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Sonstiges und Experimentelles Andersartige, experimentelle Texte und sonstige Querschläger.

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Alt 29.08.2015, 16:48   #1
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.269

Standard Mir wird unendlich leicht

Ich hatte alle Möglichkeiten, versuchte zu verstehen, dir noch einmal zu verzeihen.
Doch jetzt, wo die Seiten brennen, ist es endgültig vorbei. Lange hab ich gezögert,
mich mit Gedanken gequält, alle Eventualitäten abgewägt, bevor ich das Streichholz zündete.
Deine Worte stehen in Flammen und mir wird unendlich leicht. Ich wärme mich an deinem Verlust, und gern würde ich dir zurufen, wie gut das tut. Aber das gehört sich nicht. Wir sind einen langen Weg zusammen gegangen. Beschwerlich war er. Wohl nur für mich. Du umschifftest lachend jede Klippe, während ich, weit aufgerissen auf Grund lief. Du erklommst pfeifend jeden Gipfel, während ich, unter deinen losgetretenen Lawinen unterging. Wie konnte ich mich nur in einen solchen Menschen verlieben. Dich trifft keine Schuld, ich weiß. Die Wege der Liebe sind geheimnisvoll, voller süße und Bitternis zugleich. Muss ausgerechnet ich, die einzige Titanic weit und breit entern und allein ins Tiefe, dunkle, kalte rauschen. Schicksal könnte man es nennen, wenn es denn eines gibt. Ich kehre die Asche deiner Briefe sorgfältig zusammen und lege sie vorsichtig in den Papierkorb. Eine letzte Träne fällt, bevor ich den Deckel leise schließe. Ich lösche deine E-Mails und die gespeicherten Telefonnummern und hoffe, dass du nie wieder anrufst.
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Alt 07.10.2015, 15:49   #2
weiblich Merith
R.I.P.
 
Dabei seit: 10/2013
Ort: Im Isental
Alter: 78
Beiträge: 3.384

Es ging mir lange Zeit gut, gut genug, um zu arbeiten, zu essen, zu schlafen.
Später, im Herbst, als die Schatten länger wurden, vermochte ich nicht mehr konzentriert zu lesen, begann Seiten mehrmals zu lesen, bevor ich den Sinn erfasste. Ich wollte diesem Geschehen keine Bedeutung beimessen und begann auf verbissene Art zu lesen, die mir die Freude an der Literatur verdarb.
Ich begann außerhalb zu essen, verbannte selbstironisch die Erinnerung an gemeinsam zubereitete Abendessen. Zwei Bier und ein Cognac genügten, um mich schläfrig zu machen und mich wohlig im Bett auszustrecken. Noch -
Als der erste Frost Wasserpfützen vom Vortage zufrieren ließ, begann ich auf seltsame Art zu frösteln und obwohl ich die Heizung höher stellte und einen Pullover anzog, wurde mir nicht mehr warm.
Während der Vorweihnachtszeit presste ich meine Stirn gegen glitzernde Schaufenster und ersann Geschenke für dich. Später merke ich, dass es meine Tränen waren, die die Scheibe blind machten.
Ich ging ohne Hast nach Hause, machte mir frischen Tee und wählte zu später Stunde deine Telefonnummer.
Du warst sofort am Apparat -
"Ja ?"
"Ich mache mich jetzt auf den Weg"
"Der Schlüssel liegt unter der Matte "

Mir wurde unendlich leicht -


Ein eigenmächtiges Ende
Gylon gewidmet

Merith

Geändert von Merith (07.10.2015 um 19:25 Uhr)
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Alt 07.10.2015, 16:24   #3
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.269

Liebe Merith,
das finde ich sehr schön geschrieben, und dass schreibe ich nicht, weil du mir den Text gewidmet hast! Was mich doch ein wenig verlegen macht!
Ich danke Dir von Herzen und möchte dich ermutigen öfter Texte zu schreiben. Gefällt mir wirklich gut!

Da wird einem glatt ganz leicht zu mute

Liebe Grüße Gylon
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Alt 07.10.2015, 17:55   #4
weiblich Merith
R.I.P.
 
