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Gefühlte Momente und Emotionen Gedichte über Stimmungen und was euch innerlich bewegt.

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Alt 02.10.2017, 21:55   #1
männlich Erich Kykal
 
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Dabei seit: 09/2011
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Beiträge: 876

Standard Schweig, um zu hören!

So ist das Leben: Lautes Lärmen an den Türen,
durch die das leise Unbekannte uns betritt.
Und das ist Glauben: Hoffen, dass woher sie führen,
ein Trost auf jeden wartet, welcher schweigend litt.

Und so sind Menschen: Ewig treibende Verstörte
im Überlauten, wo ihr Lebensgieren brüllt.
Nur der ist ganz bei sich, der auf die Stille hörte,
die sein Erleben reinigt und mit Kraft erfüllt.

Denn so ist Schweigen: Unser Ruhen in den Dingen,
die jenen Punkt umwachsen, der zuletzt verbleibt,
wenn dieser Erde großes, urbeseeltes Singen
das Sterbliche aus allen Lebenszielen treibt.
Erich Kykal ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.10.2017, 14:59   #2
männlich MiauKuh
 
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Beiträge: 1.980

Ach Erich,

manchmal glaube ich du schreibst deine Zeilen oftmals wie im Herbstnebel, wenn es halb schummerig und kaum hell ist – so dunkel kommen einige deiner Zeilen bei mir an.

In diesen Zeilen von dir spricht mich wieder der Gesang an, die Sprachmelodie, nur unglücklicher Weise, für mich, verstehe ich so manche Zeile nicht mehr:

"Und das ist Glauben: Hoffen, dass woher sie führen," (worauf bezieht sich 'sie'?)

Ja, ich stimme dir zu: zu Glauben heißt auch Hoffnung zu haben. Wobei, stell dir mal jemanden vor, der ernsthaft "glaubt". Und dieser jemand hat furchtbar gesündigt, er glaubt dann, er wird in der Hölle landen. Woher soll der Mensch dann noch Hoffnung haben? Schwierig. Aber ja, im Glauben liegt auch Hoffnung.

"Und so sind Menschen: Ewig treibende Verstörte
im Überlauten, wo ihr Lebensgieren brüllt."

Das lese ich so, dass Menschen allgemein aus diesen Zeilen als "krank" herauskommen. Der Menschen Lebensgieren brüllt im Überlauten. Ist das auch der Grund für das Überlaute?

"Nur der ist ganz bei sich, der auf die Stille hörte,
die sein Erleben reinigt und mit Kraft erfüllt."

Das klingt nach einer Art Meditation, in der man durch Stille zu sich selbst findet und nur dort mit sich selber und der Natur, dem Universum im Reinen ist, woraus man auch seine Kraft schöpft.

"Denn so ist Schweigen: Unser Ruhen in den Dingen,
die jenen Punkt umwachsen, der zuletzt verbleibt,
wenn dieser Erde großes, urbeseeltes Singen
das Sterbliche aus allen Lebenszielen treibt. "

Das urbeseelte Singen der Erde vertreibt das Sterbliche aus allen Lebenszielen. --> Würde das nicht heißen: Die Erde treibt dem Leben (alles was lebt, ist sterblich) sein Streben nach Nachkommenschaft (Lebensziel) aus und will damit, dass alles Leben auf der Erde stirbt?

Und genau um diesen Punkt, wenn das passiert, da soll das Lebende ruhen?
"Unser Ruhen in den Dingen,
die jenen Punkt umwachsen, der zuletzt verbleibt,"

Arrgh, für mich ist das ein schwieriges Denken und ich komme noch nicht so recht damit klar.

Du siehst, für mich war der Text schwer zugänglich und was er mir gesagt hat war, ein großer Fragezeichen haufen. Das wollte ich dich auch wissen lassen, denn nur zu hören, dass es dem Leser gefällt, hilft ja auch nicht. Sei es drum, allein sprachlich ist es ein Genuss, und ich wette: begreife ich es erstmal, ist es auch Inhaltsmäßig einer.

Liebe Grüße!
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.10.2017, 15:39   #3
männlich Erich Kykal
 
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Beiträge: 876

Hi MiauKuh!

"...hoffen dass woher sie: die Türen führen,".

Die erste Hälfte des Gedichts beschreibt das Streben und Suchen des Menschen nach Erfüllung und Sinn, und wie er sich dabei in lautem Trubel und Betäubung verliert: Unsere heutige Welt ist laut! Ständig von irgendwoher Motorenläum, Musik, Stimmen, Durchsagen, laufende Fernseher, Schienenlärm, usw... - einem Menschen aus früheren Zeiten würden wohl die Ohren abfallen!
Mit unserer Art, uns zu betäuben und "abzufeiern" tragen wir zu dem Krach bei (Open-air Konzerte, Disko, Nachtbars, Jahrmärkte, Feiern und Feste aller Art mit lautem Tamtam. Ja selbst, was viele von uns unter "Erholung" verstehen, ist verseucht mit Fiesta und Halligalli: Dauerbespaßung, bis der Arzt kommt!

