Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Gedichte-Forum > Gefühlte Momente und Emotionen

Gefühlte Momente und Emotionen Gedichte über Stimmungen und was euch innerlich bewegt.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 06.01.2018, 22:09   #1
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Standard o.T.

Enttäuschung

Ich höre Schritte hallen
aus einem leeren Gang.
Die Fenster stehn im Flure offen,
ich hör die Vöglein singen.
Wie ihre zarten Stimmchen,
mit meinem Trübsinn ringen.

Und sehe Blätter fallen
von eines Baumes Strang.
An dem das Glück leis angebunden
in hehres Pracht aufschwang.
Und hab mich überwunden,
erhob mich hin zum Glück.

Hoffnung

Doch fand ich nur verhangen
ein winzig kleines Stück
das über Träume talt,
als wäre Hoffen wie gefangen
und jede Hoffnung ungemalt.

Ich sehe auf zum Lichte
hindurch die Fenster durch.
Oh liebes Licht du möchtest
die meinen Hände halten
und deine Wärme sanft,
in meine Kühle falten.

Sehnsucht

Und wie der Schleier einer Narbe,
ziehst du stumm durch alle Welt
und Bilder werden Schnee
und jeder Schnee zu Farbe,
die aus dem Himmel fällt.

Mein Weinen fließt wie aus dem Meer,
und Tränen sind entlegen.
Ich höre auf mit reden
- das Glück wünsch ich mir sehr -
kein Wort will ich versprechen
und ein Entscheiden
erwächst aus Stummheit der
Entscheidungslosigkeit entgegen.
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 06.01.2018, 23:53   #2
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

Hallo gursky,

das Glück verfolgt Dich , doch Du bist schneller...
Warum ohne Titel und eine Aufteilung in drei Akten?
Es fallen viele Ichs und Unds auf.
Die Enttäuschung ist beschreibend geschrieben (höre/sehe), die Hoffnung ist passiv beschrieben, sie soll zum Fenster herreinscheinen, die Sehnsucht ist ein Erklärungsversuch der inneren Zerrissenheit.
Auffällig ist" hindurch die Fenster durch " und was sind "Schleier einer Narbe" ?
Allgemein frage ich mich : Was ist Deine Intention?
Es wirkt alles noch so...roh
Die kreativkreierten Bilder sind dennoch sprachlich ein Genuss,wie eine Zeitreise.
Die innere Zerrissenheit über kein gefühltes Glück, aber auch kleines Aufkeimen von Hoffnung ist spürbar in deinen Zeilen.
Der Abschluss klingt leider ein bisschen nach Binsenweisheit:
ein Entscheiden
erwächst aus Stummheit der
Entscheidungslosigkeit entgegen.
Hoffe, Du verstehst mich nicht falsch, mag Dein Gedicht, aber es ist noch was rauszuholen in einer vielleicht komprimierteren Form...

take care
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.01.2018, 02:23   #3
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Hallo pathos



Hättest du Vorschläge für eine mögliche Änderung bezüglich der Binsenweisheit?
Schleier einer Narbe, gibt Auskunft über ihre Äußerlichkeit und eine Narbe ist immer ein Rudiment einer Verletzung.

Also ließe sich mutmaßen, es müsse sich um jemand oder etwas handeln, das viele Narben hat und diese mit sich durch die Welt trägt.
Ein Mensch kann Narben haben aber auch eine Seele, vielleicht sogar eine individuelle Sehnsucht?

Die Absicht ist platt: Einen Leidensdruck binnen fünf Minuten zu minimieren.
Dann denke ich nicht nach und schreibe nur. Vielleicht deswegen der Eindruck eines Rohbaus.

Nochmal wegen der Binsen: jemand, der mit Rauchen aufhören will, wird nicht viel reden. Und jemand, der seine Entscheidung voller Stolz der Welt präsentiert, wird vermutlich versagen. Hier strebt die Sehnsucht mit voller Entschlossenheit das Glück an. Schluss mit Labertand, jetzt wird gehandelt!

Achja und Titel sind Arschlöcher!

Hab Dank


gursky

Geändert von Eisenvorhang (07.01.2018 um 03:59 Uhr)
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.01.2018, 06:38   #4
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

Ich pfusche nicht gerne in anderer Leute Werke rum, das ist nicht meine Aufgabe. Beschreibe lieber meinen Eindruck...
Aber ok, würde vielleicht einfach mal Entscheidungslosigkeit mit Unentschlossenheit austauschen, wirkt direkt ganz anders. Aber wie gesagt, die Wortwahl war Deine Gedankenentscheidung, ich möchte ihm nicht den zugesprochenen Sinn nehmen.

Wusste garnicht,daß Du Titel nicht so magst
Sie können aber auch Wegweiser, Verlockung oder Sinngebung sein.

take care
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 07.01.2018, 13:06   #5
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Dein Vorschlag ist nur ein anderes Wort für die fast selbe Bedeutung. Unentschlossenheit lässt sich besser lesen.
Ich finde es bedauerlich, dass man seine Gedichte nicht jederzeit editieren kann. :-(

Vorschläge sind immer gut, weil sie Perspektiven ändern können und dem Schreiber die Möglichkeit bieten, aufgrund der Kritik zu lernen.
Sowas ist grundsätzlich gut!

Titel sind nur dann mühselig, wenn sie nach dem Gedicht entstehen und nicht vorher. )

Hab großen Dank für Dein Feedback!
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.01.2018, 00:17   #6
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Korrigierte neue Fassung:

Enttäuschung

Ich höre Schritte hallen
aus einem leeren Gang.
Die Fenster stehn im Flure offen,
ich hör die Vöglein singen.
Wie ihre zarten Stimmchen,
mit meinem Trübsinn ringen.

