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Alt 07.11.2013, 22:45   #1
männlich Desperado
 
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Ort: Erde, Europa, Deutschland, Bayern
Beiträge: 1.749

Standard Glaubensfragen

Niemand kann vor Gott bestehn.

Ob er nun an ihn glaubt oder nicht, ob er Religion bekämpft oder mit Gewalt durchsetzen will, sie auflösen, hinterfragen, erneuern oder zusammenführen, ob er der Vernunft vertraut oder der Intuition, wahrhaftig sein möchte oder sich der Lüge hingeben, im Lichte wandeln oder durch die Finsternis irren, was immer er tut und wo immer er steht: Vor Gott kann keiner bestehn.

Es gibt und gab Milliarden und Abermilliarden von Menschen, und jeder für sich ist ein kleines Universum, und obs nun von einer Sonne beherrscht wird oder von einem schwarzen Loch, und selbst wenn man sie alle zu einem einzigen Großen Ganzen zusammenfügen möchte: Vor Gott kann es nicht bestehn.

Warum sollte ich den fürchten, der sich nicht in die Karten schauen lässt und alle Trümpfe in Händen hält? Der muss weder bluffen noch tricksen noch mit gezinkten Karten spielen, und egal, was immer ich im Ärmel hab, ich bin chancenlos, es reicht völlig, zur rechten Zeit zu passen. Und glaubt mir Freunde, alle werden passen und ihr Blatt hinwerfen, einer nach dem andern, ausnahmslos.

Kein Mensch kann vor Gott bestehn.

Sicher, ich kann das Wachkoma als höhere Erkenntnis einstufen und die Erblindung als erweiterte Sichtweise.

Genau das tut er nämlich, der aufgeklärte Mensch der Neuzeit. Er ist schließlich viel zu intelligent und zum Glück weit genug fortgeschritten in seiner Bewusstseinsbildung, um noch an derlei Ammenmärchen und Mummenschanz glauben zu müssen, wie er ihm vom Anachronismus der Religionen serviert wird aus dunklen und umnachteten Vorzeiten- zu Zwecken seiner Verdummung, Entmündigung und Manipulation, von den überflüssig gewordenen Religionen also, insbesondere der christlichen, die dem Menschen nur geschadet haben und von deren Geißel und Beschränkung sich zu befreien längst überfällig ist.

Allein dieser offenkundige und kurzsichtige Trugschluss offenbart seine anmaßende Hoffart: Nicht die Religionen sind es, die den Menschen geschadet haben, der Mensch ist es, der den Religionen geschadet hat und schadet, indem er ihre Lehren zu eigenen Zwecken missbraucht von der Machterhaltung bis zur egozentrischen Rechthaberei und das Heilige mit dem Blut seiner Verbrechen besudelt, das Glaubwürdige durch seine Heuchelei und Scheinheiligkeit unglaubwürdig macht und das Wahrhaftige durch seine Lüge zum Irrtum degradiert. Weil er eben nicht aus seiner Haut kann, der Mensch, auch der sogenannte religiöse nicht. So simpel ist das, und so peinlich. Aber ist denn der areligiöse um einen Deut besser? Die Geschichte beweist das Gegenteil.

Von den Gläubigen, die der nicht mehr gläubig zu sein Brauchende ohne Bedenken als geistig unterentwickelte Träumer und ewiggestrige Fantasten einstuft, die seit Urzeiten einem kollektiven Selbstbetrug aufsitzen und diesen verzweifelt in die Zukunft hinüberretten wollen und die ernst zu nehmen sich jedem intelligenten und (geistes)wissenschaftlich aufgeklärten Menschen verbietet -ist er großzügig und souverän genug, dann gönnt er ihnen diesen infantilen Selbstbetrug immerhin von Herzen, soviel „Toleranz“ darf man schon noch aufbringen- erwartet er auf der andern Seite, mit seiner geistigen Verengung und spirituellen Unzulänglichkeit unbedingt und vorbehaltlos ernst genommen zu werden, aus Gründen der Meinungsfreiheit versteht sich. Schließlich ist er der Vorreiter und Pionier, der diesen Schritt hin zu Befreiung des menschlichen Geistes getan hat, indem er ihn endlich als das erkennen konnte, was er nun mal ist: Ein Zufallsprodukt materieller Entfaltung mit der aus der Evolution entstandenen Begabung zu Abstraktion und Selbsterkenntnis- ohne weiteren Belang, ohne tiefere Absicht und ohne erkennbaren Sinn.

Mein lieber Mann, da hat es aber mächtig geknallt in der Birne des Sapiens. Nur ist das leider kein Urknall, sondern ein Supergau. Ein weiterer Schritt auf dem Wege kollektiver Verblödung in Richtung nichtssagender Banalität und Bedeutungslosigkeit, getarnt unter dem Mäntelchen gesteigerter Denkfähigkeit und vergrößerten Fassungsvermögens. So sehr vergrößert, dass es das Unbegreifliche kurzerhand für nichtexistent erklären muss, um seine klägliche Beschränktheit zum absoluten Non Plus Ultra menschlicher Entwicklung stilisieren und als solche proklamieren zu können. Cleveres Kerlchen, der Sapiens, immer wieder gelingt es ihm, seine bodenlose Dummheit als noch höhere Stufe seiner unvergleichlichen Klugheit zu verhökern, sich selbst damit zu täuschen und um seine höhere Berufung und Bestimmung zu bringen- oder sich davor zu drücken?...

