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Alt 09.03.2018, 22:09   #1
männlich Lovepoet 1984
 
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Standard Das Mädchen mit der alten Harfe

Es war einmal vor langer Zeit, da lebte in einem kleinen, alten Holzhaus an einem einsamen, abgelegenen Waldrand ein junges Mädchen mit ihrer Mutter. Sie lebten gefühlt schon seit einer Ewigkeit dort. Und sie lebten zu zweit dort, denn der Vater des Mädchens hatte die beiden bereits früh verlassen. Er war eines schönen Morgens einfach aus dem Haus gegangen und nie mehr wieder gekommen. Seitdem hatte die Mutter das junge Mädchen alleine erzogen. Sie versorgte das Kind, so gut sie konnte. Morgens weckte sie das Mädchen, machte ihr ein köst-liches, üppiges Frühstück und ging dann in den Wald auf die Jagd und um Früchte und Kräuter zu sammeln. Denn ohne das hätten sie nicht leben können. Und wenn sie abends wiederkam, kochte sie ihrer Tochter ein schmackhaftes Abendessen. Und es gab da eine Sache, die sie besonders gut konnte und sehr liebte: musizieren. Die Frau hatte eine sehr alte Harfe, die klein und handlich war, so wie man sie von Engeln kennt, die sie meisterhaft spielen konnte. Sie war wunderschön, und immer wenn die Tochter nachfragte, von wem sie die Harfe denn bekommen hätte, antwortete die Mutter wie selbstverständlich: „Liebes, von wem wohl? Von einem Engel natürlich!“ Und die Frau konnte singen. Und das so liebevoll und schön, dass jedem, der sie hörte, vor Freude das Herz aufging oder, wenn sie traurig sang, jeder am liebsten in Tränen ausgebrochen wäre. So saß die Frau jeden Abend, wenn es draußen dunkel wurde und der Mond hell und klar am Nachthimmel stand, am Bett ihrer Tochter und sang sie, untermalt von ihrer Harfe, in den Schlaf.

Und so lebten die beiden ihr gewöhnliches Leben, tagein, tagaus. Aber sie waren unglücklich. Denn den Verlust des Mannes hatte weder die ursprünglich sehr stolze Mutter noch die darüber wirklich sehr traurige und erboste Tochter nicht verkraftet. Das junge Mädchen gab ihrer Mutter die Schuld an seinem Verschwinden. Sie war der Meinung, sie hätte ihn immer ungerecht behandelt, ignoriert und belogen. Und darum auch auf sie überhaupt keine Rücksicht genommen. Denn das Mädchen hatte ihren Vater geliebt. Und sie wollte auch ihre Mutter lieben, wenn sie sie und ihren Vater nicht so ignorant behandelt hätte.
„Du weißt, dass das nicht stimmt“ sagte ihre Mutter dann immer sehr enttäuscht und ein wenig sauer. „Ich habe deinen Vater geliebt. Er war doch mein Ehemann. Aber er war ständig von sich selbst enttäuscht. Er kam einfach mit sich selber nicht klar. Warum, das habe ich nie rausgefunden. Er hat seine eigenen Schwächen und Unzulänglichkeiten immer auf mich projiziert. Wahrscheinlich hat er sein Leben hier einfach nicht mehr ausgehalten. Deswegen ist er fortgegangen. Und glaube mir, wenn ich könnte, ich würde alles rückgängig machen. Denn ich habe ihn sehr geliebt und ich tue es immer noch. Ich vermisse ihn. Sehr sogar. Genauso wie du.“ „Du lügst“ schrie das Mädchen dann immer.
„Du hast ihn nie geliebt. Genauso wenig wie mich. Und du wirst mich auch nie lieben. Du alleine bist schuld daran, dass wir hier so einsam le-ben. Hier draußen ist sonst wirklich niemand. Warum kann ich nicht einfach wie die anderen Kinder sein? Freunde haben und mit ihnen Dinge tun, die mir Spaß machen? Stattdessen langweile ich mich hier draußen, weil ich eine egoistische Mutter habe, bei der kein Mann es lange aushält und die lieber in den Wald geht, anstatt mit ihrem Kind etwas zu unternehmen. Und das, angeblich nur, um Früchte zu sammeln! Wer weiß, was du sonst noch alles treibst, wenn du weg bist? Ich weiß, warum Vater weggegangen ist. Weil du dreckig bist und verlogen. Und nichts anderes! Lass mich einfach in Ruhe, Mama“ schrie sie dann zornig und rannte auf ihr Zimmer.
„Es tut mir leid, wenn du das so siehst,“ sagte ihre Mutter traurig, mehr zu sich selbst, und wandte sich enttäuscht ihrer Arbeit zu.

So ging das Leben dort draußen seinen Gang. Die Mutter arbeitete und ihre Tochter half ihr, wenn auch oft sehr missmutig. Sie schlugen sich durch. Irgendwie musste es ja gehen. Aber sie waren beide unzufrieden, mit sich selbst, mit der Welt. Das ständige Aufeinanderhocken und auf sich allein gestellt zu sein, dort draußen, mitten im Wald, beharkte ihnen nicht. Vor allem das junge Mädchen kam damit überhaupt nicht klar. Sie beschwerte sich ständig über ihre Mutter. Sie schien für die Tochter immer ein wenig unerreichbar zu sein. Denn sie sprach oft von Dingen, die das Kind nicht verstand und ihr auch nicht abnahm. So wie etwa von der Einheit und Gleichheit, die unter den Menschen gelten sollte. Und auch davon, dass die Menschheit einfach vergessen hätte, sich untereinander einfach zu lieben. Das verstand das junge Mädchen einfach nicht. „Wie kannst du einerseits so selbstverliebt und gemein sein, dass sogar Papa uns verlässt. Und andererseits faselst du von Gleichheit und Einheit unter den Menschen. Du bist so widersprüchlich, wie es nur geht“ blaffte sie dann ihre Mutter immer an. Die reagierte aber nur mit einem gelassen wissenden Lächeln: „Mein Kind, eigentlich sind alle Menschen Engel. Und als Engel sind alle Menschen gleich, nicht wahr?“

