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Alt 04.11.2017, 20:50   #1
weiblich DieSilbermöwe
 
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Standard Brigitte - Matze, das Waisenkind, 2.Kapitel

Februar 1962

Wieder nichts. Oder besser gesagt: Wieder viel, viel zu viel Blut, um zu glauben, es könnte sich um irgend etwas anderes als den ganz normalen monatlichen Vorgang handeln, verbunden mit einem Ziehen im Unterleib, mal mehr, mal weniger, nichts Besonderes und doch etwas, das Brigitte Kander jeden Monat mehr seelische als körperliche Schmerzen bereitete. Andere Frauen wünschten sich ein Kind und bekamen dann auch eines. Brigitte wünschte sich ein Kind und bekam keines. Seit nunmehr drei Jahren war es jeden Monat dasselbe: Warten, Hoffen, Enttäuschung. Sie sah im Badezimmer in den Spiegel: Ihr kleines, ovales Gesicht, das von blonden kurzen Haaren umrahmt wurde, sah unglaublich traurig aus.
"Jetzt fang bloß nicht an zu heulen!" sagte sie halblaut zu ihrem Spiegelbild, aber es nutzte nichts. Die blauen Augen füllten sich mit Tränen und obwohl sie es eigentlich gar nicht wollte, schluchzte sie laut auf. Warum war das Leben so ungerecht? Sie konnten einem Kind doch viel bieten: ein schönes Zuhause, in dem es sich wohlfühlen würde und genug Geld, um es zu versorgen. Herbert sorgte, seitdem sie verheiratet waren, jeden Monat für ein gesichertes Einkommen, das für sie beide reichte und auch reichen würde, wenn sie zu dritt waren. Ihr Mann arbeitete als Maurer und hatte es im letzten Jahr bis zum Polier geschafft. Er war stolz darauf, der Ernährer zu sein und wollte nicht, dass auch Brigitte arbeitete.
"Meine Frau hat es nicht nötig, arbeiten zu gehen", hatte er einmal einem gemeinsamen Freund erklärt, dessen Frau es sich in den Kopf gesetzt hatte, arbeiten zu wollen.
"Ich verdiene genug und es wäre sowieso Unsinn. Schließlich arbeiten wir mit Hochdruck an etwas viel Wichtigerem", hatte er dann augenzwinkernd hinzugefügt. Brigitte hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Sie wollte sich sowieso voll und ganz einem Kind widmen, wenn es erst einmal da wäre und verspürte gar keinen großen Drang danach, unbedingt arbeiten zu wollen. Und sie konnten sich auch allein von Herberts Gehalt einiges leisten. Im Wohnzimmer stand ein Fernseher und Herbert fuhr im eigenen Auto zur Arbeit. Aber was waren alle diese weltlichen Güter gegen das Glück, ein eigenes Kind zu haben?

Sie hatte sich gerade das Gesicht gewaschen und war dabei, neues Make-Up aufzulegen, als es an der Haustür klingelte. Das würde ihre Freundin Ulla sein, sie hatten sich für den Nachmittag verabredet, um ins Café zu gehen. Brigitte öffnete die Tür, während sie in Gedanken versuchte, irgendeine Ausrede zu erfinden, um nicht mitgehen zu müssen. Doch gegen Ulla kam sie wie immer nicht an. Ihre quirlige Freundin stand mit einem Lächeln auf den Lippen und in bester Laune vor ihr.
"Komm, wir gehen ins Café Schickers", schlug sie vor, "ich habe es mal geschafft, pünktlich um vier Feierabend zu machen, das müssen wir ausnutzen", und ehe Brigitte sich versah, waren sie dorthin unterwegs, wobei Ulla die ganze Zeit unentwegt plapperte. Erst als sie im Café ihre Plätze eingenommen hatten, schien Ulla sich zu erinnern, dass vielleicht auch Brigitte etwas zu sagen hatte.
"Was gibt es denn bei dir Neues?"
Brigitte lächelte traurig. "Leider gar nichts. Ich habe heute meine Periode bekommen. Und ich dachte, diesmal hätte es endlich geklappt."
"Oh", sagte Ulla, etwas lahm, wie Brigitte fand. Aber für Ulla ging ihre Arbeit über alles; für sie wäre eine Schwangerschaft eine mittlere Katastrophe gewesen, obwohl sie auch schon seit zwei Jahren verheiratet war.
Die Tür des Cafés öffnete sich und eine junge Frau schob einen Kinderwagen ins Café. Brigitte gab der Anblick einen Stich.
"Wie lange versucht ihr es denn jetzt schon?" fragte Ulla.
"Seit 3 Jahren."
Brigitte sah in ihre Kaffeetasse, um die junge Mutter mit dem Kinderwagen, die am Tisch gegenüber Platz genommen hatte, nicht ansehen zu müssen.
"Dann stimmt doch etwas nicht", sagte Ulla. "Vielleicht kann Herbert keine Kinder zeugen.'
"Quatsch!" Aber in dem Moment, als sie es sagte, kamen ihr schon Zweifel. Wenn es nun wirklich so war?

