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Alt 21.10.2019, 03:50   #1
Imperium Mitte
 
Dabei seit: 10/2019
Beiträge: 6


Standard Die Zeit vergeht!

Schubladen sind überfüllt mit Leben. Bakterien sind Leben. Pilze sind Leben. Und vielleicht hat der ein oder andere auch ein Tier größerer Art in seiner Schublade und ist sich aus Mangel seiner Kenntnisse dieser nicht bewusst. Doch hört ihr es nicht? Das tickende Ticken. Aus der Schublade. 10 Jahre schon dieses Geräusch umhüllt eine nicht junge Schublade, sowie Teile des scheinbar endlos umgebenden Raumes.
Keine Mechanik, Physik, Chemie oder sonst eine Naturgewalt. Sondern Leben. Sie wurde vor vielen Jahren hier vergessen, die jetzt, nein die nun für immer herrenlose Taschenuhr. Doch ist sie nicht das Zentrum des Geschehens, erscheint eher gedacht als ein endlos liebender Mutterkuchen. Dem Leben nennen sich die Zeiger Eigen. Der Dicke, der Lange und der Lange Dünne. Mit lauter Sprache und eigenständigem Wirken nehmen sie der sonst so tristen Umgebung ihre Leblosigkeit.
Einen unendlichen Zeitraum geht das nun schon so. Eine unglaubliche Vielfalt an Eigenschaften konnten sie sich in dieser Existenzepoche aneignen. Dabei, komplett von der restlichen Welt abgeschnitten. Nur durch eine kleine Öffnung findet ein bisschen Licht den Weg in die ewige Dunkelheit der Schublade und bestrahlt großzügig das Ziffernblatt der Uhr.
„Ah, mehr Störung als Hilfe!“ stöhnte man die Aggressivität nicht schonend.
Mit bloßem Auge und durchschnittlichem Gehör kann man sie in ihrer gänzlichen Komplexität nicht wahrnehmen. Die Schnelligkeit ihrer Aktionen ist ähnlich denen von Strom.
Doch still und nennt euch Gebieter der Konzentrationsgabe. Ja, Psst! Leise! Schweigt doch!
Ruhig und gelassen lauscht und seht nun.
Die Augen erfassen die unendliche Kontinuität. Der Dicke hüpft immerzu ein Feld weiter, wenn der Lange es ihm sagt. Leidenschaftlich versucht er jedes Mal aufs Neue, so schnell wie möglich auf das nächste Feld zu kommen. Der Lange hüpft immerzu ein Feld weiter, wenn der Lange Dünne es ihm sagt. Voller Emsigkeit versucht er jedes Mal aufs Neue, den Drang zum Vorrücken so lange wie nur möglich zu unterdrücken. Der Lange Dünne hüpft immerzu ein Feld weiter, wenn es ihm seine Intuition am besten erscheinen lässt. Überaus motiviert versucht er jedes Mal aufs Neue, ein Ticken zu erzeugen, dass die Vorigen in vielerlei Hinsicht übertrifft.
Ewig geht das nun schon so. Selbstverständlich, man denke es wäre ein Naturgesetz, war jeder Zeiger irgendwann der bevorstehenden Unterwerfung seiner Affektion ausgesetzt. Der Verstand blieb aus, da er da war. Stolz und das Imponieren, so ein jeder der drei Gefährten, sei nun das, was in der Zukunft eine signifikante Position ausmachen werde. Vertieft, ernst und voller Hoffnung widmeten sie all ihre Zeit ihren Passionen. „Nur der Sieg zählt!“, rief sich der Lange Dünne am Anfang der Depression in einem Selbstgespräch zu.
Töne der Kommunikation blieben über lange Zeit aus. Nicht aus Hass. Nicht aus Faulheit. Nein, beiden will man die Schuld nicht zusprechen. Taten sie es denn nicht, um den anderen zu imponieren? Zu dominant war die Ablenkung der hoffentlich irgendwann auszahlenden Aktivitäten.
Bis heute lebt der Tunnelblickkult fort. Längst haben die drei ihren Wortschatz eingebüßt. Nur noch das nötigste geben sie von sich. Neue, einfache Satzstrukturen entwickelt und alltäglich benutzt. Und hören wir zu ihrem Gesagtem, nach so vielen Jahren des Eiferns, sagt der Dicke: „Langsam! Zu langsam!“, und der Lange pustet aus: „Schwach! Zu schwach!“, und der Lange Dünne fügt hinzu: „Leise. Zu leise!“
Die Batterie! Die Batterie! Sie stirbt! Sie Stirbt! 50 Jahre sollte sie halten! Es herrscht ein universeller Gedanke.
Lautes Gekreische ertönt aus der Schublade. „Du! Du! Gierig!“ Jeder sagt nun dies. Dank ihres miserablen Wortschatzes artikulieren sie, dass man sich wilde Primaten denkt.
Ein Bakterium, ein magisches Kleinstlebewesen, hört ihr Klagen und Flehen. Oft hat es die drei schon geärgert, ohne dass diese es wissentlich vernahmen. Gewiss, Unterhaltung bot es diesem früher einmal, doch das ist schon lange nicht mehr von hochwertiger Spannung und so suchte es offenkundig nach neuen Quellen der Lust. Hilfreiche Hilfsbereitschaft! Das sei die Zukunft, so das Bakterium. Dessen Offenbarung vor den Drei scheint nicht kompliziert. Wie es ihre gewohnte Schnelligkeit vorschreibt, akzeptieren sie die Gefälligkeit offen und blitzschnell.
„Ich sehe den ewigen Schlaf vor euch. Zwei Möglichkeiten kann ich euch zur Rettung verleihen.“ „Welche!? Welche!? Welche!?“
„Ich sehe den ewigen Schlaf vor euch. - Seht ihr die Öffnung mit den hellen Strahlen dort oben? Ich kann machen, dass es euch ewig versorgen wird. Unsterblichkeit. Doch wohl müsst ihr eure Leidenschaften einschränken.“
„Noch Welche!? Noch Welche!?“
„Ich sehe den ewigen Schlaf vor euch. - Seht ihr meine windende Geißel? Ich kann machen, dass sie euch eine neue Batterie besorgt. Unbegrenzte Kraft und Macht. Doch wohl müsst ihr bedenken, dass niemand bestimmen kann, was sie vermag zu bewirken.
„Das Zweite!“, schreit der Lange Dünne. „Das Zweite!“, schreit der Lange. „Wir werden sterben! Sterben! Doch ein Leben ohne Schnelligkeit. - Nicht möglich! Das Zweite!“, schreit der Dicke. Das Bakterium hält sein Versprechen. Nun tickt, verzögert und beschleunigt das Trio wieder, wie in guten, alten Zeiten. Die Sprache fehlt, jeder hat seine Leidenschaft.
5 Jahre später sollte es ganz leise in der Schublade sein. Kein Ticken, kein Beschleunigen, kein Verzögern mehr. Nur Stille und Ruhe. Nur ein endloser Schlaf. Man beobachtete: Zuerst entschlief der Lange Dünne. Darauf der Lange. Schließlich auch der Dicke.
Die Batterie passte nicht zur Uhr. Zerstörte ihre einzelnen Teile. Es ist eine verlassene, vergessene Schublade. Nie, nicht in einer Millionen Jahren, wird die Schublade und deren Inhalt jemand zu Gesicht bekommen. Nie. Die Uhr ist kaputt. Die Uhr bleibt kaputt. Für immer bleiben die Zeiger tot. Tot.
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