Aber so einfach war es eben nicht. Die Mutter gab ihr bestes, um ihr Kind zu erziehen und ihm Liebe zu geben. Sie brachte ihr alle nötigen Dinge des Lebens bei. Zumindest versuchte sie es. Sie zeigte ihrer Tochter den Umgang im Haushalt, brachte ihr das Jagen bei und lehrte sie viele nützlichen Dinge des Lebens. Aber vor allem eines wollte die musisch begabte Mutter ihrer Tochter beibringen: das Musikmachen. Denn sie war überzeugt, dass Musik wichtig war, um Gefühle zu verarbeiten und zu transportieren. Sie war fest der Meinung, dass ihrer Tochter es mit Musik leichter fallen würde, die alltäglichen und zukünftigen Probleme des Lebens zu meistern (Ja, vielleicht sogar das Verschwinden ihres Vaters zu verarbeiten und dadurch auch das Verhältnis zwischen ihnen wieder zu verbessern.)
Und so saß die Frau oft mit ihrer Tochter und ihrer alten Harfe in der Stube und brachte ihr das Spielen und das Singen bei. Oder wie gesagt, sie versuchte es. Denn das Mädchen saß oft nur widerwillig da und zupfte lustlos und missmutig an ´´dem blöden, alten Ding``. Sie hasste es einfach und sie meinte zu fühlen, dass dieser ´´alte, nutzlose Haushaltsgegenstand`` sie auch hasste. Denn egal, was das sture Kind auch tat, es bekam einfach keinen vernünftigen Ton heraus. Und singen konnte es schon mal gar nicht. Und wollte es auch nicht. Denn sie hatte ständig das Gefühl, es sowieso niemals mit ihrer Mutter aufnehmen zu können, die immer dasaß, über die Saiten zu fliegen schien wie eine Göttin und die Oktaven wie ein Engel „herausoperierte“. Das würde sie nie erreichen können. Egal, was sie tat.

„Warum muss ich ständig diesen blöden Mist machen? Dieses dumme Herumgefingere und Gejaule nervt mich einfach,“ meckerte die Tochter immer. „Ich würde viel lieber sinnvollere Dinge tun als diesen Blödsinn.“ „Mein Kind“, sagte die Mutter dann immer beschwichtigend. „Du weißt noch nicht, wie wichtig es im Leben sein kann, seine Gefühle mit Musik oder einer sonstigen Art von Kunst auszudrücken und einfach loszulassen. Glaube mir, in deinem Alter erging es mir ähnlich. Ich habe mich auch lange dagegen gewehrt, als mir meine Mutter die Musik näherbringen wollte. Ich sah genau wie du ebenfalls keinen Nutzen darin. Erst später habe ich gemerkt, wie erleichternd und entlastend es sein kann, einfach kreativ zu sein und seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Und je älter du wirst, desto mehr wirst du das auch merken. Und Musik,“ fügte sie hinzu „kann verbindend wirken unter den Menschen, also Engeln. Und als Engel sind alle Menschen gleich, nicht wahr?“

Doch je länger die beiden so zusammenlebten, desto schwieriger wurde es. Und eines Abends krachte es richtig. Die Mutter wollte kurz vor dem Schlafen gehen der Tochter noch ein paar der schwierigeren Singtechniken beibringen, da platzte es aus ihr heraus. „Mama, lass mich endlich in Ruhe mit dem Scheiß. Ständig muss ich diesen Mist machen. Nur weil ich eine Mutter habe, die nichts Besseres zu tun hat, als mir Dinge beizubringen, die ich eh nie können werde. Ich werde nie so gut Harfe spielen und singen können wie du. Zum einen habe ich dazu einfach keine Lust, zum anderen bist du einfach zu unerreichbar, was das angeht. Ich kann das nicht. Und es ist wirklich dermaßener Schwachsinn, den du mir beibringen willst. Nur weil du selber nichts kannst außer zupfen, jaulen, Tiere abknallen und Früchte sammeln. Und um Papa hast du dich auch einen Scheiß gekümmert. Wahrscheinlich vögelst du heimlich andere Männer, wenn du weg bist, nur weil du mit mir und dir selbst nicht klar kommst. Und Papa dir immer egal war. Mama, ich hasse dich!“ „Es tut mir leid, wenn du das so siehst, mein Kind“ sagte die Mutter traurig. „Ich habe immer mein Bestes für dich gegeben. Und auch für Papa. Und denke immer daran: Jedes Kind hat nur eine Mutter. Genau wie du. Und jede Mutter liebt ihre Kinder über alles. Genau wie ich dich immer geliebt habe und auch immer lieben werde. Denn Liebe gilt unter Engeln als heilig. Und als Engel ...“ „HALT DEN MUND, MAMA!“ fing das Kind an zu brüllen. „Du und dein blöder Engelswahn. Das ist totaler Schwachsinn. Es gibt keine Engel. Das ist dein dummer Glaube. Du bist krank, Mama!“ „Es tut mir leid, wenn ich dir so wehgetan habe, dass du mich so siehst. Aber ich werde dich immer lieben. Und irgendwann, vielleicht wenn ich nicht mehr da bin, wirst du an diese Worte denken. Das hoffe ich jedenfalls. Gute Nacht, mein Schatz. Schlaf gut“ sagte sie, ging zur Tür und sah ihrer Tochter beim Hinausgehen noch einmal kurz sehnsüchtig ins Gesicht. Ihre Augen waren feucht und traurig. Dann drehte sie sich um und schloss die Tür. Das Kind aber lag noch lange wach und dachte über das Gesagte nach. Bis ihm irgendwann tief in der Nacht vor Müdigkeit die Augen zufielen und es einschlief.

