffnen neue Räume
Das alte Jahr ist nun bald aus.


So hab ich das Gedicht bei mir schlussendlich abgespeichert - ein Gemeinschaftswerk!

Tschau WORTKLAUBER
Hallo Wortklauber,

du wolltest dich für den Jambus entscheiden, hast das in der ersten Strophe durchgehalten. In der zweiten fallen die ersten beiden Zeilen da raus, das ist Trochaeus. (Bei der ersten bin ich mir nicht so sicher, bei der zweiten mit dem "Verfall" auf jeden Fall). Es ist nicht einfach. Bis ich die Sache mit dem Jambus und Trochaeus einigermaßen verstanden hatte, sind zwei Jahre vergangen. Von jetzt auf gleich lernt man das nicht.

Ich habe da noch einen Tipp: Wenn Artikel vorkommen "der, die, das", ist es Jambus. Jedenfalls meistens

LG DieSilbermöwe
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2019, 08:27   #41
männlich Pjotr
 
Dabei seit: 09/2019
Beiträge: 192

Z1 in S2 halte ich noch für korrekt:

Schon schütteln Winde kahle Bäume


Nur Z2 stolpert auf schleiCHEN:

Verfall und Tod schleichen ums Haus
Pjotr ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2019, 08:46   #42
männlich Pjotr
 
Dabei seit: 09/2019
Beiträge: 192

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Ich nannte bereits einen Grund: "-heit" und "-keit" klingen hart.
Wörter, die auf "-heit" oder "-keit" enden, klingen auch in meinen Ohren eher unpoetisch. Aber nicht, weil irgendein Meister das behauptet, auch nicht, weil manche Hörer das "t" als hart empfinden (ich mag sowohl harte als auch weiche Töne). Sondern weil solche Wörter meistens keine Bilder liefern; sie sind meist abstrakte Summen aus irgendeinem Vielerlei. Beispiele:

Krankheit --> Liefert kein Bild; könnte alles mögliche darstellen, von Heckhusten bis Lepra

Heiterkeit --> Liefert kein Bild; könnte alles mögliche darstellen, von Grinsen bis Schenkelklatschen

etc. pp.

Ebenso Wörter mit "-ung" ...


Zitat:
Zitat von frankaaimy Beitrag anzeigen
Und genau das ist die Poesie in der Lyrik!
Ich halte die Wörter "Barmherzigkeit" und "Freiheit" in den folgenden Zitaten tatsächlich für nicht optimal:

Goll:
Nur ein Gesicht von allen war
Aus anderm Stoff bereitet,
Darauf lag die Barmherzigkeit
Der ganzen Welt gebreitet.


Heine:
Du Himmel, Wort und Engel,
du Perle meiner Saat,
was treibst du mich gen Himmel,
was fliehst du in die Freiheit,
es grenzt fast an Verrat.
Pjotr ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2019, 11:11   #43
weiblich frankaaimy
 
Dabei seit: 07/2019
Ort: Leipzig
Beiträge: 138

So geht die Wahrnehmung auseinander!

Ich finde es derart optimal, dass ich es direkt auswendig konnte.

Denn das der Stoff eines Gesichtes aus Barmherzigkeit gebreitet ist, ist nicht nur himmlisch schön ausgedrückt, sondern auch extrem sprach- und stilstark. (kurz: es ist genial)

Trotzdem sind viele verschiedene Perspektiven wertvoll und in der Lyrik ist das definitiv subjektiv!

Mittlerweile ist zeitgenössische Lyrik das:

wir sind nicht
gestreift, aber wir
sind egozentrisch
overdressed und blau
man sagt, wir
stammeln nichts mehr
immer wieder
letktorieren
und niemand,
der uns pimpern
kann
oder

der held 2.0
dein avatar zeigt
eine
gegenbewebung
du hast meine
nachricht über die
theatergruppe
gesehen!
ich swipe dich nach
links,
souffleurblütenzauber64
frankaaimy ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 22.10.2019, 11:22   #44
männlich MiauKuh
 
Benutzerbild von MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.855

und genau darum interessiert sich so gut wie niemand der jungen Generation für solche "lyrik"
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
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