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Alt 02.11.2019, 15:02   #1
weiblich Ilka-Maria
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Standard Er

Yvonne schließt die Tür auf und hievt ihren Einkauf in den Flur. Ich eile ihr entgegen, um ihr die Tasche abzunehmen. In der rechten Hand hält sie die Tagespost, drei Umschläge, einer davon in Behördengrau. Jetzt erfährt sie es, denke ich, während mir der Brustkorb immer enger wird und ich die Tasche in die Küche schleppe.

Wochenlang habe ich mich auf diesen Moment vorbereitet, die Szene im Kopf durchgespielt, wenn sie es erfährt, habe mir die Worte zurechtgelegt, mit denen ich ihre Fragen beantworten würde. Aber jetzt, kurz vor der unvermeidlich gewordenen Konfrontation, fühle ich mich hilflos wie ein nacktes, ausgesetzes Baby und stehe vor der Erkenntnis, dass das Leben kein auswendig gelerntes Theaterspiel ist, sondern eine Kette von Improvisationen.

Ich packe die Tasche aus und räume die eingekauften Lebensmittel, die Haushaltswaren an ihren Platz, Putzmittel in den Unterschrank der Spüle, Fleisch und Käse in das Kühlsystem, Salat und Radieschen in die Gemüseschale, Tiefgefrorenes in das Eisfach. Dabei bewege ich mich im Zeitlupentempo, als könne ich dadurch den Tag zum Stillstand bringen und die Katastrophe verhindern.

Wäre es denn eine Katastrophe? Nicht für mich, aber für Yvonne, und es geht meinem Naturell unter die Haut, einem anderen Menschen wehzutun. Schon gar Yvonne, von der ich weiß, dass ich ihr das Wertvollste auf der Welt bin.

Ich nehme eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank, hebele den Korken weg und setze sie an den Mund, obwohl ich weiß, dass Alkohol jetzt kein guter Ratgeber sein kann. Yvonne lässt die Post nie liegen, sondern öffnet sie sofort. Jeden Augenblick würde sie in die Küche gestürmt kommen, um mich wütend zur Rede zu stellen oder mir weinend an die Brust zu fliegen.

Doch es bleibt merkwürdig still. Besorgt gehe ich ins Wohnzimmer. Yvonne sitzt vor der Couch, vor sich die geöffneten Briefe, mein Scheidungsantrag obenauf. Sie hebt mir ihr blasses Gesicht entgegen. Ihrem geweiteten Blick sehe ich die Überraschung und das Unverständnis an, das sie überrumpelt hat. Ich setze mich zu ihr und greife nach ihrer Hand, doch sie entzieht sie mir und rückt instinktiv von mir ab. „Ich will es nicht verstehen,“ flüstert sie, „nicht nach all den Jahren.“

„Aber ich …“

„Nicht! Ich will es nicht wissen. Ich will nicht wissen, ob du mich satthast, ob alles von Beginn ein Irrtum war, ob du eine andere Frau liebst oder ob du ins Kloster gehen willst. Nichts, gar nichts will ich wissen.“

Sie ist zutiefst verletzt, aber ich kann ihr nicht helfen. Ich stehe auf und fahre mir mit den Händen durch das Haar. Wie soll ich ihr klarmachen, dass es kein Irrtum war, mich in sie verliebt zu haben, dass ich gedacht habe, mit ihr glücklich zu sein, obwohl da immer etwas gewesen ist, das Unbehagen in mir ausgelöst hat, als würde ich mich an einer Minderjährigen vergehen oder in irgendeine verbotene Zone eintreten?

Ich kann es nicht. Alles, was ich mir an Worten ausgedacht habe, um mich zu erklären, hat sich verflüchtigt.

„Es ist eine andere Frau.“ Yvonne fragt nicht, sondern glaubt zu wissen. Sie sagt es mit fester Stimme zu ihren im Schoß gefalteten Händen. „Eine andere Frau. Nach all den Jahren.“

Nein, schreie ich innerlich, es ist keine andere Frau. Ich eile in den Flur, nehme meine Jacke von der Garderobe und eile nach draußen. Frische Luft. Der gewohnte Weg drei Straßenzüge weiter. Ein Altbau. Ich habe die Schlüssel zur Wohnung im zweiten Stock. Er kommt mir entgegen und sieht die Tränen in meinen Augen. „Was ist?“

Ich bringe kein Wort heraus. Er küsst mir die Tränen von den Augen und von den Wangen, ehe sich unsere Lippen treffen.
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Alt 02.11.2019, 18:34   #2
weiblich DieSilbermöwe
 
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Mir kommen die Tränen .

Ziemlich feige, der Protagonist. Er hätte gefälligst mit seiner Frau reden sollen, ehe er ihr kommentarlos den Scheidungsantrag zukommen lässt. Nicht um die Scheidung zu verhindern, sondern um sie fairerweise darauf vorzubereiten.

Wie sagst du immer: Alles in der Geschichte muss plausibel sein. Naja, ein solches Vorgehen ist es nicht. Zumal man ja - in unserer Gesellschaft jedenfalls - nicht erst geschieden sein muss, ehe man leben kann, wie man will.
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Alt 02.11.2019, 18:43   #3
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Ziemlich feige, der Protagonist. Er hätte gefälligst mit seiner Frau reden sollen, ehe er ihr kommentarlos den Scheidungsantrag zukommen lässt. Nicht um die Scheidung zu verhindern, sondern um sie fairerweise darauf vorzubereiten.
Hätte und sollen ... was ist schon fair in unserer Welt?