Als es Morgen wurde und die Sonne aufging, erwachte das Mädchen aus seinem Schlaf. Erst war es noch ein wenig müde. Als sie aufstand, fühlte sie sich noch ein bisschen benommen und ging langsam im Zimmer umher. Sie sah zum Fenster hinaus und die Sonne schien ihr sanft ins Gesicht. Das Mädchen ging hinaus in den Essraum, denn es hatte Hunger und Durst und machte sich eine kräftige, heiße Schokolade. In der Küche fand sie einen frischen Laib Brot und belegte sich eine dicke Scheibe mit ebenfalls frischer Wurst. Dann fiel ihr auf, dass ihre Mutter gar nicht da war. Wahrscheinlich ist sie draußen im Wald, dachte sie bei sich selbst. Erst jetzt kam ihr in Erinnerung, was am Abend vorher passiert war. Sie setzte sich an den Tisch und aß. Und die Zeit verging. Es wurde Mittag. „Langsam müsste Mama doch mal wiederkommen,“ sagte das Mädchen, mehr bei sich selbst. „Ich habe Hunger und hätte gerne etwas zu essen.“ Doch der Nachmittag verstrich und es wurde Abend. Das Mädchen begann, unruhig zu werden. „Mensch, Mama, wo steckst du denn bloß? Ich mache mir Sorgen. Bitte komm bald wieder.“ Und langsam wurde es Nacht.

Aber die Mutter kam nicht. So ging das Mädchen zu Bett, ohne Harfe, ohne Gesang und ohne seine Mutter. Und es war hungrig, denn es hatte nicht viel zu Essen gehabt. Aber vor lauter Sorge bemerkte es den Hunger kaum. Und sie hatte Angst. Denn sie war allein. So lag das Kind wach in seinem Bett. Der Himmel draußen war wolkenverhangen, ohne Sterne und der Mond war auch nicht zu sehen. Die Geräusche, die durch die Nacht hallten, klangen sonderbar neu und fremd. Jedes Tier, das draußen herumlief oder flog, hatte sie in der Art noch nie gehört. Und bei jedem Knarzen der Dielen im Haus schreckte sie auf und dachte: „Endlich, Mama.“ Aber es war immer nur der Wind, der an dem Haus rüttelte.

Als das Mädchen am nächsten Morgen aufwachte, knurrte ihr Magen und fühlte sich wie ein Vakuum an. Es ging in die Küche und suchte verzweifelt nach etwas Essbarem. In der Kühlkammer fand sie einen Rest Brot, das bereits leicht hart war und etwas von dem Erdbeermus, das ihre Mutter vor gar nicht langer Zeit eingemacht hatte. Sie setzte sich an den alten Holztisch in dem Essraum und verschlang das Brot regelrecht, denn sie fühlte sich, als hätte sie seit Monaten nichts mehr gegessen. Als das Mädchen fertig war, blieb es noch eine Zeit lang sitzen. Etwas benommen sah sie sich im Raum um. Alles hier wirkte auf einmal so neu und fremd. Vieles an der ganzen Einrichtung war ihr vorher noch nie aufgefallen wie etwa die alte Kuckucksuhr, die ihr gegenüber an der Wand hing und schon lange nicht mehr funktionierte. Oder die ausgestopfte Eule, die in der Ecke auf einem alten, knorrigen Ast saß und sie mit ihren großen, weit aufgerissenen Augen und stechendem Blick anstarrte. Selbst die goldene Engelsbüste, die leicht verstaubt auf dem Schreibtisch ihrer Mutter stand, wirkte auf einmal völlig neu auf sie. Ihre Mutter hatte schon immer eine stark ausgeprägte Vorliebe für religiöse Reliquien gehabt, die man im ganzen Haus bemerken konnte. Überall sah man Dinge, die irgendetwas mit Göttern oder Engeln zu tun hatten. Ja, sogar sie selbst sah in ihren dunklen, edlen und sehr eleganten Kleidern immer ein wenig heilig aus. Und um ihren Hals trug sie immer eine Kette mit Perlen aus echtem Silber und einem wunderschönen glänzenden Jesus-Kreuz daran. Als Kopfbedeckung trug sie meistens edle, vornehme Seidenschleier, unter denen ihr schwarzes, kräftiges Haar hervorlugte. Denn die Mutter hatte stets viel Wert auf ihr Äußeres gelegt. Das Kind dagegen wirkte immer ein wenig ungepflegt. Es trug zwar auch oft ein langes Kleid, das aber eher weiß, leicht verbleicht und ein bisschen schmutzig war. Ebenso wie das lange, dunkelblonde Haar, das immer ein wenig ungekämmt und zerzaust war.
Die Tochter stand auf und ging durch das Haus. Da hingen die alten, schon leicht verstaubten Bilder und Gemälde von unterschiedlichsten Göttern, Engeln und Heiligenfiguren an den Wänden. Vor allem die Vorliebe der Mutter für Engel war immer sehr stark ausgeprägt. „Engel sind einfach so gutmütig, edel und stilvoll“ behauptete sie immer. „Und Harfe spielen können sie besonders gut“ betonte sie zusätzlich. Auf die Frage des Mädchens, woher sie das denn wüsste, erntete sie immer nur ein wissendes Lächeln und Schweigen. „Mama hat wirklich einen Tick,“ dachte sie bei sich selbst. Und da hatte sie Recht. Denn ihre Mutter hatte Engel regelrecht vergöttert. Vor allem besaß sie eine riesige Federsammlung. Meistens sehr alte mit unterschiedlichsten Größen, Farben und Strukturen. Und wenn sie etwas geschrieben hatte, dann hatte sie es stets mit ihrer Lieblingsfeder getan, was die Tochter immer als ´´leicht altmodisch`` kritisiert hatte. Diese Feder war eine ganz besonders schöne. Das Mädchen dachte zuerst, die Federn kämen von irgendwelchen Vögeln aus dem Wald, die ihre Mutter mal erlegt hatte. Und einmal, als sie neugierig fragte, von welchen Vögeln sie denn abstammen würden, antwortete die Mutter wie selbstverständlich: „Liebes, nicht von Vögeln. Von Engeln natürlich!“