- Fortsetzung folgt -
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Alt 05.11.2017, 16:51   #2
weiblich Damaris
 
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Liebe Silbermöwe

Eine schöne und wichtige Geschichte, glaubwürdig erzählt.
Sie erinnert mich an die Zeit, als ich jeden Monat auf eine zweite Schwangerschaft hoffte und enttäuscht wurde, danke, dass Du das Thema aufgegriffen hast.

Zitat:
"Meine Frau hat es nicht nötig, arbeiten zu gehen", hatte er einmal einem gemeinsamen Freund erklärt, dessen Frau es sich in den Kopf gesetzt hatte, arbeiten zu wollen.
"Ich verdiene genug und es wäre sowieso Unsinn. Schließlich arbeiten wir mit Hochdruck an etwas viel Wichtigerem", hatte er dann augenzwinkernd hinzugefügt. Brigitte hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Sie wollte sich sowieso voll und ganz einem Kind widmen, wenn es erst einmal da wäre und verspürte gar keinen großen Drang danach, unbedingt arbeiten zu wollen.
Hier würde ich wie folgt kürzen:

"Meine Frau hat das nicht nötig", hatte er einmal einem gemeinsamen Freund erklärt, dessen Frau es sich in den Kopf gesetzt hatte, arbeiten zu wollen.
"Ich verdiene genug und es wäre sowieso Unsinn. Schließlich arbeiten wir mit Hochdruck an etwas viel Wichtigerem", hatte er dann augenzwinkernd hinzugefügt. Brigitte hatte nichts dagegen einzuwenden gehabt. Sie wollte sich sowieso voll und ganz einem Kind widmen.


Noch ein Kritikpunkt: Du verwendest wiederholt das Verb sagen, wenn möglich schaffe ich Abwechslung durch andere Verben, wie sprechen, rufen, tönen, flüstern, behaupten usw.

Sehr gerne gelesen, nochmals Dankeschön und liebe Grüße
Damaris
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Alt 05.11.2017, 17:19   #3
weiblich Ilka-Maria
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Adjektive prüfen und streichen oder durch bessere ersetzen!

Näheres dazu in der Interessengemeinschaft.
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Alt 06.11.2017, 07:45   #4
weiblich DieSilbermöwe
 
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Liebe Damaris,

danke für deinen Kommentar ! Freut mich, dass die Geschichte glaubwürdig rüber kommt. Allerdings soll sie nicht für sich stehen (obwohl es mich freut, dass man sie auch so lesen kann), sondern ist der zweite Teil einer Geschichte über ein Waisenkind (siehe "Matzes Mutter" unter "Rollenspiele und Bühnenstücke und" Matze, das Waisenkind, Kapitel 1) hier unter "Geschichten, Märchen und Legenden") in den 60ern und 70er Jahren. Sie spielt also nicht in unserer Zeit und ich muss die einfachsten Dinge recherchieren: Gab es zu der Zeit schon Fernsehen, Telefon, konnte sich jeder ein Auto leisten etc. Auch deswegen hatte ich das mit der Frau, die arbeiten gehen will, so betont, dann das war damals keine Selbstverständlichkeit. Trotzdem ist dein Vorschlag: "Meine Frau hat das nicht nötig" eigentlich besser, weil sich dann nichts wiederholt.

