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Alt 08.03.2014, 23:46   #1
weiblich Ilka-Maria
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Ort: Arrival City, auf der richtigen Seite des Mains
Beiträge: 23.003


Standard Wenn das Leben wiederkehrt ...

Ich ging nochmal raus.

Entgegen meiner Gewohnheit, während der dunklen Jahreszeit meine Wohnung nach achtzehn Uhr nicht mehr zu verlassen, drängte es mich nach einem Spaziergang. Also zog ich meinen Wollmantel an, steckte meine Brieftasche in die Innentasche, stülpte mir eine graue Strickmütze über die Haare und schnappte mir die Schlüssel.

Als ich meine Wohnungstür abschloss – zweimal Drehen des Türschlosses, dreimal Drehen des Querbalkens -, stieg mir im Treppenhaus der Duft von Gekochtem in die Nase. Ein köstlicher Duft, der aus der letzten Wohnung auf meiner Etage gekrochen kam und bereits den größten Teil des Treppenhauses durchzogen hatte. Dort hinten, in vier Zimmern auf etwa hundert Quadratmetern, lebte eine Familie aus Pakistan. Die erwachsene Tochter war entweder ausgezogen oder nach Pakistan zurückgeschickt worden, um zu heiraten. Das jüngere Kind, ein Sohn, war noch nicht so weit. Der Mann war selbständig, seiner Briefkastenaufschrift nach führte er einen Raumpflegeservice, der als „Die Putzteufel“ firmierte. Die Arbeit nahm ihn den ganzen Tag in Anspruch, so dass seine Frau die Hauptmahlzeit erst für den Abend zubereitete.

Ein paar ziemlich lange Sekunden spürte ich den Stich des Neides in meiner Brust. Mich erwartete niemand nach der Arbeit, niemand kochte für mich, niemand rührte weinvergnügt und Melodien summend in Töpfen, niemand wendete Köstlichkeiten in der Pfanne, die mir das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen, und niemand zündete Kerzen auf einem gedeckten Tisch an. In meiner Wohnung roch es lediglich nach den staubverhüllten und verdreckten Arbeitsklamotten, die ich von der Baustelle nach Hause brachte und eine Woche lang für den samstäglichen Waschgang sammelte. Es roch nach verschwitzter Bettwäsche, die zu spät gewechselt wurde, nach der Toilette, die zu spät geputzt wurde, und nach Müll, der zu spät entsorgt wurde.

All diese Gerüche hatten sich bei mir heimisch gemacht, seit sie nicht mehr da war.

Damals, als sie noch da war, roch die Wohnung frühlingsfrisch und sommerwarm, je nach Stimmung. Aber selbst bei trüber Stimmung war der Geruch nicht unangenehm, er war dann einfach nur schwer, wie der Dunst dampfender Nadelbäume nach einem Gewitter. Aber das waren keine Krisen, sondern nur atmosphärische Störungen.

Wir gingen oft aus, aber viel öfter blieben wir zu Hause und kochten gemeinsam. Das war immer ein großer Spaß, weil wir Rezepte aus Zeitschriften ausprobierten und dabei völlig neue Rezepte erfanden, die genauso druckreif gewesen wären. Das muss am Wein gelegen haben, den wir beim Küchen-Bossa-Nova runterspülten und der es uns unmöglich machte, übermütig-verliebt am Tisch zu sitzen und mit Messer und Gabel so zu fuchteln, dass wir des Suizidversuchs verdächtigt werden konnten. Bevor wir mit dem Abschmecken fertig waren – bei bereits gedecktem Tisch und flackerndem Kerzenlicht – kam nämlich die gewohnte Frage: „Willst du sofort essen und die nächste Flasche köpfen, oder gehen wir gleich ins Bett?“

Ich entschied mich ausnahmslos für das „oder“. Hinterher was das Essen kalt, aber das machte nichts, die Kalorien erfüllten auch kaltgegessen ihren Wiederaufbauzweck. Und die Kerzen waren erst zur Hälfte abgebrannt.

Erst zur Hälfte.

Wie ihr Leben. Das war auch erst bis zur Mitte abgebrannt – so weit ich das ohne Gottes Rechenbrett beurteilen kann. Teilte Gott sein Wissen mit uns, wären wir auf Schätzungen und Statistiken nicht mehr angewiesen, aber ich glaube fest, sie hätte noch gut zwanzig Jahre bei mir bleiben können.

Vor ungefähr sechs Monaten ließ ich sie beerdigen. Das war ein schwerer Gang.

Damals nahm ich dramatisch ab. Aber nach den ersten zwei schmerzhaften Monaten nahm ich ebenso dramatisch zu. Ich kochte mit niemandem mehr, sondern stopfte Fast Food in mich hinein.

Und da stand ich im Treppenhaus und roch den Duft von glücklichen Menschen. Glücklich sein … das wollte ich auch!

Da fiel mir Nadja ein. Nicht gerade mein Typ. Zu pummelig. Hübsch zwar und eine Seele von Mensch, aber ewig im Krieg mit Pickeln und Sommersprossen.

Ich schloss meine Wohnungstür auf, nahm nach einigem Zögern das Telefon in die Hand und wählte ihre Nummer. Keine Antwort.

Mißgestimmt zog ich meinen Mantel aus und warf ihn in den Flur.

Zwanzig Minuten später wählte ich wieder. Sie war da. Und verstand sofort.

Es ging mir richtig mies, mieser als vor einem halben Jahr und noch mieser als vor einer halben Stunde.

Dann holte ich sie ab. Zu einem Abendspaziergang.

8. März 2014
by Ilka-Maria
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2014, 13:10   #2
weiblich Schneehuhn
 
Dabei seit: 01/2014
Beiträge: 46


Standard wenn das Leben .......

Tiefgründiges Thema, hervorragender Stil ! Wusste gar nicht, dass Du auch gute Prosa schreiben kannst. Gratuliere. Gruss, sh
Schneehuhn ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 09.03.2014, 17:02   #3
Thing
R.I.P.
 
Benutzerbild von Thing
 
Dabei seit: 05/2010
Alter: 74
Beiträge: 35.150


Standard Hallo, Ilka-Maria -

Von gewohnter Qualität!
Außer einem unwichtigen Tippfehler stimmt wieder alles.
Einstieg, Aufbau, Steigerung, Gipfel, Ausklang.
Am eindrücklichsten haben mich die drei Sätze ab "Nur zur Hälfte" berührt.
Das ist große Kunst.


Herzlichen Gruß
von
Thing
Thing ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.03.2014, 21:53   #4
openminded
 
Benutzerbild von openminded
 
Dabei seit: 02/2014
Alter: 22
Beiträge: 180


sehr sehr schön geschrieben, berührt mich tief!
danke dafür.
openminded ist offline   Mit Zitat antworten
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