So verging der Tag. Und das Kind wartete und wartete. Aber die Mutter kam nicht. Nicht an diesem Tag. Nicht am Folgenden. Und auch nicht am Tag danach. Und so musste die Tochter lernen, sich selbst zu versorgen, ob sie wollte oder nicht. Anfangs war sie sauer auf ihre Mutter. Sie konnte und wollte nicht verstehen, wie sie so rücksichtslos sein und sie so allein lassen konnte, wie es ihr Vater bereits getan hatte. Und je länger sie alleine war, desto wütender und trauriger wurde sie. Nach etwa drei Tagen Einsamkeit hielt das Kind es nicht mehr aus, und fing bitterlich an zu weinen. Vor Wut und Verzweiflung rasend fing sie an zu schreien, schmiss alle möglichen Gegenstände, die sie nur finden konnte, an die Wand und trat wahllos gegen die ´´dämlichen`` alten Möbel. Als sie vor dem Schreibtisch ihrer Mutter stand und ihr Blick auf die Engelsbüste fiel, hielt sie jedoch inne. Etwas erregte ihre Aufmerksamkeit. Etwas lugte unter der Büste hervor. Und als sie genauer hinsah, bemerkte sie einen wunderschönen, goldenen Umschlag. „Was ist das denn?“ wunderte sie sich und zog den Brief neugierig heraus. Er war wirklich wunderschön, lag angenehm in der Hand und glänzte sogar ein wenig im Tageslicht. Er war vorne mit einem Klecks von rotem Kerzenwachs versiegelt und als die Tochter ihn umdrehte, sah sie, dass vorne drauf in der leicht altmodischen, geschwungenen Handschrift ihrer Mutter etwas geschrieben stand:


An meine Liebste. Dass sie es einfach nur versteht.


Ihr wurde abwechselnd heiß und kalt. Sie fühlte, wie Angst in ihr aufstieg. Mit zitternden und feuchten Händen öffnete das Kind den Brief. Darin stand in derselben, sehr edlen Schrift etwas geschrieben, das sie nie wieder vergessen würde:


„Liebste Tochter, mein größter Schatz,

Ich hoffe, du verzeihst mir meine Fehler,
all das, was ich dir angetan habe,
All das, was schlecht und unrecht war.
Ich hoffe, du wirst irgendwann verstehen und mir verzeihen.
Und vielleicht auch einsehen, dass ich keine schlechte Mutter war.
Denn denke immer daran: Eine Mutter liebt ihre Kinder über alles,
Egal was passiert.
So wie auch ich dich immer geliebt habe. Und immer lieben werde.
Doch vergesse auch eines nie: Alles hat seinen Platz und seinen Sinn.
Und alles geht mal zu Ende. So ist auch mein Dasein endlich.
Doch werde ich nie ganz von dir gehen.
Tief in meinem Herzen werde ich dich weitertragen.
Und so trage auch du mich in deinem Herzen.
Und wenn du möchtest, wenn du es wirklich willst,
dann wirst Du beizeiten von mir hören.
Achte immer auf den Kreislauf des Mondes.
Und wenn er am höchsten steht und sich in seiner schönsten Pracht
zeigt,
so gehe mit der alten Harfe auf den alten Berg auf der anderen Seite
des Waldes und musiziere, so wunderbar und schön du nur kannst.
Wenn du das schaffst, dann werde ich dir beim dritten Mond
ein Zeichen von mir senden.
Bis dahin lebe wohl, mein Kind,
Mögen die Engel dich beschützen,

Deine dich immer liebende Mutter"


Als das junge Mädchen das las, wurde sie zornig und begann vor Wut zu schreien. Tränen liefen ihr das Gesicht herunter. „Wie kann Mama mir das nur antun? Wie kann sie so gemein sein?“ schrie sie wütend, zerriss den Brief und schmiss die Schnipsel in die nächste Ecke. Warum hatte ihre Mutter das getan? Und warum immer sie? Nur sie? Das konnte und wollte das Kind einfach nicht verstehen. „Es gibt doch so viele andere Menschen auf dieser Welt? Warum passiert so etwas immer nur mir? Das ist einfach nur ungerecht! Ja, ungerecht und gemein“ schrie sie ihre Wut heraus. „Mama ist so selbstherrlich und egoistisch! Sie denkt immer nur an sich! An sich und ihre Vorteile. Das hat sie immer gemacht. Deswegen ist Papa gegangen. Darum haben wir immer hier alleine gelebt. Und jetzt?“ fragte sie sich, setzte sich auf den nächstgelegenen Stuhl und versuchte, sich zu beruhigen. Und langsam aber sicher kam in ihr ein Gedanke hoch, der sich wie ein Holzpflock tief in ihr Herz bohrte und ihr Angst machte: „Jetzt bin ich ganz allein. Und werde es wohl auch für immer sein!“ So saß sie da. Minute um Minute. Stunde um Stunde. Der Tag verstrich und wieder wurde es Abend.

Irgendwann, das Mädchen hatte jegliches Zeitgefühl verloren, riss sie der Hunger aus ihren Gedanken. Sie schaute auf und sah sich im Zimmer um. Auch hier entdeckte sie Bilder, die ihr so noch nie aufgefallen waren. Bilder von Figuren mit Heiligenschein, Göttern und Engeln, so abstrus und verzehrt, die sie durch die Dämmerung anstarrten und wohlwissend zu lächeln schienen, so als wollten sie sagen „Ja, ja, du ungezogenes Kind, das hast du dir selber zuzuschreiben!“ „Ward ihr das?“ fing das Kind an, mit den Bildern zu sprechen. „Habt ihr mir das angetan? Habt ihr gewusst, dass das passieren würde?“ sprach sie jetzt lauter und ging langsam auf die Gemälde zu. „Wo ist meine Mutter? Gebt mir meine Mutter wieder!“ schrie sie und starrte die ihr am nächsten hängende Engelsfratze an. „Ihr Schweine! Ihr gemeinen Schweine. ICH WILL MEINE MAMA ZURÜCK!!!“ brüllte sie, zog die Bilder runter und riss jedes einzelne von ihnen in Stücke, bis nur noch ein Haufen Papierfetzen um sie herumlag, sie weinend und schluchzend auf dem Boden liegen blieb und irgendwann tief in der Nacht mit knurrendem Magen einschlief.