Zu "sagen": ich habe jetzt nachgeschaut, dreimal habe ich es hier verwendet, zweimal kann man nichts anderes einsetzen, weil es neutral klingen soll, das ist rufen, flüstern etc. nicht. Beim dritten Mal hätte ich es praktisch ganz weglassen können, weil klar sein sollte, wer gerade spricht.

Ich weiß noch nicht, ob ich jeden einzelnen Teil einstellen werde, könnte unter Umständen etwas umfangreich und hier im Forum für die Leser deswegen zu anstrengend werden. Wahrscheinlich liest auch der eifrigste Leser nicht 100 Teile und die Geschichte soll über mehrere Jahre gehen. Vielleicht mache ich es so, dass ich, nachdem der Anfang steht, einzelne Kapitel einstelle, mit denen der Leser dann auch so etwas anfangen kann (wie du auch hier in der Geschichte eine Thematik gefunden hast, die dich anspricht, was diese Idee, die ich schon vor dem Entstehen des 1. Kapitels hatte, verstärkt).

Liebe Ilka-Maria,

vielen Dank für deine ausführliche Kritik in der Interessengemeinschaft. Ich antworte dir dann dort.

Liebe Grüße an euch beide
DieSilbermöwe
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Alt 16.11.2017, 20:24   #5
wolfgang
 
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Hallo Silbermöwe,

das Thema hat mich jetzt eher abgeschreckt, ich sag mal: zu frauenspezifisch.

Mir fiel aber auf, dass oft von Geld die Rede ist und am Schluss fällt auf den Mann ein Verdacht. Ja, das kann auch Männer interessieren.

Ich bin offen: hätte noch mehr über Periode und Blutung usw. im Text gestanden, hätte ich mich ausgeklingt.

Nicht eingeschnappt sein!

Wolfgang
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Alt 16.11.2017, 21:13   #6
weiblich DieSilbermöwe
 
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Hallo wolfgang,

ich bin nie eingeschnappt, wenn jemand Rückmeldungen zu meinen Geschichten gibt .

Es ist interessant, wie es auf dich gewirkt hat.

LG DieSilbermöwe
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Alt 17.11.2017, 07:38   #7
weiblich DieSilbermöwe
 
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Hallo wolfgang,

ich wollte gestern noch ausführlicher auf deinen Eindruck antworten, kam aber nicht mehr dazu.

Die Beschäftigung mit der Periode lasse ich normalerweise auch eher unter den Tisch fallen, so erwähnenswert finde ich dieses Geschehen jetzt selbst nicht. Für diesen Text war es aber mE notwendig, darauf einzugehen, denn Brigitte und Herbert sollen ja später ein Kind adoptieren, weil sie selbst keine Kinder bekommen können, wie sich herausstellt. Dass das eigene Kinderkriegen nicht klappt, wird Brigitte jeden Monat schmerzlich bewusst. Frauenspezifusch kann das schon sein.

Danke für deinen Kommentar!

LG DieSilbermöwe
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Alt 25.11.2017, 00:50   #8
weiblich Letreo71
 
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Liebe Silbermöwe,

ich habe deine Geschichte sehr gern gelesen. Aus der Sicht einer Frau muss ich "sagen",
dass ich sie sehr realistisch finde. Bei mir hat es 4 Jahre gedauert, bis ich endlich schwanger wurde
und zum Glück wurde ich es auch. Ich kann mich noch gut erinnern, wie schrecklich das jeden Monat war...

Lieben Gruß

Letreo

Du schreibst immer besser.
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Alt 25.11.2017, 14:38   #9
weiblich DieSilbermöwe
 
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Liebe Letreo,

dass du den Text realistisch findest, freut mich außerordentlich, denn hier konnte ich nicht auf eigene Erfahrungen zurückgreifen, wie ich es manchmal noch mache. Ich hatte Glück, bei mir hat sich der Kinderwunsch schnell erfüllt. Dein Kommentar zeigt mir, dass ich mich aber in den gegenteiligen Fall gut einfühlen konnte.

Zitat:
Du schreibst immer besser
ganz herzlichen Dank für das Kompliment! Ich hatte/habe eine gute "Lehrerin" (Ilka-Maria), von der ich bei der letzten Fortsetzungsgeschichte sehr viel gelernt habe - durch ihre Kommentare und in unserem Workshop "Kreatives Schreiben". Außerdem habe ich mich mit Büchern zum Thema Technik des Schreibens befasst. Es ist wirklich toll, wieviel man daraus mitnehmen kann.

