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Alt 20.12.2012, 18:06   #1
männlich Desperado
 
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Ort: Erde, Europa, Deutschland, Bayern
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Standard Maya

Verdammt feucht und neblig kann es sein über Mexikos Urwäldern.

Tikal, Copán, Palenque, die steinalten Mayatempel im Süden Mexikos sind in üppiges Blattgrün getaucht, von einem undurchdringlichen Geflecht aus Wurzeln und Lianen überwuchert und wie in einen dunkelgrünen Mantel gekleidet, den sie nicht mehr abzustreifen vermögen, selbst wenn die Erde unter ihnen beben würde.

In Tortuguero am Golf von Mexiko steht auch so eine geheimnisvolle Ruine rum, über die du nur stolperst, nachdem du zuvor über unzählige Schlangenwurzeln gestolpert bist, und auch dann kannst du sie knapp verfehlen, so gut verborgen ruhen die alten Steine im Urwaldgestrüpp. Da ich sie aber nun schon mal vor mir habe, ihre berüchtigten, furchterregenden Fratzen viel eher erheiternd anmuten und mir ein Grinsen abluchsen, will ich den sagenumwobenen Tempelbau natürlich auch erklimmen und mache mich kurzentschlossen an den Aufstieg, der sich mühsamer und beschwerlicher gestaltet als ich dachte.

Vor mir klettert der schrille Altertumsforscher mit dem Tropenhelm, dessen Name mir leider entfallen ist, irgendwas Britischfranzösischdeutsches, der sich in den Kopf gesetzt hat, diese vergessenen Zeugnisse einer versunkenen Kultur in mühseliger Arbeit Stück für Stück freizulegen, was ohnehin seine Indioarbeiter erledigen, und jedenfalls gründlich zu erforschen.

Die Maya haben diese Kultstätte gebaut, wie er mir mit leuchtenden Augen berichtet, man wisse fast nichts über ihre Welt, die voller ungelüfteter Rätsel und unglaublicher Überraschungen sei. Ein ungehobener Schatz für die ganze Menschheit sei es, den er heben darf und der hier unbeachtet vor sich hinwittert seit Ewigkeiten, ein einzigartiges Wunder der Baukunst, das unendlich viel verrät über das verschwundene Volk, sein Denken, seine Religion, seinen Alltag und vielleicht auch seinen Untergang, so schwärmt er ohne Unterlass und erzählt allerlei Sachen, die eben Kerle wie er so lesen können und sich zusammenreimen aus ein paar alten halbverfallenen Steinhaufen, bekritzelt mit über achthundert Hieroglyphen, warum einfach wenn’s auch schwierig geht.

Eine dieser ausgegrabenen Steintafeln, in Tecpan-Atitlan gefunden das gute Stück, zeigt er mir voller Stolz und beginnt voller Andacht und Pathos ihren Inhalt vorzulesen.

„Als die Sonne am Horizont erschien und ihr Licht sich über den Berg ergoß, brach das Kriegsgeschrei los...“
tja, denk’ ich mir, was soll man auch sonst schon groß anstellen mit einem friedlich sonnigen Morgen,
„...die Banner wurden entrollt und es ertönten die großen Flöten, die Trommeln und Muschelschalen erschallten...“
Blutvergießen und Metzeleien mit musikalischer Begleitung, was kann’s denn Schön’res geben?
„... sogleich prallten die Heere aufeinander. Der Kampf war erbittert...dann vollzogen die Krieger ihre magischen Handlungen.“
Da steig’ ich jetzt nicht so ganz durch, sowas macht man für gewöhnlich vor der Schlacht, aber was soll’s, andre Länder, andre Sitten.

„Schnell waren die Quiché besiegt, sie stellten den Kampf ein und wurden zerstreut, vernichtet und getötet.“
Haben die Konquistadores dieses Empfehlungsschreiben etwa auch gelesen, frag’ ich mich verblüfft.

„So erzählen es unsere Väter und Großväter, oh meine Söhne!
Dieses vollbrachten sie, die Könige Oxlahuh Tzii und Cablahuh Tihax zusammen mit Voo Imox und Dokel Batzin. Und nicht anders machten sie Iximchée groß.“

Stockt einem da nicht der Atem, fragt mich der Tropenhelm strahlend, well, sag ich, die Luft kann einem schon ’bei wegbleiben, wenn das lange zurückliegende Alte sich als das nicht gerade Neueste vom Neuen herauskristallisiert.

