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Alt 18.02.2018, 23:30   #1
männlich Amir
 
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Standard 1.5 Meter im Quadrat./ Der Physiker

Wie denkt ein Physiker in seinem Alltag? Mir hat jemand diese Frage gestellt. Ich antwortete natürlich mit "Warum?", denn weshalb sollte es so eine Frage überhaupt bedürfen? Ich frage ja auch nicht einen Bankier, wie sein Alltag so aussieht, oder? Der Fragende aber schien dies wirklich zu interessieren und bohrte nach. Er fing an einen langen Vortrag zu halten, wie ich als Physiker wohl dächte.

"Ist es nicht erschreckend durch die Welt zu blicken und viel genauer zu erkennen, wie die Welt funktioniert? Bei jedem Schritt an die Normalkraft zu denken? Durch jede Maschine hindurch zu sehen und die Zahnriemen auf ihre Ursprungskraft zurückzuführen zu können?Tut es sehr weh, als Physiker die Umwelt sofort immer besser zu verstehen als viele andere? Verbraucht der Verstand nicht mehr Energie, Pardon, verrichtet der Verstand nicht mehr Arbeit, wenn er ständig all dieses Wissen im aktiven Bewusstsein präsent hat?"

Ich war verdutzt und erheitert zugleich. Irgendwie empfand ich die Thematik doch interessanter als erhofft, also nahm ich etwas aktiver Teil an der Diskussion, normalerweise langweilt mich alles, außer es handelt sich um Physik. Ich verneinte jedoch seine Ideen darüber, dass Physiker so im Alltag denken würden. Ich tat es nicht. Wir verstehen überhaupt nicht viel besser, was in der Welt passiert. Anfang des 20Jh. hatte man mit der Physik abgeschlossen. Die Wissenschaft war sich sicher, dass wir alles über Physik wussten, bis dann eben die Büchse der Pandora geöffnet wurde.
Die klassische Physik hat sicher noch seine Berechtigung, weil diese auch auf unserer makroskopischen Welt durchaus funktioniert und Newton eigentlich nur die Wechselwirkung von Kräften erklären wollte und nicht wie dieses Universum wirklich aufgebaut ist, trotzdem wissen wir jetzt tatsächlich, dass wir nichts wissen.
Er fing wieder zu reden an. Fast schon wie ein Wasserfall.

"Was passiert, wenn ich auf einer Schiefenebene mit dem Auto beschleunige. Ist man sich dann stets bewusst, wie den Reibungskräften am Boden, an der Luft, die Auftriebskraft und der Winkel, sowie der Luftdruck, die Fahrt beeinflussen? Denkt dann ein Physiker manchmal darüber nach wie wir Hubarbeit verrichten, in solchen Situationen, da wir uns gerade gegen die Schwerkraft stoßen müssen, also unser Auto und das eigene Gewicht in die Höhe versetzen müssen. Ist es nicht gerade grotesk und ermüdend, so viel über die Welt nachzudenken und das ständig? Bereitet es Ihnen denn
wirklich Freude?"

Ja. Sagte ich. Jedoch, denke ich über alles andere nach als Physik, dachte ich. Er ging. Ich war kein guter Rhetoriker. Ich konnte gut Probleme lösen, aber nicht viele Fragen stellen, weil jede Frage ein Problem beinhaltet, denn wir suchen auf Fragen oft auch eine Antwort.
Immer noch etwas verdutzt über diesen Herren, der viel zu schnell wieder gegangen war. Ich wollte eigentlich schon noch wissen, warum er überhaupt diese Fragen stellte. Vielleicht war es ein Physikverdrossener, obschon er ziemlich gut die Mechanik verstand. Wie dem auch sei. Ich legte mich auf die Wiese. Wir befanden uns auf einem Sportplatz.

Es verging etwas Zeit. Seit dem Ort Null. Ich nenne diesen Ort auch Zuhause, weil ich davon immer die Distanzen berechne. Ich habe so eine App, die zeichnet meine Wege in Vektorbeiträge. Die Wolken ziehen von der nördlichen Seite des Himmels zur westlichen Hemisphäre. Jede Wolke braucht dafür einige Minuten. Ich könnte sehr leicht die Höhe berechnen und so die Geschwindigkeit der Wolken feststellen, aber so denkt ja bekanntlich ein Physiker nicht. Ich musste grinsen. Eigentlich tun wir dies ständig und es macht wirklich Freude. Solche Informationen gibt es auch nicht auf Suchmaschinen. Auf meiner Stirn fällt ein Blatt von einer nahen Baumkrone, die über dreißig Meter in der Höhe liegt. Das Blatt hat seine potenzielle Energie aufgebraucht. Es hat während des Fluges seine potenzielle Energie in kinetische Energie umgewandelt und diese durch die Reibung an die Luft abgegeben. Sowohl der Auftrieb und die Luftreibung haben die Beschleunigung des Blattes verringert. Es hat neun Sekunden gebraucht, also muss die Beschleunigung bei 1.5 Meter im Quadrat liegen, fast so wie auf dem Mond. Meine Hand schwebt auf dem Grasboden. Die Erde stößt mich weg von ihr und ich stoße sie mit der gleichen Energie zurück. Es gibt auch Teilchen, die einfach durch die Welt hindurch fliegen. Wir nennen diese auch Neutrinos. Meine Nasenflügel weiten sich. Das Lungenvolumen vergrößert sich und erzeugt einen tieferen Druck als die Luftsäule auf meinem Körper. Ein großes Stück Luft dringt in meine Lungen.
Sauerstoff ist toll. Durch die Redoxreaktionen im Körper wird Energie frei. Habt ihr gewusst, dass pro Sekunde Fünftausend solcher chemischen Reaktionen im Körper passieren. Bananen erzeugen ein Antimaterieteilchen pro 45Sekunden. Ich esse gerade eins.
Ich stand auf und möchte wieder zurück. Sah dann plötzlich, wie zwei Autos aufeinander rasen. Neben dem Sportwagen liegt eine asphaltierte Straße. Der Abstand zwischen den Autos liegt bei 80 Meter. Die Anfangsgeschwindigkeit vom schnelleren Auto liegt bei Zweiundzwanzig Meter pro Sekunde, der andere Fahrer kommt mit 16 Meter pro Sekunde. Beide Beschleunigen. Der schnellere mit 1.5 Meter im Quadrat und der andere 0.5 Meter im Quadrat. Die Subtraktion beider Anfangsgeschwindigkeiten mal -1 und plus die Wurzel von der Subtraktion der Anfangsgeschwindigkeiten im Quadrat minus viel Mal die Hälften der Beschleunigungen und mal den Vorsprung dividiert durch 1. Ich habe noch 8 Sekunden, damit ich beide warnen kann. Pardon, ich hatte 8 Sekunden. Die beiden hatten aber noch Glück. Die Reaktionszeit beider Fahrer war deutlich weniger als 1.2 Sekunden, also müssen beide noch jünger sein. Wie dem auch sei, ich denke nicht so. Ich wollte dich Leser nur etwas auf dem Arm nehmen. Wir Physiker denken auch nur wie normale Menschen.
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