Das junge Mädchen hatte es schwer. Denn je länger sie alleine war, desto härter wurde es. Und die jetzt noch größere Einsamkeit nagte an ihr. Es gab einfach niemanden mehr, mit dem sie spielen oder reden konnte. Oder jemanden, der einfach nur da war (von dem Musizieren ganz zu schweigen.) Sie vermisste ihre Mutter. Es war ihr vorher nie klar gewesen, wie sehr sie sie brauchte (So wie wahrscheinlich jedes Kind seine Mutter braucht, dachte sie bei sich selbst.) Und auch nicht, was ihre Mutter alles für sie getan hatte. Kurzum: Das Kind musste sehr schnell erwachsen werden. Dazu gehörte vor allem das Besorgen von Nahrungsmitteln. „Zum Glück hat meine Mutter mir wenigstens ein paar sinnvolle Dinge beigebracht“ sagte sie sich. So wie etwa ein wenig Grundwissen über Bäume, Sträucher, ihre Früchte und ein paar essbare Pflanzen, die sie im Wald sammeln konnte. Und auch ein paar grundlegende Dinge über das Jagen wie etwa den Umgang mit einem Gewehr. „Denn das“ pflegte sie immer zu sagen „ wirst du für dein späteres Leben brauchen. Zumindest hier auf Erden. Später als Engel brauchst du das nicht“ fügte sie dann ein wenig ironisch hinzu. Auch hier fragte sich das Kind immer, woher sie das wohl wüsste. „Mein Kind, Du musst wirklich noch viel lernen“ sagte die Mutter etwas oberlehrerhaft. „Im Himmel gibt es keine Waffen. Da sieht man so etwas nicht gern.“
Und mit der Zeit gelang das auch immer besser. Je länger das Kind alleine in dem Haus lebte, desto selbstständiger wurde es. Sie lernte so nützliche Dinge wie Kochen, Backen und ging täglich in den Wald, um das von ihrer Mutter erlernte Grundwissen über die Natur anzuwenden und zu erweitern. Ja, sogar mit dem lästigen Putzen des Hauses und Wäsche waschen, das sie früher immer gehasst hatte, konnte sie sich mit der Zeit anfreunden. Nur das Jagen war ihr lästig. Es war ja nicht so, dass sie nicht wüsste, dass das zum Überleben wichtig wäre. Es war einfach nur so, dass sie nicht gerne mit einer Waffe auf andere Dinge schoss, schon gar nicht auf Menschen oder Tiere. Viel lieber ging sie im Wald spazieren und beobachtete die verschiedenen Lebewesen. Und mit der Zeit lernte das Mädchen sogar die Sprache der unterschiedlichen Tierarten (zumindest kommunizierte sie mit ihnen, oft auch durch Gesten oder Mimik) und langsam freundete sie sich mit ihnen an.
Doch eines änderte sich nicht: Der Schmerz über das Fehlen ihrer Mutter. Und je länger sie alleine war, desto größer wurde er. Da erinnerte sie sich an den Brief, den ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. Und eines Abends fasste das Kind einen Entschluss. Es nahm die alte Harfe und als am Abend der Vollmond hell und klar am Nachthimmel stand, nahm sie allen Mut zusammen und machte sich auf den Weg zu dem alten Berg auf der anderen Seite des Waldes. Es war ein langer, beschwerlicher Weg durch Dornen, Gestrüpp und sperrigem Gehölze. Die Bäume ragten wie Geister bis hoch in den Himmel und das Kind wurde das Gefühl nicht los, das sie Augen hatten und sie zu beobachten schienen. Ab und zu stolperte es über die riesigen, knorrigen Baumwurzeln, wobei sie sich einmal das Knie aufschlug und ihr die Harfe fast entzweigebrochen wäre. Der größte Teil des Waldes kam ihr erschreckend fremd und unbekannt vor. „Hier bin ich noch nie vorher gewesen. Wenn ich noch nicht einmal diesen Wald komplett kenne, wie sieht dann wohl der Rest der Welt aus?“ fragte sie sich. Doch sie ließ sich nicht entmutigen. Und dann, auf einmal sah sie ihn vor sich: Den Berg, größer und schöner, als sie sich ihn in den Erzählungen ihrer Mutter vorgestellt hatte. Majestätisch und stolz ragte er in den Himmel, direkt in den Vollmond hinein. „Oh, so etwas Schönes und Beeindruckendes habe ich ja noch nie in meinem Leben gesehen“ sagte sie zu sich selbst, ein wenig eingeschüchtert von dem Bild, das sich ihr bot. Ehrfürchtig schaute sie an dem riesigen Felsen empor. Dann nahm sie erneut all ihren Mut zusammen und machte sich an den Aufstieg.