Ich schaue hoch zum Himmel
und blick direkt ins Licht,
das aus dem Auge dieser Sonne
in meinem sanft erlischt.
Versuche es mit meinen Händen,
zu fassen und zu fangen.
Doch ich, bin leider hier,
in Dunkelheit verhangen.

Und ruhe reglos in dem Netze:
Der Flur, der Gang, die Sonne,
die Vöglein und das warme Licht,
das, durch ein Streuen seiner Farben,
in meiner Brust, das Herze bricht.

Und sehe Blätter fallen
von eines Baumes Strang.
An dem das Glück leis angebunden
in hehres Pracht aufschwang.
Und hab mich überwunden,
erhob mich hin zum Glück,

Hoffnung

doch fand ich nur verfangen
ein winzig kleines Stück,
das wie ein Fluß durch Träume talt,
als wäre Hoffen wie gefangen
und jede Hoffnung ungemalt.

Ich sehe auf zum Lichte
hindurch die Fenster durch.
Oh liebes Licht du möchtest
die meinen Hände halten
und deine Wärme warm,
in meine Kühle falten.

Erscheine! Sonne! Bitte strahle!
Und walle wie kein andrer
hindurch mein dunkles Königreich.
Erbitte ich die Pflege meiner Seelenschale!
Den Abend, wölbe auf, ganz engelsgleich!
Erstrahle hell - Glutrose!
Um meiner schwachen Hoffnung Blüte.

Sehnsucht

Und wie das Antlitz einer Narbe,
ziehst du stumm durch alle Welt
und Bilder werden Schnee
und jeder Schnee zu Farbe -
wie jede Farbe,
die aus dem Himmel fällt.

Mein Weinen fließt nun aus dem Meer,
und Tränen sind entlegen.
Ich höre auf zu reden,
will lieber kein Wort sprechen!
Und ein Entscheiden
wächst aus dem Stummen
der Entschlossenheit entgegen.
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 08.01.2018, 20:54   #7
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

Hallo gursky,

meine Augen tanzen immer noch Karussell vom vielen raufrunter scrollen
Immer noch kein Titel...
Die neu eingesetzten Strophen sind sehr erklärend geschrieben, auffällig sind Wortkreationen wie Seelenschale und Glutrose, las erst Gürtelrose ich Depp.
Das Ende klingt jetzt positver, kräftiger...Das eigentliche Motiv, der Wunsch nach Glück, hast Du weggelassen. Legitim und klingt besser.
Jedes Thema Enttäuschung, Hoffnung, Sehnsucht könnte auch für sich alleine stehen so gut sind sie geschrieben, wie eine Trilogie. Sie eröffnen einen tiefen Einblick in die Seele...
Würde ich meinem Namen alle Ehre erweisen, würde ich als Titel Seelen Trilogie oder Glückeswunsch wählen. Dir fällt bestimmt noch einer ein...

take care, pathos
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.01.2018, 00:12   #8
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Hallo pathos,

doch einen Titel hatte ich erwählt: "Die drei Phasen der Akzeptanz".

Werde in den kommenden Tagen die Informationen wohl noch komprimieren . Am Ende wird es sowieso wieder was Neues.

und "hindurch die Fenster durch" - habe ich richtig vermasselt...

Dank Dir für Dein erneutes Feedback!

Dir einen schönen Abend

gurksy
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.01.2018, 21:45   #9
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.983

Zitat:
Zitat von pathos79 Beitrag anzeigen
Aber ok, würde vielleicht einfach mal Entscheidungslosigkeit mit Unentschlossenheit austauschen, wirkt direkt ganz anders.
Grundsätzlich sind die meisten Wörter, die auf -heit, -keit und -ung enden, nicht sonderlich poetisch und sollten, falls möglich, nur sparsam verwendet werden. Wenn sie dazu noch eine Vorsilbe oder mehrere haben ("Unent-"), klingen sie immer sperrig ("Silbenschleppzug"). Ein erfahrener Poet wird deshalb nach dem möglichst kürzesten und griffigsten Wort suchen. Der deutsche Wortschatz ist so reich, dass sich meistens ein passender Begriff finden lässt, in diesem Fall könnte das z.B. "Zaudern", "Zögern", "Zwiespalt" oder "Zweifel" sein.

LG
Ilka
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.01.2018, 22:12   #10
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

Liebe Ilka,

Du hast vollkommen Recht, ich habe viel zu einfach gedacht. Vielen Dank für Deinen erfahrenen Rat...

take care
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.01.2018, 22:15   #11
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

@Ilka - okay, wusste ich nicht. Jetzt steht der Erfahrung ja nichts mehr im Wege!

Nun: in der Tat ließ ich mir diesmal etwas mehr Zeit um die Hoffnung komprimierter zu verdichten. Voila! pathos, diesmal brauchst Du nicht zu scrollen - die anderen zwei Teilen folgen separat :P.

Hoffnung

Ich konnte deinem Glück den Kuss entlocken.
Ein sanftes Lächeln einer schweren Zeit,
es fällt auf mich wie tausend weiße Flocken
vom Wind getragen zart unschuldig weit.

Und in der Nacht verweilt ein dunkles Schweigen,
das so süß duftend mich empfangen kann
ich tret heran und frag: "Willst dus mir zeigen?"
es sprach: "Die Dunkelheit geht Dich nichts an..."