Die zweite Hälfte konterkariert dies mit der vergleichsweisen Stille unbewohnter Natur, zB beim Wandern im Wald. In der heiligen Stille seines Domes bin ich einer Unsterblichkeit näher als je im Trubel neuzeitlicher Lebensfülle. Diese kontemplative Stille, wie sie auch in Meditation hilfreich ist, lässt einen die eigene Mitte wieder spüren, den innersten Kern finden, um den wir gebaut sind.
Wer diesen einmal gefunden hat, braucht das Gelärme der Menschenwelt nicht mehr, um sich von der eigenen Sterblkichkeit abzulenken ...

Vielen Dank für deinen ausführlichen Kommi!

LG, eKy
Erich Kykal ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.10.2017, 17:57   #4
männlich Sonnenwind
 
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Beiträge: 1.351

Spontan fällt mir dazu, wenn auch aus dem Zusammenhang gerissen, Folgendes ein:

"Eins muß er wieder können: fallen,
geduldig in der Schwere ruhn,
der sich vermaß, den Vögeln allen
im Fliegen es zuvorzutun."

"Du kommst und gehst. Die Türen fallen
viel sanfter zu, fast ohne Wehn.
Du bist der Leiseste von Allen,
die durch die leisen Häuser gehn."

Rilke

Weiß gar nicht, ob ich das so zitieren darf... Aber ist ja auch "Werbung".
Für Euch beide...

LG
Sonnenwind



P.S. Mir ist es wichtig, Ausgewogenheit zu finden, das richtige Maß. Nur "Stille" wäre mir zu viel. Nur "grell" zu wenig...
Sonnenwind ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.10.2017, 23:12   #5
männlich Erich Kykal
 
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Beiträge: 876

Hi Sonnenwind!

Vielen Dank für die "Werbung"! Obwohl der Vergleich mit diesen Zeilen Rilkes zu hoch gegriffen ist - jeder kann sehen, um wieviel genialer er es verbalisiert und bebildert! Zumindest im Vergleich mit meinen Zeilen ...

Das mit der Ausgeglichenheit kann ich nur unterschreiben. Deshalb erscheint mir unsere heutige Welt auch zu laut: Die Stille kommt zu kurz.

LG, eKy
Erich Kykal ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.10.2017, 10:24   #6
männlich klaatu
 
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Hi Erich,

ich bin selbst noch nicht ganz so alt und habe regelmäßig Umgang mit noch jüngeren. Deshalb kann ich dir verraten: Stille stirbt aus. Ich kenne viele junge Leute, die geradezu Angst vor Stille und Untätigkeit haben. Wenn man die für eine Stunde ohne Handy o.ä. in einen abgeschotteten Raum sperren würde, würden sie den Verstand verlieren. Darüber mache ich mir schon länger Gedanken, weil ich denke, dass das ganz gravierende Auswirkungen auf die Psyche hat, denn: Wer leitet einen, wenn man verlernt hat die innere Stimme zu hören?

LG
k
klaatu ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.10.2017, 10:39   #7
männlich MiauKuh
 
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Beiträge: 1.980

Zitat:
Zitat von klaatu Beitrag anzeigen
Wer leitet einen, wenn man verlernt hat die innere Stimme zu hören?
Der innere Instinkt, der einem das Gefühl gibt, hier stimmt etwas nicht und so begibt man sich (irgendwann, früher oder später) auf die Reise und findet ganz am Schluss: sich selber.

Daher auch der berühmte, jahrtausende! alte Spruch:
"Erkenne dich selbst, werde der du bist und dann begin zu philosophieren"

Das macht doch nur unsere Welt mit uns, die uns ablenkt, das kommt wieder anders, wir Menschen sind keine Maschinen und es widerstrebt uns, nicht menschlich zu sein.

Oder aber wir machen die Roboter zu unseren Nachkommen. Dann trennen wir organisches, von denkendem, wer weiß?
MiauKuh ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 05.10.2017, 17:53   #8
männlich Erich Kykal
 
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Ort: Österreich
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Beiträge: 876

Hi klaatu, MiauKuh!

Einem Buddhisten würde mein Gedicht gefallen, es läge quasi ganz auf seiner Linie. Meditation und Kontemplation, innere Stille und Selbstfindung.

Mir genügt schon die erhabene Stille des Waldes, seine natürliche Geräuschkulisse ist so unterschwellig und leise, dass sie die Stille eher bekräftigt denn stört: Das leise Rauschen der Wipfel, das Karren von Ästen, wenn Wind geht, Vogelstimmen, Spechtklopfen, Laubrascheln, Nadelknistern oder Totholzkknacken unter den Schritten, das Murmeln oder Plätschern eines kleinen Baches in der Senke ...

Und schon bin ich ganz bei mir.

LG, eKy
Erich Kykal ist offline   Mit Zitat antworten
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