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Alt 27.01.2014, 11:26   #1
weiblich andi-m
 
Dabei seit: 05/2009
Ort: bei München
Alter: 30
Beiträge: 12

Standard Gedankenkarussell

Nun bin ich gefühlt wieder an der gleichen Stelle, die ich eigentlich doch schon lange hinter mir gelassen hatte. Wieder bin ich nicht sicher, was ich eigentlich wissen will. Oder ob ich es soll. Ich war der Meinung, einen Schlussstrich gezogen zu haben, zwischen uns. Und das, was zwischen uns war, wollte ich einfach nur als schöne Erinnerung speichern. Zwischendurch warst du ja sogar noch einige Male präsent, aber eben nur kurz. Es vergeht kein Tag, ohne an dich zu denken… Dieser Satz, der mich so lange verfolgte, war plötzlich vergessen. Ich stellte auch relativ nüchtern fest, dass du nicht mehr die hohe Priorität in meinem Leben hattest. Und jetzt hast du dich angekündigt. Nach eineinhalb Jahren wirst du nun zu Besuch kommen. Eigentlich bin ich doch im Moment sehr glücklich. Ich habe eine gute und liebevolle Ehe mit dem Mann, den ich seit Jahren schätze und liebe. Der mitbekommen hat, was zwischen uns beiden war. Seine einzige Angst war, ich könne ihn verlassen. Er hat dich nie angegriffen, obwohl er doch jeden Grund dazu hatte.

Du warst in einer Beziehung, ich eben auch. Und trotzdem war diese Spannung zwischen uns, ein Feuer, ein Knistern. Wir konnten es beide nicht lassen, sind uns körperlich näher gekommen. Ich erinnere mich noch an deine Hand, die auf der Taxifahrt vom Club heim plötzlich auf meinem Oberschenkel lag. Ich habe es zugelassen und sogar genossen. Die Aussprache danach war anfangs gut für uns beide. Bis du am Schluss die Worte Bei mir sind mehr Gefühle da sagtest. Danach war es nicht mehr das Gleiche, unsere Kommunikation und Interaktion war von deiner Abwehrhaltung mir gegenüber geprägt. Ich habe deine Blicke gemerkt, sobald ich dich ansah, gingen sie in eine andere Richtung. Ich versuchte mehrmals, eine neutrale Beziehung mit dir aufzubauen. Teilweise ging ich nur zu den Übungen und zum Sport, um dir nahe zu sein. Doch sobald wir beide angetrunken waren, passierten wieder Dinge, die uns einen Schritt zurück warfen, und du dich als Resultat noch weiter von mir entferntest.

Irgendwann war klar, dass du nicht mehr lange bleiben würdest, wieder nach Hause darfst oder auf Auslandeinsatz musst. Ich fasste mir ein Herz, als wir beide nach einer Übung wieder zu viel Alkohol getrunken hatten, sagte ich, du solltest mich heimbringen. Du hattest sofort verstanden, dass ich reden will. Ich wollte Klarheit, mit allem abschließen und dich deine Wege gehen lassen. Es kam aber anders. Es wurde sehr emotional, wir wurden uns darüber bewusst, dass wir trotz unserer Partnerschaften beide Gefühle füreinander hatten. Und wir wussten beide nichts damit anzufangen, unsere Beziehungen waren uns wichtiger, als das, was sich zwischen uns angebahnt hatte. Die Frage, was wäre, wenn, kam auf. Wir stellten fest, dass wir in einer anderen Ausgangssituation sehr wahrscheinlich glücklich miteinander geworden wären. Mein Freund und späterer Mann hat damals alles mitbekommen, vom Fenster aus. Gesehen, wie wir uns umarmt haben, gehört, dass zwischen uns mehr ist, so viel mehr.

Wir einigten uns darauf, dass sich so etwas nicht wiederholen darf. Ich war mit meinen Nerven am Ende, musste ich mir doch eingestehen, Gefühle für dich zu haben, obwohl mir mein Freund trotz allem einen Antrag gemacht hatte. Immer wieder ließ ich es darauf ankommen, überschritt die von uns gesetzte Grenze. Es war ein Spiel mit dem Feuer. Wir hatten einen Abend, an dem alles fast normal war. Du erzähltest von einer Campus-Party, zu der ich schließlich auch ging. Im Nachhinein war das eine sehr schlechte Idee. Ich war eine der einzigen Frauen, ich fiel auf. Mich sprachen haufenweise Männer an, ich kannte kaum jemanden. Und dann kamst du. Du warst unglaublich unterkühlt, als bekanntes und wichtiges Gesicht wolltest du dir vor den anderen keine Schwächen erlauben. So ist zumindest heute meine Erklärung für dein Verhalten an diesem Abend. Es eskalierte in dem Moment, als ein anderer, stark angetrunkener Mann mich als Traumfrau bezeichnete, sich zu dir beugte und von dir ein Statement dazu wollte. Du hast dich einfach umgedreht und bist gegangen.