Doch meine Neugier ist verdorben alt,
so wie ein Wald von tausend Jahren spricht.
Mir bleibt die Hoffnung ewig ungemalt,
die still verstummt und ruht und nie erlischt.
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.01.2018, 23:05   #12
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

Hallo gursky,

die Metamorphose schreitet voran...
Ich glaube, selbst auf dem Totenbett liegend, mit zittriger Hand, würdest Du noch was ändern wollen und dann merkst Du, daß Deine titellose Gedichttrilogie nie perfekt werden kann, weil sich das Leben und die Gedanken auch in einem stetigen Veränderungsprozess befinden...
Ich mag auch diese Version, weil sie mich zum Nachdenken bringt und dem Sinn hinterher zu steigen.
Auffällig sind die beiden tausender Vergleiche, der mit Neugier und dem Wald ist echt gut.
Ist das dunkle Schweigen die Melancholie oder doch die Enttäuschung? Es bricht auf jeden Fall sein Schweigen, indem es dem LI ( Frage wirkt kindlich durch das "dus") harsch antwortet.
Trotz der Neugier bleibt die Hoffnung eine weiße Leinwand, die vorhanden ist, aber ohne jegliche Farbe unbenutzt...

take care

Geändert von pathos79 (10.01.2018 um 00:47 Uhr)
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.01.2018, 23:15   #13
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.990

Die Poesie der Worte

Ich bin der Auffassung, dass kein Wort von Haus aus poetischer ist als ein anderes, weil doch erst Wortfolgen eine Poesie ergeben. Der gemeinsame Klang von verschiedenen Wörtern ist wie das Spiel von Töpfen und Deckelen, die vermehrt zusammen passen und manchmal sogar perfekt, worin dann das Gericht äh Gedicht perfekt gekocht wird und wunderbar schmeckt.

gursky, pathos, denkt an das Bier.
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 00:47   #14
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

@Miau
Ich trink nur Fiedler!

Sehnsucht

Es ist ein Wunsch, der allzu früh verschwindet,
in lauer Brise blüht schon ein Begehren,
in dem die Lust sich in Bedauern windet
und im Bedauern ewiges Verehren.

Wie teuer jene Zeiten mit Dir munden
unsäglich bitter ist mir ein Verlust,
wie kann ich dir die Nähe nur bekunden
ein raues Stechen zieht durch meine Brust.

Nun halt ich aus die lange lange Zeit,
in der sich alles irgendwie vollendet
du kommst schon bald zurück, ich bin bereit!
Worin sich alles hin zum Guten wendet.
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 01:05   #15
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

Das klingt richtig rund, in meinen Ohren...

Der Wind hat bei Dir immer eine tragende Rolle, hier doppelt:

im lauen Winde blüht schon ein Begehren,
in dem die Lust sich in Bedauern windet

Anstatt Winde vielleicht Hauch oder in lauer Brise?

Die Sehnsucht ist wirklich spürbar in Deinen Zeilen und wirkt auch positiv besetzt...

take care
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 01:06   #16
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

Für mich ein Bananenweizen
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 01:15   #17
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.983

Zitat:
Zitat von MiauKuh Beitrag anzeigen

Ich bin der Auffassung, dass kein Wort von Haus aus poetischer ist als ein anderes, weil doch erst Wortfolgen eine Poesie ergeben.
Bitte mit Beispielen nachweisen. Und möglichst dabei Stil, Semantik und Syntax auseinanderhalten, denn das sind unterschiedliche Felder.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 09:52   #18
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.990

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Bitte mit Beispielen nachweisen. Und möglichst dabei Stil, Semantik und Syntax auseinanderhalten, denn das sind unterschiedliche Felder.
Hi Ilka,

da es meine subjektive Auffassung ist, kann ich sie nicht beweisen. Höchstens kann ich probieren sie herzuleiten, zu zeigen wie ich zu ihr gelangt bin, das werde ich gerne machen.

Meine Auffassung: Kein Wort ist poetischer, als ein anderes und erst Wortfolgen ergeben eine Poesie.

Was ist "Poesie" für mich?
Sprache in Kunstform.
Es ist meiner Meinung nach keine Kunst ein einzelnes Wort zu erschaffen, das ist schöpferische Kreativität. Es ist für mich auch keine Kunst, ein einzelnes Wort niederzuschreiben. Deswegen ist ein Wort für mich also keine Kunst und damit auch keine Kunstform und damit auch keine Poesie.

Was ist "poetisch" für mich?
Eine kunstvolle Anordnung von Wörtern.
Was ist kunstvoll? Etwas das wirkt.
Kunst kennt kein Rezept, sie wirkt.
Ein Text wird erst poetisch für mich, wenn er durch seine kunstvolle Anordnung, seinen Klang, seine Bedeutung, letztlich die Gesamtanordnung all seiner Elemente, auf mich wirkt und mir ein Gefühl verpasst. In einem Roman können viele Worte herausgelassen oder ausgetauscht werden, ohne das sich jemand wirklich daran stört, in einem Gedicht aber ist das Kunstgebäude so fragil, dass das Ändern eines einzelnen Wortes das Gedicht kaputt macht und es von genial zu mittelmäßig werden kann.

Gedichte sind wie Bilder, eine Zusammensetzung vieler Elemente.
Ein einzelner Strich versaut mitunter das gesamte Bild.

Jedes kleinste Element eines Bildes verhält sich für mich wie ein einzelnes Wort in einem Gedicht. Deswegen ist für mich ein einzelnes Wort auch kein Gedicht, oder ist poetischer als ein andereres.

Blaue Bildpunkte sind nicht poetischer als rote und das Wort rot nicht poetischer als blau. Erst im Zusammenspiel mit anderen Worten, Wortgruppen, Versen, Strophen und letztlich dem gesamten Textgebilde sind manche Worte passender als andere, aber nicht poetischer.

Wenn jemand einen poetischen Ausdruck hat, lässt sich das nicht auf ein einzelnes Wort zurückführen, sondern Bedarf meiner Auffassung nach die Beurteilung mindestens einer Wortgruppe aus zwei Wörtern.

Ist es vielleicht jetzt klarer?

