Poetry.de - das Gedichte-Forum
 kostenlos registrieren Forum durchsuchen Letzte Beiträge

Zurück   Poetry.de > Geschichten und sonstiges Textwerk > Geschichten, Märchen und Legenden

Geschichten, Märchen und Legenden Geschichten aller Art, Märchen, Legenden, Dramen, Krimis, usw.

Antwort
 
Themen-Optionen Thema durchsuchen
Alt 16.10.2005, 23:12   #1
akechi90
 
Dabei seit: 08/2005
Beiträge: 33


Standard Der Skandalreporter

Der Skandalreporter

Mein Name ist John Blake. Ich war früher Skandalreporter und wohne zurzeit in einer Luxusappartementwohnung inmitten von London.
Ich war ein Mann, der über Karrieren entscheiden konnte, wenn das Budget stimmte. Schon viele Menschen, die meisten davon waren angesehene Politiker, wurden durch meine Artikel schlecht hingestellt.
Ich schrieb Artikel für die “Sun“, eine Zeitung, die es verstand, Leute mit an den Haaren herbeigezogenen “Tatsachenberichten” zu ruinieren. Mein Gehalt entsprach damals ungefähr 20.000£ im Monat.
Doch eines Tages ereignete sich etwas, was mich zum ersten Mal darüber nachdenken ließ, ob das, was ich machte, wirklich richtig war:
Es war Sonntag Nachmittag. Ich saß gerade an einem Artikel über einen Spendenskandal, als plötzlich mein Telefon klingelte. Langsam hob ich den Hörer ab und nahm ihn ans Ohr. Ich erwartete eigentlich um diese Zeit keine Anrufe, da meine Auftraggeber mich normalerweise nur unter der Woche anriefen, und das abends.
Die langsame männlich Stimme, die ich am Telefon hörte, war tief, rau und beängstigend: “Kommen Sie in zwei Stunden zum Bootssteg 35. Ich würde dort gerne etwas mit Ihnen besprechen, Mister Blake. Kommen Sie bitte pünktlich.”
Bevor ich fragen konnte, worum es bei dem Treffen gehen sollte, hatte der mysteriöse Anrufer auch schon wieder aufgelegt.
Dennoch dachte ich an einen lukrativen Auftrag und fuhr mit meinem blauen Mini-Van zu Bootssteg 35.
Ich kam zwar pünktlich an, doch statt eines Auftraggebers lachte mir auf dem Bootssteg eine antike schwarze Schreibmaschine ins Gesicht, in der ein Blatt steckte.
Ich näherte mich langsam der Schreibmaschine mit dem Blatt und las das, was auf diesem Blatt stand:
“Sie sind schuld an der Misere, die sich zurzeit hier in London ereignet.”
Ich war nicht schockiert, schon eher wütend über die Notiz. Mir kam es so vor als wollte jemand meine wertvolle Zeit verschwenden, indem er mich an einen Bootssteg bestellte, wo nichts weiter als ein Blatt Papier und eine alte Schreibmaschine auf mich warteten.
Mich packte die Wut. Ich zog die Notiz mit einem starken Ruck aus der Schreibmaschine, zerriss das Blatt und warf dieses in das ohnehin schon sehr verschmutzte Wasser der Themse.
Just in diesem Moment, in dem ich den wegtreibenden Fetzen nachsah, hörte ich hinter mir harte Schritte. Noch bevor ich mich umdrehen konnte, wurde mir ein süßlich riechendes Tuch vor Mund und Nase gehalten. Ich kannte diesen Duft noch von meinem früheren Chemieunterricht: Chloroform!
Schon verlor ich das Bewusstsein…

