Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Gedichte-Forum > Philosophisches und Nachdenkliches

Philosophisches und Nachdenkliches Philosophische Gedichte und solche, die zum Nachdenken anregen sollen.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 24.12.2017, 14:04   #1
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.410

Standard Die Zeit

Prolog

Was ist die Zeit nur für ein Delinquent
verharrt sie sturr in Unausprechlichkeit
und tickt im Kreise, auf die selbe Weise,
als wär sie weise oder eloquent.

Das Einzige, das Zeit wohl streng verdrängt,
die Summation von jeder Gegenwart,
dem Jetzt, dem Heute, zeitlos ist die Meute,
und morgen schon ist sie verschenkt

und schläft in jenem zeitlichen Vergehen
als wäre die Vergangenheit Kaskaden,
als flöße sie von morgen hin zu gestern
und unten angekomm werd ich verstehen:

das Zeit sich wie ein Kreis durch Freundschaft schließt.

Vergangenheit

Die Vergangenheit ist ein-sich-ändern,
ein Bewegen, ein Mäandern.
Traumhaft spinnt sie die Geschichte,
Wort um Wort, Sekunde um Sekunde.
Jeden Tag macht sie zu Nichte,
Hält mich fest zu jeder Stunde -
Unvergänglich ist der Schmerzenshorte
Obdachlos sind ihre grauen Orte
im Gedenken eingeflochten.

Gegenwart

So atmet jeder Menschenzug
die frische Luft des Lebens.
Und jeder Augenblick ist Trug,
doch teil des Zeitenstrebens.

Und blühn auf einer immergrünen Wiese,
das Silberblatt und Nelkenwurz vertraut,
Auf das der Schönheit Reigen sich ergieße
und mir für den Moment alles erblaut.

Zukunft

Sie wächst und wabert scheinbar ohne Ziel
Sie ist der Ort an dem die Träume fruchten,
darüber nachzudenken bringt nicht viel.

Und wie getrieben ist mein altes Herz,
was wird die Zukunft bringen? Noch mehr Schmerz?
Doch ganz gewiss ist eine Sache:
Wo liegt der Unterschied von alle dem?
Vergangenheit ist diese Zukunft
und Zukunft ist Vergangenheit.

Wie ein jemand der für andre schreibt
dessen Zeilen nur für andre sind.
Und die Zukunft ist wie ein Verweilen
von Kinderzeilen, die für niemand sind.
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.12.2017, 02:28   #2
männlich Vers-Auen
 
Benutzerbild von Vers-Auen
 
Dabei seit: 12/2017
Ort: Jenseits von Eden
Beiträge: 1.140

Da fällt mir folgendes schöne Zeitgedicht von Erich Kästner ein.


Ich bin die Zeit

Mein Reich ist klein
und unbeschreibbar weit.
Ich bin die Zeit.
Ich bin die Zeit, die schleicht und eilt,
die Wunden schlägt und Wunden heilt.
Hab weder Herz noch Augenlicht.
Ich trenn die Gut' und Bösen nicht.
Ich hasse keinen, keiner tut mir leid.
Ich bin die Zeit.

Da ist nur eins, das sei euch anvertraut
Ihr seid zu laut.
Ich höre die Sekunden nicht,
Ich hör den Schritt der Stunden nicht.
Ich hör euch beten, fluchen schrein,
Ich höre Schüsse zwischendrein;
Ich hör nur Euch, nur Euch allein.
Gebt acht, ihr Menschen, was ich sagen will:
Ihr seid ein Stäubchen, seid endlich Still
Am Gewand der Zeit.

Laßt euren Streit
Klein wie ein Punkt ist der Planet,
Der sich samt euch im Weltall dreht.
Die oben pflegen nicht zu schreien
Und wollt ihr schon nicht weise sein,
Ihr könnt zumindest leise sein.
Schweigt vor dem Ticken der Unendlichkeit.
Hört auf die Zeit!
Vers-Auen ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 25.12.2017, 12:06   #3
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.410

Es ist wirklich schön! Danke dafür.

gursky
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.12.2017, 18:44   #4
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

hallo gursky,

die Zeit versuchen zu greifen ist wie rinnender Sand in der Hand.
Alles zusammengenommen kommt es immer auf die Perspektive an,
das Thema zu verpacken und zu verdichten ist absolut kein einfaches...Aber Du hast es echt gut hinbekommen. Auch sei Dir der Herz-Schmerz Reim verziehen
Viele Ansätze/Gedankengänge kann ich gutgefallend nachvollziehen, z.B. wie die der Kreisschliessenden Freundschaft oder "wie ein Verweilen von Kinderzeilen, die für niemand sind."
Welche Zeilen sind dann für einen selber?

Zum Verständnis der Zeit schrieb Goethe:

Niemand versteht zur rechten Zeit!
Wenn man zur rechten Zeit verstünde,
So wäre Wahrheit nah und breit
Und wäre lieblich und gelinde.

Wilhelm Busch:

So ist nun mal die Zeit allhie,
erst trägt sie dich, dann trägst du sie,
und wanns vorüber, weißt du nie.

Danke für deine Anregungen...

take care, pathos
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.12.2017, 19:26   #5
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.410

Hi Pathos,

vielen Dank für Deinen Kommentar und dem Hinterfragen.