Die Worte:

beschissen, abgefuckter, Wichserein, Arschloch, Scheiß

sind allesamt für sich wirklich nicht schön, sondern vulgär.
Zusammen, mit einigen anderen, ergeben sie aber etwas, woran sich sehr viele Menschen erinnern und zwar als Gedicht, einem berühmten Sonett von "Robert Gernhardt" - "Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs".

Kein Wort davon einzeln wäre ein Gedicht, Poesie, oder poetisch, Worte sind nicht poetisch, sie sind nur Teile der Poesie und der Text ist poetisch, der Ausdruck poetisch, aber kein einzelnes Wort.

Ein Wort ordnet sich manchmal besser in seine Umgebung ein, als ein anderes, was einen poetischeren gesamt Klang erzeugt. Aber ein Ton ist nur ein Teil der Melodie und so ist das mit dem Wort und dem Text auch. Die Melodie ist die Kunst, nicht der Ton. Ordnet sich der Ton harmonisch in das Musikstück ein, wird es zur Kunst, wenn es "klingt" das ist dann klangvoll, poetisch in Bezug auf Musik.

Hach! Poetisch ist eine kunstvolle Zusammensetzung von Text. Das wollte ich nur sagen. Das Wort "Zusammen" impliziert hier, dass es mindestens zwei Worte geben muss, in meiner Auffassung. Die ich ja nun mal nicht beweisen, sondern nur irgendwie herleiten kann.

Liebe Grüße Ilka!
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 10:19   #19
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.983

Zitat:
Zitat von MiauKuh Beitrag anzeigen
Poetisch ist eine kunstvolle Zusammensetzung von Text.
Dabei kann Gekünsteltes und Verschwurbeltes herauskommen, dann bleibt es zwar immer noch ein Bemühen um Kunst, der Stil ist jedoch miserabel. Es geht bei einem Wort nicht um "Schönheit", sondern um das semantisch treffendere, griffigere Wort, in dem im besten Falle mehr als nur eine Botschaft steckt. Es ist eben ein stilistischer Unterschied, ob ich schreibe: "Der Wind blies so heftig, dass nacheinander mehrere Ziegel vom Dach fielen", oder: "Der Sturm deckte einen Teil des Daches ab".
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 10:42   #20
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Hi ihr zwei!

Schön, dass hier ein Austausch der Gedanken stattfindet. Ich lerne eine Menge!

Meine Haltung zu dem Thema ist da ganz einfach.
Jemand der gut schreiben kann, bewegt irgendwas in uns selbst.

Dabei ist es egal, ob er mit Kanak-Sprak über Plastiktüten oder Klappspaten schreibt.

Davon ab würde ich mich darüber freuen, wenn Miau oder Du liebe Ilka, Kritik zu meiner Überarbeitung aufbringen könntet ! *Hust
...will mich ja auch weiterentwickeln.

@pathos, die "Brise" habe ich gestern übernommen. :-)

gursky
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 11:40   #21
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.990

Gursky!

Entschuldige, das war frech von mir, ich hab mich neben dich als Hauptredner gestellt und mich mit Ilka unterhalten und dabei dich stehen lassen.
Verzeih, ich wollte aber ohnehin etwas zu deinen Versen schreiben.

Hier:

Hoffnung

Ich konnte deinem Glück den Kuss entlocken.
xXxXxXxXxXx
Ein sanftes Lächeln einer schweren Zeit,
xXxXxXxXxX
es fällt auf mich wie tausend weiße Flocken
xXxXxXxXxXx
vom Wind getragen zart unschuldig weit.
xXxXxXXxxX

Der letzte Vers hat bei zart unschuldig ein Betonungsproblem.
Es klingt für mich ausserdem wie zart "und" schuldig weit
(steht zwar nicht da, aber sprich es mal aus).
Ich frage mich hier, weil es sehr undeutlich ist,
ob es darum geht, dass das lyrische Ich ein Lächeln vom lyrischen Du bekommt.

---------

Und in der Nacht verweilt ein dunkles Schweigen,
xXxXxXxXxXx
das so süß duftend mich empfangen kann // vielleicht ein o bei "so" mehr? dann weiß man beim lesen, das es betont wird.
xXxXxXxXxX
ich tret heran und frag: "Willst dus mir zeigen?"
xXxXxXxXxXx
es sprach: "Die Dunkelheit geht Dich nichts an..."
xXxXxXxXxX

dein dunkles Schweigen? Schweigt sie, und schläft? Riecht gut?
Warum "sprach" es, es müsste "es spricht" "es sagt" heißen, oder?
Die Dunkelheit (wovon???) geht dich nichts an, von Blick des lyrischen Du auf das lyrische Ich?

--
Doch meine Neugier ist verdorben alt,
xXxXxXxXxX
so wie ein Wald von tausend Jahren spricht.
xXxXxXxXxX
Mir bleibt die Hoffnung ewig ungemalt,
xXxXxXxXxX
die still verstummt und ruht und nie erlischt.
xXxXxXxXxX

(ein sehr schöner Schluss, gursky)

die Neugier ist verdorben alt, ein interessante Metapher, wie ein Wald von tausend Jahren spricht,
er spricht vorallem Weise und erfahren, hat Kriege, Geburt und Tod und alles gesehen.
Bleibt hier die Hoffnung auf das Lächeln ewig weg?
Weil sie einfach nicht erfüllt wird? Nur Hoffnung bleibt, aber ewig nicht erfüllt wird?
Was für eine Pein.

Insgesamt ist mir das Gedicht am Rand des metaphorösen und ich kann dem nur schwer die eine Deutung geben,
die hier mir sagt, dass es um die Hoffnung auf ein Lächeln geht und diese Hoffnung aber ewig unterbleibt.
Ein Text, an dem ich mehr arbeiten müsste. Ein geschwungener Stil, ich finde aber du solltest nicht noch mehr
in diese Richtung abdriften, sonst wird es unverständlich, zumindest für mein geistige Leistungsfähigkeit, die
beim Interpretieren sowieso oft schief läuft.


