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Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

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Alt 05.12.2018, 00:39   #1
männlich Schmuddelkind
 
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Standard Einem Herzen gleich

Ich formte sorgsam Laub zu einem Zeichen,
als wär's vom Wind auf deinen Weg geweht
und doch als wollt es einem Herzen gleichen,
das ganz aus deiner Fantasie entsteht.

Du bliebst und hobst den Blick, nur um zu danken
den Wipfeln und der Höhe wohl an sich,
von wo die Gaben dereinst niedersanken,
als träf dein Blick in weiter Ferne - mich!

Dann sank dein Blick, zu Erden angekommen,
nahmst du ein einzig Blatt nur in die Hand,
fast so, als hättest du mich mitgenommen,
als dort dein Schattenbild im Dunst verschwand.
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Alt 05.12.2018, 10:12   #2
gummibaum
 
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Sehr schön, liebes Schmuddelkind,

diese visionäre Begegnung des Gestorbenen mit der einstigen Geliebten, die ihn im gefundenen Herzblatt zu sich nimmt.

Sehr gern gelesen.

LG gummibaum

Geändert von gummibaum (05.12.2018 um 14:35 Uhr)
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Alt 05.12.2018, 23:46   #3
männlich Schmuddelkind
 
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Geil, deine Interpretation, Gummibaum!
Passt von vorne bis hinten und enthält eine gewisse "Versöhnlichkeit" mit dem Tod.

Ich will trotzdem mal etwas machen, was ich nur sehr selten mache (auch irgendwie angeregt durch Gedanken, die mir aufgrund deiner Literaturempfehlung gekommen sind) und erklären, wie ich es gemeint habe:

Das LI stalkt das LD. Daher weiß das Ich auch, wie das Du reagiert, sieht ihre Freude und empfindet sie als an ihn gerichtet. Die Tatsache, dass er das Laub absichtlich so zusammenlegt, dass man Zufall unterstellen könnte und dennoch das Herz darin erkennt, macht das Ganze natürlich noch perfider.

Das Ende lässt Böses ahnen: "Fast so als hättest du mich mitgenommen" kann darauf hindeuten, dass er ihr folgt. Seine Wahrnehmung ist ja gewissermaßen auf den Kopf gestellt: Er kreiert mit Absicht einen "Zufall"; dieser Zufall bewirkt etwas, das er als Vorhersehung wahrnimmt und der Blick nach oben ist an ihn gerichtet. Also nimmt er auch seine Verfolgung wahr als von ihr eingeladen. Wenn er ihr also folgt, wieso verschwindet sie dann im Nebel? Das würde doch an sich nur Sinn machen, wenn er an Ort und Stelle bleibt. Es sei denn mit "verschwinden" ist etwas anderes gemeint.

Aber deine Lesart gefällt mir mindestens ebenso gut und sie macht über den ganzen Text hinweg Sinn. Die Bedeutung entsteht ja erst im Leser und das ist auch gut so.

LG
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Alt 06.12.2018, 14:23   #4
gummibaum
 
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Danke, liebes Schmuddelkind. Darauf wäre ich nicht gekommen.

LG gummibaum
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Alt 06.12.2018, 19:51   #5
männlich Schmuddelkind
 
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Du hast halt nicht so böse Hintergedanken wie ich.

LG
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Alt 07.12.2018, 08:05   #6
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
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Beiträge: 10.777

Einen Grad der unglücklichen Verliebtheit, der glauben macht, sich eines anderen Menschen ohne weiteres bemächtigen zu dürfen, kenne ich natürlich, aber "Düstere Welten und Abgründiges" leitete mich eher zum Tod.

LG gummibaum
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Alt 08.12.2018, 00:43   #7
männlich Schmuddelkind
 
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Zitat:
Einen Grad der unglücklichen Verliebtheit, der glauben macht, sich eines anderen Menschen ohne weiteres bemächtigen zu dürfen, kenne ich natürlich
Das beruhigt mich.

Zitat:
aber "Düstere Welten und Abgründiges" leitete mich eher zum Tod.
Ich finde es interessant, dass sowohl in deiner, als auch in meiner Interpretation der Tod vorkommt. Abgesehen von der Kategorie, in der ich das Gedicht gepostet habe - vielleicht riecht es ja auch irgendwie danach, selbst wenn man es gar nicht im Einzelnen benennen kann. Wie gesagt, die Vorstellung, dass das LI tot sei, finde ich sehr attraktiv.
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Alt 08.12.2018, 12:25   #8
weiblich Letreo71
 
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Schade, dass du die Erklärung vorweg genommen hast, Schmuddelkind.
Es liest sich dennoch schaurig schön. (Ich sah einen Mord, der im Nachhinein bereut wurde...)

Lieben Samstagsgruß

Letreo
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Alt 08.12.2018, 22:00   #9
männlich Schmuddelkind
 
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Zitat:
Schade, dass du die Erklärung vorweg genommen hast, Schmuddelkind.
Das stimmt leider. Das ist wie mit Witzen: man nimmt das Wesentliche, wenn man es erklärt. Normalerweise mache ich das auch nicht, aber ich fand es so interessant, dass Gummibaums Interpretation an einem ganz anderen Punkt anfängt und dennoch ähnliche Ideen befördert. Und ich hatte das Gefühl, ich könnte das nicht genug würdigen, wenn ich es nicht offen anspreche.

Zitat:
Es liest sich dennoch schaurig schön.
Das freut mich sehr.

Zitat:
(Ich sah einen Mord, der im Nachhinein bereut wurde...)
Auch sehr interessant. Und was würde dann das Laub-Herz darstellen?

LG und danke für deine Gedanken, Letreo
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Alt 09.12.2018, 00:23   #10
männlich Einsamkeit
 
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Beiträge: 58

Romantik pur, Schmuddlkind.

Ich hadere mit dem Wort des Dunstes. Da Dunst eine Eintrübung der Atmosphäre ist.

Minus im Dunst
Plus im Nichts

- Einsamkeit
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Alt Gestern, 14:30   #11
männlich Schmuddelkind
 
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Beiträge: 4.700

Dankeschön!

Was Dunst angeht, hast du wohl recht. Hätte eigentlich gerne "Nebel" genommen. Aber das hätte natürlich nicht in das Versmaß gepasst.

LG
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Alt Gestern, 16:05   #12
weiblich Letreo71
 
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Beiträge: 3.926

Zitat:
Zitat von Schmuddelkind Beitrag anzeigen
Und was würde dann das Laub-Herz darstellen?
Na es steht für die einstige Liebe.

LG Letreo
Letreo71 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt Gestern, 21:31   #13
männlich Heinz
 
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Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 4.459

Liebes Schmuddelkind,
würd es Deinen Text entstellen, wenn Du statt

"Du bliebst und hobst den Blick, nur um zu danken"

schreiben würdest:

"Du bleibst und hebst den Blick, nur um zu danken"

Dieses "bliebst und hobst" will mir nicht über die Unterlippe kullern.

Liebe Grüße,
Heinz
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laub, nebel, stalking

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