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Alt 16.11.2020, 14:50   #1
männlich Ralfchen
 
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Standard Isotopien (Kapitel 2)

Isotopien (Kapitel 2)

Ich denke daran, dass die Isotopenzusammensetzung im Blut bei jedem Menschen - auch abhängig vom Ort der Welt - verschieden und charakteristisch ist. Interessanter Weise kann man bei Lebensmitteln wie Wein oder Käse, die Festlegung des Ursprungsortes verifizieren. Ich denke dabei an Dom Perignot und den Eselsmilch-Käse des serbischen Käsers Slobodan Simic. Da ist nichts zu verifizieren.

Ich liebe diesen Platz mit dem Blick auf die Stadt. Heute ist der letzte Tag, denn ab Dienstag haben wir wieder den totalen lockdown. Ich bestelle eine Flasche Dom Perignot.

„Nein bitte in Weißweingläsern.“

Der Kellner blickt ein wenig erstaunt, bringt aber sofort die zarten Riedl-Gläser. Sepia lächelt.

„Klar dass die meisten Typen nicht wissen, dass sich das Aroma im Weißweinglas einfach schneller entwickelt.“

„Ja.“

Die Welt schrumpft ein wenig im Abendlicht und der Anblick der Stadt zieht sich von unseren Blicken zurück. Irgendwie fühle ich nach dem zweiten Glas ein angenehmes Ermatten. Ist das alles Traum oder Realität? Eine Frage die ich mir in meinem Wahn immer wieder stelle. Sepia mustert mich und lächelt wieder.

„Am Abend träume ich immer vom Morgen. Für mich ist die Zeit wenn die Apfelbäume blühen irgendwie als wenn der Schaum der Meeresbrandung in den Ästen hängen würde.“

„Eh...das hast du schön ausgedrückt Baby. Ich liebe deine romantischen Auswüchse.“

Mit ihrem zerbrechlichen Nymphenkörper sitzt sie da wie eine fragile Porzellanfigurine von Degas. In ihren sanften Augen liegt etwas wie Weisheit. Aber welche Weisheit?

„Warum schaust du mich so eigenartig an?“

„Du erinnerst mich an die Nymphen in den Märchenbüchern meiner Kindheit.“

„Schön, ich hatte ebenfalls solche Bücher. Eine Nymphe war tot – weiß nicht mehr – könnte auch Snow-White gewesen sein, sie sah so süss und verzückt im Tod aus.“

„Ja – ich erinnere mich an eine story in der sie vom achten Zwerg erst vandalisiert und dann umgelegt wurde.“

„Aha – achter Zwerg - kenn ich nicht.“

„Bei der Gelegenheit: Hast du du eigentlich auch andere Typen ausser dem Chaiuffeur deiner Mum geclippt?“

„Hahahahaha...was für eine Frage. Jede Menge mein Süsser.“

„Das klingt nicht gerade entzückend. Aber was solls.“

„Mach dir keinen Kopf.“

In der Hydrologie zieht man aus den Konzentrationsverhältnissen von Isotopen Rückschlüsse auf deren Vorgänge. Irgendwie erinnern mich Sepias Worte an den Zerfallsprozess. Frage mich ob ihr Gedankenlauf die Stoffflüsse der erledigten Typn auch unterhalb der Erdoberfläche verfolgt.
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Alt 18.11.2020, 23:46   #2
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Standard Fortsetzung Kapitel 3

Fortsetzung Kapitel 3

"Wie sind deine Eltern eigentlich auf deinen Vornamen gekommen? Ich habe versucht den unter Mädchennamen zu finden, aber es ist mir nicht gelungen.“

„Das ist eine gute Frage, dafür habe ich keine Erklärung und da die beiden bereits abgegratzt sind, können wir das auch nicht mehr raus finden.“

Unsere Beziehung ist eine ganz eigenartige. Interessanterweise haben wir kaum Sex miteinander und eigentlich fehlt es mir nicht, denn ich bin kein sexueller Mensch. Daher ist es keine Störung unserer Harmonie. Sepia hat eine kühle distanzierte irgendwie flüssige Art, die mich aber nicht verunsichert. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich jeden Tag mehr und mehr wohl und cool mit ihr.

Nächste Woche werden wir in eine kleine gemeinsame Wohnung übersiedeln. Um es ganz ehrlich zu sagen das habe ich nicht erwartet.
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Alt 21.11.2020, 20:16   #3
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Fortsetzung Kapitel 3

Ich frage Sepia nie woher sie ihre Knete hat. Immer wieder erstaunt mich ihre Gedankenlosigkeit im Umgang damit. Vermute, dass sie sich auf Grund einer beträchtliche Hinterlassenschaft ihrer Eltern keinen Kopf machen muss.

Also da ist etwa die kleine Wohnung: Die Zimmerflucht in einem Brownstone in Manhattan misst sicher 350 Quadratmeter. Sie lächelt verschmitzt während wir durch die Räume latschen. Die Kiste ist voll möbliert, an den Wänden hängen alle möglichen alten und jungen Meister. Ich erkenne mehrere Arbeiten von Sigmar Polke und einen Francis Bacon. Na gut, mir fällt kein Wort aus'm Mund. Und das taugt ihr. Sie dreht sich um und schlingt ihre Arme um meinen Nacken.