Sehnsucht


Es ist ein Wunsch, der allzu früh verschwindet,
xXxXxXxXxXx
in lauer Brise blüht schon ein Begehren,
xXxXxXxXxXx
in dem die Lust sich in Bedauern windet
xXxXxXxXxXx
und im Bedauern ewiges Verehren.
xXxXxXxXxXx

// Sehr schön spielst du hier mit dem Klanglichen,
// verschwindet, windet, verehren (Klang ffffff wwww)
// oder Brise, blüht, Begehren, Bedauern, Bedauern (bbbb)
Lust windet sich in Bedauern, eine interessante Metapher,
du kennst das hier oder:
"Alle Lust will Ewigkeit, will tiefe, tiefe Ewigkeit" (F. Nietzsche)
Die Lust windet sich hier geschachtelt also in ein Verehren, was passt, also gelungen ist.
Lust verehrt, natürlich, sie begiehrt, steht sogar davor! Passt also auch. Ja ...
Sehnsucht? Lust, Verehrung, Begehrung, Bedauern (sie nicht zu bekommen) ja das passt.
--

Wie teuer jene Zeiten mit Dir munden
xXxXxXxXxXx
unsäglich bitter ist mir ein Verlust,
xXxXxXxXxX
wie kann ich dir die Nähe nur bekunden
xXxXxXxXxXx
ein raues Stechen zieht durch meine Brust.
xXxXxXxXxX
// Altertümlicher Alarm! "munden" Die Zeit mit dir schmeckt Bitter, kostet so viel, wie kann ich die Nähe nur "sagen" ?!?
wozu sagen? Die Nähe wird ersehnt, nicht bekundet? Der Verlust der Nähe muss furchtbar bitter sein und bekunden,
dass es ein raues Stechen durch die Brust zieht. Was auch immer ein "raues" Stechen ist.

----
Nun halt ich aus die lange lange Zeit, // schlechtes Deutsch. "nun halt ich aus die Zeit" ?!
xXxXxXxXxX
in der sich alles irgendwie vollendet
xXxXxXxXxXx
du kommst schon bald zurück, ich bin bereit!
xXxXxXxXxX
Worin sich alles hin zum Guten wendet.
xXxXxXxXxXx

Die erste Zeile braucht ein Komma (oder?) zwischen lange und lange. Sie enthält ausserdem eine unschöne Satzfehlstellung,
überleg dir ruhig ein besseres Bild.
"Alles irgendwie vollendet" ist ein Mischmasch an gar nichts, gibt mir nichts, irgendwie? Das klingt hilflos und nicht wie ein "Bild"
gib mir als Leser die Chance zu sehen, wie es sich vollendet, oder schreib nicht "alles irgendwie",
"Vollendung" ist der Inbegriff der Perfektion. Da gehört mehr davor, keinesfalls etwas nichts sagendes
"Alles irgendwie" trifft natürlich die "unbegreifliche" Form, allerdings: es verfehlt mir in der bildlichen Darstellung
mir etwas als Gefühl zu geben, es gleicht einer Lethargie das "Unfassbare" wenigstens zu charaktersieren.
"Du kommst schon bald zurück, ich bin bereit!" Das ist gut für die Sehnsucht! Es wird sie stillen.
Worin sich alles hin zum Guten wendet. "Worin?" Wieso worin? Wodurch, oder?
Hm Worin klingt aber schöner, ich verstehe warum du es einbaust. "Darin, dass das geschieht, wird sich alles hin zum Guten wenden."
Doch das geht auch

Hoffnung gefiel mir metaphhorisch gesehen besser, stand mehr am Rande zum Unverständnis, Sehnsucht hat eine
dritte Strophe die mir nicht zusagt, weil sie nur eines sagt: die Sehnsucht wird gestellt, alles wird gut.
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 11:50   #22
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.990

Zitat:
Zitat von Miaukuh
Poetisch ist eine kunstvolle Zusammensetzung von Text.
Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Dabei kann Gekünsteltes und Verschwurbeltes herauskommen, dann bleibt es zwar immer noch ein Bemühen um Kunst, der Stil ist jedoch miserabel. Es geht bei einem Wort nicht um "Schönheit", sondern um das semantisch treffendere, griffigere Wort, in dem im besten Falle mehr als nur eine Botschaft steckt. Es ist eben ein stilistischer Unterschied, ob ich schreibe: "Der Wind blies so heftig, dass nacheinander mehrere Ziegel vom Dach fielen", oder: "Der Sturm deckte einen Teil des Daches ab".
Ein interessanter Punkt, Ilka. Um Schönheit geht es nicht, ganz genau, sondern um das bessere, treffendere, griffigere Wort, dass die Wortgruppe/den Text zu mehr macht und den Stil ausarbeitet. Das meine ich damit, das ein einzelnes Wort nicht poetisch sein kann, sondern im Kontext betracht werden muss. Dann gibt es sehr wohl Wörter, die den Stil und damit das Kunstwerk insgesamt verbessern und zwar besser als andere.
Wenn wir uns jetzt darauf einigen können zu sagen, dass ein Wort das
"poetisch passendere" ist, dann gehe ich damit Konform. Deswegen ist es aber nicht poetischer.
Es ist ein Unterschied ob ein Wort "poetisch ist" oder ob es ein "poetisch gesehen" passenderes, geeigneteres ist.

Zitat:
Zitat von Ilka
[a)] "Der Wind blies so heftig, dass nacheinander mehrere Ziegel vom Dach fielen"
[...]
[b)] "Der Sturm deckte einen Teil des Daches ab"
a) ist für mich vom Stil her bildmalerisch, während b) eher rational auf mich wirkt. Poetisch sind beide Formulierungen für mich nicht und hier wird auch nicht nur ein Wort gegen ein anderes getauscht, sondern eine ganze Formulierung.