Insgesamt macht mir das jetzt Mut, an der Geschichte doch wieder weiter zu arbeiten.

LG DieSilbermöwe
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Alt 25.11.2017, 23:17   #10
weiblich Letreo71
 
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Liebe Silbermöwe,

es freut mich, wenn ich dich ermutigen konnte. Ich finde es sehr lobenswert, dass du es erwähnst,
dass Ilka dich gut unterstützt hat.

Lieben Gruß
Letreo
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Alt 26.11.2017, 13:23   #11
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Liebe Letreo,

dein Kommentar gestern hat mich tatsächlich so inspiriert, dass ich mich hingesetzt und in einem Rutsch die nächste Fortsetzung geschrieben habe, hier ist sie:

http://www.poetry.de/showthread.php?t=77739

Ich habe übrigens gesehen, dass du nun auch im Workshop bist, freut mich sehr!

Zitat:
Ich finde es sehr lobenswert, dass du es erwähnst,
dass Ilka dich gut unterstützt hat.
Ich habe aus ihren konstruktiven Kritiken sehr viel mitgenommen. Wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen und nicht schmollt, wenn der Kritiker etwas schlecht findet, sondern sich überlegt, wo es hakt, kann man nur davon profitieren. (Was natürlich für alle Kritiken, nicht nur die von jemand Bestimmtem, gilt.)

Leider kann ich selbst (noch) nicht besonders ausgefeilte Kritiken in dem Sinne schreiben. Das muss man wohl auch lernen.

LG DieSilbermöwe

Geändert von DieSilbermöwe (26.11.2017 um 14:24 Uhr) Grund: Ergänzung
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Alt 26.11.2017, 16:04   #12
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
... wenn der Kritiker etwas schlecht findet, ...
Grundsätzlich ist das Geschriebene nie "schlecht". Ein Autor hat eine Idee oder eine Erfahrung, die er verarbeiten möchte, woraus das Bedürfnis entsteht, es aufzuschreiben. Für ihn selbst ist das in jedem Fall produktiv, kreativ und psychologisch wertvoll.

Wenn er jedoch will, dass seine Geschichte gelesen wird, muss er die Erwartungen des Lesers berücksichtigen. Dieser will in erster Linie mit einer spannenden, wenn möglich auch ungewöhnlichen Handlung unterhalten werden. Beim Erreichen dieses Zieles machen die meisten Anfänger Fehler.

Es fängt damit an, im ersten Absatz das Interesse des Lesers zu wecken, ihn gewissermaßen in die Geschichte mitzunehmen. Gelingt dies nicht, wird er nicht weiterlesen.

Jede Geschichte braucht einen Konflikt, um den herum sich ein Spannungsbogen aufbauen lässt. Der Autor braucht also einen Protagonisten, der den Konflikt lösen muss, und einen Antagonisten, der ihn daran hindern will (der Antagonist muss nicht zwangsläufig ein Mensch sein, wie wir aus Stephen Kings Roman "Cujo" wissen).

Die Hauptfiguren sollten möglichst früh in der Geschichte erscheinen und klar benannt und charakterisiert werden (es müssen aber nicht alle Eigenschaften auf einmal dargestellt werden, schon gar nicht als Aufzählung, sondern immer an eine jeweilige Handlung geknüpft).

Der Protagonist darf es bei der Lösung seiner Aufgabe nicht zu leicht haben, er muss - wie der Leser der Geschichte - Blut und Wasser schwitzen.

Der Protagonist darf Helfer haben, die ihm aber stets neben- bzw. untergeordnet bleiben müssen. Sie müssen nicht unbedingt gutartig veranlagt sein oder ihm gar aus der Patsche helfen (der Held einer Geschichte muss seine Probleme immer selbst lösen, die "reitende Kavallerie" ist absolut verpönt!), es kann ihnen vielmehr auch völlig gleichgültig sein, ob der Protagonist ihren Rat befolgt. Oft ist der "Helfer" auch ein "Warner" ("Wächter der Schwelle"), der dem Helden die möglichen Konsequenzen aufzeigt, wenn dieser sich für oder gegen einen Weg ohne Rückfahrkarte entscheiden muss.