Grundsätzlich ist es so, wenn ich schreibe, dass ich mir für meine Gedichte keine Zeit nehmen kann.
Ich bin getrieben und alles entsteht aus einem Fluss heraus.

Und ich stellte mir die Frage, für was man schreibt? Für Menschen und falls ja, warum? Für sich selbst? Falls ja, warum?

Ich glaube, und das ist ein sehr laienhafter Glaube, dass ein Gedicht nur dann gut ist, wenn es geschrieben und man zufrieden ist und es danach verbrennen kann.
Vielleicht eine Art intrinsische Lyrik - sobald man das Publikum sucht, verfällt dieser Wert.

Und schreibende Kinder besitzen etwas sehr Besonderes. Sie verstehen überhaupt nicht, was ein Publikum ist. Es ist einfach nicht wichtig.
Sind Kinder die besseren Lyriker?

Und was Zeit betrifft:

Über die Jahre fand ich für mich heraus: das Einzige was nach dem Tod folgt ist wieder eine Erinnerung. Und da alles Kreisläufen unterliegt, ist es quasi auch von Zeit losgelöst. Meinetwegen wird sie maßlos überschätzt.

Wie Goethe es schrieb:

"So wäre Wahrheit nah und breit
Und wäre lieblich und gelinde"

Er schreibt in der Wahrscheinlichkeitsform und mutmaßt ihr etwas Lieblichkeit an.
Welch ein damaliger Kulturoptimismus!
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.12.2017, 19:35   #6
männlich Heinz
 
Benutzerbild von Heinz
 
Dabei seit: 10/2006
Ort: Hilden, NRW
Beiträge: 5.417

Dem Beispiel von Vers-Auen folgend, hier ein kurzer Auszug (1. Strophe) des Schiller-Gedichts (Sprüche des Konfuzius):

"Dreifach ist der Schritt der Zeit:
Zögernd kommt die Zukunft hergezogen,
Pfeilschnell ist das Jetzt entflogen,
Ewig still steht die Vergangenheit."

Liebe Grüße,
Heinz
Heinz ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.12.2017, 21:07   #7
männlich pathos79
 
Benutzerbild von pathos79
 
Dabei seit: 03/2010
Ort: Sauerland
Alter: 40
Beiträge: 771

Hallo gursky,

ich denke, daß das Verständnis von Zeit im Laufe eines Lebens sich notgedrungen ändert. Sie ist wie ein Bach in dem wir unsere Füße baumeln lassen...
Die Intention beim Schreiben ist die visuelle Reflexion dieser Welt, wie Du sie erlebst. Zum Glück jeder anders und das macht die Vielfältigkeit und Konroversität aus.
Schreiben ist ein stetiger Begleiter, ein zweifelnder Freund, ein ambivalenter Spiegel, die Freude am Leben...
Lese gerne Deine Gedichte, weil sie trotz der getriebenen Zeit gut durchdacht sind.
pathos79 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.12.2017, 22:47   #8
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.410

Durchaus!

Und je älter man wird, desto schneller vergeht sie.

Mir gefällt das Gedicht - Die Brüder - von Ringelnatz sehr.

Der Weekend traf den Weekbeginn:
»Guten Morgen!«
»Guten Abend!«
Sie mochten sich anfangs nicht leiden,
Und immer hatte von beiden
Der eine ein unrasiertes Kinn.

Trotz dieser trennenden Kleinigkeit
Lernten sie doch dann sich leiden
Und gingen klug und bescheiden
Abwechselnd durch die Zeit.

Und gaben einander Kraft und Mut
Und schließlich waren die beiden
Nicht mehr zu unterscheiden.
Und so ist das gut.

gursky

@Heinz - auch ein Danke für Deinen Beitrag!
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 26.12.2017, 23:01   #9
weiblich Ex-fidem dare
 
Dabei seit: 12/2017
Beiträge: 7

Das sind starke vollumfängliche Gedanken zum Thema Zeit. Ich finde es gelungen, wie sich das lyrische Ego mit den einzelnen Ausläufern des Begriffs auseinandersetzt. Schön ist auch die Infragestellung von historischen Tatsachen, wenn sie uns als Mix aus subjektiver Wahrnehmung eines Momentes und nachträglicher Zeitkrümmung präsentiert wird.

Ich bleibe ohne Zitat, das Werk steht für sich.

Danke hierfür!
f.d.
Ex-fidem dare ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.12.2017, 00:19   #10
männlich Eisenvorhang
 
Benutzerbild von Eisenvorhang
 
Dabei seit: 04/2017
Beiträge: 2.410

Hallo fidem dare,

bist Du Kuratorin?

Ich danke Dir herzlich für Dein Feedback!

gursky
Eisenvorhang ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Die Zeit

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche


Ähnliche Themen
Thema Autor Forum Antworten Letzter Beitrag
Zeit Trembalo Tanka-, Haiku- & Senryu-Gedichte 2 06.05.2015 06:56
Zeit Wolfmozart Philosophisches und Nachdenkliches 3 12.04.2015 15:51
Zeit scylla Gefühlte Momente und Emotionen 1 25.08.2014 22:07
Du bist der Zeit zu jung, der Zeit zu fern. (20.04.2012) Sympoesie Zeitgeschehen und Gesellschaft 1 04.08.2013 23:07
Ich brauche es, von Zeit zu Zeit Ex-Erman Liebe, Romantik und Leidenschaft 0 16.01.2012 14:00


Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.