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Alt 26.05.2018, 21:36   #1
weiblich Ilka-Maria
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Dabei seit: 07/2009
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Beiträge: 20.331


Standard Shela

Was mir passierte, war so banal, dass mir nie eingefallen wäre, darüber zu berichten. Aber als ich Shela verloren hatte und mir Tag für Tag zum Heulen war, riet mir mein Arzt, über Shela und mich zu schreiben. Er nannte es „Aufarbeitung eines Traumas“.

Unsere Geschichte begann an einem Tag im April, der für die Jahreszeit ungewöhnlich warm war. Ich hatte Lust auf einen Waldspaziergang, wollte aber nicht allein gehen. Mit meiner Lebensgefährtin brauchte ich nicht zu rechnen, denn ihr Terminkalender lief über mit allem, was nicht mit der Natur in Einklang stand, ehrenamtlich aber von höchster Bedeutung war und ihr einen gewissen sozialen Stellenwert in der Nachbarschaft festigte. Mein Sohn und meine Tochter waren erwachsen und aus dem Haus, mein bester Freund litt an einer Depression, seit seine Frau die Scheidung eingereicht hatte, und mein Vater saß seit einem halben Jahr im Rollstuhl.

Also verzichtete ich auf den Spaziergang, bei dem ich mich gerne mit einem Begleiter unterhalten hätte, pumpte stattdessen die Fahrradreifen auf, pflanzte mir die Hörstöpsel in die Ohren und strampelte bei den Klängen von „Kraftwerk“ drauflos.

Ich fuhr den Hauptweg durch den menschen- und tierlosen Wald und fühlte mich einsam. Die Musik wechselte zu Maurice Jarres „Oxygene“, und ich trat in die Pedale. Bloß über nichts nachdenken …

Ich arbeitete, was das Zeug hielt, und eine Weile hielt ich mich für den Gewinner der Tour de France, immer den Blick stur nach vorn gerichtet.

Doch dann trat ich abrupt in die Rückpedale und hielt an. Ich war an etwas vorbeigefahren, das nicht in die Landschaft zu passen schien. Gespannt schob ich das Fahrrad zurück zu der Stelle, an der sich meiner Wahrnehmung nach etwas bewegt hatte. Etwas auffällig Helles.

Es war ein Welpe. Ausgesetzt. Abgemagert. Verwahrlost. Freundlich.

Ich nahm den Hund auf, setzte ihn auf den Gepäckträger und hielt ihn den ganzen Weg zurück fest, den ich das Fahrrad schob. Zu Hause bekam er eine Schüssel Wasser, die er gierig ausschlapperte. Der muss auch Hunger haben, dachte ich, war aber nicht sonderlich bewandert im Ernährungsprogramm für Hunde. Also holte ich alles aus meinem Kühlschrank heraus, was ich greifen konnte: Schinken, Käse, einen Rest Ravioli in Tomatensoße, zwei Wiener Würstchen und eine Frikadelle.

Mein Findling fraß alles nicht nur mit Genuss, sondern im Zeitraffer. Danach war mein Kühlschrank leer, und ich flitzte in den Supermarkt um die Ecke, um für mich Nachschub zu besorgen und Hundefutter einzukaufen. Als ich zurückkam, war mein Wohnzimmerteppich angenagt, und der Hund lag in meinem Bett.

Der erste Besuch beim Tierarzt ergab: American Shepherd, zwischen sechs und neun Monate alt, weiblich, gesund, etwas untergewichtig.

Ich ließ die Hundedame versorgen, ihr also Impfungen verpassen und sie registrieren.

„Wie soll sie denn heißen?“

„Shela.“

Bis heute weiß ich nicht, wie ich auf diesen Namen gekommen bin, der wie „Shila“ ausgesprochen wird, aber Shela hat von ersten Tag an auf ihn gehört.

Shela entwickelte sich prächtig. Sie war das, was man einen „Familienhund“ nennt: rangordnungsbewusst, ausgeglichen und kinderfreundlich. Sich in meinem Bett einzunisten hatte ich ihr schnell abgewöhnt.

Meine Lebensgefährtin äußerte unverhohlen ihre Eifersucht auf Shela. „Der Köter stinkt!“

„Was gedenkst du dagegen zu tun?“

„Schaff ihn ab!“

„Wäre es eine Alternative, dass du dich abschaffst?“

Dieses Frage-und-Antwort-Spiel fand einige Male statt, bis sie die Konsequenz zog und uns nicht mehr belästigte. Sie tat es mit Anstand, das musste ich ihr lassen, ohne Tamtam und so. Sie küsste mich nochmal flüchtig auf den Mund und zog Shela liebevoll an einem Ohr, ehe sie davonrauschte und die Tür hinter sich zuknallen ließ. Shela schickte ihr noch ein „Wuff“ hinterher, was ich sehr stilvoll fand. Ich wäre nicht auf diese Idee gekommen.

Wir waren zusammengewachsen, Shela und ich. Sie hatte mir sogar einmal das Leben gerettet, als ich auf einem nächtlichen Heimweg von einem irren Typen angegangen wurde, der sich mit vorgehaltenem Messer für meine Brieftasche interessierte und dem sie ganz ungeniert ins Bein biss.

