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Alt 17.10.2019, 05:15   #1
weiblich Yunashay
 
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Standard Die Eichhörnchen und die Riesenranke

Es war einmal ein Wald voller üppiger Bäume, in dem ein Bach dahinplätscherte und eine Quelle frisches Wasser spendete. Dort lebten alle Tiere im Einklang, vom kleinsten Insekt bis hin zu den riesenhaftesten Kolossen.
Eines Tages verkündeten die Götter des Waldes:
"Es ist an der Zeit für euch, euren Wächter zu wählen."
Zu dieser Zeit besaß der Wald nämlich keinen Wächter. Als sie diese Nachricht vernommen hatten, begannen alle wilden Tiere, darüber zu streiten, wer von ihnen wohl der beste Wächter sei.
"Diese scharfen Zähne werden jeden Feind in die Flucht schlagen", knurrte der Schwarze Wolf.
"Diese riesigen Pranken werden alle Missetäter zerfetzen", brüllte der Graue Bär.
Und so rühmte sich jedes große Tier des Waldes seiner Qualitäten, vom Hirsch mit dem gewaltigen Geweih bis hin zum Weißen Katzenwels, der in der Quelle hauste.
Den kleinen Waldbewohnern, die jede Kraftprobe verloren hätten, blieb nichts weiter, als diese Versammlung schweigend zu verfolgen.
Der Streit zog sich mehrere Nächte hin, bis sich eines Tages ein goldener Dunst über den Wald legte. Der Duft, der ihn begleitete, war so süß, dass die Bestien die Wahl bald völlig vergaßen. Sie verbrachten den Tag in einem wohligen Nebel und starrten auf die golden gefärbten Bäume um sich herum.
Am folgenden Tag jedoch erschienen blutrote Triebe an manchen Bäumen und wuchsen schnell zu einem großen Gestrüpp heran. Der goldene Dunst, den die Tiere bestaunt hatten, war nämlich eine Wolke bösartiger Sporen. Doch als sie das erkannten, hatte die Ranke schon den ganzen Wald überwuchert.
Die Riesenranke umschlang Baum für Baum, sodass jeder verdorrte und starb. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis der ganze Wald tot wäre.
Da sprach die Weise Eule:
"Irgendwo in diesem Wald steht der Baum, der zuerst von den Sporen befallen wurde. Dieser Baum ist der Ursprung dieser schrecklichen Ranke. Wenn wir das Übel an der Wurzel packen, wird das ganze Dickicht verwelken."
Der Schwarze Wolf und der Graue Bär wollten ihren Wald unbedingt retten und beschlossen, den Baun zu suchen, von dem die Weise Eule gesprochen hatte. Das Gestrüpp war jedoch mittlerweile so dicht, dass sie sich mit ihren großen Körpern enfach nicht hindurchzwängen konnten. Nun war die Zeit der kleinen Tiere des Waldes gekommen; die, die sich bisher zurückgehalten hatten, während die großen Tiere geprahlt und darüber gestritten hatten, wer der Stärkste sei.
Und so schlängelte sich die Gefleckte Schlange durch das Dickicht bis tief in den Wald hinein, auf der Suche nach dem Baum, den die Ranke zuerst befallen hatte.
"Oh weh! Diese Riesenranke umschlingt den ganzen Baum", zischte die Schlange. "Wir müssen sie irgendwie durchtrennen, aber ich habe weder Klauen noch Zähne, nur meine gespaltene Zunge."
Als der Blauspecht dies hörte, bot er seine Hilfe an.
"Ich werde mich in Windeseile durch das Gestrüpp picken!", zwitscherte er voller Zuversicht.
Doch als er sich dem Baum näherte, den die Gefleckte Schlange beschrieben hatte, wurde das Gestrüpp immer dichter, sodass er kaum seine Flügel ausbreiten konnte, um an der Ranke herumzupicken. Entmutigt flog er zurück.
Nun boten auch die Feldmäuße und Eichhörnchen ihre Hilfe an.
"Mit unseren kräftigen Zähnen können wir uns durch die Riesenranke nagen", piepsten die Feldmäuse.
"Aber die Ranke reicht bis in den Baumwipfel", merkten die Eichhörnchen an. "Könnt ihr denn wirklich so hoch klettern?"
Die Feldmäuse mussten eingestehen, dass sie dazu nicht fähig waren, und so machten sich die Eichhörnchen auf den Weg zu der Ranke, die den ersten Baum befallen hatte.
Bald erreichten die Eichhörnchen den Baum und erklommen ihn ohne Mühe. In Windeseile nagten sie an der Riesenranke und durchtrennten sie mit Leichtigkeit.
Kaum hatten sie damit begonnen, sich durch das Dickicht zu beißen, da fielen auch schon große Teile zu Boden und verwelkten. Daher beschlossen die Eichhörnchen, so lange weiter zu nagen, bis der ganze Baum befreit wäre.
Die Riesenranke war jedoch voller giftiger Sporen, und die Eichhörnchen, die davon fraßen, verspürten bald deren Wirkung und stürzten leblos zu Boden. Doch davon ließen sich die anderen tapferen Eichhörnchen nicht aufhalten, denn sie hatten beschlossen, den Baum um jeden Preis von der Ranke zu befreien und den Wald zu retten, und so nagten sie weiter.
Als das letzte Stück Ranke durchtrennt war und das gesammte Gestrüpp verwelkte, stürzte das letzte verbliebene Eichhörnchen vom Baum und schlug mit dem Kopf voraus auf dem Waldboden auf.
Das Eichhörnchen hatte den Wald gerettet.
Als sich der Schwarze Wolf und der Graue Bär schließlich einen Weg durch das verwelkte Gestrüpp bahnten, fanden sie die toten Eichhörnchen und ließen ein furchtbares Wehgeheul ertönen.
Als die Klagen der Tiere verebbten, stiegen die Seelen der Eichhörnchen in Form von strahlenden Lichtkugeln aus ihren toten Körpern empor.
Der Schwarze Wolf und der Graue Bär sahen verwundert zu, wie die Kugeln in die Höhlung eines Baumes schwebten und diesen wieder zum Leben erweckten.
Die Götter des Waldes hatten gesprochen: Die Eichhörnchen waren die wahren Wächter des Waldes. Obwohl sie zu den kleinsten und schwächsten Tieren des Waldes zählten, waren sie mutiger als all die großen Kreaturen.
Die körperlichen Ausmaße haben nun einmal nicht mit der wahren Größe einer Kreatur zu tun.
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fabel, moral

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