Ich sehe deinen Punkt aber ein und bin auch der Auffassung, dass sich manche Worte natürlich in ihrem Umfeld mehr eignen, als andere. Da finde ich dann auch zu deiner Meinung Ilka, dass ein Wort treffender sein kann, als ein anderes.

Danke für diese Diskussion.
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 12:10   #23
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.983

Zitat:
Zitat von MiauKuh Beitrag anzeigen
a) ist für mich vom Stil her bildmalerisch, während b) eher rational auf mich wirkt. Poetisch sind beide Formulierungen für mich nicht und hier wird auch nicht nur ein Wort gegen ein anderes getauscht, sondern eine ganze Formulierung.
Ich sehe das anders. Für mich ist ein Wort wie "Sturm", in dem der heftige Wind und was er anrichten kann, bereits enthalten ist, wesentlich poetischer und für den Leser rezeptionsfreundlicher als eine weitschweifige Umschreibung mit ausdrucksblassen Wörtern. Es ist zudem prägnanter, wirkt wesentlich bedrohlicher als ein heftiger Wind (wie heftig ist er denn wirklich?). Grundsätzlich sind ohnehin alle Wörter vorzuziehen, die ein Adjektiv unnötig machen, weil die charakteristische Eigenschaft bereits in dem Wort vorhanden ist.

Wenn du prüfen willst, was ich meine, empfehle ich dir, die Bibel zu lesen, die stilistisch unter Fachleuten als Meisterwerk gepriesen wird. Dort steht z.B.:

"Da nun Mose vom Berge Sinai ging, hatter er die zwei Tafeln des Zeugnisses in seiner Hand und wusste nicht, dass die Haupt seines Angesichts glänzte davon, dass er mit ihm geredet hatte. Und da Aaron und alle Kinder Israel sahen, dass die Haut seines Angesichts glänzte, fürchteten sie sich, zu ihm zu nahen. ..."

Außer einem Zahlwort wirst du hier kein Adjektiv finden, und die drei längsten Wörter sind "Angesicht", "Zeugnis" und "fürchten". Trotzdem steckt Wucht in dem Text.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 12:21   #24
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Hey Miau )

Wow - Du hast dir richtig Mühe gegeben! Ich bin sprachlos. Danke!
Keinen Grund Dich zu entschuldigen Miau. Alles gut!

Die Betonung der letzten Zeile in S1 lese ich wie folgt:

vom Wind getragen zart unschuldig weit.

Nur mit Anstrengung und einem unnatürlichen (für mich) Sprachgefühl, komme ich auf deine Betonung. Werde mir da aber nochmal Gedanken machen.

Zur Strophe zwei:

In der Nacht ist es dunkel - ja klar, macht Sinn - und still. Das Schweigen der Nacht, bezieht sich auf Nacht. Ich erkenne hier keinerlei Bezugsproblem.
Und ja, ein Schweigen. Die Nacht, die ein Schweigen innehält. Für mich absolut klar wie Wasser.

Hier geht es um Sehnsucht nach Stille und aus der Sehnsucht erwächst Neugier und dort wo Neugier ist, ist auch Hoffnung als Konsequenz.
(Denk mal drüber nach, ist meistens immer so)

Kommt man ihr aber zu Nahe, so, dass man sich in einem Schweigen vollkommen verliert oder verlieren will, kann es passieren, dass in der Dunkelheit die Orientierung versickert. Aber auch die Dunkelheit als Solche. Nämlich das Gefährliche.

Ich könnte wirklich viel dazu schreiben, bemerke aber, wenn ich darüber nachdenke, meine eigene Verstrahlung und Verträumtheit und verstehe gut, was du hier kritisierst. Aber im Vergleich zu Ilka, die sehr nüchtern schreibt, schreib ich eher vollkommen verstrahlt und verballert.

"Die Dunkelheit geht Dich nichts an" - dient hier als Warnung, sich nicht weiter im Sehnen zu verlieren, aber auch als Hoffnungsträger.


Zur Sehnsucht -

ja, da muss ich dir vollkommen recht geben! Die von Dir erwähnten Stellen benötigen eine Überarbeitung. Ich selbst bin der Meinung, man kann Nähe durch Taten und Worte bekunden. Nähe Kund geben... Ja, hm... Ist unglücklich formuliert. Da muss ich mit der Feile nochmal ran.
Liebe kann man allerdings bekunden.

Du schriebst, Miau:

"Alles irgendwie vollendet" ist ein Mischmasch an gar nichts, gibt mir nichts, irgendwie? Das klingt hilflos und nicht wie ein "Bild".

Genau das soll es Dir auch geben. Zurückgelassen mit wirklich nichts. Es wird schon irgendwie werden. Stell Dir vor, du lernst heute deine Traumfrau kennen. Ihr zwei genießt vier wundervolle Tage, wie sie besser nicht sein könnten.
Dann muss sie aber für zwei Monate weg. In allem Frust, Schmerz und Ärger über das Fernsein... Kann Dir nichts geben und nach der Akzeptanz des Schmerzes folgt im Grunde nur die Leere.
Und du sitzt vollkommen abgefuckt da und denkst Dir: "Wird schon irgendwie werden".