Der Weg hinauf auf den Berg war hart und beschwerlich. Es ging steil bergauf und ein paar Mal wäre sie fast gestolpert. Aber dann hatte das Kind es geschafft. Sie hatte die Spitze des Berges erreicht. Und der Anblick raubte ihr den Atem. Sie stand hoch oben und unter ihr erstreckte sich der Wald wie ein Meer aus Baumkronen, dunkel, ruhig, majestätisch und schön, bis zum Horizont. Sogar das Rauschen in den Bäumen konnte sie hören. Und über ihr der pralle Vollmond am sternenklaren Nachthimmel. „Wow,“ dachte das Kind beeindruckt bei sich. „ So groß ist der Wald. Größer und schöner, als ich in mir jemals vorgestellt habe. Ob der Rest der Welt auch so wundervoll ist?“ fragte sie sich und verweilte ein wenig bedächtig in Stille. Während dessen pfiff der Wind um sie herum und ihr wurde kalt. Doch dann besann sie sich und ihr fiel wieder ein, warum sie eigentlich hier war. Sie erinnerte sich daran, was ihre Mutter ihr in dem Brief geschrieben hatte. „Ich soll also singen. Und dazu Harfe spielen,“ dachte das Kind bei sich und schaute ein wenig missmutig und betroffen das alte Instrument in ihrer Hand an. „Ob ich das wohl hinkriege? So gut wie Mama kann ich das bestimmt nicht.“ Aber dann fing sie an zu singen. Erst ein wenig zaghaft, dann immer lauter. Und irgendwann setzte sie die Harfe mit ein. Um sie herum war alles still. Unten am Fuße des Berges saßen die Tiere, die ihr auf ihrem Weg gefolgt waren, und hörten ihr zu. Sie sang und sang und gab dabei ihr Bestes. Und die Zeit verstrich. Aber es geschah nichts. Und das Kind sang und spielte immer weiter und lauter. Und je länger es das tat, umso verzweifelter wurde es. Aber alles blieb ruhig. Und irgendwann gab sie auf. Mit feuchten Augen sah sie in den Himmel und sagte bei sich: „Und? Das war es jetzt? Ich singe hier aus Leibeskräften, spiele auf diesem Mistding und nichts passiert? Mama hat mich vergessen. So wie sie es immer getan hat. Das ist so typisch für sie,“ sagte sie und fing verzweifelt an zu weinen. „MAMA, ICH HASSE DICH!“ brüllte sie in die Dunkelheit hinein. Auf einmal erhob sich aus der Menge der wartenden Tiere ein kleiner Vogel mit einem wunderschönen goldenen, engelsgleichen Gefieder, flog zu ihr hinauf, setzte sich behutsam auf ihre Schulter und fing an, so lieblich zu zwitschern, wie sie es noch nie gehört hatte: „Nochmal, nochmal“. „Ach, du dämlicher Vogel. Du hast doch keine Ahnung!“ Dann drehte sie sich um und rannte heulend zurück durch den dunklen Wald nach Hause.


Das Mädchen haderte immer mehr mit der Welt und sich selbst. Und dieses Gefühl wurde von Tag zu Tag stärker. So sehr sie auch immer selbstständiger wurde, die neue Lücke in ihrem Leben blieb, schmerzte und breitete sich immer mehr aus.
Mittlerweile waren einige Wochen seit ihrem ersten Aufstieg auf den Berg vergangen. Da fiel ihr wieder ein, was ihre Mutter ihr in dem Brief geschrieben hatte: „Musiziere, so schön und liebevoll, wie du es kannst. Wenn du das schaffst, so werde ich dir beim dritten Mal ein Zeichen von mir senden.“ „Beim dritten Mal. Muss ich also dreimal auf diesen blöden Hang klettern und etwas versuchen, was ich sowieso nicht kann? Ist es das, was Mama von mir verlangt? Diesen Mist machen, der bewirkt, dass ich mich hinterher nur noch nutzloser und wertloser fühle? Das ist ja wieder typisch von ihr. Immer muss Sie mir klarmachen, wie unerreichbar Sie für mich ist. So wie Sie es immer gemacht hat. WIE DU ES IMMER GEMACHT HAST!!!“ brüllte sie enttäuscht in Richtung Himmel. Dann wandte sie sich um und rannte traurig in ihr Zimmer.
Aber alles Weinen und Hadern half nichts. Langsam wurde dem Kind klar, dass es so nicht weitergehen konnte. Und so nahm sie sich, als der Vollmond erneut am Himmel stand, wieder die alte Harfe und machte sich erneut auf den Weg durch den Wald hin zu dem Berg. Erneut überkamen sie befremdliche Gefühle. Auch diesmal folgten ihr die Tiere neugierig, so als würden sie unbedingt wissen wollen, was sie vorhatte und was passieren würde. Und dann hatte sie den Berg erreicht. Wie schon beim letzten Mal stieg sie hinauf, nahm die Harfe und sang, so wunderbar und schön, wie sie nur konnte. Und sie sang und sang, Sekunde um Sekunde, Minute um Minute. Doch wieder geschah nichts. Und je länger sie da oben stand und sang, desto trauriger wurde sie. Plötzlich erhob sich erneut der kleine Vogel mit dem wunderschönen, engelsgleichen Gefieder aus der Masse der Tiere zu ihr empor und zwitscherte lieblich: „Nochmal, nochmal.“ „Ach, du blödes, dummes Vieh! Was weißt du schon vom Alleinsein und von meiner Mutter! Verschwinde einfach“ schimpfte sie den Vogel laut an, verjagte ihn mit einem harten Handschlag und ging wütend zurück nach Haus.

Doch die Gedanken an ihre Mutter wurden immer schmerzhafter. Das Mädchen erwischte sich jetzt öfters dabei, wie sie an früher dachte und daran, was ihre Mutter doch auch Gutes für sie getan hatte. An all die schönen Zeiten und Erlebnisse, die sie trotz ihrer Krisen ja auch hatten. „Und so vieles war ja vielleicht auch gar nicht so schlecht, was Mama für mich getan hat“ wurde ihr bewusst. Aber diese Gedanken machten sie nur noch trauriger und verzweifelter. Und als dann der Vollmond wieder erschien, nahm sie noch einmal all ihren Mut zusammen und sagte zu sich: „So, jetzt bin ich soweit. Ich will endlich erfahren, was Mama damit meinte, sie wolle mir ein Zeichen geben. Jetzt will ich es wissen.“ Und sie nahm wieder die alte Harfe und machte sich auf den Weg zu dem Berg.
Und wie sie durch den Wald ging, da merkte sie erneut, wie die Tiere ihr neugierig folgten. Aber diesmal wirkte es anders. Ihr war, als wüssten sie, dass irgendetwas in der Luft lag. Dass dieses Mal etwas Besonderes passieren würde. Das Mädchen fing an, schneller zu laufen. Als es am Berg ankam, keuchte sie heftig und war ganz außer Atem. Zudem plagten sie starke Seitenstiche. Sie blieb eine Weile stehen und besann sich noch einmal. Dann machte sie sich an den Aufstieg. „Hoffentlich nützt es diesmal etwas“ dachte sie bei sich. „Wenn es jetzt nicht klappt, weiss ich nicht mehr weiter.“
Als sie oben angekommen war, nahm sie ihre Harfe und wollte schon anfangen zu singen, da hielt sie plötzlich inne. „Was genau soll ich denn eigentlich singen?“ fragte sie sich. „In dem Brief hieß es nur, ich soll musizieren. Aber was denn eigentlich?“ Sie dachte nach. Und auf einmal fiel ihr ein Lied ein. Ein Kinderlied, dass ihre Mutter ihr früher oft vorgesungen hatte, wenn sie abends bei ihr am Bett saß und sie in den Schlaf sang. Ihre Mutter hatte es selbst einmal extra für sie geschrieben. Das Mädchen hatte das Lied immer als ein wenig traurig empfunden und es deswegen nicht gemocht. „Glaube mir, mein Kind“ sagte die Mutter dann immer, „irgendwann wirst du verstehen, wie wichtig dieses Lied ist und welche Bedeutung es hat.“ Und das Mädchen versuchte, sich an den Text und die Melodie zu erinnern. Und nach und nach fiel es ihr wieder ein. Dann, als sie sich sicher war, nahm sie die Harfe und fing an, zu singen, so schön sie nur konnte:

