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Alt 01.01.2018, 02:05   #1
männlich Blurryface
 
Dabei seit: 01/2018
Ort: Wichtig? Falls du es wirklich wissen willst: nahe München.
Alter: 24
Beiträge: 3

Standard Abgefahren

Der Zug ist voll.

Notgedrungen muss ich also gegenüber von einem anderen Fahrgast Platz nehmen. Ich verstehe nicht, wie man sich alleine auf einen Vierersitz setzen kann. Zweiersitz ist ja okay, gibt ja keine Alternativen, aber auf einen Vierersitz - da sperrt man drei zusätzliche Plätze. Anderseits ist es wohl besser, sich einen Vierersitz mit einer anderen Person zu teilen, als sich neben jemand Fremden quetschen zu müssen.

Ich frage also, rhetorisch, ob der Platz frei ist und setzte mich, noch bevor die junge Frau aufschaut, kurz nickt und zurück in ihr Buch versinkt. Das Buch macht sie irgendwie sympathisch und gleicht fast schon ihr Sakrileg bei der Sitzplatzauswahl aus. Ich habe das Gefühl von Papierseiten schon immer dem eines Displays vorgezogen.

Seltsam, es kommt mir fast so vor, als ob ich sie kennen würde.
Nicht hier aus dem Zug - ich fahre diese Strecke täglich - sondern von früher.
Sie ist ungefähr in meinem Alter - verdammt, woher kenne ich sie nur? Ist das Linda? Die Haare sind anders, aber vielleicht auch einfach nur gefärbt. Wir waren bis zum sechsten, nein bis zur siebten Jahr, in einer Klasse. Aber Linda hatte braune Haare… Würde sie kurz aus ihrem Buch aufschauen, dann wäre ich mir bestimmt sicher.

Ich überlege, sie, leicht fragend, mit ihrem Namen anzusprechen. Doch ich könnte mich auch irren - immerhin ist das schon Jahre her.
Und wenn ich sie ganz neutral und allgemeingültig mit einem „Halloʺ begrüße? Nein! Besser „Hiʺ. „Halloʺ klingt so förmlich. „Hiʺ, das wirkt freundlich und unbeschwert. Viel vertrauter als „Halloʺ. Oder ist „Hiʺ schon zu vertraut? Vielleicht wäre es besser, sie nett anzulächeln?

Ich lächle.

Moment! Was ist, wenn sie mein Lächeln falsch interpretiert und denkt, ich hätte romantische Intentionen? Ich kann gut darauf verzichten, dass sie kurz, verlegen, mein Lächeln erwidert und mir mitleidig erklärt, bereits vergeben zu sein, woraufhin wir uns den Rest der Fahrt peinlich berührt anschweigen. Hoffentlich hat sie mein Lächeln noch nicht bemerkt.

Warum muss ich auch, einfach so, überstürzt losgrinsen? Niemand lächelt grundlos in der Öffentlichkeit. Andererseits, es ist ein schöner Tag, die Sonne scheint, das heißt es regnet zumindest nicht sonderlich stark und vielleicht bin ich auch ein fröhlicher, unbeschwerter Mensch, der gerne lächelt. So etwas gibt es...

Ich bin mir aber sicher, dass das Linda ist. Toll, dann hätte ich mir mein Lächeln sparen können. Aber jetzt gibt es kein Zurück. Wenn ich jetzt aufhöre und sie mein Lächeln doch bemerkt hat, schöpft sie nur Verdacht. Wir sitzen uns bestimmt schon eine geschlagene viertel Stunde gegenüber. Jetzt ist es auch zu spät für „Hiʺ.
Es mutet doch bestimmt etwas seltsam an, wenn ich sie erst jetzt, aus heiterem Himmel, mit einem „Hiʺ anfalle. Mit Sicherheit wundert sie sich dann, warum ich solange mit meinem „Hiʺ gewartet habe und sie nicht gleich beim Einstieg begrüßt habe. Wahrscheinlich denkt sie dann, ich wäre schüchtern. Das war dämlich von mir. Es müsste schon eine Ursache geben, damit ich sie jetzt spontan erkennen und überrascht „Hiʺ sagen könnte.

Wenn jetzt der Kontrolleur kommen würde…
Dann könnte ich aus Versehen meine Fahrkarte fallen lassen, welche sie mir eventuell aufheben würde und während ich mich bei ihr bedanke, könnte ich sie plötzlich erkennen und hätte einen plausiblen Grund, sie mit einem überraschten „Hiʺ zu begrüßen.
Wenn allerdings der Kontrolleur dieses mal später als gewohnt kommt und ich erst zehn Minuten vor der Ankunft zu meiner spontanen Begrüßung kommen sollte, wäre die Unterhaltung zwischen uns gehetzt und erzwungen, da wir beide es vermeiden würden, interessante Themen anzuschneiden und keine Fragen stellen würden, von denen wir die Dauer der daraus resultierenden Antwort nicht abschätzen könnten, um den anderen nicht unterbrechen zu müssen, falls wir während dieser bereits den Bahnhof erreicht haben sollten.

Am besten Ich schaue einfach die restliche Zeit auf mein Handy und hoffe, dass sie mich nicht erkennt. Meine Wangen krampfen allmählich von der Dauergrinserei.

Sollte sie die Strecke allerdings in Zukunft öfter fahren, dann könnten wir uns bei weiteren Fahrten regelmäßig unterhalten. Hätte ich doch nur beim Einsteigen „Hiʺ gesagt, dann hätte ich in unserer Unterhaltung herausgefunden, ob es sich langfristig lohnen würde, sie jetzt zu begrüßen.

Bei möglichen weiteren Fahrten, würde es vermutlich schwieriger werden, einen plausiblen Grund zu finden, sie spontan zu erkennen. Insbesondere deshalb, weil dieser auch erklären müsste, warum ich sie während der Fahrt heute nicht erkannt habe. Es müsste mir gelingen, sie jetzt zu begrüßen, ohne mich dabei von ihr in ein Gespräch verwickeln zu lassen. Am besten beim Aussteigen.
Wenn ich aufstehe, wird sie wahrscheinlich auf irgendeine Weise reagieren und mir die Gelegenheit geben, sie spontan zu erkennen und überrascht zu begrüßen. Wenn sie mich beim Aussteigen ansieht, dann werde ich ihr noch immer freundlich lächelnd zunicken.

Nicken ist gut.

Mit einem Nicken lässt sich arbeiten.
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gedanke, introvertiert, verkopft

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