„Hoffe du kannst dich hier einleben.“

„Echt, Baby du bist voll witzig. Gibts auch nen Koch und Butler?“

„Nein wir haben drei Thailänderinnen, die sich uns kümmern.“

„Fuck ich liebe Thai-Cuisine.“

„Ich weiß.“

Die meisten auf der Erde natürlich vorkommenden Nuklide sind stabil. Ähnlich unserer Beziehung. Einen Zerfall kann man bei uns kaum beobachten. Auch das passt. Wir sind allerdings nicht sinnlich radioaktiv, was die Halbwertszeit unserer Beziehung, wesentlich verlängern könnte. Sepia sagte mal, dass sie so alt sei wie die Erde. Sie wäre also ein primoriales Nuklid.

Geändert von Ralfchen (22.11.2020 um 02:44 Uhr)
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Alt 22.11.2020, 19:00   #4
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Standard Fortsetzung Kapitel 4

Fortsetzung Kapitel 4


Die folgenden Wochen und Monate vergehen wie im Flug. Der Lockdown wurde vor wenigen Tagen aufgehoben. Wie es weitergehen wird weiß niemand.

Saomalai ist eine wunderbare Köchin. Manchmal ein bisschen zu viel Knoblauch. Aber als Liebhaber thailändischer Küche – und diese Präferenz teile ich mit Sepia – komme ich damit zurecht.

Wir haben heute ein sechsgängiges Menü aus dem Le Bernadin*) catern lassen. Eine wunderbare Abwechslung. Dieses Restaurant ist uns Beiden das Liebste. Wir sitzen gemütlich vor dem offenen Kamin. Das Aufflackern der Funken aus der Glut ist beruhigend.

Es gelingt mir in den letzten Monaten immer mehr meine Psychose und Wahnvorstellungen unter Kontrolle zu halten. Durch meine psychiatrischen Ausbildung kann ich mich - wenn auch ein bisschen unsicher – therapieren.

“ Es wird vermutet dass Delfine träumen.„

“ Ich habe davon gelesen. „

“Es ist bekannt, dass Delfine ein komplexes akustisches Kommunikationssystem haben. Daraus könnte man ableiten, dass sie träumen. Die Frage die man sich stellen muss, ist, kann man im Halbschlaf träumen?“

“ Wir können in einem halbwachen Zustand träumen. Ich habe mich in meinem Studium damit sehr viel beschäftigt. Jung hatte dazu Interessantes geschrieben.“

“ Ich weiß Schatz, ich habe Jung gelesen.“

“ Ah okay. „

“ Ich möchte dir etwas zeigen, was dich überraschen wird.„

“ Das klingt cool ich liebe Überraschungen.„

Sepia nimmt mich an der Hand. Wir gehen in die Bibliothek neben dem Kamin Zimmer. Am Wandpaneel links neben einer Glas-Stahl-Konsole mit einer Giacometti Skulptur, hängt das Gemälde "Der goldene Fisch" von Paul Klee. Sie nimmt ihr iPhone und sagt:

“ Öffne das linke Paneel.„

Das Paneel dreht sich an einer in der Mitte eingelassenen Scharniere und öffnet sich zu einem unbeleuchteten Durchgang.

“Komm.„

Wir betreten einen runden Schacht mit einer Wendeltreppe, in welchem sich sofort eine diffuse blaue Beleuchtung einschaltet. Ich folge ihr in das untere Geschoss und auf einem kleinen Absatz öffnet sich wieder durch einen Befehl in ihr iPhone eine Schiebetüre. Wir stehen am Rande eines Raumes der ebenfalls durch blaues Licht beleuchtet ist. In der Mitte befindet sich ein riesiges - etwa drei Meter hohes - Aquarium in dem zahllose bunte Fische zwischen bizarren Korallenbäumen hin und her flitzen. Auf dem sandigen Boden schweben einige große Tintenfische. Der Raum ist erfüllt von Brummen und Summen verschiedener Aggregate zum Betrieb der Anlage.

“ Was sagst du Schatz?„

“ Da…das habe ich ni..nicht erwartet.“

Ich denke an die besondere CO2-Fixierung von CAM-Pflanzen, die in er Lage sind jeglichen Wasserverlust zu vermeiden, daran kann man positive Delta-13C-Verhältnisse in der Natur beobachten. Einen noch höheren Wert haben Plankton und Meerestiere. Anthropologen können anhand dieses Wertes und der Untersuchung von menschlichen Knochen, Rückschlüsse auf deren Ernährung zu ziehen.



*) Anmerkung des Autors: Das Le Bernadin zählt zu den besten Restaurants in News York. Hatte dort mehrmals mit meiner geliebten Nicole zu Abend gegessen.

Geändert von Ralfchen (22.11.2020 um 21:44 Uhr)
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