Scheint ihm nicht besonders zu behagen, meine etwas lakonische Antwort, hemmt ihn aber keineswegs darin, seinen Vortrag unbeeindruckt fortzuführen.

Der Schöpfergott der Maya heißt demnach Bolon Yotke, ist zugleich ihr Kriegsgott und auch sonst niemand, mit dem zu spassen ist, ein grimmiger Menschenfresser genaugenommen, dessen schlechte Laune unablässig mit Opfern beschwichtigt und besänftigt habe werden müssen, wofür sich selbstverständlich und ganz vorzüglich Gefangene anderer Völker und Stämme eigneten, wodurch diese primitiven Nutzlosen wenigstens für etwas gut und zu gebrauchen waren.

Wobei es die Azteken genau so gehalten haben, zumindest deren abgedrehte Priester und Gottkönige, die nannten die Herzen ihrer Gefangenen „kostbare Adler-Kaktus-Frucht“, hoben sie bei ihren Menschenopferungen zu ihrem Türkisfürsten empor, dem sich emporschwingenden Adler, der lieben Sonne, boten sie dem Dreieinigen an und reichten sie ihm zur Speise, na dann Mahlzeit, „Emporschicken des Adlermannes“ nannten sie diese grausige Prozedur, ihre gefallenen Krieger standen nämlich allesamt vor der Sonne rum und weigerten sich, anständig ins Totenreich abzuwandern, stattdessen waren sie drauf erpicht, die Herzen Gefangener zu verspeisen, um nicht in Vergessenheit zu geraten und auf diesem Wege noch höheres Ansehen zu gewinnen, also ich weiß nicht, bei aller Liebe, aber manch Ehrsüchtiger kriegt einfach seinen Hals nicht voll, selbst nach dem Tode nicht.

Die ansonsten höchstwahrscheinlich sogar recht friedlichen Maya haben natürlich einen etwas abweichenden, möglicherweise überholten Zeitbegriff, weshalb sie auch einen völlig anderen Kalender entworfen haben und mit diesem in der Weltgeschichte herumgerechnet, dessen Ursprung auf dreitausendeinhundertunddreizehn Jahre vor Christi Geburt datiert werden könne, was dann doch schon wieder ein ganzes Weilchen zurückliegt, auf alle Fälle vor meiner Zeit angesiedelt ist und so gesehen nicht von entscheidender Wichtigkeit für mein verschwindendes Leben.

Jedenfalls rechneten die oberschlauen Maya in Perioden von jeweils vierhundert Jahren, also in großen weitausholenden Schritten, was ihrem unscheinbar bescheidenen Wesen und Auftreten entsprach, und um am Ball zu bleiben –denn Ballspiele hatten die Vorfahren der Indios auch schon- verlegten sie das eine oder andere wichtige Ereignis so weit wie möglich in die Zukunft, um auch diese durch Vorausplanung unter Kontrolle zu behalten und sozusagen vorherzubestimmen.

Einer ihrer Herrscher, ein gewisser Bahlam Ajaw, tat sich ganz besonders durch Prophezeiungen dieser Natur hervor, in denen es selbstverständlich um die Nachkommen seines Königshauses ging und ihre besten Beziehungen zum Gott der Maya, sowie zu ihren Göttern im allgemeinen versteht sich, da tummeln sich dann doch so einige von ganz hoch oben bis nach ganz tief unten, mit denen er als gottgleicher Herrscher irgendwann in unendlich ferner Zukunft ein verbindliches Stelldichein festgesetzt und auf den Tag genau bestimmt hat.

Einen Pflichttermin sozusagen, der unbedingt eingehalten werden muss, und sei er gelegt auf die dreizehnte Periode von vierhundert Jahren in fünftausendeinhundertundfünfundzwanzig Jahren nach Beginn des Mayakalendariums, sprich dem Anfang der Zeit, weil es vorher nichts Erwähnenswertes gegeben haben kann, ist doch vollkommen einleuchtend. Der kluge Mann schaut eben nicht nur weit genug zurück, er baut auch weit genug vor.

