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Gefühlte Momente und Emotionen Gedichte über Stimmungen und was euch innerlich bewegt.

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Alt 22.10.2019, 15:07   #1
männlich klaatu
 
Benutzerbild von klaatu
 
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Beiträge: 2.339

Standard Steigt zu mir in die Wanne!

So, hat jeder genug Platz?

Soll ich noch ein Stück rücken?

Ist das Wasser so angenehm?


Alles klar!


Also lehnt euch zurück, genießt das warme Wasser

(meine schmierigen Finger betatschen eure Schultern)

und entspannt euch.


Lasst eure Sorgen Sorgen sein

(mein warmer Atem bläst euch in den Nacken),

befreit eure Gedanken

(etwas versucht in euch einzudringen)

und lasst die Seele baumeln

(etwas dringt in euch ein, dann ist es drin und ...)
.

:
:
:
:

Plötzlich stehen wir auf dem Gipfel
des majestätischen Mount Whateverests
und tragen Schaumkronen der Gleichgültigkeit
auf unseren aufgedunsenen Wasserköpfen.

Von hier aus
sehen wir alles:


Wir sehen
mit heißem Atem gefüllte Zeppeline,
die über kopflosem Schulterzucken
in Flammen aufgehen.

*

Wir sehen
Wissenslücken,
die sich in Schützengräben verwandeln
und Kindersoldaten,
die Sänften über Schlachtfelder tragen.

*

Wir sehen,
wie Menschen sich auf akrobatische Weise
gegenseitig in die Hosen scheißen,
nur um anschließend anklagend
mit den Fingern auf einander zu zeigen.

*

Wir sehen,
wie irgendwelche Spaßvögel
in einer Nacht- und Nebelaktion
die Berliner Mauer
aus alten Dieselautos neu errichten.

*

Wir sehen,
wie ein Teil der Passanten beginnt,
spontan "Wir sind das Volk" zu intonieren,
was der andere Teil
durch ein rhythmisch passendes
"Ausländer raus!" ergänzt.

*

Wir sehen
menschliche Zuckerrüben,
die ihren Blick gen Himmel richten
und im Stechschritt
zu den Sternen marschieren.

*

Wir sehen
die blutige Leiche John F. Kennedys,
wie sie seit den 60er-Jahren Ehrenrunden
auf der dunklen Seite des Mondes fährt.

*

Wir sehen
eine Mutter vor dem Laptop sitzend,
wie sie beiläufig einen Strohhalm
durch die Fontanelle ihres Babys sticht,
um ihm genüsslich den Kopf leer zu saugen.

*

Wir sehen
viel zu viel
(und etwas verlässt euch).

*

Wir sehen Bewusstsein
wie Wasserdampf
unter der Decke schweben.

Wir fragen uns:

BadeWANN?
BadeWO?
BadeWER?


und stellen fest,
dass uns die Antwort darauf
für den Moment egal ist.

Wir sehen
verschrumpelten Hände,
wie sie in weiter Ferne
den Badewannenrand umklammern,
hinter dem die Welt endet

und spüren,
wie das Wasser
langsam kälter wird.


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