Als meine Ehe endete, geschah das innerhalb von zwei Stunden - unvorbereitet.
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Alt 02.11.2019, 18:55   #4
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Fair ist das natürlich nie, wenn einer mit der Scheidung überrumpelt wird.
Ging nichts voraus - kein Streit? Keine Abwesenheit des Ehemannes, wo er eigentlich hätte zu Hause sein müssen? Geht mich natürlich nichts an - nur bei mir war es vor über 25 Jahren so....

Falls die Geschichte jetzt autobiographisch ist, nehme ich meine Kritik zurück.

Ich kann mir allerdings (normalerweise) nicht vorstellen, dass ein homosexueller Mann, der darauf brennt, mit seinem Geliebten zusammen zu sein, sich noch Gedanken um seine Ehefrau macht, die er verlassen will. Auch das hat mich an der Geschichte irritiert.
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Alt 02.11.2019, 19:03   #5
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Ich kann mir allerdings (normalerweise) nicht vorstellen, dass ein homosexueller Mann, der darauf brennt, mit seinem Geliebten zusammen zu sein, sich noch Gedanken um seine Ehefrau macht, die er verlassen will. Auch das hat mich an der Geschichte irritiert.
Meine Geschichte ist nicht autobiografisch. Ich meine aber zu wissen, dass Menschen nicht psychologisch "glatt" sind. Von Natur aus ist der Mensch bei Entscheidungen, die ihre Beziehung betreffen, unsicher und auf Konfliktvermeidung gebürstet. Erst recht werden Aussprachen schwierig, wenn ein Mensch sich mit einer bislang verschütteten Identität auseinandersetzen muss. Auch werfen die wenigsten Menschen die alte Beziehung einfach mal so weg.

Auseinandersetzungen aus dem Weg zu gehen ist eher die Regel als die Ausnahme. Woher sonst stammen die Klagen vieler Menschen, man habe per SMS Schluss gemacht? Oder weiß noch jemand, wie das bei Romy Schneider und Alain Delon war? Er schickte ihr einen Blumenstrauß mit einem Kärtchen: Bin in Mexiko - mit Natalie.
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Alt 02.11.2019, 19:22   #6
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Heute nennt man das "Ghosting".
Einfach ohne ein Wort zu sagen aus der Beziehung zu flüchten und sich zu verziehen. Und dann ist man einfach weg.

Wird immer beliebter!

Ich gehöre zu einer anderen Kategorie. Ich behaupte mich selbst und bin konfrontativ und wenn es sein muss und ich die Ungerechtigkeit spüre, dann auch provokativ.
Und dann weiß ich mich auch durchzusetzen.

Ja, damit haben viele ein Problem!

Was du schreibst Ilka, dass viele nicht psychologisch nicht "glatt" seien...
Viele Jahre lebte ich mich eher naiv durch das Leben. Es hat bis zum dreißigsten Lebensjahr gedauert, bis ich verstanden habe, dass das wahr ist.
Heute lebe ich damit in Frieden.

Eine schöne Geschichte! Schau mal Ilka: Poetry genießt im Moment Aufschwung. Ralfchen ist auch super lieb!

vlg

EV
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Alt 03.11.2019, 13:50   #7
weiblich DieSilbermöwe
 
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Hallo Ilka,

ich komme nochmal zurück auf die Geschichte an sich, nachdem meine Empörung über die Feigheit des Protagonisten ein wenig abgeklungen ist

Zitat:
Erst recht werden Aussprachen schwierig, wenn ein Mensch sich mit einer bislang verschütteten Identität auseinandersetzen muss.
Hm .... wenn es dein Anliegen war, das mit der Geschichte zu zeigen - also die Auseinandersetzung mit der verschütteten Identität - sollte die Geschichte darum kreisen, dafür ist sie meiner Meinung nach zu wenig in der Richtung ausgearbeitet worden. Den einzigen Hinweis darauf erhält der Leser ganz am Ende.

Etwas anderes noch:
Zitat:
„Es ist eine andere Frau.“ Yvonne fragt nicht, sondern glaubt zu wissen. Sie sagt es mit fester Stimme zu ihren im Schoß gefalteten Händen. „Eine andere Frau. Nach all den Jahren.“

Nein, schreie ich innerlich, es ist keine andere Frau.
Für den verlassenen Ehepartner spielt es eigentlich keine Rolle, ob er nun wegen einem Mann oder einer Frau verlassen wird, denn verlassen zu werden tut nun mal immer weh, vor allen Dingen "nach all den Jahren."

LG DieSilbermöwe
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Alt 03.11.2019, 14:13   #8
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Hm .... wenn es dein Anliegen war, das mit der Geschichte zu zeigen - also die Auseinandersetzung mit der verschütteten Identität - sollte die Geschichte darum kreisen, dafür ist sie meiner Meinung nach zu wenig in der Richtung ausgearbeitet worden. Den einzigen Hinweis darauf erhält der Leser ganz am Ende.
Das ist richtig: Es war ein spontaner Einfall, den ich ziemlich schnell in eine Geschichte umgesetzt habe. Dabei wollte ich den Grund für den Konflikt absichtlich bis zum Ende offenhalten. Danach kann sich der Leser selbst ein Bild über den psychischen Zustand des Protagonisten machen.
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