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Düstere Welten und Abgründiges Gedichte über düstere Welten, dunkle und abgründige Gedanken.

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Alt 10.09.2008, 11:18   #1
männlich Pianoman
 
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Dabei seit: 11/2005
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Alter: 40
Beiträge: 23

Standard Worte

Worte, das sind die Gedanken,
Nur mit Lippen formuliert,
Und sie kennen keine Schranken,
Sind mit Freiheit infiziert.

Worte lassen sich nicht zwingen,
Folgen niemals dem System,
Geist und Wille soll'n erklingen,
Meinung'n frei und unbequem.

Worte müssen diskutieren,
Unterscheiden gut und schlecht,
Woll'n die Dinge regulieren,
Geben Menschen Kraft und Recht.

Worte, das sind die Gedanken,
Einst aus einer Schnapsidee,
Nun ergriffen ohne Wanken,
Frei zu sein - juchee, juchee!
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Alt 10.09.2008, 15:25   #2
blaue_Raupe
 
Dabei seit: 08/2007
Beiträge: 82

Hallo Pianoman,


Worte als Teilteppich der Sprachen finde ich im Prinzip immer interessant, wenn ich den Begriff als nackten Titel auch wenig ansprechend finde. Bleibt aber immer noch und immer wieder die Frage, welchen Aspekten sich ein Text bedient, ob bestimmte bereits geäußerte Worte oder eben der Versuch, Wesensteile zu bebildern, die manche zumindest haben mögen. Deshalb hab ich letztlich auch dein Gedicht gelesen (trotz des Titels), und wo ich schon hier bin, lasse ich wiederum ein paar Worte zurück. Also …


Worte, das sind die Gedanken,
Nur mit Lippen formuliert,
Und sie kennen keine Schranken,
Sind mit Freiheit infiziert.
~
Was ich noch recht ansprechend finde, ist der gesetzte Kreuzreim im Sinne einer Ordnung, die durch Worte für einen Moment (Halbwertszeit verschieden) gegeben sein kann, im Sinne einer doppelten Klammer in jeder Strophe.
Inhaltlich sieht es allerdings weniger rosig für mich aus … zum einen liegt es daran, dass schon die erste Strophe insgesamt recht altbacken tönt im Zuge eines „Die Gedanken sind frei“, zumindest scheint an jenen Rumpf die ein oder andere Wortfunktion angeknüpft.
In V1 gibt es dann auch zwei Klammern, die sich mehrfach öffnen & schließen lassen. Laut einer sprachwissenschaftlichen Theorie von Whorf geht die Tendenz tatsächlich dahin, dass Sprache (mit der Unterkaste der Worte) die Gedanken beeinflussen anstatt umgekehrt.
Dort ist die Klammer aber noch nicht zu Ende, und der Einstieg scheint inhaltlich vielleicht schon zu sehr verknappt. Gedanken als bloße Klarheit sind wohl meist formulierbar, dennoch sind Worte wahrscheinlich trotzdem ein eher unzureichendes Abbild gemessen an den Grautönen und den weniger Klarheiten, die sich im Rahmen eines Gedankengangs fassen lassen. Auswirkungen mögen sie trotzdem haben, auch ungefasst, aber ich belasse es erstmal dabei, sonst geht das zu weit.
In V2 sehe ich den Stolperstein in beiden teilen. „Formuliert“ muss ja nichts gesprochen-Aktives bedeuten, und nicht alles, was ich formuliere, äußere ich direkt mittels Aussprache. Auch formulieren nicht bloß Lippen, wenn man vom „Formulieren“ als tatsächlich Aussprechen ausgeht (was klemmt). Ohne Lungen, Zunge, Gaumen, Kehldeckel, Stimmlippen etc. stünde man ganz schön dumm da, es käme nämlich nichts und die formulierten Gedanken wären weiter da, wo sie hinaus sollen, im Kopf.
„Worte kennen keine Schranken“ … Worte schon, und jeder, der sich ihrer bedient in der Regel auch. Worte als Aktivum einzusetzen, ist recht unglücklich. Auch ein einzelnes Wort hat seine Grenzen, und eine sinnlose Lautfolge ist noch kein Wort.
Die „Freiheit“, von der du im letzten Vers schreibst, mag was tragen. Zumindest gibt es Freiheit in Worten, die durch erweiterte Lexikalisierung von Neologismen, aber wie ich denke vielmehr durch den Umstand bestimmt ist, dass sich Gegebenheiten ändern und es demzufolge auch Neues durch Worte abzubilden gibt.