Die meisten Geschichten sind so aufgebaut, das lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Antigone hätte nicht sterben müssen, wenn sie sich der Hybris des Tyrannen Kreon unterworfen hätte, statt die Gebote der Götter zu befolgen. Trotzdem ist Kreon der Verlierer in diesem Konflikt.
Ilka-Maria ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 27.11.2017, 07:38   #13
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Zitat:
Die Hauptfiguren sollten möglichst früh in der Geschichte erscheinen und klar benannt und charakterisiert werden (es müssen aber nicht alle Eigenschaften auf einmal dargestellt werden, schon gar nicht als Aufzählung, sondern immer an eine jeweilige Handlung geknüpft).
Deswegen habe ich den Prolog (eigentlich sind es ja zwei) über die Schwangerschaft von Matzes Mutter und wie sie ihn im Waisenhaus abgeben muss, vorangestellt. Er soll ja die Hauptperson sein, aber, um zu erzählen, wie es kommt, dass er bei Brigitte und Herbert aufwächst, muss auch die Adoptions(vor-)Geschichte erzählt werden, in der er erstmal gar nicht vorkommt. Ich habe früher nie verstanden, warum Autoren (meist auch noch) lange Prologe ihren Geschichten voranstellen, jetzt weiß ich warum. Das ist schon eine knifflige Angelegenheit. Ich selbst kann es als Leser z. B. gar nicht leiden, wenn ich mich auf den ersten Seiten eingelesen, die Figuren kennengelernt habe und dann aus der Geschichte wieder herausgeworfen werde, weil dann erst die eigentliche Geschichte beginnt. Bei Prologen von ein bis zwei Seiten ist das für mich noch okay. Wenn aber seitenlang erzählt wird und es ist z. B. ein Zeitsprung und ich muss nach dem Lesen der Vorgeschichte nochmal von vorne mit einer eigentlich ganz anderen Handlung und völlig anderen Figuren anfangen, werfe ich das Buch in die Ecke.
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Alt 27.11.2017, 08:45   #14
weiblich Ilka-Maria
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Zitat:
Zitat von DieSilbermöwe Beitrag anzeigen
Bei Prologen von ein bis zwei Seiten ist das für mich noch okay. Wenn aber seitenlang erzählt wird und es ist z. B. ein Zeitsprung und ich muss nach dem Lesen der Vorgeschichte nochmal von vorne mit einer eigentlich ganz anderen Handlung und völlig anderen Figuren anfangen, werfe ich das Buch in die Ecke.
Das ist verständlich, da verginge wohl jedem Leser die Lust an dem Buch. Auf lange Prologe kann der Autor in den meisten Fällen gut verzichten. Es genügt, das Wesentlich anzudeuten und dann Stück für Stück beim Erzählen zu entfalten.

Ein Beispiel, was ich meine (und das ist nich fiktiv, sondern hat sich im Kern wirlich so zugetragen):

1. Version
Eine junge Frau kann aufgrund ihrer Lebensumstände ihr Kind nicht behalten. Es wächst als Adoptivsohn bei einer anderen Familie auf in der Meinung, es handele sich um seine leiblichen Eltern. Als Erwachsener lernt er im Beruf eine ältere Frau kennen, mit der er sich ungewöhnlich gut versteht. Sie wird so etwas wie seine Vertraute, und allmählich offenbaren sie sich ihre geheimsten Gedanken. Dabei ergeben sich Details, die den Verdacht der Frau wecken. Sie geht der Sache nach und begreift, dass der junge Mann ihr Sohn ist, den sie einst weggeben musste.

2. Version
Ein junger Mann lernt im Beruf eine ältere Frau kennen, mit der er sich ausnehmend gut versteht. Beide stellen so etwas wie eine Seelenverwandtschaft fest. In der Firma schüttelt man über das Verhältnis den Kopf, weil die Kollegen "mehr" darin sehen. Auch seine Eltern stellen sich dagegen, weil sie Sorge haben, die ältere Frau könne sich mit bestimmten Absichten an ihren Sohn heranmachen. Es entsteht ein Konflikt, und beim Versuch, ihn zu lösen, taucht der junge Mann in seine Vergangenheit ein. Jetzt stellt er Ungereimtheiten fest, die ihm vorher nicht aufgefallen waren. Er vertraut sie der älteren Freundin an, und Stück für Stück kommen sie der Tatsache auf die Spur, dass sie die echte Mutter ist.