Im Walde steigt der Nebelrauch,
Kälter wird der Abendhauch,
Am Himmel, wo die Engel gehen,
Auf einmal tausend Sterne stehen.
Und der Mond im hellsten Kleid
Steht jetzt für einen Gruß bereit.

Die Welt, sie legt sich jetzt bald schlafen,
Legt an in ihrem Träumehafen.
Nun, mein Kind, gehe zur Ruh
Und schließe deine Augen zu.

Deine Mutter sitzt an deiner Seite,
Auf das sie Schutz über dich breite.
Und, das will sie dir nur sagen:
Ich werd dich immer in meinem Herzen tragen.

Nun schlafe ein und träume süß
Vom unendlich großem Paradies.
Auf das die Engel dir ewig nützen
Und dich auf deinem Weg beschützen.

Wohin du auch gehst in deinem Leben,
Werde ich dir Liebe geben.
Und dort oben in dem ew’gen Garten
Werd‘ ich immer auf dich warten.
Denn eines soll dir sicher sein:
Deine Mutter lässt dich nie allein.


Und das Mädchen sang und sang. Und es klang schöner und lieblicher als je zuvor. So stand sie da oben auf dem Berg, umringt von den Sternen, mitten im Vollmond. Die Tiere, die ihr gefolgt waren, lauschten gebannt und schauten ehrfürchtig nach oben. Und als das Lied zu Ende war, verharrte das Kind und starrte in die Dunkelheit. Es herrschte Stille. Nichts passierte. Sie schaute sich um und hoffte, dass wenigstens der Vogel wieder erscheinen würde. Doch es geschah nichts. Und langsam, ganz langsam machte sich ein Kloß in ihr breit. Sie spürte, wie die Tränen ihr heiß und feucht über das Gesicht liefen. „Mama“ fragte sie gen Himmel. „Warum tust du das? Hast du mich vergessen? Mich, deine eigene Tochter?“ Und langsam, ganz langsam stieg in ihr das Gefühl auf, das nichts mehr passieren würde. „Das war’s. Mama kommt nicht mehr. Ich werde alleine bleiben. Für immer.“ Traurig und enttäuscht drehte sie sich um und wollte sich gerade auf den Heimweg machen, da fiel ihr Blick auf die Tiere, die unten am Fuße des Berges standen und gebannt zu ihr aufblickten, so als wüssten sie, was jetzt passieren würde. Auf einmal ertönte ein Knall und ein greller Lichtblitz erhellte die Nacht. Erschrocken blickte das Kind nach oben. Und als seine Augen wieder besser sehen konnten, erblickte es am Himmel eine Gestalt. Und als sie genauer hinsah, erkannte sie, dass es ein Engel in Gestalt ihrer Mutter war. Ungläubig blinzelte das Kind und musste mehrfach hinsehen, um zu glauben, was es sah. „Mama,“ fragte sie vorsichtig. „Bist du das? Bist du es wirklich?“

Und die Mutter sprach: „Ja, mein Kind. Ich bin es wirklich. Und ich bin dankbar, dass du meiner Aufgabe gefolgt bist und mich gerufen hast. Denn ich möchte, dass du weißt, dass ich bei dir bin. Und auch immer bei dir sein werde. Aber auch möchte ich dir ein paar Dinge sagen, die ich dir zu meinen Erdenzeiten nie sagen konnte und dir unbedingt sagen möchte, bevor wir uns für eine lange Zeit nicht mehr sehen werden. Ich möchte Dir ein Geheimnis verraten, dass du so wahrscheinlich nie für möglich gehalten hättest und mir zu Lebzeiten sicher nie geglaubt hättest. Du hast mich immer gefragt, woher meine große Leidenschaft für Engel kommt und warum ich so viel über sie weiß. Nun, die Antwort ist einfach: Ich bin selbst einer. Ich wurde wie alle meine Verwandten hier im Himmel geboren und habe wie alle anderen Engel auch die Gabe, Liebe und Toleranz zu verbreiten. Und ich hatte sie in besonders hohem Maße, so das unser Vater mich auserkor und als Gesandte auf die Erde schickte, um unter den Menschen eben Liebe, Respekt und Toleranz zu verbreiten und sie somit Dinge zu lehren, die sie oft genug nicht beherzigen und verstehen. Doch ich habe es nicht ganz erreicht. Aber ich habe etwas geschaffen, was wertvoller nicht sein könnte: Dich, mein Schatz. Ja, Du hast richtig gehört. Du bist eine von uns. Du bist ebenfalls ein Engel. Doch bei den Engeln ist es genauso wie bei den Menschen. Jeder hat seine Unterschiede, Stärken und Schwächen. Und als Mutter habe ich Fehler gemacht. Fehler, die so auch nicht mehr gut zu machen sind. Deshalb habe ich mich entschieden, wieder nach hier oben zurückzukehren. Darum übertrage ich dir hiermit nun, meine Aufgabe zu vollenden. Denn du bist wertvoll und stark. Doch auch du musst diese Welt erst kennenlernen. Und dir wird nicht alles gefallen, was du zu sehen bekommen wirst. Denn gerade Werte wie Liebe, Respekt und Toleranz haben die Menschen schon oft nicht verstanden und sie verstehen sie immer weniger. Deine Aufgabe ist es, den Menschen auf Erden zu zeigen, dass es anders geht. Zeige ihnen all die Dinge, die ich dir auch gezeigt habe. Denn Werte wie Nächstenliebe und das respektvolle Umgehen miteinander waren schon immer wichtig und sie sind heute wichtiger als je zuvor. Und vergesse eines niemals: Ich werde immer bei dir sein und meine schützende Hand über dich halten. Denn wie ich es dir immer gesagt habe: Eine Mutter lässt ihr Kind nie allein. Das gilt auch für dich. Und irgendwann, da sei dir sicher, werden wir uns wiedersehen. Bis dahin: Lebe wohl, mein Kind. Mögen die Engel dich beschützen.