Worte lassen sich nicht zwingen,
Folgen niemals dem System,
Geist und Wille soll'n erklingen,
Meinung'n frei und unbequem.
~
Hier geht die Vermutung eher dahin, dass die großen Begriffe den Inhalt ins Wanken bringen. „System“ meint in deiner Intention vielleicht das System, dass in des Sprechers politischen Umfeld vorherrscht, und schon da ist die Aussage problematisch, zumal Propaganda und Demagogie ja nicht von einem anderen Stern stammen, sondern ebenfalls, wie mögliche konträre Gedanken, aus dem Wortschatz einer bestimmten Sprache gewonnen werden.
„System“ im nicht-politischen Sinne fördert auch wenig Stimmiges zutage, weil eine sinntragende Äußerung nun mal auf gewissen Konventionen beruht, und so folgen Worte in z.B. einem Text durchaus einem System.
Meinung’n (sorry, aber … äußerst schmerzhafte Elision zugunsten der Form). Ich geh mal davon aus, dass in V3 & 4 steckt, worum es dir in der Quintessenz ging: das bewusste & selbstbestimmte Benutzen der sprachlichen Mittel für jeden, der lebt. Dazu trägt der Text aber noch so viele Hinkefüße mit dem Teufel im Detail, dass eher Fragen und Gedanken wie die bisherigen ausgelöst werden.


Worte müssen diskutieren,
Unterscheiden gut und schlecht,
Woll'n die Dinge regulieren,
Geben Menschen Kraft und Recht.
~
„Worte müssen diskutieren“? Gut, da weißt du selbst, worauf ich wieder hinauswill.
„Unterscheiden gut und schlecht“? „Ein Ding von einem anderen“ könnte ich noch stützen, aber das?
Eine Regulation ist der ansprechendste Gedanke der ganzen Geschichte, im Sinne vom Bilden einer Ordnung durch Worte, um das Lebensumfeld zeitweise „fassbar“ zu machen. Dann wird es aber äußerst knapp mit deinem „folgen niemals dem System“, denn darin wirfst du eine potentielle Ordnung gleich wieder selbst über den Haufen.


Worte, das sind die Gedanken,
Einst aus einer Schnapsidee,
Nun ergriffen ohne Wanken,
Frei zu sein - juchee, juchee!
~
Einst aus einer Schnapsidee? Worauf auch immer es anspielt … dass die Entwicklung von Kommunikationsmöglichkeiten und Sprachen im Rahmen einer lustigen Saufrunde unter urigen Vorfahren gestartet sein sollte, als der erste den zweiten nach 2,8 Promill angrunzte, halte ich für einen Scherz. Keinen so guten, wie ich zugeben muss.

Nein, kein „juchee, juchee“, derzeit noch das Gegenteil. Ich teile, dass das Betrachten von Sprache als Instrument (manchmal auch Ausbruchs-Intrument) gut und beleuchtenswert ist, aber die Fallstricke in der Umsetzung sind zu groß für mich, das Ganze wenig stimmig umgesetzt und wohl vordergründig der fast schon verschwiemelten Aufladung eines Sprachgebrauchs geschuldet, fern ab dessen, was er leisten könnte. Das Gefühl allein reicht mir hier nicht.
Aber vielleicht ist der ein- oder andere Gedanke dabei, der was sagt.


Nichts für ungut,
r~~~
blaue_Raupe ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 12.09.2008, 15:18   #3
männlich Pianoman
 
Benutzerbild von Pianoman
 
Dabei seit: 11/2005
Ort: Berlin
Alter: 40
Beiträge: 23

Danke für die sehr ausführliche Kritik.
Pianoman ist offline   Mit Zitat antworten
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