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Alt 05.05.2018, 23:23   #1
weiblich DieSilbermöwe
 
Benutzerbild von DieSilbermöwe
 
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Standard Ein Herr schreibt an eine Dame

Mein Herz blutet. Hier standen wir, zueinander gewandt, als wären wir eins, unsere Seelen miteinander verschmolzen, jeder versunken im Anblick des anderen. Waren deine Augen wirklich so hell, so blau wie Kristall oder trügt mich die Erinnerung und macht alles noch schöner, noch edler - und noch beklemmender?
Oh, wie liebte ich unsere gemeinsame Mittagsstunden! Sengend heiß brannte die Sonne und ich schwitzte in meinem Anzug. Du aber bliebst ungerührt von jeder Hitze, niemals habe ich auch nur einen Schweißtropfen an dir gesehen. Mein Sonnenhut tat mir gute Dienste; einmal setzte ich ihn dir neckisch auf und merkte dann, dass ich mich nicht deiner würdig benahm. Das war aber das einzige Mal, das einzige Mal, dass ich mich dazu verleiten ließ, mich in deiner Gegenwart albern zu benehmen, ich schwöre es.

Wo bist du nun? Wo haben sie dich hingebracht, du meine Freude? Ich sitze allein an unserem alten Platz, auf der Bank, von der ich zu dir aufschaute. Wie oft schauten wir gemeinsam auf den Springbrunnen! Ich war so glücklich an deiner Seite und sicher, dass du mich nie verlassen würdest, standest du doch fest auf deinem Sockel.

Und nun bist du fort, nichts erinnert hier mehr an dich. Gestern sah ich zwei Angestellte der Stadt, die sich an deinem Platz zu schaffen machten. Auf meine Frage, ob du wieder kommen würdest, antworteten sie, du seist nur eine Leihgabe unserer Partnerstadt gewesen und nun wieder in deine Heimatstadt zurückgekehrt.

Ich sitze an unserem alten Platz und kann mich der Tränen nicht erwehren. Du meine Geliebte, mein ein und alles! Und wenn du doch aus Stein warst, du hast mir unendlich viel bedeutet, nein, du tust es immer noch.

Ich wische mir die Tränen ab. Du würdest mich mit deinem Blick schelten, würdest du sehen, wie sehr ich mich vor Sehnsucht und Verzweiflung gehen lasse.
Ich werde mich zu benehmen wissen. Niemand wird mir meinen Kummer anmerken, meine Liebste und vielleicht, ja vielleicht werden wir bald wieder vereint sein.

In der Hoffnung, dass ich bald den Weg zu dir finden werde

Dein Verehrer
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statue, stein, verehrer

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