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Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

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Alt 03.06.2016, 06:13   #1
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.946

Standard Der Bruder

Mein Bruder war schön und erfolgreich zugleich,
ihn liebten die Mädchen in Massen.
Versprühte er Charme, schon wurden sie weich,
er konnte von ihnen nicht lassen.
Ihn hassten die Männer und Väter zuhauf,
das Schicksal vergisst nicht, es nahm seinen Lauf,
das Damoklesschwert musste fallen.

Mamà war so blind, sie hat ihn verehrt,
für sie bleibt er immer der Beste.
Egal was er tat, sie fand’s nie verkehrt,
missachtete meine Proteste.
Nur er war der Stolz von Vater im Haus,
das war nicht gerecht, doch hielt ich es aus,
denn schließlich war er doch mein Bruder.

Dann kam jener Tag, an dem er verschwand,
wir können’s bis heute nicht fassen;
er gilt als vermisst, zerschnitten das Band,
wieso musste er uns verlassen?
Mamà betet ständig, ihr Haar färbt sich grau,
ich höre sie weinen und auch meine Frau,
der Krug musste irgendwann brechen.

Das Unheil begann am Abend zuvor,
da hab ich die beiden gesehen,
sie lag neben ihm, die Treue mir schwor,
mein Herz blieb vor Schmerzen fast stehen.
Kaum war sie gegangen, hab ich ihn gepackt
und hätt ihn am liebsten in Stücke gehackt,
ich drohte, ich flehte und heulte.

Er hat nur gelacht, genoss meine Pein,
beschimpfte sie höhnisch als Luder.
Ich raste vor Zorn, da lag dieser Stein,
warum nur, er war doch mein Bruder?
Tief unten am Grunde, da liegt er und ruht,
ich kann nichts bereuen, zu sehr wühlt die Wut,
doch kann ich seitdem nicht mehr schlafen.
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.06.2016, 11:33   #2
gummibaum
 
Dabei seit: 04/2010
Alter: 66
Beiträge: 10.927

Hervorragend, lieber Nöck. Kain und Abel in neuer Form.

Chapeau!

LG gummibaum
gummibaum ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.06.2016, 13:37   #3
Stachel
 
Benutzerbild von Stachel
 
Dabei seit: 03/2015
Ort: Niederrhein
Beiträge: 895

Eine sehr schöne Moritat, der es gelingt, dem Leser einen zwar beschwingten, aber mehr noch bedrückenden Dreierrhythmus aufzuzwingen (->Getriebenheit des LyrIch).
Den Sinn der 4. Strophe konnte ich zwar wegen der dichten Grammatik erst auf den zweiten Blick erfassen, aber das muss nicht zwingend als Nachteil verstanden werden.

Ich möchte kurz und nur Beispielhaft den Fokus auf zwei Punkte lenken, die mir besonders gefallen haben:

1. Der Akzent auf der zweiten Silbe von Mama (V8 und V19) lässt den Leser direkt in den richtigen Rhythmus kommen, bzw. ihn halten. Hier zeigt sich die künstlerische Freiheit in der Zeichensetzung als gelungene Unterstützung des Lesers.

2. Die Strophen haben je 7 Verse, wobei immer der letzte eine Waise darstellt. Es fehlen also jeweils korrespondierende Reime. Der Leser sucht unwillkürlich danach, wird jedoch nicht fündig. Dieses Gefühl des Fehlens, des Verlusts, macht einen Teil der Erlebniswelt des LI als Brudermörder auch über die Form des Gedichts plastisch.

Ansonsten gilt, was schon Gummibaum kund tat.

Freundliche Grüße vom
Stachel
Stachel ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.06.2016, 15:20   #4
weiblich Schreibfan
 
Benutzerbild von Schreibfan
 
Dabei seit: 02/2014
Ort: bei Stuttgart
Alter: 35
Beiträge: 754

Ganz, ganz großartig :-)

Gruß, Schreibfan
Schreibfan ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 03.06.2016, 23:05   #5
weiblich DieSilbermöwe
 
Benutzerbild von DieSilbermöwe
 
Dabei seit: 07/2015
Alter: 56
Beiträge: 4.244

Wirklich gutes Gedicht!
DieSilbermöwe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.06.2016, 17:09   #6
männlich Grumpy Papah Y
 
Benutzerbild von Grumpy Papah Y
 
Dabei seit: 09/2014
Ort: R`Lyeh
Beiträge: 101

Den Brudermord mit bestechender Eleganz und geradezu musikalischem Vorantreiben in Worte gefasst..
Diesem wunderbaren Gedicht ist nichts hinzuzufügen.
Das einzige, was mir daran nicht gefällt, ist, dass es nicht von mir ist!
Gruß
Papah Y
Grumpy Papah Y ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.06.2016, 17:38   #7
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.150

Wo ist mein Kommentar geblieben?
Ich muß nachforschen.
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.06.2016, 13:05   #8
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.946

Hallo miteinander,

schön, dass euch das Gedicht gefällt (mit der kleinen Einschränkung bei Papah Y ).

Den jeweils letzten Vers einer Strophe als Waise ausklingen zu lassen, habe ich mir beim großen Vorbild Goethe abgeguckt (Der Totentanz). Das gefällt mir so gut, dass ich es öfter anwende.

@ Thing Hast du deinen Kommentar wiedergefunden?


Danke und liebe Grüße
Nöck
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.06.2016, 16:58   #9
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.150

Zitat:
Zitat von Nöck Beitrag anzeigen

@ Thing Hast du deinen Kommentar wiedergefunden?


Nöck

Leider nicht.
Ich schreibe einen neuen Kommentar.

LG

R Thing
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.06.2016, 21:30   #10
weiblich Ex-Dabschi
abgemeldet
 
Dabei seit: 05/2014
Beiträge: 2.380

Lieber Nöck,

ich wusste von Anfang an, dass etwas passieren wird. Deshalb raste ich beim ersten Lesen durch die Zeilen. Ich wollte es unbedingt wissen ...
Beim zweiten Lesen ließ ich mir Zeit und wurde Zeuge einer Mordtat.

Toller Spannungsbogen, super Gedicht. Mir gefällt dieses Reimschema ausgesprochen gut.

Liebe Grüße
Dabschi
Ex-Dabschi ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 11.06.2016, 18:04   #11
männlich Nöck
 
Dabei seit: 12/2009
Ort: In den Auen des Niederrheins
Beiträge: 1.946

Liebe Dabschi,

ja, das Unheil kündigte sich schon sehr früh an. Schön, dass dir die Moritat gefallen hat.

Danke und liebe Grüße
Nöck
Nöck ist offline   Mit Zitat antworten
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