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Fantasy, Magie und Religion Gedichte über Religion, Mythologie, Magie, Zauber und Fantasy.

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Alt 03.12.2018, 00:03   #1
männlich Heinz
 
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Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 4.459

Standard Farben

Chaos war, nur Urflut rauschte bis ein Donnerwort befahl:
Fiat Lux - es werde Licht!
Und so ward der helle Tag erschaffen; und die Finsternis
nannte Gott die dunkle Nacht.
Keiner weiß es, doch wir glaubens, was dergleichen noch geschah:
Himmel schuf er, Land und Meer,
ließ Gewächse sprießen, Bäume wachsen, Sterne leuchten und
schuf in bester Schöpferlust
auf der Erde und im Wasser Lebewesen aller Art,
ganz zuletzt ein Menschenpaar.

Adam hieß der Erdenkloß,
ihm zur Seite Lilith, schön und wahrlich Gottes Ebenbild.
„Schau, mein Weib, die Welt ist schön,
nur für uns ist sie entstanden. Lass uns laut dem Schöpfer danken!“
Lilith schüttelt ihren Kopf:
„Mann, da fehlt noch dies und das!“ Verwundert fragte Adam: „Was?“

„Hell ist der Himmel am Tage und nachts ist es dunkel; nur Sterne
schmücken den Himmel, das Wasser ist nass und die Erde ist trocken,
Pflanzen bedecken das Land und im Meere bewegen sich Fische,
allüberall ist Bewegung und gerne betrachte ich dich und das andre Getier!
Alles das will ich mit Farben beleben; an Farben,mein Lieber, da fehlts im Revier!“

Und Lilith, die niemals Gezähmte, begann bei sich selbst und bestäubte
mit Purpur die wallende Mähne und färbte die Löckchen des Dreiecks,
das südlich des Nabels die Pforte zum Garten der Lüste bewachte;
mit Tupfern des Goldes verzierte sie prächtig die Haare des Hauptes,
vergaß dabei nicht, auch das krause Gelöck des mons pubis zu schmücken.
Sie sah sich im Spiegel des stillen Gewässers und lobte sich selbst für ihr Werk.

So zahlreich die Äpfel und andere Früchte auch wuchsen, verborgen im Laub
erfreuten sie selten die Augen und schwer war die Suche nach Nahrung.
Vom Dufte der Blüten geleitet, versuchte das rastlose Weib, das
Gewächs mit den saftigsten Früchten zu finden. Und Lilith ward fündig.
Ihr Zünglein verschwand in den schwellenden, kugligen Früchten, die Lippen
spendierten ein wenig vom Purpur des Mundes und färbten Taronjas
mit rotgoldnen Tönen und Lilith verlieh den Taronjas den Namen Orange.

Zitronen zu färben versuchte sie nun und mit Eifer bemalt sie
die Schalen mit leuchtendem Gelb, mit den Resten der Farbe Canarien.
Damit man das bunte Gefieder auch sehe, ersann sie ein strahlendes Grün;
und weils ihr gefiel, der begnadeten Lilith, bekamen Smaragde
und Blätter, die Wiesen, zuletzt auch die Augen des Weibes die Farbe
der Hoffnung und siehe: Die Erde erstrahlte in Farben, die Lilith gewählt.

Die Veilchen, der Himmel, das Wasser der Meere - von Adams Gefährtin
geküsst und mit Bläue veredelt, ergänzten das prächtige Bild und selbst Gott
bewunderte staunend die Werke der Frau an der Seite des lehmigen Mannes.
Aus Indien borgte sich Lilith den tiefblauen Samt für den Himmel am Abend,
für zärtliche Stunden mit später geborenen Frauen das Lila für heimliche Freuden.
Behauche, du Schöne, mit Farben die Seelen der Menschen, sie danken es dir ganz gewiss.
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.12.2018, 12:57   #2
weiblich Serpentina
 
Benutzerbild von Serpentina
 
Dabei seit: 04/2018
Ort: Zwischen den Gedanken
Alter: 51
Beiträge: 411

Lieber Heinz,


das ist sehr unterhaltsam und entzückend geschrieben.
Bei dir ist Lilith nicht einfach aus dem selben Lehm gleichzeitig mit Adam erschaffen worden und zum Schrecken vieler, ihm somit ebenbürtig und deshalb eine unheilvolle Macht, nein, sie ist als schöpferische und kreative Kraft eher auf Augenhöhe mit Gott, der das in deiner Version auch anerkennt.
Ich musste beim Lesen mehrmals die Stimme der Einwände beiseite schieben und konnte mich schliesslich beim dritten Lesen, unbefangen durch dein wunderschön sprachliches Werk bewegen.
Nur ein logischer Einwand blieb präsent.
Wenn die Welt vorher ohne Farben war, wie konnte Lillith sich dann aus Indien Farben besorgen?
Aber egal. Es ist ein wundervolles Eintauchen mitten ins Paradies der farbigen Schönheit und der kreativen Freude, die bis ins Herz reicht.


