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Alt 14.10.2019, 19:03   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Von Hirschen, Wölfen und Erziehern - Ein Essay

Inzwischen kenne ich sie gut, die Geweihkämpfe der Platzhirsche, auch Machos oder Narzissten genannt, und die Hörnchenpiekser der Zicken und Narzistinnen. Beiden geht es um dieselben Ziele, nämlich die höchste Stufe auf dem Treppchen und den geilsten Sexualpartner zu erringen. Wölfe mögen eine Ausnahme bilden, denn bei ihnen verlieben sich bekanntlich immer die falschen ineinander. Vielleicht heulen sie deshalb den Mond an, aber so ein staubiger Abklatsch der Erde wird ihnen kaum weiterhelfen können.

Dieses Geheul zum nächtlichen Nachthimmel ist ohnehin ein Mythos, wenn man den Wolfskennern glauben mag. Warum sollten sie den Mond anrufen, wenn nie eine Antwort kommt? Das nicht kapiert zu haben wäre völlig gegen das Gesetz der Evolution. Und Wölfe gehören nicht gerade zu den dümmsten Geschöpfen.

Nein, Wölfe heulen, um sich mit ihrer eigenen Art zu verständigen. Sie kommunizieren. Einer fängt an, ein anderer antwortet, und dann antwortet irgendwann ein ganzer Chor. So machen es auch die Amseln am Morgen nach dem Erwachen. Was dem einen der Abend und der Mond ist, ist dem anderen eben der Morgen und die Sonne.

Dem Menschen ist das allerdings fremd. Er muffelt von morgens bis abends herum, bekommt kaum den Mund auf, und wenn, um darüber zu klagen, dass die Menschen gleichgültig seien und nicht mehr miteinander sprächen. Dann loggt er sich ins Internet ein, schaut sich Talkshows an und geht nach Mitternacht zu Bett in dem Gefühl, es werde zwar viel geredet, aber nichts gesagt, und vor allem sei er ja noch nie zu den abgehandelten Themen gefragt worden, denn natürlich hätte er da eine ganze Menge von sich zu geben, das er aber doch lieber für sich behalten sollte, weil es niemandem gefiele.

Geht er jedoch über den Parkplatz eines Supermarktes, bekommt er plötzlich die Goschen auf! Hat doch tatsächlich so ein unverschämter Tattergreis, der kaum noch gehen kann, sein Auto auf „Mutter mit Kind abgestellt“. Und das am Freitag nach Feierabend, wo schnell noch so viele Leute einkaufen müssen, dass der kleine Parkplatz randvoll ist. Da muss der deutsche Erzieher natürlich eingreifen, indem er die Kiefernknochen auseinanderzwängt und die ganze Macht seiner Muttersprache in die Schlacht wirft: „Ich bin auch ein Vater von zwei Kindern und habe ganz hinten geparkt.“ „Schieben Sie ihren Wagen von meinem Kofferraum weg, ich will ausparken!“ Der Erzieher zückt sein Smartphone: „Ich schreibe jetzt Ihre Nummer auf, und dann melde ich Sie dem Marktleiter.“ Dazwischen fallen natürlich noch eine Menge weiterer muskelbepackter Worte.

Am Ende stehen sich die Kontrahenten, ein ausgedienter Hirsch und ein Erzieher, Stirn an Stirn gegenüber, weil ihnen der Adel eines Geweihs fehlt. Werden sich die Kontrahenten dieses Mangels gewahr, sinkt der Mut erfahrungsgemäß in die Unterhose, in der Testosteron nicht mehr nachgefragt wird, weil auf einen Parkplatz weder Gold und Ruhm, noch ein Weib zu erobern sind. Und so tun beide, was sie schon zehn Minuten vorher hätten tun können: Der Alte parkt aus und fährt nach Hause, und der Mittelalterliche schiebt seinen Caddy in den Supermarkt und kauft ein.

Und am Abend heulen sie nicht den Mond an, sondern ihren Frauen die Ohren voll, wie ungerecht es in der Welt zugehe, um sich noch ein bisschen Selbstbestätigung für ihr mutiges Handeln auf die herabhängende Unterlippe schmieren zu lassen.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.10.2019, 10:21   #2
männlich Ralfchen
 
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Dabei seit: 10/2009
Ort: London-Kaufbeuren-Wien
Alter: 72
Beiträge: 11.276

einfach köstlich zu lesen. und zum heulen von wölfen kann ich eine kleine anekdote einbringen:

unser grundstück in Malibu war etwa 4500m2 groß, wobei ein wesentlicher teil - also ca 2500 m2 davon in einem canyon mündeten. vis a vis ging es dann bergauf und nach einer schmalen strasse war die pazifik-küste. in der nacht heulten die coyoten in der kleinen schlucht und unsere beiden hunde wurden unruhig. manchmal sass ich unter tags am rande des canyons und hatte meine arme um unsere neben mir sitzen hunde geschlungen und begann - zuerst leise und dann zunehmend lauter - zu heulen. und die beiden jungs stimmten nach kurzer zeit in das geheul ein. das waren schöne momente, die ich nie vergessen werde.
Ralfchen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 15.10.2019, 10:36   #3
männlich kuse
 
Benutzerbild von kuse
 
Dabei seit: 11/2005
Ort: Berlin
Alter: 32
Beiträge: 485

Gefällig und pointiert. Einziges Detail: Mittlerweile loggt man sich nicht mehr (aktiv) ins Internet ein, die Zeiten sind mit DSL zum Glück vorbei.
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