Achja: Kommas und Deutsch - ich hatte damals in Deutsch eine Vier!
Dafür konnte ich gut mit Zahlen. :P
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 12:49   #25
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.990

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Für mich ist ein Wort wie "Sturm", in dem der heftige Wind und was er anrichten kann, bereits enthalten ist, wesentlich poetischer und für den Leser rezeptionsfreundlicher als eine weitschweifige Umschreibung mit ausdrucksblassen Wörtern.
Mir gefiel die Darstellung des windes der derartig heftig bließ, dass [Vergleich!] die Ziegel von den Dächern gehoben wurden für völlig in Ordnung, je nachdem wie detailliert ich es beschreiben möchte, es ist eine Stilfrage, schätze ich, wie du ja auch der Meinung bist.
Ich fände "Der Sturm hob ein Teil des Daches ab" nicht präzise genug. Hier fehlen natürlich auch sämtliche Zusammenhänge. Ein Dach anheben kann auch Strohdach meinen was kurz hochklappt und wieder hinunterfällt. Während ein Ziegelsteinbesetztes Dach nicht hochklappt, sondern da natürlich die Steine herunterfliegen, deswegen ist das Beispiel wohl nicht das beste hierfür.

Was ich aber mittlerweile oftmals kritisch hinterfrage ist deine löbliche Ansicht hierzu:
Zitat:
Zitat von Ilka
"Grundsätzlich sind ohnehin alle Wörter vorzuziehen, die ein Adjektiv unnötig machen, weil die charakteristische Eigenschaft bereits in dem Wort vorhanden ist."
Was ist ein schweres Leid? Eine schöne Frau? Das ist alle Unkonkret.
Trotzdem sind aber Adjektive auch etwas gutes, sinnvoll und richtig eingesetzt, manchmal auch wirklich nötig und das Salz in der Suppe Nicht immer ist es schaffbar, einen poetisch schönen Text gleichwertig ohne Adjektive so zu formulieren, wie einen Text mit Adjektiven. Es kann und darf nicht die Aufgabe sein, Adjektive aus Sätzen zu verbannen, oder sich künstlichen Restriktionen zu unterlegen. Poesie hängt, je nach Gedicht, auch mit Sprachklang zusammen. Die Bibelsprache ist, soweit ich die wenigen Auszüge die ich in Erinnerung habe extrem bildlich und metaphorisch, vermutlich was das angeht auch das beste Werk überhaupt. Ich stelle mal noch "Also sprach Zarathustra" in diese Ecke, die ich persönlich als höchstmaß meiner bisher gelesenen Werke in sachen Metaphorik und Bildsprache verehre. Das heißt aber nicht, dass jeder Text so sein muss und das Credo einer jeden poetischen Ausdrucksweise lautet: so zu schreiben. Aber das hast du ja auch nicht gesagt, denn hier ging es um Stil, und es gibt viele Stile, sehr viele.

Ich verneige mich vor denjenigen Dichterpersonen, die mehrere Stile beherrschen und den geeignetsten Stil mitsamt der Form des Textes dem Inhalt angemessen auswählen, um so ein Kunstwerk zu erzeugen, das gleichermaßen von der Textkomposition und Textwirkung her wunderschön auf den Leser wirkt, als Ganzes.

Das ist verflucht schwer. Du bist hier die Romankatze, da kennst du dich sehr gut aus, ich glaube daher kommt auch die Sache mit den Adjektiven, für Gedichte sieht die Sache nicht so streng aus.

Gursky's Gedicht hat auch Adjektive, viele großartige Gedichte haben Adjektive und brauchen sie um so wirken zu können.

Volksgedicht (Urheber unbekannt)

"Dunkel wars der Mond schien helle,
schneebedeckt die grüne Flur,
als ein Auto blitzes schnelle
langsam um die Ecke fuhr."

Dieses völlig verrückte Gedicht braucht Adjektive um die unmöglichen Gegensätze herzuzaubern, es ist auch poetisch! Das klappt auch und bleibt im Kopf!

Morgenstern (Palmström in der Unmögliche Tatsache)
"Weil, so schließt er messerscharf,
nicht sein kann, was nicht darf."

Auch hier braucht es das Adjektiv, sonst ist diese wunderschöne Formulierung, die poetisch und in die Köpfe gewandert ist, sonst nicht funktioniert. Im Gedicht ist also, meine ich jetzt jedenfalls im Moment, das Adjektiv zum Verzaubern da.
Jaa, ich glaube Gedichte brauchen manche Adjektive, sie funktionieren oft über Sprachklang und Melodie. Während die Bibel über eine sprachliche Bildfolge Geschichten erzählt. Es sind zwei verschiedene Konzepte, parallel.

Stil! Du hast es viel früher erfasst als ich, Ilka. ;-)
Wenigstens konnte ich durch diesen Kommentar hier an dich mal meine eigenen Gedanken dazu ordnen.

Das hat mir eine Freude bereitet.
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 12:54   #26
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.983

Zitat:
Zitat von gursky Beitrag anzeigen
Genau das soll es Dir auch geben. Zurückgelassen mit wirklich nichts. Es wird schon irgendwie werden. Stell Dir vor, du lernst heute deine Traumfrau kennen. Ihr zwei genießt vier wundervolle Tage, wie sie besser nicht sein könnten.
Dann muss sie aber für zwei Monate weg. In allem Frust, Schmerz und Ärger über das Fernsein... Kann Dir nichts geben und nach der Akzeptanz des Schmerzes folgt im Grunde nur die Leere.
Und du sitzt vollkommen abgefuckt da und denkst Dir: "Wird schon irgendwie werden".
Miaukuh sieht das richtig: "Irgendwie" ist ein Wort, das in Lyrik und Prosa vermieden werden sollte. Es ist nicht nur wischiwaschi, sondern auch durch den ständigen Gebrauch in der Umgangssprache abgedroschen (schlimmer ist nur noch "nachvollziehen"). Ansonsten hat er ja schon alles zu den Strophen gesagt.