Dabei seit: 10/2013
Ort: Im Isental
Alter: 78
Beiträge: 3.384

Lieber Gylon,

ich bin froh, dass dir das Ende deiner Geschichte gefällt. Es hat mir viel Freude gemacht, sie auszubauen und auszuschmücken; bis zuletzt wusste ich selbst nicht um das Ende, schwankte zwischen happy-end und suicid. Schließlich habe ich mich für ein menschenfreundliches Ende entschieden.
Ich habe auf poetry schon einige wenige Geschichten veröffentlicht; ich schreibe sehr gerne Geschichten, oftmals fehlt mir leider ein befriedigendes Thema, dein Text war geradezu eine Auf- und Herausforderung für mich.
Ich danke dir, dass du ihn mir zur "Weiterverarbeitung" überlassen hast,

Freundlicher Gruß
Merith
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Alt 07.10.2015, 18:42   #5
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.269

Du öffnetest die Tür, bevor ich den Schlüssel in der Hand hielt und flogst mir in die Arme.
Unserer Umarmung folgten Küsse und wortlose Tränen, bis wir den Mut fanden voneinander zu lassen und uns in die Augen zu schauen. Dein Blick zog mir die Beine unterm Hintern weg und um ein Haar wäre ich Rücklings die Treppe hinunter gefallen. Ich hätte niemals geglaubt, soviel aus einem Blick herauslesen zu können, wie in diesem Moment. In diesem Blick stand mehr geschrieben als nur ich liebe dich. In diesem Blick stand vermissen, schmerzen, vertrauen, Hoffnung und vieles mehr. Konnte das sein? Nachdem was ich alles mit dir durchgemacht habe. Konnte ich mich so in dir täuschen? Erneut liefen Tränen über dein Gesicht und deine Mundwinkel begannen leicht zu zittern. Ein „Endschuldige“ kam gebrochen zwischen deinen Lippen hervor und bohrte sich tief in meine Seele. Jeder Buchstabe sprengte den Zweifel hinfort, den ich in meinem Herzen mit zu dir trug. Jede Silbe ein Beweis, dass du meinst was du sagst und keine leere Floskel. Lange standen wir schweigend zusammen. Hand in Hand, ohne auch nur ein weiteres Wort zu sagen. Irgendwann zogst du die Tür hinter dir zu und legtest mir voller Vertrautheit deinen Arm um meine Taille, so wie du es früher immer getan hast. So verschwanden wir lautlos in die Nacht, in der soviel gemeinsame Zukunft lag. Zum reden, hatten wir später noch Zeit.

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Alt 07.10.2015, 18:57   #6
weiblich Merith
R.I.P.
 
Dabei seit: 10/2013
Ort: Im Isental
Alter: 78
Beiträge: 3.384

Ach Gylon, was für ein wunderbares Ende, beinahe hätte ich geweint.

Das Beste an unseren Geschichten ist wohl die Wahrhaftigkeit, ein zeitloses, immer wieder kehrendes Geschehen, da gab's gar nicht viel zum Dichten

Merith
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Alt 07.10.2015, 19:18   #7
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.150

Alle diese Geschichten sind äußerst lesenswert!
Schade, daß mit der Groß- und Kleinschreibung nicht hundertprozentig umgegangen wurde.
Aber das merkt beim Vorlesen keiner.

Das geht so richtig ans Gemüt - gerade recht für einen düsteren Abend!

Euch liebe Grüße
v.
Thing
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.10.2015, 19:51   #8
männlich Jeronimo
gesperrt
 
Dabei seit: 10/2011
Alter: 66
Beiträge: 4.223

Lieber Gylon,

ich finde den Schluss, der Merith fast zum Weinen gebracht, etwas zu trivial. Er drückt etwas zu sehr auf die Tränendüse. Aber das ist nur mein Empfinden, ich verstehe sehr gut, dass es Merith bewegt.
Der Einstieg hingegen ist dir sehr gelungen.
Meriths Fortsetzung hat eine etwas andere Sprache und eine inhaltliche Leichtigkeit entsteht. Sie nimmt das Komplizierte aus den Gefühlen und ihr LI folgt der schlichten Herzenslogik, was ich sehr beeindruckend fand.
Insgesamt seid ihr beide ein gutes Team und ihr habt die Story gut umgesetzt.

Jeronimo
Jeronimo ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.10.2015, 20:27   #9
männlich Gylon
 
Dabei seit: 07/2014
Beiträge: 4.269

Liebe Merith,
das hat viel spaß gemacht, fühl dich gedrückt und geherzt. Danke dir!

Liebe Thing,
vielen Dank für dein „äußerst lesenswert“. Das geht runter wie Öl!
Meine Rechtschreibung ist halt wie immer äußerst dürftig.

Lieber Jeronimo,
deine Kritik kann ich nachvollziehen. Teil 1 habe ich an verschiedenen Tagen und mehrfach umgeschrieben, während ich Teil 2 in 30 Minuten und in fast einem Zug herunter geschrieben habe. Dadurch ist es vielleicht ein wenig „too much“ geworden. Ich schreibe selten längere Texte, von daher bin ich mit dem Ergebnis nicht unzufrieden. Meriths Teil ist sicher der besser geschriebene, aber damit kann ich hervorragend Leben.

Liebe Grüße an alle Gylon
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