Wer also bitte betrügt sich hier -mal wieder- hanebüchen um sich selber?

Klar doch, da sind die Schriftgelehrten und Pharisäer im alten Jerusalem, die nicht davor zurückschreckten, einen vollkommen Unschuldigen liquidieren zu lassen, um ihre buchstäbliche Gesetzestreue aufrecht erhalten zu können und ihre Unverzichtbarkeit als Gottes Stellvertreter auf Erden mal wieder ordentlich zu unterstreichen. Diese Bande gottloser Heuchler findest du immer und überall quer durch die (Kirchen) Geschichte, und zuallermeist ganz oben in den Hierarchien, aber auch bis hinunter zum Fußvolk. Das Beste ist immer noch und wie der Nazarener ausdrücklich und eindringlich lehrte , ihren „Sauerteig“ einfach links liegen zu lassen, diese „Schlangenbrut und Natterngezücht“ bekommt, was sie verdient, wie er wiederholt verdeutlichte mit ziemlich unverblümten Worten. Brav war der absolut nicht, der Jesus aus Nazareth.

Aber was haben denn auf der andern Seite die Humanisten zu bieten? Menschenrechte und Nächstenliebe um ihrer selbst Willen? Was soll der verlogene Humbug? Unter dem Diktat der Vergänglichkeit ohne Konsequenzen ist es allemal konsequenter und ehrlicher, ordentlich einen drauf zu machen und die verschwindend kurze Lebensfrist so intensiv wie möglich über die Runden zu bringen, ohne Rücksicht auf anderer Befindlichkeiten. Selbst die Goldene Regel wird über der allgemeingültigen Vergeblichkeit zum Notbehelf und zur Krücke, um nicht alles innerhalb kürzester Zeit im Chaos versinken zu lassen. Andrerseits, warum eigentlich nicht? Morgen ist eh alles vorbei. Folglich kann es auch nicht schaden, alles Unrecht in der Welt gewaltsam zu bekämpfen und mit allen verfügbaren Mitteln aus dem Weg zu räumen.

Existenzialisten und Rebellen gehören seit jeher zu Gottes Lieblingskindern. Die erfahren nicht nur seine Barmherzigkeit und Vergebung, und davon werden sie zwangsläufig nötig haben, eine ganze Menge unter Umständen, wenn sie mit ihrer Philosophie und ihrem Lebensmodell zufriedenstellend verkracht sind oder umgenietet wurden, er empfängt sie mit einem fröhlichen „Endlich ein Mann (eine Frau) nach meinem Herzen, und keiner dieser lauen, farblosen Dampfplauderer, die sich mit ihren schönen Worten gefallen und einen auf Wohltäter, Streiter für Gerechtigkeit und Gewissen der Menschheit machen, ohne sich dabei die Hände schmutzig machen zu wollen“.

Der Desperado reitet eben so die Milchstraße auf und ab, wovon er immer schon träumte und nachdem er zeitlebens schon zwischen den Dimensionen und Welten pendelte wie andere zwischen Zuhause und Arbeitsplatz. Die da an Jesus glaubten und alle Menschen guten Willens sind für immer von den Fesseln von Raum und Zeit befreit und platzen vor Glückseligkeit und unbeschreiblicher Freude, die jede menschliche Vorstellungskraft übersteigt und nichts mehr zu wünschen übrig lässt in alle Ewigkeit, weil sie wunschlos glücklich sind... während diejenigen, die sich dem Bösen hingegeben haben, also wirklich mit bewusster Willenskraft und in voller Entscheidungsfreiheit verschrieben, im schwarzen Loch des Universums zu Antimaterie zermalmt werden.

Und da führt ihn sein Ritt an der Erde vorbei, die bis dahin keine blaue Perle mehr ist, sondern ein brodelnder, feuerspeiender und von schwarzem Rauch umhüllter Ort des Schreckens ohne eine Spur von Leben, und aus dem Qualm und den Fluten der Gluten hört er die schreien, die glaubten, keinen Gott zu brauchen , es alleine auf die Reihe zu bringen und von daher nichts von ihm wissen wollten und denen das Leben schwer machten, die es besser wussten.

Und die in ihrer selbst zerstörten Materie gefangenen Seelen jammern: „Freund Desperado, hol uns da raus, wir kommen um vor Hitze und Durst.“ Und der Desperado meint schulterzuckend: „Tut mir leid, Leute, aber was der gute Abraham nicht vermochte, das kann der Desperado erst recht nicht, einmal davon abgesehen, dass es euch zeitlebens nicht geschert hat, dass die Hälfte der Menschheit verhungert und verdurstet, während ihr ein sattes Luxusleben geführt habt und euch einen Dreck um das geschert, was der Nazarener auch gelehrt und vorgelebt hat, der Buddha und all die andern Lichtgestalten, die der Himmel euch gesandt hat. Würd ich euch meine Fellflasche rüberwerfen, wär ihr Inhalt verpufft und verzischt, bevor er bei euch ankommt, ich kann leider nix für euch tun. Eines Tages wird euer Hochofen ausgebrannt sein und zur nackten, toten Steinkugel erstarrt, vielleicht kommt ihr dann ja los von ihr und findet doch noch ins Licht, will ich nicht ausschließen.“

Und weiter seines Weges reiten.
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