Ich weiß nicht mehr, wie wir danach noch ein einigermaßen gutes Verhältnis zueinander halten konnten. Du kamst nicht mehr zum Sport, nach den Übungen warst du plötzlich einer der ersten, die gingen. Auf mich reagiertest du recht barsch, wolltest dich nicht rechtfertigen für dein Verhalten. Ich solle nicht so viel nachdenken, über das was du tust, über uns. Schließlich kam der Tag, an dem du dich verabschiedetest. Er war plötzlich da, sehr kurzfristig und spontan. Ich realisierte es zunächst gar nicht. Wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte, dass du nicht mehr da bist. Das was wäre, wenn war für mich präsenter als zuvor. Ich wollte dich und uns nicht aufgeben. Als auf meine Geburtstagsglückwünsche keine Reaktion kam, wusste ich, dass das Kapitel für dich zu Ende ist. Ich fand mich damit ab, musste ich ja wohl oder übel.

In mehreren Situationen warst du dann doch wieder allgegenwärtig. Bei der Frage, ob ich zu früh geheiratet hatte beispielweise. Oder als du dich bei facebook anmeldetest und mal wieder nicht reagiertest. Oder in meinen Träumen. Sie waren sehr real, ich konnte mich an so viele Einzelheiten erinnern. In sich schlüssig warfen sie mir immer wieder vor, was passiert war, dass ich Fehler gemacht hatte und sie trotzdem nicht als Fehler wertete. Weil es für mich damals in den Situationen richtig war.

Es gab eine Schlüsselsituation mit einem guten Bekannten, der mir gestand, schon lange in mich verliebt zu sein. Plötzlich warst du nicht mehr so einzigartig. Er sagte Sätze wie Du musst dich halt damit abfinden, dass du eine begehrenswerte und attraktive Frau bist, obwohl ich ihm nie von dir erzählt hatte. In diesem Moment konnte ich dich loslassen. Ich weiß nicht genau warum, aber ab da waren meine Gefühle zu dir zwar nicht neutral, aber ich konnte sagen, dass die Schwärmerei vorbei war. Das Knistern war weg. Wenn ich an unsere Ausrutscher dachte, waren sie eben Erinnerungen. Sie machten mich zu dem, was ich bin. Erfahrungen, die ich einerseits verwerflich finde, andererseits aber auch froh bin, sie erlebt zu haben. Wir hatten zwischendurch sogar sporadisch Kontakt. Rein freundschaftlich, ohne auf eine emotionale Ebene zu rutschen. Du hattest schon mehrere Male angekündigt vorbeizukommen, aber immer kam etwas dazwischen. Bis ich dich vor einigen Tagen an unser Winterfeuer erinnerte. Ja, du wirst vorbeischauen, sogar übernachten. Wir schrieben uns Nachrichten mit einem gewissen Augenzwinkern. Ich lebe halt auf der Überholspur – Solange du deine Wunschausfahrt nicht verpasst… - Ich tue mein bestes. Ich konnte der Versuchung, die Situation auszureizen, nicht widerstehen. Du hast dich für einen Augenblick darauf eingelassen.

Jetzt sind es noch knapp zwei Wochen bis zu dem Fest. Ich wüsste gerne, ob du mit deiner Freundin noch in einer Beziehung bist. Ob du sie inzwischen geheiratet hast. Damit ich mich besser auf die Situation vorbereiten und dein Verhalten besser deuten kann. Oder würde es mir eventuell auch schaden, wenn ich es wüsste? Was kann ich wirklich mit dieser Information anfangen? Obwohl ich im Moment keine Gefühle außer Freundschaft für dich empfinde - ich mag dich halt einfach und freue mich darauf, dich mal wieder zu sehen - kann ich nicht einschätzen, was ist, wenn du vor mir stehst. Und das macht mir Angst. Was ist, wenn meine Gefühle doch wieder verrücktspielen, ich mich doch wieder zu dir hingezogen fühle? Ist es wirklich gut, wenn du her kommst? Es wird sich zeigen. Und ich kann gerade nichts anderes machen, als abzuwarten.
andi-m ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.01.2014, 12:51   #2
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.150

Standard Hallo, andi-m -

Da kann ich nur sagen:
Interessant!
und bestätigend mit dem Kopf nicken.
Die Frau, ein ewiges Rätsel.

Gut geschrieben, einwandfreies Deutsch, ohne Fehl und Tadel!

Herzlichen Gruß
von
Thing
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.01.2014, 16:27   #3
männlich Sonnenwind
 
Benutzerbild von Sonnenwind
 
Dabei seit: 06/2012
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Beiträge: 1.351

Ist aber auch schon etwas älter, gell?
Sonnenwind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 28.01.2014, 22:10   #4
weiblich andi-m
 
Dabei seit: 05/2009
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Beiträge: 12

Vielen Dank für Bewertung und Verständnis, Thing!

Zitat:
Zitat von Sonnenwind Beitrag anzeigen
Ist aber auch schon etwas älter, gell?
Mehr oder weniger. Die Geschichte an sich hat vor ca 5 Jahren begonnen, ist aber eben jetzt wieder aktuell. Vielleicht gibt es ja in knapp zwei Wochen eine Fortsetzung.
andi-m ist offline   Mit Zitat antworten
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