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Alt 22.11.2019, 23:20   #1
weiblich mipie
 
Dabei seit: 11/2019
Alter: 29
Beiträge: 1

Standard Schubladen-Brief

Liebe Sachbearbeiter,

ich habe immer noch keinen Job gefunden, aber ich finde in meiner gegenwaertigen Situation einige Gruende, die mich daran hindern.
Natuerlich bin ich selbst keiner davon, genau wie Sie selbst auch keiner sind. Vielmehr sind wir beide in diesem System gefangen, dass Sie fuer mich ungluecklicherweise repraesentieren. Und einen Brief an ein System zu schreiben, ist selbstverstaendlich sinnlos.

Also verstaue ich diesen Zeilen in meinen Unterlagen. So wie Sie Ihren Brief an mich auch niemals abschicken werden, in dem Sie sich fuer Ihr Verhalten entschuldigen. In diesem Brief steht vermutlich, dass Sie taeglich unzaehlige wunderbare Menschen kennen lernen, die leider gerade ihr Potential nicht ausleben koennen. Sie schreiben von Klassenbesten und Prasentationsprofis, von Eltern und pflegenden Kindern, von Kuenstlern und Metzgern, von Studierten und Menschen ohne Hauptschulabschluss, von Tennistrainern und Kinderschminkern, von Vorlesern und Organisationstalenten, von Genussmenschen und Sparfuechsen. Sie teilen in Ihrem Brief niemandem mit, wie traurig Sie darueber sind, dass Sie diese Menschen niemals wirklich kennen lernen, sondern immer nur einmal in Ihrem Buero empfangen, zwischen dem zweiten und dem dritten Kaffee des Tages. Niemand erfaehrt davon, welche Traeume und Geschichten diese Menschen bei Ihnen abladen, die Sie nicht weiter verbreiten duerfen. Und genau deshalb teile ich Ihnen meine Angste und Zweifel auch nicht mit.

Denn wohin sollten sie, wenn Sie sie nicht an sich heranlassen duerfen und Sie auch niemandem davon erzaehlen? Wofuer haben wir Menschen Empathie, wenn wir uns vor Emotionalitaet schuetzen muessen, um gute Arbeit zu leisten? Und wenn wir nur etwas Wert sind, wenn wir arbeiten?

Mit diesen Worten schlage ich Ihnen meine Empathie um die Ohren, meine Situation laesst mir keine andere Wahl. In meinem Alltag wie in Ihrem hat Empathie keinen Raum, daher schmiere ich Sie an Hauswaende und Plakattafeln. Weil ich sonst keinen Platz dafuer finde, kommt Sie auf das Butterbrot von Ihnen und wahllosen anderen Menschen, die mit uns in diesem System gefangen sind. Vielleicht hilft mir das ja, die Hindernisse in meiner gegenwaertigen Situation abzubauen und einen Job zu finden.
Vielleicht kommt dann ein wenig von dieser verstreuten Empathie zu mir zurueck. In Form eines Marmeladenbrots, eines Veranstaltungshinweises oder einer Hand, die sachte mein Ohr beruehrt.
Und wenn auch nicht, so gefaellt Ihnen vielleicht die Vorstellung, die Sie beim Lesen dieser Zeilen entwickeln? Bringt Sie zum Schmunzeln, weckt Ihre Empathie, laesst Sie Verbundenheit empfinden.

Wie vielen Menschen geht es wie mir?
Wie viele haben Sie dieses Jahr betreut?
3,1% in Deutschland sind arbeitslos.
Wie viele sind immer wieder empathielos?
Wie viele fuehlen sich in diesem System gefangen?
Wie viele wuerden gerne arbeiten, aber erhalten keine Chance dazu?

Ich moechte meine eigene Verantwortung nicht absprechen. Aber auch nicht Ihre, wenn ich darf. Menschen wie Sie halten das System aufrecht, in dem Menschen verwaltet werden. Die sind nur bei vorbildlichem Verhalten wuerdig, ihre Grundbeduerfnisse zu sichern. Und darueber hinaus sollen sie die ausserordentliche Anstrengung bewaeltigen, langfristig einen passenden Arbeitsplatz zu finden.

Mir ist das noch nicht gelungen. Vermutlich liegt das an den sinnlosen Aufgaben, die ich sonst so verfolge, wie das Schreiben dieses Briefes und dem Verbreiten von Empathie. Wenn dieses Verhalten nicht vorbildlich ist und meine Ansprueche auf Zahlungen bedingt, freue ich mich, von Ihnen zu hoeren.

Hochachtungsvoll
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Stichworte
arbeitslosigkeit, empathie, system

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