Was dem Guten bei seiner zukunftsweisenden Planung irgendwie entgangen sein muss, ist der einigermaßen befremdliche und nicht besonders ehrerbietige Umstand, dass der wiederkehrende Bolon Yotke, der regelmäßig alle heiligen Zeiten vom Himmel herabgestiegen kommt um seinen Gläubigen sichtbar zu erscheinen, nur noch ein paar verwitterte Ruinen vorfindet seit... doch schon wieder geraumer Zeit und sich bestenfalls ein paar Guanakos offenbaren kann. Wenn er die heilige Stätte denn überhaupt noch findet, von anbetenden Mayaherrschern und ihren treuen Untergebenen fehlt jedenfalls weit und breit jede Spur, vielleicht lebt noch entfernte und längst anderweitig aufgegangene Verwandtschaft, ungebildete Bauern wie fast alle Maya es waren, irgendwo verstreut im weiten Umland, mehr aber auch nicht.

Offenbar irgendwie gründlich schiefgegangen das Ganze auf gewisse Weise, aber derlei kommt vor, wenn man zu weit nach vorne in die Zukunft plant, man kann eben nie wissen, was einem so alles an –pardon- Unvorhergesehenem dazwischengerät. Unvorhersehbares wie zum Beispiel mir, der ich beim Hochklettern einen Mauerstein lostrete, der sich polternd nach unten verabschiedet, ein kleines Missgeschick, dem ich keine besondere Beachtung schenke, sattdessen auf dem Plateaugipfel der Pyramide angekommen den Blick durch die lichtgewordenen Baumriesen genieße, der weit über die Wipfel eines Baumriesenmeeres schweift, was ja nun durchaus was für sich hat.

Mit heilen Knochen wieder unten am Einstieg aber offenbart sich der vermeintlich belanglose Stein als eine dieser bekritzelten Steintafeln, die mit der Inschrift nach innen gewandt in der Mauer steckte und nun ihr lange verborgenes Geheimnis preiszugeben entweder gewillt ist oder zumindest nicht mehr in der Lage, es weiter für sich zu behalten. Das heißt, einen Teil davon durchaus und gründlicher als bis dahin, weil nämlich ein Brocken und mit ihm die letzten Zeilen abgesplittert sind beim unsanften Runterfallen, der sich trotz intensiver Suche nicht mehr finden lässt, so dass der geheimnisvolle Text für immer unvollständig bleiben wird.

Was dem Altertumsforscher fast das Herz bricht oder ihm zumindest den Verstand so weit raubt, dass er mir um ein Haar an die Gurgel geht. Mein Einwand, dass das dämliche Dinge, wäre ich nicht dämlich genug gewesen drauf zu treten, womöglich nie gefunden worden wäre und von ein paar Buchstaben bei all meinem Bedauern nun wirklich nicht gleich die Welt untergeht, kommt nicht recht zu dem Erregten durch, im Gegenteil scheint er, im Zustand vorübergehender Unbeherrschtheit, meinen Beschwichtigungsversuch irgendwie falsch verstanden zu haben, vielleicht ist ihm auch das Idiom nicht geläufig, jedenfalls erstarrt er bei dem Wort Weltuntergang mit weit geöffneten Augen und murmelt in weite Ferne entrückt:

„Das ist es, das muss es sein, die letzte Prophezeiung, der Weltuntergang, das ist es!“

Der gelehrte Mann hat mich offenbar vollständig vergessen, so dass ich, der ich wohl genug Schaden angerichtet habe, mich wenigstens unauffällig verkrümeln und unbemerkt im Dschungel abtauchen kann. Unter meinem Stiefel knirscht etwas, ein Stück Ziegelstein, der beschriebene Splitter, bis hierhin ist er geflogen, sapperlott, grade will ich mich erleichtert auf dem Absatz umdrehen, um dem Forscher freudig das bitterlich vermisste Stück zu bringen, da fällt mein Blick flüchtig auf die fremdartigen Buchstaben und lässt mich innehalten.

Ich muss es zweimal, dreimal, fünfmal lesen mit ungläubigem Staunen und gehöriger Verwirrung, aber es gibt nicht den geringsten Zweifel, da steht klar und deutlich, in Form einer Art Signatur gutleserlich unter den Bruchstücken der letzten Zeile eingraviert, folgendes geschrieben:

„Davon geht die Welt nicht unter!“

Ich werfe den Splitter tief ins Gebüsch und mache dass ich fortkomme von diesen abgedrehten Maya und ihren zweifelhaften Hinterlassenschaften.
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