Umgekehrt verhalf ich ihr zur Gerechtigkeit, nachdem ein besoffener Nachbar sie getreten hatte, was eine Anzeige und eine Schmerzensgeldzahlung nach sich zog, mit der ich den Tierarzt bezahlen konnte.

Sie war fünf Jahre alt, als sie unter die Räder kam.

Für gewöhnlich rannten die Kinder hinter dem Ball her, wenn er auf die Fahrbahn zusprang, aber nie, ohne den Verkehr zu missachten. Auch dieses Mal blieben sie stehen. Der Verkehr war zu stark. Shela jedoch, die sah, wie der Ball davonhüpfte, ohne dass ihn jemand aufhielt, hechtete ihm nach. Der Fahrer des Wagens konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen und überrollte sie doppelt, erst mit dem Vorder-, dann mit dem Hinterreifen.

Sie fehlt mir. Mit ihr verließen mich Fröhlichkeit, Leichtigkeit und Übermut. Mit ihr starb meine Jugend, denn als ich ihren leblosen Körper von der Straße hob, spürte ich, wie alt ich war.

26.05.2018
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.05.2018, 18:38   #2
Stachel
 
Benutzerbild von Stachel
 
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Ort: Niederrhein
Beiträge: 855


Liebe Ilka-Maria,

das ist eine sehr interessante Geschichte, sowohl inhaltlich als auch sprachlich. Du hast einen trocken-surrealen Humor eingewoben, den ich sehr mag und der mich an Horst Evers erinnert, z.B. "Shela schickte ihr noch ein „Wuff“ hinterher, was ich sehr stilvoll fand. Ich wäre nicht auf diese Idee gekommen." Auch die Quintessenz "denn als ich ihren leblosen Körper von der Straße hob, spürte ich, wie alt ich war." ist gut eingesetzt. Lakonisch bringst du auf den Punkt, was der Hund zum Lebensgefühl beigetragen hat. Überhaupt verlierst du keine Worte, bringst dennoch die tatsächlich banale Geschichte, soviel verspricht der Text auch am Anfang, fesselnd von A nach B, in sich geschlossen und lesenswert.
Aus meiner Sicht ist das eine sehr gelungene Kurzgeschichte und ein Favorit.

Freundliche Grüße von
Stachel
Stachel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.05.2018, 19:15   #3
weiblich Unar die Weise
 
Benutzerbild von Unar die Weise
 
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Ort: in einem sagenhaften Haus
Alter: 36
Beiträge: 3.837


Wunderbar, einfach wunderbar.
Sicher kann sich jeder in deine Geschichte einfühlen, dem schonmal ein Tier ans Herz gewachsen ist.
Unar die Weise ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 30.05.2018, 06:08   #4
männlich Vers-Auen
 
Benutzerbild von Vers-Auen
 
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Beiträge: 456


Standard Treu bis in den Tod

Eine schöne und zugleich traurige Geschichte.

Da fällt mir eine ähnliche Hunde-Schicksals-Geschichte ein, die mir eine brasilianische Freundin erzählte.

Die Geschichte ereignete sich ca. Mitte der 80er Jahre in Recife Brasilien.

In dieser Stadt lebte ein nicht sesshafter Tagelöhner, den man niemals ohne seinen treuen Hund an der Seite sah.
Tagsüber arbeitete er oft als Handlanger auf Baustellen und nachts schlief er meist auf den Baustellen.
Mit seinem treuen Hund verdiente er sich ein Zubrot, weil dieser folgsam die Baustellen bewachte.

Einen Teil seines Lohnes gab der Mann für das Glücksspiel aus. Eines Tages
hatte er das große Los gezogen und eine größere Summe gewonnen.

Sofort zog er in ein nobleres Viertel und gab sein Geld für Vergnügungen aus.
Für seinen treuen Begleiter hatte er nun keine Zeit mehr, daher verschenkte
er nun den „für ihn lästig gewordenen Hund“ an einen ehemaligen Kollegen.

Dieser gab ihm den traurigen und heulenden Hund bald wieder zurück.
Der Erstbesitzer fand noch weitere Kollegen, doch bei allen Besitzern
büxte der Hund aus und er fand immer zu seinem Herrchen zurück.

Das genervte Herrchen lud in einer Nacht seinen Hund ins Auto
und fuhr zu einer Brücke. Dort angekommen hängte er ihm
einen Betonklotz um den Hals und warf ihn von der Brücke.

Der Hund ertrank nicht, jedoch verletzte er sich schwer und
brach ein Bein. Am nächsten Morgen erblickte der Besitzer
seinen Hund röchelnd und sterbend vor seiner Haustüre.

Offensichtlich hatte sich der schwerverletzte Hund ca.
1 Km zur Wohnung seines Herrchen geschleppt. Ob der
ewigtreu-selige Hund an der Verletzung oder an einem
gebrochenen Herzen starb, bleibt allein sein Geheimnis.

Die Moral von der Geschichte.
Geld verdirbt den Charakter!
Vers-Auen ist offline   Mit Zitat antworten
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