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Alt 02.07.2018, 19:10   #1
weiblich Damaris
 
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Standard Ohrotoik

Schauen Sie mich an, nicht in meine Augen, sondern tiefer, nein, nicht so tief! Sehen Sie es denn nicht? Ich habe einen Satz heiße Ohren.
Früher versuchte ich diese schamhaft zu verbergen, fand ich doch ihren Hang zu Apostasis otum, also zum Abstehen, eher anstößig. Zwar schmiegen sich meine Helix im oberen Teil der Ohrmuscheln noch bogenförmig sittsam an den Schädel, jedoch nach unten, Richtung Lobule, streben sie stetig in die Welt hinaus, so dass sie sich letztendlich zwischen den Haaren Platz schaffen, um verwegen aus jedweder Frisur herauszublitzen. Von segelnden Ohren kann man nicht sprechen, wohl aber von Segelläppchen.
Meine Mutter erkannte beizeiten deren extraordinäre Schönheit und tunte meine Ohren, in dem sie sie über Nacht mit Pflaster in Form klebte. Sie ließ mir Ohrlöcher stechen, um mit funkelndem Schmuck auf die Wunderwascheln aufmerksam zu machen und aller Welt zu zeigen, was sie da für tolle Ohren aus sich herausgepresst hatte.
Ich war mir dessen nicht bewusst, wurde ich doch in der Schule vorzugsweise als Segelsiggi verspottet. Manchmal riefen sie mich auch Hippitamara wegen meiner hüftlangen Haare oder Klappergestell, weil ich rank und schlank war. Als sich die ersten Vertreter des männlichen Geschlechts offiziell für mich interessierten, dachte ich, die müssen einen grottigen Geschmack haben.
Mit siebzehn kam ich, als sprichwörtliche Unschuld vom Lande, zur Berufsausbildung ins städtische Internat und fühlte mich wie ein Fremdkörper unter den Mädchen, die sich schminkten, rauchten, Alkohol tranken, teilweise schon verlobt oder zumindest verbandelt waren. Diese fanden mich recht unterhaltsam. Als erstes brachten sie mir das Rauchen bei. Der Rauch quoll mir jedes mal aus der Nase und ließ meine Augen tränen. Endlich hatte ich bestanden und war viel cooler, weil nikotinsüchtig. Nun sollte ich das Küssen erlernen, nicht einfach auf den Mund, sondern mit Zunge in den Hals stecken. Also steckte ich bei passender Gelegenheit meinem Tanzpartner die Zunge tief in den Schlund. Ich kam völlig aus dem Takt, als seine die wildesten Loopings um meine stockstarre Zunge drehte. Nach dem Song, es war I'm Still Standing von Elton John, ließ ich ihn stehen, floh zu meinen Mädels und beschwerte mich, dass dieser Typ überhaupt nicht küssen könne. Die lachten sich scheckig und sagten: „Das macht man so!“
'Das macht Mann so!', dachte ich, als mir der erste Verehrer mein rechtes Ohr ausschleckte. Das rechte muss meiner Erfahrung nach reizvoller sein als das linke. Jetzt wusste ich, was es bedeutete, jemanden sein Ohr abzukauen. Ich fand's nicht schön, eher unangenehm, grenzwertig widerlich. Ärgerlich war auch, dass mir danach meistens der rechte Ohrschmuck fehlte, wobei ich mich fragte, ob der Ohrenlutscher diesen geschluckt oder nur derart eingespeichelt hatte, dass der Schmuck aus dem Ohrloch geflutscht war. Ich werde es nie erfahren, gab ich doch den Ohrsabberern regelmäßig den Laufpass, so wie sich deren Zungen offenbarten. Ihre Nachfolger folgten auf dem Fuße. Schließlich schien ich einen erwischt zu haben, der nicht nach meinen Ohren züngelte. Ein großer, schöner Mann mit blonden Locken und blauen Augen. Heute würde ich denken: 'Der hat farbige Kontaktlinsen drin.' So blau waren die, wie bei Terence Hill.
Uwe heißt er. Wir tanzen wahnsinnig erregend nach Last Dance von Donna Summer, schmachten uns so richtig an wie im Hollywood-Bilderbuch, seine sinnlichen Lippen lächeln sinnlich, meine Mundwinkel wandern von einem Ohr zum anderen, da hebt sich Uwes Hand und dann bohrt sich sein Finger in meinen rechten Gehörgang. Erst denke ich, ich habe da was, und er wolle mein Ohr reinigen. Aber als Uwe die Zähne bleckt, sich die Lippen leckend seinen Finger in meinem Ohr rein und raus stößt, dass mein Fell trommelt, stoße ich zurück. Ich stoße ihn von mir und mit ihm alle Fetischisten des Ohroversums. Nicht mal mehr knabbern toleriere ich an meinen besten Teilen, nichts und niemanden, bis auf meine Katze.
Die liebt nicht mich, ihren Dosenöffner, sondern nur meine Ohren. Sei es, weil diese meine Ohren, wie bereits erwähnt, außergewöhnlich anziehend wirken, oder weil meine Katze als Kätzchen schlimme Ohrmilben hatte und sich nichts liebevolleres vorstellen kann, als juckend vermilbte Ohren ausgeschleckt zu bekommen. Sei es, wie es sei, es nervt. Meistens wehre ich sie ab. Manchmal mache ich mir einen Spaß, locke sie mit dem rechten Ohr an und entziehe mich, so wie sich ihre Zunge zeigt. Das kann ich stundenlang durchziehen. Selten lasse ich sie gewähren. Dabei röchelt sie mir derart lüstern ins Ohr, dass ich mich frage, ob sie entsprechende Gegenleistungen erwartet. Dazu bin ich nicht bereit, sie kann mir ihre befellten Spitzöhrchen noch so aufreizend entgegenrecken.
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alltags-komik, gesellschaft

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