Hier noch ein Vorschlag von mir:

Ich harre aus in dieser langen Zeit,
in der sich alles wie ersehnt vollendet:
Ich weiß, du kommst zurück, ich bin bereit,
gewiss, dass alles sich zum Guten wendet.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 12:56   #27
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Den Vorschlag übernehme ich gerne! Danke Ilka.
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 13:05   #28
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.983

Zitat:
Zitat von MiauKuh Beitrag anzeigen
Das ist verflucht schwer. Du bist hier die Romankatze, da kennst du dich sehr gut aus, ich glaube daher kommt auch die Sache mit den Adjektiven, für Gedichte sieht die Sache nicht so streng aus.
Du irrst: Das gilt sowohl für Prosa als auch für Lyrik.

Hier ein Link zu Hermann Hesses "Stufen", immerhin 22 Verse. Schau dir an, wie sparsam der Dichter mit Adjektiven umgegangen ist.

Hierzu noch Mark Twains Grundregel:
https://www.goodreads.com/quotes/495...-it-no-i-don-t
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 13:17   #29
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.990

Zitat:
Zitat von Ilka-Maria Beitrag anzeigen
Du irrst: Das gilt sowohl für Prosa als auch für Lyrik.

Hier ein Link zu Hermann Hesses "Stufen", immerhin 22 Verse. Schau dir an, wie sparsam der Dichter mit Adjektiven umgegangen ist.

Hierzu noch Mark Twains Grundregel:
https://www.goodreads.com/quotes/495...-it-no-i-don-t
Ich habe zwar schon ein paar Dichter gelesen, aber (für mich witzig) sind Hesse und Twain auch diejenigen, von denen ich .... nichts in Erinnerung habe und auch gar nichts gelesen habe

Es gilt auch für Lyrik? Boah, ich werde in Ruhe in Nietzsches Werken rumwurschteln und nachsehen, wie er das handhabte. Ihn halte ich für ein Sprachgenie. Die Regeln anderer Leute sind deren Regeln ich bin wie ich, vielleicht erstelle ich auch eine Regel? Trotzdem ist es natürlich gut, zu wissen was sie damit erreichen wollten und auch erreicht haben. Deswegen ..
lese ich das jetzt mal nach und sage danke.
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 13:24   #30
männlich MiauKuh
 
Dabei seit: 08/2017
Beiträge: 1.990

Zitat:
Zitat von gursky Beitrag anzeigen
Du schriebst, Miau:

"Alles irgendwie vollendet" ist ein Mischmasch an gar nichts, gibt mir nichts, irgendwie? Das klingt hilflos und nicht wie ein "Bild".

Genau das soll es Dir auch geben. Zurückgelassen mit wirklich nichts. Es wird schon irgendwie werden. Stell Dir vor, du lernst heute deine Traumfrau kennen. Ihr zwei genießt vier wundervolle Tage, wie sie besser nicht sein könnten.
Dann muss sie aber für zwei Monate weg. In allem Frust, Schmerz und Ärger über das Fernsein... Kann Dir nichts geben und nach der Akzeptanz des Schmerzes folgt im Grunde nur die Leere.
Und du sitzt vollkommen abgefuckt da und denkst Dir: "Wird schon irgendwie werden".
Dann verstehe ich deine Intention, ich hatte eine sehr ähnliche Formulierung auch schon mal verwendet, vielleicht fehlt hier, dass es die innere Verzweiflung herausgestellt werden könnte? Das hilft nämlich, du schreibst ja:
"vollkommen abgefuckt" sitzt du da und denkst dir: "wir schon irgendwie werden" genau, dazu musst du aber vollkommen abgefuckt da sitzen, da mit hier die Hoffnung / Sehnsucht / Verzweiflung zusammenspielen.
Es fehlte also nur ein bisschen.

Setz dich noch mal ran, du kannst das gut! Trink nen Kaffee dazu.
Hier ist alles voller Nebel draußen.
Es wäre unmöglich auf nasskaltem Papier so einen Text zu schreiben...
wäre es das?

Liebe Grüße!
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 13:29   #31
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Ok, mache ich - ich werde auch auf wenig Adjektive achten!

Tagesherausforderung angenommen.
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 13:51   #32
weiblich Ilka-Maria
Forumsleitung
 
Benutzerbild von Ilka-Maria
 
Dabei seit: 07/2009
Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 22.983

Zitat:
Zitat von gursky Beitrag anzeigen
... ich werde auch auf wenig Adjektive achten!

...
Oder auf ungewöhnliche Kombinationen, dann können Adjektive attraktiv sein.

So finden wir z.B. bei Goethe "eine windschiefe Frage", bei Lichtenberg den "Genuss eines guten elastischen Dorfmädchens, bei Eichendorff "Brunnen, die verschlafen rauschen", bei Enzenzberger "das krausemause Durcheinander".
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 10.01.2018, 14:08   #33
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.401

Hoffnung, Stophe 1 wie folgt gelöst (Kommasetzung ist unklar):

Ich konnte deinem Glück den Kuss entlocken.
Ein sanftes Lächeln einer schweren Zeit,
es fällt auf mich wie puderloses Flocken
vom Wind getragen, fort, unendlich weit.


Sehnsucht nach Kritik klarer formuliert:

Es ist ein Wunsch, der allzu früh verschwindet,
in lauer Brise blüht schon ein Begehren,
in dem die Lust sich in Bedauern windet
und im Bedauern ewiges Verehren.

Erst warst du hier, jetzt bist du weg gegangen.
Welch Drang war es, der dich so rasch ereilte?
Wie schön die Zeit doch war, sie ist vergangen,
ein Kuss, ein Blick, der später uns entzweite.

Nun harr ich sehnend hier in dieser Zeit,
in der sich alles wie erhofft vollendet:
Ich weiß, du kommst zurück, ich bin bereit.
Gewiss, dass alles sich zum Guten wendet.
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für o.T.

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche



Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.