Dann ertönte wieder ein lauter Knall. Und ein greller Lichtblitz schoß über den Himmel, noch greller als der vorherige. Dann wurde wieder alles still und dunkel. Langsam beruhigte sich alles wieder. Das Kind stand noch lange da und starrte vor sich hin. Selbst die Tiere unten am Berg schauten noch lange nach oben. Auch sie waren ganz betroffen und gerührt von dem, was sie gerade gesehen hatten. Erst langsam machten sie sich eines nach dem anderen auf den Heimweg.
Das junge Mädchen aber stand noch lange oben auf der Spitze des Berges und dachte nach. Erst ganz langsam wurde sie sich bewusst, was gerade geschehen war und was die Mutter ihr gesagt hatte. Und auf einmal breitete sich ein warmes Gefühl von Glück in ihr aus, etwas, das sie so noch nie gefühlt hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben erschien alles einen Sinn zu haben. Alles, was geschehen war, was sie erlebt hatte, passte auf einmal. Ihr ganzes Leben bekam auf einmal eine Bedeutung. Denn sie hatte jetzt etwas, das sie so vorher noch nie besessen hatte: eine Aufgabe. Und sie nahm sich vor, diese Lebensaufgabe anzunehmen und sie zu erfüllen. „Denn was kann es Schöneres geben, als zu lieben und das auch seinen Mitmenschen beizubringen“ dachte sie im Stillen. „Und den Rest der Welt lerne ich dabei wohl auch kennen“ dachte sie mit einem Lächeln im Gesicht und machte sich glücklich und zufrieden auf den Weg zu ihrem geliebten Haus am Waldesrand. Und wenn auch manches nicht eintrat, eines war das junge Mädchen fortan nie wieder: unglücklich und einsam. Und sie lebt dort bis heute.
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Alt 13.06.2018, 17:40   #2
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Hallo, Ihr Lieben,

Ich hätte da mal eine Frage allgemein in die Runde. Und zwar sind in dieser Geschichte ein paar Passagen in der ursprünglichen Fassung kursiv geschrieben (wie sich vielleicht einige von Euch schon gedacht haben werden ;-) ). Nur habe ich leider nicht rausfinden können, wie man diese Passagen hierher als kursiv überträgt, bzw. wie man hier allgemein kursiv schreibt. Es wäre nett, wenn ihr mir da mal beschreiben könntet, wie das geht.
Ich freue mich auf eure Rückmeldungen,

Liebe Grüße,

Euer Lovepoet
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Alt 13.06.2018, 17:46   #3
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Zitat:
Zitat von Lovepoet 1984 Beitrag anzeigen
Nur habe ich leider nicht rausfinden können, wie man diese Passagen hierher als kursiv überträgt, bzw. wie man hier allgemein kursiv schreibt. Es wäre nett, wenn ihr mir da mal beschreiben könntet, wie das geht.
Passagen mit der Maus markieren, dann im Formatierungsmenü über der Eingabemaske das "I" (= italic = kursiv) wähen (zweite Funktion von links).

Gruß
Ilka
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Alt 13.06.2018, 17:54   #4
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Zitat:
Es war einmal vor langer Zeit, da lebte in einem kleinen, alten Holzhaus an einem einsamen, abgelegenen Waldrand ein junges Mädchen mit ihrer seiner Mutter. Sie lebten gefühlt schon seit einer Ewigkeit dort. Und sie lebten zu zweit dort, denn der Vater des Mädchens hatte die beiden bereits früh verlassen. Er war eines schönen Morgens einfach aus dem Haus gegangen und nie mehr wieder gekommen. Seitdem hatte die Mutter das junge Mädchen alleine erzogen.
Am Stil arbeiten! Da ist viel Redundanz drin. Wenn ein Haus in der Einsamkeit steht, muss nicht nochmal betont werden, dass es abgelegen ist. Ein Mädchen ist immer jung, es sei denn man spräche ironisch von einem "alten Mädchen" (= alte Jungfer). "gefühlt"? Entweder ist es so wie beschrieben oder nicht. Wenn Tochter und Mutter dort leben, muss nicht im nächsten Satz stehen, dass sie alleine leben. Eines "schönen" Morgens? Was ist an einem Morgen denn schön, wenn ein Vater die Familie verlässt? Dass die Mutter das Mädchen seitdem alleine erzogen hat, dürfte klar sein und muss nicht extra erwähnt werden.

Füllwörter raus (da, schon, einfach, eh usw.)!

Zitat:
Zitat:
Vor langer Zeit lebte in einem alten Holzhaus an einem einsamen Waldrand ein Mädchen mit seiner Mutter. Sie lebten seit einer Ewigkeit dort. Der Vater des Mädchens hatte die beiden verlassen. Er war eines Morgens aus dem Haus gegangen und nicht mehr wiedergekommen.
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abschied, gleichheit, religion

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