Wie du selber bei diesen kurzen Inhaltsangaben erkennen wirst, ist die erste lineare Erzählung todlangweilig. Außerdem ahnt der Leser früh, wohin die Reise geht, so dass kein Spannungsbogen entstehen kann.

In der zweiten Version weiß der Leser zunächst nicht, dass der junge Mann ein Adoptivkind ist. Das muss er als Erwachsener erst herausfinden, denn die Familie hält über diese Tatsache dicht. Die Adoptiveltern sind in Sorge, dass ihnen der Sohn entgleitet, dass er einen Fehler macht und sein Leben ruiniert etc. Die ältere Frau ist somit der Katalysator der Geschichte, denn sie liefert dem jungen Mann ungeahnt Informationen, die ihn stutzig machen und veranlassen, in die Vergangenheit einzutauchen und Nachforschungen anzustellen. Der Leser weiß noch nicht genau, was er herausfinden wird, sondern spekuliert sich alles Mögliche zurecht. Die Wahrheit beginnt er erst zu ahnen, wenn der junge Mann die Gewissheit hat, dass er adoptiert wurde.

Mit anderen Worten: Es ist immer spannender, sofort mitten in die Geschichte einzutauchen.

Ich nehme an, dass du einen so populären Film wie "Jurassic Park" gesehen hast. Wie beginnt er? Eine riesige Kiste wird angeliefert. Die Fracht ist hochgefährlich, wie man an den bewaffneten Männern sieht, die sie umringen. Beim Entladen gibt es eine Unachtsamtkeit, und einer der Männer wird von etwas Unbekanntem (man sieht nur einmal kurz dessen Augen) in die Kiste hineingezogen und getötet.

Auch dabei handelt es sich um einen (kurzen!) Prolog, aber er erzählt keine Vorgeschichte, sondern setzt mitten in der Geschichte an. Erst später erfährt der Zuschauer von der Insel, auf der ein verrückter Milliadär eine urzeitliche Welt entstehen ließ und wie er dabei vorgegangen ist.
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Alt 27.11.2017, 18:51   #15
wolfgang
 
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Hallo Silbermöwe,

natürlich kann die Beschreibung einer Periode wichtig sein. Die Frage ist dann nur, wer das lesen soll. Du hast überwiegend von Autorinnen einen Kommentar bekommen, das ist doch bezeichnend.

Manchmal muss man sich entscheiden, für wen man schreibt. Man kann nicht immer Geschichten für alle erzählen.

Bis dann!

Wolfgang
wolfgang ist offline   Mit Zitat antworten
Alt 04.12.2017, 08:08   #16
weiblich DieSilbermöwe
 
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Hallo Ilka,

späte Antwort, aber es beschäftigt mich gerade:

Zitat:
Wie du selber bei diesen kurzen Inhaltsangaben erkennen wirst, ist die erste lineare Erzählung todlangweilig. Außerdem ahnt der Leser früh, wohin die Reise geht, so dass kein Spannungsbogen entstehen kann
Ich hatte mir auch überlegt, mitten in die Geschichte einzusteigen. Das scheint mir aber zu schwierig, weil dann zuviele Rückblenden erforderlich wären (was ich als Leser hasse). Der eigentliche Stiefvater-Stiefsohn-Konflikt wird hier aber auch noch gar nicht angedeutet. Vielleicht steige ich nach der Adoptionsvorgeschichte direkt darin ein. Bis jetzt habe ich mich bewusst für eine lineare Erzählung entschieden.

Lieber wolfgang,

die Frage, wer das lesen soll, ist irgendwie schon witzig. Dass Männer bei Beschreibungen über die Periode eher angewidert das Gesicht verziehen, kann ich mir schon vorstellen aber hier habe ich keine andere Möglichkeit gesehen, auf die Adoption, die kommen soll, hinzuschreiben.

LG DieSilbermöwe
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Lesezeichen für Brigitte - Matze, das Waisenkind, 2.Kapitel

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1962, adoption, waisenkind

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