Sehr gerne gelesen,
Serpentina
Serpentina ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.12.2018, 15:43   #3
männlich Heinz
 
Benutzerbild von Heinz
 
Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 4.459

Liebe Serpentina,
stimmt, Du hast mich bei einem unlogischen Vers erwischt. Mir ging es darum, die Farben des Regenbogens zu verarbeiten. Mit Purpur geht es los, es folgen orange, gelb und grün, blau und indigo (und in schulmeisterlicher Weise erkläre ich gleich, dass diese letzte Farbe (Indigo) ihren Namen vom Land Indien hat.
Ich könnte mich ja auch heraus reden und sagen, dass der Gott der Hebräer nicht für Indien zuständig war und dort - vielleicht eine Muttergottheit für die Farben zuständig war.
Die Bibel, wenn man mal genau hinschaut, wartet mit zwei Darstellungen der Erschaffung des Menschen auf. Zunächst ist keine Rede von Lehm, sondern davon, dass Gott den Menschen erschaffen habe nach seinem Bild und - er schuf sie als Mann und Frau. Die Story, die den patriarchalisch gesinnten Schreibern des Alten Testaments natürlich besser gefiel, dass Gott aus der Rippe des Adam ihm eine "Gehilfin" bastelte, wird erst an späterer Stelle geschildert. Seine erste Frau, Lilith, wird in der Bibel, so wie wir sie kennen, unterschlagen. Dieses selbstbewusste Weib, das auch mal "oben liegen" wollte, musste verteufelt werden und man muss schon bei jüdischen Theologen nachsuchen, um Liliths Spuren zu finden.
Verzeih mir also den Trick mit dem Indigo.
Ich danke Dir für Deine lobenden Worte!
Liebe Grüße,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.12.2018, 18:15   #4
weiblich Serpentina
 
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Dabei seit: 04/2018
Ort: Zwischen den Gedanken
Alter: 51
Beiträge: 411

Ah. Danke für die Infos. Da hat die Etymologie dich nach Indien geführt und klar, Lilith kann sich da Anregungen von den dortigen Schöpfergöttern geholt haben.
Das mit den unterschiedlichen Schöpfungsmythen war mir bekannt, weshalb ich auf die anfängliche Ebenbürtigkeit von Adam und Lilith verwies, die gemeinsam aus einem Element gemacht wurden. Ob nun Staub, Erde oder Lehm, Lilith hat Adam verlassen und da musste dann eine neue aus den Rippen geschnitten werden.

Einen schönen Zeit,
Serpentina
Serpentina ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.12.2018, 21:20   #5
männlich Heinz
 
Benutzerbild von Heinz
 
Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 4.459

Liebe Serpentina,
offensichtlich scheinen wir einer Meinung zu sein, zumindest, was die beiden Frauengestalten Lilith und Eva angeht. Ich finde die Lilith viel spannender und habe sie schon mal mit einem Gedicht bedacht.
Liebe Grüße,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.12.2018, 21:30   #6
weiblich Unar die Weise
 
Benutzerbild von Unar die Weise
 
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Alter: 36
Beiträge: 4.025

Liebster Heinz,
meine ehrliche Verneigung vor deinem Werk.
Die Idee finde ich schon wunderbar.

Gruß im Advent.
Von Herzen, Unar.
Unar die Weise ist gerade online   Mit Zitat antworten
Alt 03.12.2018, 21:48   #7
männlich Heinz
 
Benutzerbild von Heinz
 
Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 4.459

Liebe Unar,
bitte nicht verneigen, es reicht völlig, wenn Du Dich mir auf Knien nahst.
Quatsch! Ich freue mich sehr (!) über Dein Lob!
Die herzlichsten Adventsgrüße auch von mir,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
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