Ich wachte auf. Der Boden unter mir schwankte. Ich versuchte aufzustehen, was sich allerdings als unmöglich erwies, da ich gefesselt worden war. Es war mir gerade noch möglich, aufzusitzen.
Nun musste ich feststellen, dass ich von Wasser umgeben war, nur der Boden unter mir war trocken - Ich befand mich in einem Ruderboot mitten auf der Themse.
Vor mir saß eine Person, die mir den Rücken zugewandt hatte. Sie war schwarz gekleidet und hatte kurze braune Haare.
Ich rief der Person zu: “Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?”
Die Person - an der Stimme erkannte ich, dass es der Anrufer war - gab mir keine Antwort auf meine Fragen, sondern stellte selbst eine Frage: “Kennen Sie einen gewissen Bill Grant? Sie haben doch über ihn in der “Sun” einen Artikel verfasst.”
Ich überlegte und antwortete, immer noch benebelt von dem Chloroform, mit dem man mich betäubt hatte: “Ich kenne diese Person nicht. Sollte ich tatsächlich einen Artikel über diese Person verfasst haben, ist der Name sicherlich zwischen den vielen anderen aus meinem Gedächtnis verschwunden.”
“Dann werde ich Ihrem Gedächtnis mal auf die Sprünge helfen”, sagte der hochgewachsene Mann und drehte sich um. Als ich nun in das Gesicht dieses Mannes sah, traf mich der Schlag: Der Mann, der mich entführt hatte, war Bill Grant!
Mir fiel alles wieder ein: Bill Grant hat für die letzte Stadtbürgermeisterwahl kandidiert und hatte, sollte er zum Stadtbürgermeister gewählt werden, vor, die Themse zu säubern. Ich bekam den Auftrag, einen Artikel gegen Grant zu schreiben, in dem es darum ging, dass Grant seine Projekte nicht durchsetzen könne. Grants Beliebtheit sank rapide und sein Konkurrent Alan White gewann die Wahl letztendlich.
Aber wollte sich Grant nun wirklich an mir dafür rächen, dass er es nicht zum Bürgermeister geschafft hatte?
“Erinnern Sie sich wieder an mich?”, fragte Grant mit ernstem Blick, “Jetzt wissen Sie, warum ich die Schreibmaschine mit der Notiz an die Themse gestellt habe: Ich hatte damals vor, die Themse zu säubern. Sehen Sie sich doch mal den Fluss an, dass war dringend nötig!
Alan White, dieser Nichtsnutz von Bürgermeister, hatte jedoch vor, mit den Steuergeldern der Bürger das Rathaus streichen zu lassen. Ich hätte ja die Wahl gewonnen, wären Sie nur nicht mit Ihrem verdammten Artikel gewesen.
Mit der Nachricht in der Schreibmaschine wollte ich Sie zum Nachdenken anregen, aber was haben Sie gemacht? Sie haben einfach die Nachricht ignoriert und in die ohnehin schon verschmutzte Themse geworfen. Da Sie auf die Nachricht nicht reagierten, musste ich gröbere Methoden anwenden. Also habe ich Sie mit dem Chloroform betäubt und bin mit Ihnen im Boot auf die Themse herausgefahren, um Ihnen zu zeigen, was Sie mit Ihren Berichten angerichtet haben.
Ich werde Sie jetzt gehen lassen. Machen Sie das, was Sie jetzt für richtig halten!”
Das Boot legte wieder an Bootssteg 35 an. Grant löste mich von meinen Fesseln und ließ mich frei.
Daraufhin legte das Boot wieder ab, mit diesem auch Bill Grant.
Die ganzen Wochen versuchte ich dennoch weiter an den Skandalartikeln zu schreiben, doch es funktionierte nicht mehr. Ich konnte einfach nicht mehr solche Artikel schreiben, weiß Gott warum. Es lag wahrscheinlich an meinem schlechten Gewissen Bill Grant gegenüber.
Wochen später kündigte ich meine Anstellung bei der “Sun” und wechselte zur “Times”, einer seriösen Zeitung.
Ich tat das nicht für Bill Grant oder für mich, sondern für London.



Ich habe diese Geschichte aus Wut über den Skandaljournalismus geschrieben, der andere Personen schlecht hinstellt und für nicht bewiesene Sachen verantwortlich macht.
akechi90 ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 17.10.2005, 11:20   #2
männlich frank
 
Benutzerbild von frank
 
Dabei seit: 10/2005
Alter: 60
Beiträge: 47


schöne geschichte. von 20.000 pfund gehalt träumen aber die meisten reporter nur...
frank ist offline   Mit Zitat antworten
Antwort

Lesezeichen für Der Skandalreporter

Themen-Optionen Thema durchsuchen
Thema durchsuchen:

Erweiterte Suche



Sämtliche Gedichte, Geschichten und alle sonstigen Artikel unterliegen dem deutschen Urheberrecht.
Das von den Autoren konkludent eingeräumte Recht zur Veröffentlichung ist Poetry.de vorbehalten.
Veröffentlichungen jedweder Art bedürfen stets einer Genehmigung durch die jeweiligen Autoren.